Brüssel sehen und lesen

Belgien war mein allererstes Ausland. Seit frühester Jugend hatte ich fiebernd auf diesen Moment hingewirkt, in dem ich endlich einmal ausländischen Boden betreten würde. Ich sammelte Briefmarken aus aller Welt, die ich sehr konzentriert über Stunden in Alben packte, die jeweiligen Länder im Atlas und auf dem Globus suchte, im Radio nach Sendern suchte, die möglichst weit weg waren und deren Stimmen verrauscht durch den Äther drangen. Ich las mich mit Jules Verne um die Welt und lange war mein Berufswunsch reisende Reporterin. Der Radius, in dem ich mich in meiner Kindheit und Jugend bewegte bei meiner Oma war irre klein. Rund um die Wohnung vielleicht 4km, gelegentliche Straßenbahn- oder Busfahrten vom Vorort in die Stadt, wenn ich eine neue Hose brauchte und dreimal gab es richtigen Urlaub: Einmal Schwarzwald, in einem Werksurlaub noch mit dem Opa, zweimal Ferien auf dem Bauernhof im Odenwald und ein paar Mal ging es in die DDR, um Verwandte zu besuchen. Ich fieberte auf Klassenfahrten und hatte da irres Pech, denn der Klassenlehrer machte keine, für die Skifreizeit fehlte das Geld und es sollte bis zur Abschlußfahrt der 10. Klasse dauern, als eine Fahrt nach Belgien auf dem Programm stand. Ich war unfaßbar aufgeregt und kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, als ich das erste Mal das Meer sah und mir klar wurde, ich stehe tatsächlich auf ausländischem Boden.

Blankenberge, Brügge und Gent standen auf dem Programm – eine Reise, die ich mit allen Sinnen aufsog und bei der ich mir den lebenslangen Reisevirus einfing. Von Brüssel hörte ich dann ein paar Jahre später recht viel, durch eine Arbeitskollegin, die Abgeordnete im Europäischen Parlament wurde, viel von ihren Erlebnissen in Brüssel und Straßburg berichtete und häufig leckerste Pralinen mitbrachte.

Brüssel habe ich dann ein paar Jahre später zum ersten Mal besucht. Ich wohnte mittlerweile in London, dort war ich chronisch pleite und hatte selten Geld für Urlaub, daher freute ich mich sehr über die Einladung einer Kollegin nach Antwerpen für ein verlängertes Wochenende mit Abstecher nach Brüssel. Atomium, Pralinen, Männeken Piss und die berühmten Moules et Frites dürfen bei einem Besuch natürlich nicht fehlen.

Foto

Foto: Laura Cleffmann

Es blieb nicht mein letzter Besuch, denn irgendwann zog es meine beste Freundin dorthin und tatsächlich haben wir meinen Geburtstag damals im Restaurant Belga Queen gefeiert. Perfekte Überleitung also zum Buch, das ich für die Read & Eat Folge besprechen möchte: Robert Menasses „Die Hauptstadt“ Selten habe ich einen Roman gelesen, zu dem ich soviel unterschiedliche Bezugspunkte hatte. Die Rahmenhandlung um Bürokratie und Innenansichten zur Arbeit der Europäischen Kommission konnte ich gut mit den Berichten meiner Abgeordneten-Kollegin zusammenbringen und „mein“ Restaurant kam auch vor

Robert Menasse spannt einen weiten Bogen zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen. Es gibt es großes Ensemble an Akteuren, die wild in bunte Szenen geworfen werden, die mich anfangs etwas überforderten, ein durch die Stadt laufendes Schwein, das Projektionsobjekt des Romans, und mir war eine ganze Weile nicht klar, wie aus all dem Gewusel ein Roman werden soll. Robert Menasse bringt all das aber am Ende gekonnt zusammen, vielleicht ein wenig wie die verwirrende EU-Bürokratie, die am Ende vielleicht doch besser funktioniert, als viele glauben.

Wir treffen im Roman auf Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, die vor einer schwierigen Aufgabe steht, da sie das Image der Kommission aufpolieren soll. Dann gibt es den Referenten Martin Susman, der von ihr damit beauftragt wird, sich was zu überlegen. Er reist nach Polen, wo er tatsächlich eine Idee hat, die für ziemliche Unruhe in den EU-Institutionen sorgen wird. Dann gibt es noch David de Vriend, der in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof auf seinen eigenen Tod wartet. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Und dann ist da noch Kommissar Brunfaut, der auch vor einer schwierigen Aufgabe steht. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen, sowie Alois Erhart, ein Volkswirtschaftler und Schweinezucht-Lobbyist.

Foto: Sinitta Leunen

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und er ist perfekte Begleitlektüre für einen Städtetrip. Manchmal fühlte ich mich von der Fülle erschlagen, zuviel Gewusel und Gehetze – aber das war natürlich so gewollt und Robert Menasse ist ein spannender oft witziger Roman über ein eigentlich sautrockenes Thema gelungen.

„Er hatte sich geärgert, als er den Flug buchte, er hatte sich geärgert, als er den Koffer packte, geärgert im Taxi zum Flughafen, im Flugzeug gekocht vor Wut über sich selbst, er war aggressiv zu der flötenden jungen Frau an der Rezeption beim Einchecken in das Hotel Atlas, weil ihm alles so furchtbar auf die Nerven ging, dieses wichtigtuerische Trolley-Rollen in Brüssel, dieses bedeutsame Eilen zu Meetings, dieses Beantworten von Floskeln mit Floskeln, die raunende Transformation von keinen Ideen in ein babylonisches Kauderwelch, es erschien ihm sinnlos, völlig aussichtlos, es war verbrannte Zeit.“

Belgien ist immer eine Reise wert, ein kleines Land das viel mehr zu bieten hat als Männeken Piss und Pommes. Ob TinTin, Maigret oder Amélie Nothomb, ein kleines Land mit großer Literatur und wer sich filmisch auf die Reise vorbereiten möchte, dem empfehlen ich den Film „Blau ist eine warme Farbe“ bei dem man immer wieder interessante Ecken in Brüssel zu sehen bekommt.

Von Brüssel reisen wir als nächstes nach Amsterdam – ich hoffe ihr seid wieder dabei? 🙂

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