Ellbogen – Fatma Aydemir

IMG_4116

Ellbogen ist ein heftiges Buch, es haut direkt in die Magengrube und wenn man es zuklappt, nachdem man atemlos durchgerauscht ist, dann ist man erst mal fertig. Ich war es zumindest. Es ist ein anstrengendes Buch mit einer kratzigen Protagonistin, die es ihren Lesern nicht einfach macht, sie zu mögen, vielleicht auch, weil sie sich selbst nicht einmal mag.

Klar hat man schon tausendfach gelesen von den verlorenen Generationen, die nie als „richtig deutsch“ angesehen werden, auch wenn sie hier geboren sind, im Gegenzug jedoch für ihre Bekannten und Verwandten im Heimatland der Eltern wiederum einfach nicht als echte Türken etc. gesehen werden. Egal wie viele Artikel ich dazu in der Zeitung gelesen habe, die ganze Problematik wurde mir deutlich bewusster durch den Roman.

Heftig wie viele Hazals da draußen sind, verloren zwischen den Kulturen und ohne große Chance, es in Deutschland zu etwas zu bringen, wirklich dazu zu gehören und teilhaben zu können am gesellschaftlichen Miteinander.

Tagsüber steckt Hazal in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme ohne große Aussicht, damit wirklich Chance auf einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Bewerbungen schreibt sie am Fließband, aber außer dem Aushilfsjob in der Bäckerei ihres Onkels ist nichts in Aussicht. In ihrem Zuhause geht es eher lieblos zu, viel zu sagen haben sich weder die Eltern noch ihr Bruder, das wichtigste ist ein braves Mädchen zu sein und zu gehorchen, alles andere ist egal.

„Es geht nur darum, den anderen überzeugende Lügen zu erzählen und sich nicht erwischen zu lassen. So funktioniert Familie. Immer sachlich bleiben.“

„Er würde mich ständig damit erpressen, es meinen Eltern zu erzählen. Aber würde er es ihnen denn wirklich erzählen? Schwer zu sagen. Über die Wahrscheinlichkeit habe ich mir nicht so richtig Gedanken gemacht. Die dürfen das nicht wissen und Ende. Der Scheiß läuft doch automatisch im Kopf.“

„Ich meine, das erste, was ich nach dem Sprechen gelernt habe, war das Lügen. „Du darfst deinem Vater nicht immer alles erzählen“, hat mir Mama gesagt, an dem Tag, an dem sie mir das einzige Mal einen Heliumluftballon gekauft hat.“

Das funktioniert anscheinend tatsächlich so. Das habe ich oft bei Freunden aus muslimischen Familien erlebt, diese Parallel-Wirklichkeiten, die sie sich oft gezwungen sehen, aufzubauen. In dem den älteren in der Familie Version A vorgelebt wird, den Geschwistern oder Cousins die etwas liberaler sind Version B und für Freunde etc. gibt es oft noch eine dritte Variante. Das muss so anstregend sein und die dürfen sich auf keinen Fall überschneiden die verschiedenen Parallelen sonst könnte alles auseinander fliegen.

Den Wendepunkt nimmt die Geschichte als Hazal mit ihren Freundinnen aufgebretzelt und gut angeschickert an der Tür vom Berghain abgewiesen werden und der Kumpel, der nicht wie erhofft seinen Einfluss spielen lässt, damit sie reinkommen, sondern der sie als Schlampen bezeichnet und nach Hause beordert. Das sind die berühmten Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen.

Der Abend, auf den sie so hingefiebert hatten, wo sie den 18. Geburtstag Hazals feiern wollten, die soviel auf sich nimmt, um so etwas eigentlich normales wie Tanzen gehen und bei Freundinnen übernachten hinzubekommen. Denn sowas kommt in der elterlichen Welt der Deutsch-Türkin nicht vor. Sie lügt, besorgt Geld für Eintritt und Getränke, nimmt so viel auf sich, um sich diesen ersehnten Abend zu ermöglichen und dann kommen sie nicht rein.

17458432_10154391632305823_7646297129521113773_n

Diese eine Abweisung zuviel führt aus heiterem Himmel aus einer zufälligen Begegnung an der S-Bahn zu einer Gewaltorgie, die mit dem Tod eines Studenten und mit Hazals Flucht nach Istanbul vor Polizei und den Folgen ihrer Tat endet.

„Jungfrauen benutzen keine Tampons, das weiß jeder, und bei Tante Semra liegen sie von Zeit zu Zeit einfach so auf dem Esstisch, nicht in einer Schachtel, sondern offen, einzeln, Stück für Stück, wie auf einem Präsentierteller, wie weiße Patronen, die nur darauf warten, abgeschossen zu werden.“

„Aber gegen Oma kann sie nichts sagen. Denn mit dem Häuptling fickt man nicht. Und vor allem nicht, wenn man vorhat, selbst irgendwann Häuptling zu werden“

Am ersten Buchmesse-Abend in Leipzig hatte ich die Gelegenheit, in kleiner Runde mit der Autorin über ihr Buch zu sprechen und Fatma Aydemir schilderte dort, wie ihr der Gedanke zum Buch gekommen sei, als sie über sinnlose, urplötzlich auftretende Gewaltorgien von Jugendlichen gelesen hat und sich mit der Frage beschäftigte, wie es dazu kommen kann und wie sich das Ganze entwickelt, wenn es sich bei den Tätern um Mädchen handelt.

