Stimmen die bleiben: Hilde Domin

Eigentlich wollte ich nur Das zweite Paradies lesen. Es war mein erstes Buch von Hilde Domin und, wie ich danach erfuhr, ihr einziger Roman. Dann passierte das, was nach einer Lektüre manchmal passiert: Ich wollte wissen, wer diese Frau war, schaute eine Dokumentation, dann noch eine, las über ihr Leben und landete schließlich bei ihren Gedichten. Aus einem Roman wurde ein ziemlich ausgedehntes Hilde-Domin-Rabbit-Hole.

Hilde Domin wurde 1909 in Köln als Hildegard Löwenstein geboren. Sie studierte Jura, später Staatswissenschaften und Philosophie, und verließ Deutschland 1932 mit ihrem späteren Mann Erwin Walter Palm. Zunächst gingen die beiden nach Italien. Nach weiteren Stationen fanden sie 1940 Zuflucht in der Dominikanischen Republik. Dort begann Domin zu schreiben; nach diesem Land benannte sie sich später als Dichterin. 1954 kehrten die beiden nach Deutschland zurück. Zweiundzwanzig Jahre waren vergangen.

Bei Exilgeschichten richtet sich der Blick oft auf die Flucht: Wie kommt jemand weg, wo findet er Schutz, was muss zurückbleiben? Das zweite Paradies beschäftigt sich mit dem, was danach kommt. Was bedeutet Rückkehr, wenn das Land, in das man zurückkehrt, das Land der Verfolgung ist? Wenn die Menschen dort weitergelebt haben, während man selbst anderswo versucht hat, ein Leben aufzubauen? Und wenn man zwar die Sprache wieder überall hört, sich aber deshalb noch lange nicht zuhause fühlt?

Domin nennt ihr Buch einen „Roman in Segmenten“. Es liest sich tatsächlich nicht wie eine geradlinig erzählte Heimkehr. Szenen, Erinnerungen und Gedanken stehen nebeneinander; auch die Ehe der beiden Rückkehrenden gerät in Bewegung. Ich fand das Lesen nicht einfach, musste mich immer wieder orientieren. Gerade das fand ich aber auch interessant. Eine Rückkehr nach zweiundzwanzig Jahren lässt sich vermutlich schwerlich als Geschichte erzählen, in der am Ende wieder alles an seinem Platz steht.

Der Titel hat mich während der Lektüre immer wieder beschäftigt. Das zweite Paradies – als gäbe es nach dem Verlust des ersten noch eines zu finden. Aber wo sollte es sein? Im Land der Kindheit? Im Exil, wo man immerhin überlebt hat? In einer Ehe, die ebenfalls kein unerschütterlicher Zufluchtsort ist? Domin macht es einem mit diesem Paradies nicht leicht, und das mochte ich. Das Buch ist autobiografisch geprägt, aber kein Schlüssel, mit dem sich ihr Leben einfach aufschließen ließe. Es bleibt ein Roman, mit Brüchen, Leerstellen und einer Frau, die versucht herauszufinden, wo sie selbst in all dem geblieben ist.

Ich habe einige Dokus gesehen über sie und besonders gefiel mir diese, auch wenn sie recht kurz ist:

Und dann die Gedichte. Wow. Ich kannte Hilde Domin vorher vor allem dem Namen nach, wahrscheinlich auch einzelne Verse, ohne sie bewusst mit ihr zu verbinden. Ihr erster Gedichtband, Nur eine Rose als Stütze, erschien 1959. Das titelgebende Gedicht hat mich nach dem Roman besonders beschäftigt. Schon dieses Bild: eine Rose als Stütze. Etwas, das man ansehen, riechen, vielleicht vorsichtig in die Hand nehmen kann, worauf man sich aber unmöglich mit seinem ganzen Gewicht stützen sollte. Und trotzdem gibt es in diesem Gedicht Halt. Keinen verlässlichen, massiven Halt, eher einen, den man jeden Tag neu finden muss.

Auch „Nicht müde werden“ ist mir begegnet, eines ihrer bekanntesten Gedichte. Es wird gern als kleiner Mutmacher weitergegeben. Ich verstehe, warum, aber nach Das zweite Paradies lese ich es anders als einen hübschen Spruch über Zuversicht. Dieses „Nicht müde werden“ kommt von einer Frau, die sehr wohl wusste, wie viele Gründe es zum Müdewerden gibt. Ich höre darin keinen Aufruf, ncht auch mal schwach und müde dürfen zu sein oder sich zusammenzureißen, sondern ehe die vorsichtige Bitte, die Möglichkeit des Guten nicht ganz aufzugeben.

Was mir an Hilde Domin gefällt, ist diese Verbindung von Klarheit und Widerspruch. Ihre Gedichte sind oft kurz und scheinbar einfach zu verstehen. Dann lese ich eines ein zweites Mal und merke, dass ich beim ersten Lesen über etwas hinweggegangen bin. In ihren Texten gibt es Verletzlichkeit, aber auch Widerspruchsgeist. Sie schrieb über Verlust, ohne sich darauf reduzieren zu lassen, und über Hoffnung, ohne so zu tun, als wäre damit irgendetwas erledigt.

Vielleicht hätte ich mit ihren Gedichten beginnen sollen, wie vermutlich die meisten. Aber ich bin trotzdem froh, dass es bei mir der Roman war. Das zweite Paradies hat mir Fragen mitgegeben, die ich nun auch in ihrer Lyrik wiederfinde: nach Heimat und Sprache, nach Nähe, nach dem, was ein Mensch nach einem großen Bruch aus seinem Leben machen kann. Die Dokumentationen haben dann noch eine weitere, kluge, liebenswerte aber manchmal auch ziemlich kantige Hilde Domin hinzugefügt. Ich bin jedenfalls mit ihr noch nicht fertig 🙂

Eine Stimme, die bleibt. Und in meinem Fall eine, zu der ich auf einem kleinen Umweg gefunden habe.

Lest Hilde Domin. Nicht nur die Gedichte – gebt auch Das zweite Paradies eine Chance.

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