Stimmen die bleiben: Marieluise Fleißer

Foto: Wikipedia

Marieluise Fleißer bleibt! Nicht, weil sie besonders laut gewesen wäre, sondern weil sie ausgesprochen hat, wofür lange keine Sprache da war: das Leben von Frauen in der Provinz, die Enge der Verhältnisse, die Grausamkeit des Alltäglichen und das Schweigen als Überlebensform.

Fleißer ist eine dieser Autorinnen, die mich schon sehr lange begleiten, auch wenn das Begleiten lange eher ein mühsames Nebenhergehen war. Ihre Kurzgeschichten gehören zu jenen Texten, an denen ich mir über Jahre hinweg die Zähne ausgebissen habe. Expressionistisch im Ton, sperrig, dicht, voller sprachlicher Eigenwilligkeit. Ich habe lange gebraucht, um sie zu „knacken“. Und ehrlicherweise gab es Zeiten, in denen ich dachte: Vielleicht bin ich einfach nicht gemacht für diese Texte.

Geholfen hat mir *hier bitte ein deutlich anerkennendes Kopfnicken über den virtuellen Gartenzaun zur klugen Nachbarschafts-Bloggerin Frau Vorspeisenplatte vorstellen*, die immer wieder so kenntnisreich und wertschätzend über Marieluise Fleißer geschrieben hat. Irgendwann, beim Lesen eines ihrer Texte, hat es bei mir klack gemacht. Plötzlich öffnete sich etwas und ich hatte den Schlüssel plötzlich in den Händen. Die Sprache fiel irgendwie an seinen Platz. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass ich meinen schmalen Fleißer-Band nie aussortiert habe, sondern von Umzug zu Umzug mitgeschleppt habe. Es gibt diese Autor*innen, die einen nicht loslassen, auch wenn man sie lange nicht versteht. Und manchmal ist genau das ein gutes Zeichen.

Abenteuer aus dem englischen Garten erschienen im Suhrkamp Verlag

Geboren wurde Marieluise Fleißer 1901 in Ingolstadt, jener Stadt, die sie nie loslassen sollte und die sie zugleich ein Leben lang bekämpfte. Sie kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, der Vater Kaufmann, die Mutter streng, praktisch, wenig geneigt, einer schreibenden Tochter Verständnis entgegenzubringen. Früh entwickelte Fleißer diesen scharfen Blick für ihre Umgebung, für soziale Rollen, für Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Und ebenso früh den Wunsch, dieser Welt zu entkommen.

In München studierte sie Theaterwissenschaft, bewegte sich in den literarischen Kreisen der 1920er Jahre. Beim Fasching steckte sie Lion Feuchtwanger ihre Gedichte zu. Dieser erkannte ihr Talent, rügte aber den expressionistischen Überschwang. Fleißer reagierte radikal: Sie verbrannte ihre Texte. Diese kompromisslose Strenge sich selbst gegenüber zieht sich durch ihr ganzes Leben.

Über Feuchtwanger lernte sie Bertolt Brecht kennen. Diese Begegnung wurde entscheidend sowohl künstlerisch wie biografisch. Brecht erkannte sofort das literarische Material, das in Fleißers Herkunft steckte. Auf seinen Rat hin entstand „Die Pioniere in Ingolstadt“, ein Stück, das bei der Berliner Uraufführung 1929 einen handfesten Skandal auslöste. Für die Stadt Ingolstadt war Fleißer fortan eine Nestbeschmutzerin.

Der Bruch mit Brecht war vielleicht unausweichlich. Er war Mentor, Antrieb, Projektionsfläche und zugleich eine tiefe persönliche Verletzung. Fleißer liebte ihn, Brecht interessierte sich vor allem für ihr Schreiben. Sie war eine von vielen Frauen in seinem Umfeld, und sie wusste es. Diese Erfahrung, nicht wirklich gemeint zu sein, hinterließ Spuren, die sich leise, aber beharrlich durch ihr Werk ziehen. Berlin blieb ihr fremd. Sie kehrte nach Ingolstadt zurück und damit in eine Umgebung, die ihr Schreiben argwöhnisch beäugte. Ihre Texte galten als unerquicklich, unweiblich und unbequem.

1935 heiratete sie Josef „Bep“ Haindl, einen Tabakwarenhändler. Mit dieser Ehe begann ihre berühmte lange Phase des Schweigens. Schreiben hatte in diesem Leben keinen Platz. Fleißer arbeitete im Geschäft, führte den Haushalt, schrieb wenn überhaupt heimlich und unter innerem Widerstand. Der Mann betrachtete sie eher als Angestellte denn als Schriftstellerin.

Mit der NS-Zeit verschärfte sich ihre Situation dramatisch. Ihre Texte landeten auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, sie lebte angepasst und in Angst. Sie arbeitete sich im Arbeitsdienst buchstäblich in den Boden, erlitt Nervenzusammenbrüche, verbrachte Zeit in psychiatrischen Kliniken. Das Schreiben, ohnehin mühsam, wurde tief vergraben. Nach dem Krieg kam kein eigentlicher Neubeginn. Geldmangel, Verantwortung, Krankheit bestimmten den Alltag. Erst nach dem Tod ihres Mannes 1958 begann sie wieder regelmäßiger zu schreiben.

Ende der 1960er Jahre wurde Marieluise Fleißer von Rainer Werner Fassbinder wiederentdeckt. Seine Verfilmung der „Pioniere in Ingolstadt“ brachte ihr Aufmerksamkeit, Anerkennung und erstmals finanzielle Sicherheit. Spät, sehr spät, wurde sie als das gesehen, was sie immer gewesen war: eine der eigenständigsten Stimmen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Fleißers Kurzgeschichten sind keine einfachen Texte. Die Sprache ist eigensinnig, rhythmisch, durchsetzt von einer Art Dialekt, von Brüchen. Ihre Texte nehmen ihre Umwelt vollständig mit hinein, die Straßen, die Körper, die Blicke, die unausgesprochenen Gewaltverhältnisse. Ihre Texte muss man sich erarbeiten. Und ich braucht dafür eine Weile, aber es hat sich so so sehr gelohnt.

Umso schöner, dass Fleißer gerade wieder präsent ist: Aktuell wird am Münchner Residenztheater ihr Stück „Eine Zierde für den Verein“ gespielt – und ich nehme mir sehr fest vor, mir das anzuschauen. Wer Marieluise Fleißer zudem einmal hören möchte, dem lege ich ein Interview auf BR2 ans Herz. Ihre Stimme so vorsichtig, eigensinnig, aber auch humorvoll bringt einem die Person Fleißer auf eine sehr unmittelbare Weise näher.

https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:section:1882f209342749c6/

Sie starb 1974, 72-jährig, in Ingolstadt.

Marieluise Fleißer ist eine Stimme, die bleibt. Weil sie zeigt, wie teuer das Schreiben für Frauen sein konnte. Weil sie unbequem blieb, auch als Schweigen einfacher gewesen wäre. Und weil ihre Texte noch immer diese widerständige Energie besitzen, die man nicht überliest – selbst dann nicht, wenn man lange braucht, um sie zu verstehen.

Konnte ich euch Lust machen, Marieluise Fleißer für euch zu entdecken oder kennt ihr sie bereits? Was sind eure Leseerfahrungen und kommt ihr mit mir ins Theater :)? Und was lese ich jetzt als nächstes von ihr?

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