Hazal ist nicht immer rational zu verstehen, aber man fühlt einfach mit ihr. Man spürt ihre Aggression, ihre Verletzlichkeit, ihren Humor und ihre Intelligenz. Das Ende des Buches wird von der Wirklichkeit eingeholt mit dem Putschversuch in der Türkei 2016 und erscheint fast schon hellsichtig.

Das Buch ist heftig, trotzdem habe ich stellenweise laut gelacht. Die Kritiken in der Presse waren gemischt, in der Bloggerwelt wurde es rege und überwiegend positiv besprochen. Weitere Rezensionen findet ihr hier und hier.

Mich hat „Ellbogen“ an „Tigermilch“ von Stefanie de Velasco erinnert, beides Coming-of-Age Romane, die ich sehr gerne gelesen habe.

 

The Catcher in the Rye – JD Salinger

IMG_8703

Foto: Sabrina Q.

Im Mai hat unser Buchclub DEN „Coming-of-Age“-Klassiker schlechthin in Angriff genommen: „Der Fänger im Roggen“. Für die meisten von uns war es ein Wieder-Lesen und eine spannende Erfahrung, wie das Buch nach vielen Jahren beim erneuten Lesen wirkt.

Zum Inhalt muss ich wahrscheinlich nicht viel sagen: Veröffentlicht wurde der Roman am 16. Juli 1951 als erstes Buch von J. D. Salinger. Es wurde umgehend immens populär unter jungen Leuten, nicht ganz so sehr mit der älteren Generation. Ich habe mich Holden Caulfield insbesondere beim ersten Lesen mit Anfang Zwanzig sehr verbunden gefühlt. Holden ist ein sechzehnjähriger Junge aus New York und so gar kein typischer Vertreter seiner Alterskollegen. Er hat wenig Interesse daran, sonderlich beliebt oder gesellig zu sein.

Holden ist der absolute Authentizitätsverfechter, er hat ein untrügliches Gespür für alles was „fake“ und somit „phony“ ist und hält mit seiner Abneigung dagegen absolut nicht hinterm Berg. „Phony“ ist böse und wer „phony“ ist, ist automatisch Holdens Feind.

Ist man je im Leben wieder so radikal in seinen Ansichten wie mit 16?

Ich glaube, Holden ist JD Salinger ziemlich ähnlich. Beide sind ziemliche Außenseiter und Einsiedler und versuchen sich ihre kindliche „Reinheit“ nicht nehmen zu lassen, halten Abstand von den Nicht-Authentizität der Welt und den „Phonies“. Er hat riesige Angst vor dem Erwachsenwerden, vor der Verantwortung, dem Verlust der Unschuld und versucht verzweifelt andere davor zu bewahren, die Unschuld der Kindheit zu verlieren. Wie viele Menschen mit 16 Jahren die Welt retten wollen und wie wenige sich diese wunderbare Eigenschaft tatsächlich ins Erwachsenenalter hinein bewahren.

Das der „Fänger im Roggen“ nie verfilmt wurde, liegt an Salingers Testament, wo es entsprechend festgelegt wurde. Wahrscheinlich wäre der einzig passende Schauspieler auch der junge Salinger selbst gewesen, der Holden hätte spielen können. Salinger war kein Hollywood Freund und auch Holden ist Filmen und der Filmindustrie eher abgeneigt.

„If there’s one thing I hate, it’s the movies, Don’t even mention them to me.”

Holden wirkt gleichzeitig wesentlich älter als 16 und dann wieder rührend kindlich naiv. Er zahlt lieber für eine gute Unterhaltung mit einer Prostituierten, als mit ihr zu schlafen, bewegt sich selbstsicher und weltgewandt in Bars und Hotels, die ich mich mit 16 vermutlich nicht einmal zu betreten getraut hätte. Seine Reife zeigt sich auch darin, wie wenig ihm materielle Dinge bedeuten. Die Episoden mit seiner kleinen Schwester sind die einzigen im Buch in denen Holden komplett ausgeglichen und glücklich zu sein scheint.

Denn meistens ist er einfach ziemlich deprimiert, wie wahrscheinlich 2/3 aller Sechzehnjährigen zu allen Zeiten der Welt. Seine Eltern, insbesondere seine Mutter engen ihn auf der einen Seite ziemlich ein, auf der anderen Seite erkennen sie so gar nicht, dass Holden vielleicht eigentlich Hilfe bräuchte. Wie alleine und einsam er sich fühlt, merkt außer seiner Schwester niemand und er vermisst seinen verstorbenen Bruder, dem er sich nach wie vor sehr verbunden fühlt:

“I started talking out loud to Allie. I do that sometimes when I get very depressed.”

9bea1f55071dc385fa05382083227c7a

 

„The Catcher in the Rye“ ist ein Buch, das nach wie vor aktuell ist, denn Holdens Ängste sind universal und zu jeder Zeit aktuell. Das Buch zu lesen ist eine ganz besondere Erfahrung, ich kann es daher jedem nur ans Herz legen. Lest es zum ersten, zweiten oder xten Mal. Es lohnt sich.

IMAG5963

Foto: Sabrina Q.

Chocolates for Breakfast – Pamela Moore

FullSizeRender

Pamela Moore hat nicht einfach nur ein großartiges Buch geschrieben, sondern ein außergewöhnliches, seinerzeit verpöntes, feministisches und äußerst freizügiges – und das mit gerade einmal 18 Jahren, in den ziemlich verklemmten 50er Jahren des voherigen Jahrhunderts. Das ist eine echte Leistung und ich kann es noch immer nicht fassen, dass ich bis vor Kurzem nichts über dieses Buch wusste.Erwartungsgemäss landete das Buch damals auch auf dem Index, aber das spricht meistens ja eher für die dort gelandeten Bücher.

Ich wurde durch die Rezension von Frau Klappentexterin auf das Buch aufmerksam (hier nachzulesen) und bin so froh, diese Entdeckung gemacht zu haben. Ich habe ohnehin eine Schwäche für „Coming-of-Age“-Romane und hier wäre mir wirklich etwas durch die Lappen gegangen. „Chocolates for Breakfast“ mag vom Titel her an Bridget Jones erinnern, die beiden könnten jedoch nicht weniger miteinander zu tun haben. „Chocolates for Breakfast“ ist ein melancholisch-dunkler, fieberhafter, eleganter Roman, der deutlich macht, wie furchtbar diese Jahre zwischen Kindheit und Erwachsensein eigentlich sein können.

Das Buch spielt im Jahr 1956 und wir lernen  die 15jährige Courtney Farrell in ihrem noblen Internat in Connecticut kennen, wo sie versucht, sich von einer unglücklichen eventuell gegenseitigen Verliebtheit in ihre Lehrerin zu erholen. Sie versinkt immer tiefer in ihrer Depression und die Schule informiert Cournteys Eltern entsprechend.

„How we deceive our parents, she thought as she propped the note beside the telephone. But it’s kinder this way; it would hurt them to know us better.“

Ihre Eltern kümmern sich recht wenig um Courtney, beide schieben sich die Verantwortung für sie gegenseitig zu und hoffen stet, der jeweils andere nimmt sie zu sich in den Ferien. Courtneys Mutter, Sondra, eine Schauspielerin auf dem absteigenden Ast, nimmt ihre Tochter dennoch zu sich nach Hollywood. Sie wohnen im Hotel „Garden of Allah“ wo sich Hollywoods Schauspieler die Klinke in die Hand geben. War Courtney im Internat unter dem Einfluß ihres Lehrerinnen-Schwarms noch ein überwiegend braves, intellektuelles Mädchen, beschließt sie, sich in Hollywood zum Mini-Vamp zu entwickeln. Schnell lernt sie, Alkohol schon tagsüber zu trinken, zu rauchen und es dauert auch nicht lange, bis sie einen ersten Liebhaber gefunden hat. Schokolade wird im Übrigen nicht gegessen, weder zum Frühstück noch zu einer anderen Tageszeit. Aber ziemlich viel getrunken.

“Oh, Al, shut up! Stop criticizing me! First I’m criticized for being a prude and sounding like a social worker or something, then I’m criticized for looking like a cheap broad. How am I supposed to live? Under the water or something, coming up only to say ‚I beg your pardon if I disturb you by coming up for air. I’ll do my best to remain submerged.”

FullSizeRender

Obwohl wir es mit einem verträumten melancholischen Teenager zu tun haben, ist der Erzählstil recht flott. Man spürt an der einen oder anderen Ecke, dass es sich um das Erstlingswerk eines sehr jungen Menschen handelt, aber mich hat Pamela Moore immer wieder geplättet mir ihrer Reife, ihren treffenden scharfen Analysen, den wunderbaren Sätzen, ihren Reflektionen zum Erwachsenwerden, Verantwortung und der Suche nach Glück. Das hat nichts mit einfacher „Jugendliteratur“ zu tun. Das ist Literatur – und fertig.

„Last night, when I got back here, I realized that I couldn’t ever be different from what I had been brought up be. Maybe if I’d been farmed out to somebody like you when I was six or so, I could have been different. Now, I’m just stuck with cocktails at eleven and breakfast at noon.“

„Courtney was like her mother. If she were drowning, she would wave off the rescuers, in a last gesture of defiance, because they were fishermen in a rowboat and she wanted to be saved by a yacht.“

Vergleiche mit Sylvia Plaths „The Bell Jar“ kommen unweigerlich und dieser Roman muß sich nicht verstecken. Aber ähnlich wie bei der Lektüre von „The Bell Jar“ kann man auch „Chocolates for Breakfast“ nicht lesen, ohne die Protagonistin stets mit der Autorin zu vergleichen und natürlich auch ohne den Selbstmord Pamela Moores mit nur 26 Jahren auszublenden. Ähnlich wie Plath kämpfte auch Moore über Jahre mit Depressionen und Selbstmordgedanken.

Die Wiederentdeckung des Romans ist im Übrigen fast genauso spannend wie der Roman. Die Autorin Emma Straub bekam bei einer Lesung ihres ersten Romans eine Ausgabe von ihrem ehemaligen Französischlehrer geschenkt, der Sohn der Autorin. Straub war so derart begeistert von dem Roman, dass sie diesen an ihren Agenten weitergab und tatsächlich kam es dadurch zu einer Wiederveröffentlichung.

Im Anhang des Romans findet sich neben Informationen über die Autorin,  einem Essay von Moores Sohn, Kevin Kanarek, unter anderem auch ein Vergleich der amerikanischen mit der französischen Ausgabe, die sehr viel deutlichere lesbische Bezüge hat.
Moore hat 5 weitere Romane geschrieben, die aber nicht an den Erfolg ihres Erstlings anknüpfen können. Vielleicht kann ich den einen oder anderen davon ja auftreiben, ich hätte große Lust, mehr von ihr zu lesen.

IMG_3739

Dieser Dialog in der französischen Ausgabe, der in der englischen fehlt, in der die Lehrerin Ms Rosen Courtney eine Existentialismus-Einführung, gibt ist mein liebstes Zitat im Buch:

„You know this kind of love, then?“
„Yes I do.“
„How did you find it?“
„I didn’t find it, I created it. I didn’t discover myself, I created myself. I did not „meet“ my destiny, I forged it for myself. You must understand that, in order to understand what I represent, and why my Love is linked to Truth.“

Der perfekte Roman für einen launisch-sonnigen Frühlingstag, am Besten mit einem gut gemixten Martini zu genießen. Ich versuche in der Zwischenzeit, Todd Hayes mal zu einer Verfilmung zu überreden.

Nichts was im Leben wichtig ist – Janne Teller

IMG_3115

Dieses kleine Büchlein habe ich nach unserem Urlaub ganz überraschend in meinem Briefkasten gefunden und mich ganz wahnsinnig gefreut (an dieser Stelle noch einmal heißen Dank an stepanini).

So klein und dünn es auch daherkommt, dieses Buch hat es gewaltig in sich. Pierre Anthon ist 14 und beschließt eines Tages, dass absolut gar nichts im Leben etwas bedeutet. Und weil das so ist, macht es seiner Ansicht nach auch keinen Sinn, irgendetwas zu tun, er steht auf, verläßt das Klassenzimmer und setzt sich ab dem Zeitpunkt in einen Pflaumenbaum. Nichts und niemand kann ihn dazu bringen, wieder herunterzukommen und auch seine Ansicht, dass Nichts etwas bedeutet, ändert sich auch nur im Geringsten.

„Nichts bedeutet irgendetwas,
das weiß ich seit Langem.
Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.
Das habe ich gerade herausgefunden.“

Seine Schulfreunde versuchen ihm daraufhin zu beweisen, dass das Leben doch einen Sinn hat und versuchen, dies mit persönlichen Opfergaben zu erreichen. Den Anfang machen eine komplette Sammlung Dungeon & Dragons Bücher, eine geliebte Angelrute, ein Paar grüner Sandalen und ein Hamster. Doch in der verlassenen Lagerhalle aufeinandergestapelt, in der sie die Sachen sammeln, erscheinen diese einfach nur belanglos.

IMG_3116

Sie merken, dass kein Mensch es schafft, sich von wirklich wichtigen persönlichen Dingen zu trennen, wenn sie es selbst aussuchen können. Sie beschliessen, dass sie für einander entscheiden, was jeder abgeben muss. Die Opfergaben werden von Mal zu Mal extremer, alles verliert sich immer schneller in einem dunklen Strudel, die Schüler werden immer verzweifelter in ihren Handlungen, um Pierre wieder aus dem Pflaumenbaum zu bekommen. Werden sie es schaffen, Pierre zu überzeugen oder wird alles umsonst sein ? Oder noch viel schlimmer – könnte er vielleicht Recht haben ?

Pierre Anthon macht ihnen Angst. Große Angst. Sehr große Angst.

„Alles ist egal, schrie er eines Tages. Denn alles fängt nur an, um aufzuhören. In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben. Und so ist es mit allem. Die Erde ist vier Milliarden sechshundert Millionen Jahre alt, aber ihr werdet höchstens hundert! rief er an einem anderen Tag. Das Leben ist die Mühe überhaupt nicht wert. Und er fuhr fort: Das Ganze ist nichts weiter als ein Spiel, das nur darauf hinausläuft, so zu tun als ob – und eben genau dabei der Beste zu sein.“

a7a9c08e30cb3ce2930a9703e9ae52f1Foto: mabtv.com

Am Anfang des Buches war ich nicht sicher, ob der Ich-Erzähler ein Mädchen oder ein Junge ist. Im Laufe der Geschichte wird klar, dass Agnes eine Freundin von Pierre ist. Die Erzählweise ist extrem karg und einfach, was dem Buch sehr zu Gute kommt. Die kurzen Sätze wirken stark und ich habe länger über einzelne Sätze nachgedacht.

„Und selbst wenn ihr etwas lernt, damit ihr glaubt, ihr könntet etwas, ist immer jemand da, der das besser kann als ihr.“
„Halt den Mund“ rief ich zurück. „Aus mir wird bestimmt etwas! Und ich werde weltberühmt!“
„Selbstverständlich, Agnes.“ Pierre Anthons Stimme war freundlich, fast mitleidig. „Du wirst bestimmt Designerin und stöckelst auf hohen Schuhen herum und spielst die Smarte und überzeugst alle anderen, dass sie glauben, wenn sie nur in Sachen von Deiner Marke herumlaufen, seien sie auch smart.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber du wirst feststellen, dass du ein Clown in irgendeinem überflüssigen Zirkus bist, wo alle versuchen, sich gegenseitig vorzumachen, es sei lebensnotwendig, in einem Jahr auf diese Weise gekleidet zu sein und im nächsten Jahr auf eine andere. Und Du wirst feststellen, dass aber innen nichts ist und dass es auch so bleiben wird, egal was du tust.“

„Was wollt ihr Mädchen eigentlich mit einem Freund?“, hatte er erst am Morgen gerufen, als ich Arm in Arm mit Marie-Ursula am Taeringvej 25 vorbeikam. „Erst verliebt man sich, dann geht man miteinander, dann hört die Verliebtheit auf, und dann trennt man sich wieder.“ …

„Und so geht es ein ums andere Mal, so lange, bis ihr die Wiederholung so satt habt, dass ihr so tut, als sei er, der gerade in der Nähe ist, derjenige welche. Dass ihr dazu Lust habt.“

096

Es ist ein faszinierendes Buch, das total polarisiert. Man liebt oder hasst es und ich kann auch die ein wenig verstehen, die es überhaupt nicht mögen, denn es ist wirklich harter Tobak. Jugendbücher dürfen eckig und kantig sein und man kann sich beim Lesen auch mal blutige Schrammen holen. Dieser Roman jedoch führt zu gewaltigen Bewußtseins-Wachstumsschmerzen und daher ist es kein Buch for the faint-hearted. Es ist stellenweise richtig eklig, die Geschichte eskaliert sehr schnell, die geforderten Opfer werden immer absurder und brutaler und irgendwann gerät alles komplett außer Kontrolle. Ich hab wirklich ein paar Mal fast a bisserl Schnappatmung gehabt und ich bin jetzt nicht soooo zart besaitet glaube ich.

Es hat mich berührt, schockiert, sehr gefordert, intensivst zum nachdenken gebracht und es verfolgt mich noch immer, obwohl es jetzt fast zwei Wochen her ist, dass ich es gelesen habe. Ich brauchte auch erst einmal ein wenig Abstand, bevor ich mich an die Rezension gewagt habe. Trotz aller erlittenen Schrammen ist es ein großartiges Buch. Kontrovers, polarisierend, aber trotz aller Brutalität nicht kalt. Ein Buch für Erwachsene und Teenager, die sich und die Welt hinterfragen, und die sich trauen, dem Leben unter den Rock zu gucken,

Hier noch ein sehr spannendes Interview mit der Autorin aus der Zeit.

Axolotl Roadkill – Helene Hegemann

11021151_10152694185345823_1978782726910358438_n

Vielleicht sollte man öfter so an Bücher herangehen, unbelastet von Meinungen und Kommentaren, sich einfach in das Leseabenteuer stürzen und sich dann seine eigene Meinung bilden. Frau Hegemann war mir natürlich ein Begriff. Vor ein paar Jahren gab es ein wundervolles Literatur-Skandälchen, das ich aber nur am Rande mitbekommen habe. Ein sehr junges Mädchen hat in ihrem ersten Roman Sätze aus Blogs und dem wilden Internet geklaut, die Quellen nicht brav angegeben und war innerhalb kürzester Zeit vom Wunder- zum Arschlochkind geworden, mit dem keiner mehr spielen wollte.

10989148_10152696135250823_6528235657209496527_n

Foto: Maggie S. instagram.com/tigramgros

Ich habe das Buch vor einer Weile entweder in einer der wunderbaren „Nimm mich mit Kisten“ oder im offenen Bücherschrank gefunden und habe mich hauptsächlich vom Buchrücken entzücken lassen und es eingepackt. Zu Hause dämmerte mir dann, dass ich heiße skandalträchtige Kost abgeschleppt hatte.

Mich hat der Roman von der ersten Seite total gepackt. Die Sprache ist scharf, schnell, die Sätze hämmern sich ins Gehirn und ich habe lange schon nicht mehr soviele Sätze angestrichen und rausgeschrieben wie in Axolotl. Es ist unglaublich, wieviel Hegemann vom Verlust, der Angst, der Einsamkeit verstanden hat, als sie diesen Roman mit 16 ? 17 ? geschrieben hat. Ob jetzt jeder dieser Sätze und Gedanken eine Eigenproduktion ist oder nicht, die Art und Weise wie sie sie zusammengeschraubt hat, Bewußtseinszustände und Empfindungen benannt hat, hat mich beeindruckt, ein Turbo-Hirn im Schnellwaschgang.

„O. k., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod, die Fetzen angstgequälten Schlafes, mein von schicksalsmächtigen Orchestern erbebendes Kinderzimmer und all diese Einbrecherstimmen aus dem Hinterhof, die unausgesetzt meinen Namen schreien“

„Wie bei jeder drogenabhängigen Minderjährigen mit Reflexionsvermögen äußert sich mein Hang zur Realitätsflucht in einer ausgeprägten Lesesucht. Ich verschlinge gleichermaßen aufgeklärte Belletristik über pakistanische Psychoanalytiker und Diplomarbeiten über den Zusammenhang von Moby Dick und dem Nationalsozialismus. Tageslicht gilt es mit einer lässigen Geste abzuwinken.“

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Mifti wohnt mit ihren beiden Geschwistern in schimmernder Wohlstandsverwahrlosung in einer WG, die Mutter, psychisch krank und alkoholabhängig, ist vor ein paar Jahren gestorben, der Vater als erfolgreicher Regisseur in der Welt unterwegs. Eine Haushälterin versucht verzweifelt, gegen die Auflösung anzuputzen, hat aber keine Chance.

Mifti nimmt Heroin, geht nicht mehr zur Schule, verbringt ihre Zeit auf Partys in tagelangen Sexabenteuern und Drogenräuschen und schläft hin und wieder mit Ophelia, einer Freundin unklaren Alters, die wie sie durchs Leben gleitet. Die Geschichte hat wenig Handlung, die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Traum und Interpretation verwischen, die düstere Realität bleibt ungreifbar. Mifti entgleitet sich selbst, schmiert einfach ab. Wie der titelgebende Axolotl, der nie aus seinem Lurchstadium herauskommt, hat auch Mifti nur das eine Ziel im Leben „nicht erwachsen werden“.

„Ich bin wild aufgewachsen und ich will wild bleiben. Es ist drei Uhr nachts und mein kaputtgefeierter Körper sitzt zu Tode in seiner Opferrolle versunken in einem Taxi.“

„Mein Leben, meine Disziplinlosigkeit, mein Hausschaf, meine Tendenz zur Autoaggression, meine Selbstzweifel, meine Angst davor, nicht rechtzeitig vor eine harte Prüfung gestellt zu werden oder vor eine schwierige Entscheidung und natürlich auch die Angst davor, nie wieder das Bett verlassen zu müssen, außer um gelegentlich Zigaretten zu organisieren und dann in wenigen Jahren den Antrag auf Hartz IV in den Briefkasten zu schmeißen. Meine Autoaggressionen gehen über eine Häufung von Narben am nichtdominanten Unterarm hinaus. Ich injiziere intravenös schädliche Substanzen und stehe seit neuestem in der Gefahr einer ungewollt tödlichen Verletzung. Alles geht weiter. Es lohnt sich nicht, auf ein einschneidendes Erlebnis zu warten. Ich bin ein misshandelter Teenager.“

Sicherlich kein Roman für jeden, aber ganz sicher für Menschen, die wie Mifti gezwungen waren, sich ihr Grundvertrauen früh abzugewöhnen und die aufgrund der Erfahrungen, die erlebt wurden, als noch nicht genug schützende Hornhaut da war, ihr Leben lang mit dieser „Behinderung“ durchs Leben gehen. Ich kann auch nachvollziehen, dass es eine Menge Menschen gibt die ihr pseudeo-intellektuelles rich-bitch Gelaber vorwerfen und ihre Mißbrauchs- und Gewalterfahrungen als als Koketterie abtun, Mich hat es einfach sehr berührt.

Wenn Mifti noch da ist, würde ich mit ihr 52 Whisky trinken und den echauffierten Kritikern im schwarzen Rollkragenpullover ein Axolotl auf die Windschutzscheibe malen. Dazu vielleicht dieses Lied 😉

Why be happy when you could be normal? Jeanette Winterson

Winterson

Es gibt Bücher, die gehen so nah ran, da finde ich es unglaublich schwer, eine Rezension zu schreiben. Vielleicht habe ich daher so lange gewartet, bis ich mich an Jeanette Wintersons „Why be happy when you could be normal“ herantraute. Es ist die Geschichte hinter ihrem Erfolgsroman „Oranges are not the only fruit“, der Mitte der 80er Jahre erschien und ein riesiger Erfolg war. Es ist die analytischere Fortsetzung des semi-autobiographischen „Oranges“.

„Why be happy“ ist überall mit den Worten „heartbreaking and funny“ beschrieben worden und ich habe während des Lesens in der Tat häufig an Olli Schulz‘ „Brichst Du mir das Herz, brech‘ ich Dir die Beine“ gedacht. „Why be happy“ ist kratzig, es tut weh, es macht Mut und immer wieder komme ich an die Frage, die mich beschäftigt wie wenige andere. Warum sind die einen so widerstandsfähig, überleben, kommen anscheinend sogar gestärkt aus solchen Kindheiten heraus, während andere vernarbt und verkrüppelt durchs Leben gehen und nicht drüber wegkommen.

„…upset that there are so many kids who never get looked after, and so they can’t grow up. They can get older, but they can’t grow up. That takes love. If you are lucky, the love will come later. If you are lucky you won’t hit love in the face.

Die Sprache ist knapp und gedrängt, gelegentlich in Notizform, aber das passt einfach zu der Geschichte, die davon handelt, wie sie als kleines Kind von überreligiösen Pfingstgemeindlern adoptiert wird, die hoffen, aus ihr eine Missionarin zu machen, aber stattdessen verliebt sie sich mit 16 in eine Frau. Schlimmer geht es nicht. Mrs. Winterson, die furchteinflössende harsche und total in sich gefangene liebesunfähige Frau, stellt sie vor die Wahl. Trennung von der Frau oder sie fliegt raus. Jeanette entscheidet sich für Letzteres und Mrs. Winterson fragt sie beim Gehen: „Why be happy when you could be normal?“

Ja warum? Jeanette erzählt diese Geschichte, die Suche nach Liebe, danach Dazuzugehören, nicht mehr einfach nur ein Blatt im Wind zu sein, das ziellos irgendwo hin geweht wird, nach einem Heim.

„It is a book full of stories: about a girl locked out of her home, sitting on the doorstep all night; about a tyrant in place of a mother, who has two set of false teeth and a revolver in the duster drawer, waiting for Armageddon…“

Was Jeanette in der Kindheit rettet, sind Bücher. “A book is a door,” entdeckt Winterson in der lokalen Bücherei. “You open it. You step through.” Sie liest sich in die Freiheit. Raus aus dem Kohlenkeller, in dem sie wiederholt eingesperrt war, weg von ihrer prügelnden Mutter. Das einzig gute am Kohlenkeller war, das es die Reflektionsfähigkeit fördert, erinnert sich Jeanette.

Aber Mrs. Winterson ist nicht nur eine ausgenommen strenge Gegnerin, wenn es um Geschlechtsverkehr oder jegliche Interessen außerhalb der Kirchengemeinde geht, auch Bücher gehören zu den Dingen, die auf ihrer persönlichen Bannliste stehen. Das Problem ist “that you never know what’s in it until it’s too late, it’s the same trouble that complicates parenthood.“ Sowenig wie sie bei der Adoption ahnen konnten, welches Baby sie in der Wiege erwartet, so wenig weiß man, auf welche Ideen einen ein Buch bringt.  “The Devil led us to the wrong crib.”

Jeanette versteckt Bücher heimlich unter ihrem Bett, es passen genau 72 Stück unter eine Matratze und irgendwann hat sie mehrere Schichten drunter, die Mrs. Winterson natürlich findet und sie im Garten verbrennt.

„I had no one to help me, but the T. S. Eliot helped me.
So when people say that poetry is a luxury, or an option, or for the educated middle classes, or that it shouldn’t be read at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people saying that had things pretty easy.
A tough life needs a tough language – and that is what poetry is. That is what literature offers – a language powerful enough to say how it is.
It isn’t a hiding place. It is a finding place.“

Ohne Bücher ist es so oder so Zeit für Jeanette zu gehen. Sie übersteht den Exorzismus, den ihre Mutter versucht, um sie von der bösen gleichgeschlechtlichen Liebe zu heilen und geht. Sie verlässt das Haus mit 16 und verbringt die nächsten Jahre damit zur Schule zu gehen, in einem geliehenen Auto zu schlafen und sie verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Teilzeitjobs. Sie schafft es, sie geht zur Uni, studiert und wird erfolgreich – nur eines schafft sie nicht, wie sie später merkt.

Sie kommt einfach nicht wirklich los von Mrs. Winterson, weder in ihren Büchern noch im wirklichen Leben. Sie wird immer und immer wieder zurückgeholt an die Wunden, die ihr Schreiben im Grunde ausgelöst haben.

“I can’t remember a time when I wasn’t setting my story against hers,”

April – Angelika Klüssendorf

april

Wir treffen das Mädchen wieder, als sie das Kinderheim mit 18 verlassen muss. Die Jugendhilfe besorgt ihr ein Zimmer in der Wohnung einer ziemlich merkwürdigen Seniorin mit Kanarienvogel, einen Hilfsjob in einem Starkstrom-Kombinat und sie selbst versorgt sich mit einem Namen. „April“ aus einem Song von Deep Purple.

April stolpert durch die Freiheit ihres Erwachsenenlebens und sucht und sucht nach irgendetwas, was ihrem Inneren Halt gibt. Sie möchte Nähe und Ankommen, nicht mehr allein sein, vielleicht sogar geliebt werden, aber sie fürchtet sich davor, jemanden zu brauchen oder wirklich an sich heranzulassen.

Diese Zerrissenheit, diese ständigen Kämpfe zwischen Nähe und Distanz bestimmen ihren Alltag. Ihr Job langweilt sie, sie ist einsam und sie trinkt – heftig.

Sie schließt Freundschaften, verliebt sich ständig, entliebt sich aber fast genauso schnell wieder. Sie sucht unablässig die Nähe von Künstlern, möchte von ihnen ernst genommen werden, für ihre Gedanken und Worte geliebt werden und nicht für ihr Aussehen oder ihren Körper. Bücher sind auch weiterhin ihre Rettungsanker, wann immer sie wieder droht zu ertrinken. Sie schreibt, gibt eine systemkritische Literaturzeitung mit heraus und bewirbt sich um ein Literatur-Stipendiat.

Irgendwo habe ich gelesen April macht stets ein paar Schritte vor und gleich wieder ein paar zurück, aber sie bewegt sich nach vorn. Immer. 10 Schritte vor, 5 zurück – aber sie ist 5 Schritte weiter. Sie steht immer wieder auf, gibt nicht auf. Kämpft für sich, muss zu allererst sich selbst retten, bevor sie für jemand anderen da sein kann.

Mit Hans trifft sie wieder einen Künstler, ist gerne mit ihm zusammen, geniesst es in seiner schönen Altbauwohnung, die er mit seinem Bruder bewohnt, zumindest für kurze Zeit eine Heimat zu finden. Aber die große Liebe ist es nicht. Sie wird schwanger, sie ziehen in eine kleine gemeinsame Wohnung, aber sie schafft es nicht wirklich, eine enge Beziehung zu ihm oder ihrem Sohn aufzubauen.

Immer wieder kommt die Angst, nicht anders zu sein als ihre gefühlskalte Mutter oder ihr alkoholkranker Vater.

Sie stellen einen Ausreiseantrag, der überraschend schnell genehmigt wird. Die Übersiedlung in den Westen ist ein traumatisches Erlebnis für April. Es war keine gute Heimat, aber die einzige die sie je hatte. Der Westen überfordert sie mit all den glitzernden tausend Entscheidungsmöglichkeiten und eine Weile lang steht sie immer wieder am Grenzübergang, um wieder zurück in den Osten zu gehen, holt sich immer wieder die Abfuhr und hämischen Bemerkungen der Grenzer ab.

Sie ist lange Zeit im Exil in West-Berlin, bis sie ankommt. Noch immer strauchelt sie, aber sie findet eine Balance zwischen ihrem Wunsch nach Nähe und den Fluchtgedanken wenn es zu eng und zu viel wird.

Ein ganz wichtiges Buch. Grandiose Sprache, nüchtern, aber um so bewegender. Beeindruckend, wie Angelika Klüssendorf es schafft immer wieder kleine Hoffnungsschimmer durchdringen zu lassen. Das Unterschichten-Arbeiterkind aus bildungsfernem Mileu, das Schmuddelnd, mit dem die anderen nicht spielen sollen – sie zeigt es allen, gemäss ihrem Motto nach Rilke: „Wer spricht von Siegen – überstehen ist alles“.

„Sie spürt Unruhe in sich aufsteigen, steht da, als würde sie einen Feind wittern. Von klein auf kennt sie diesen Zustand der Bedrohungserwartung. Und sie weiß nie, wie sie da rauskommen soll. Als müsste sie den Orkan aushalten, bis er vorübergezogen ist.“

„Seit Tagen bringt sie kaum ein Wort heraus, spürt ihr Herz so laut und heftig klopfen, als würde es in einem leeren Zimmer liegen.“

„Sie lebt, so mußte es wohl ausgehen, obwohl sie durchaus sterben wollte. Doch wenn sterben genauso anstrengend  wie leben ist, kann sie durchaus noch eine Weile leben.“

„Sie läuft durch die langen Korridore, bleibt vor der rot gerahmten Hausordnung stehen, die sie an das Kinderheim erinnert, es kam ihr schon damals komisch vor, dass eine Hausordnung das Leben regel soll.“

„Ich bin meine eigene Mutter und mein eigener Vater, sagt sie und hört selbst den Trotz in ihrer Stimme.“

„April fühlt sich wohl und ist dennoch stets auf dem Sprung.“

„Es ist wie eine Naturgewalt, die über mich kommt, versucht sie zu erklären. Ich halte es nicht aus, wenn es mir gut geht, ich traue dem nicht.“

„Manchmal hat April das Gefühl, der Zorn ihrer Mutter würde wie eine Ascheschicht auf ihrem Herzen liegen. Als sollte sie nie frei atmen dürfen, als würde ihre Mutter noch immer versuchen, alles Gute und Lebendige in ihr zu vernichten.“

„Doch hinter dieser Ordnung meint sie die Anstrengung ihres Vaters zu spüren, nicht bloß zu existieren, ein Quäntchen Freude zu empfinden, und die allergrößte Anstrengung: nicht über den Rand der Welt zu kippen. Es kostet ihn Kraft, das durchzuhalten, das weiß sie genau, aber eines Tages wird er die ganze mühsam aufgerichtete Fassade wieder einreißen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – es braucht nur den richtigen Auslöser, um den Säufer und Zerstörer zurück ans Ruder zu lassen.“