Axolotl Roadkill – Helene Hegemann

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Vielleicht sollte man öfter so an Bücher herangehen, unbelastet von Meinungen und Kommentaren, sich einfach in das Leseabenteuer stürzen und sich dann seine eigene Meinung bilden. Frau Hegemann war mir natürlich ein Begriff. Vor ein paar Jahren gab es ein wundervolles Literatur-Skandälchen, das ich aber nur am Rande mitbekommen habe. Ein sehr junges Mädchen hat in ihrem ersten Roman Sätze aus Blogs und dem wilden Internet geklaut, die Quellen nicht brav angegeben und war innerhalb kürzester Zeit vom Wunder- zum Arschlochkind geworden, mit dem keiner mehr spielen wollte.

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Foto: Maggie S. instagram.com/tigramgros

Ich habe das Buch vor einer Weile entweder in einer der wunderbaren „Nimm mich mit Kisten“ oder im offenen Bücherschrank gefunden und habe mich hauptsächlich vom Buchrücken entzücken lassen und es eingepackt. Zu Hause dämmerte mir dann, dass ich heiße skandalträchtige Kost abgeschleppt hatte.

Mich hat der Roman von der ersten Seite total gepackt. Die Sprache ist scharf, schnell, die Sätze hämmern sich ins Gehirn und ich habe lange schon nicht mehr soviele Sätze angestrichen und rausgeschrieben wie in Axolotl. Es ist unglaublich, wieviel Hegemann vom Verlust, der Angst, der Einsamkeit verstanden hat, als sie diesen Roman mit 16 ? 17 ? geschrieben hat. Ob jetzt jeder dieser Sätze und Gedanken eine Eigenproduktion ist oder nicht, die Art und Weise wie sie sie zusammengeschraubt hat, Bewußtseinszustände und Empfindungen benannt hat, hat mich beeindruckt, ein Turbo-Hirn im Schnellwaschgang.

„O. k., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod, die Fetzen angstgequälten Schlafes, mein von schicksalsmächtigen Orchestern erbebendes Kinderzimmer und all diese Einbrecherstimmen aus dem Hinterhof, die unausgesetzt meinen Namen schreien“

„Wie bei jeder drogenabhängigen Minderjährigen mit Reflexionsvermögen äußert sich mein Hang zur Realitätsflucht in einer ausgeprägten Lesesucht. Ich verschlinge gleichermaßen aufgeklärte Belletristik über pakistanische Psychoanalytiker und Diplomarbeiten über den Zusammenhang von Moby Dick und dem Nationalsozialismus. Tageslicht gilt es mit einer lässigen Geste abzuwinken.“

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Mifti wohnt mit ihren beiden Geschwistern in schimmernder Wohlstandsverwahrlosung in einer WG, die Mutter, psychisch krank und alkoholabhängig, ist vor ein paar Jahren gestorben, der Vater als erfolgreicher Regisseur in der Welt unterwegs. Eine Haushälterin versucht verzweifelt, gegen die Auflösung anzuputzen, hat aber keine Chance.

Mifti nimmt Heroin, geht nicht mehr zur Schule, verbringt ihre Zeit auf Partys in tagelangen Sexabenteuern und Drogenräuschen und schläft hin und wieder mit Ophelia, einer Freundin unklaren Alters, die wie sie durchs Leben gleitet. Die Geschichte hat wenig Handlung, die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Traum und Interpretation verwischen, die düstere Realität bleibt ungreifbar. Mifti entgleitet sich selbst, schmiert einfach ab. Wie der titelgebende Axolotl, der nie aus seinem Lurchstadium herauskommt, hat auch Mifti nur das eine Ziel im Leben „nicht erwachsen werden“.

„Ich bin wild aufgewachsen und ich will wild bleiben. Es ist drei Uhr nachts und mein kaputtgefeierter Körper sitzt zu Tode in seiner Opferrolle versunken in einem Taxi.“

„Mein Leben, meine Disziplinlosigkeit, mein Hausschaf, meine Tendenz zur Autoaggression, meine Selbstzweifel, meine Angst davor, nicht rechtzeitig vor eine harte Prüfung gestellt zu werden oder vor eine schwierige Entscheidung und natürlich auch die Angst davor, nie wieder das Bett verlassen zu müssen, außer um gelegentlich Zigaretten zu organisieren und dann in wenigen Jahren den Antrag auf Hartz IV in den Briefkasten zu schmeißen. Meine Autoaggressionen gehen über eine Häufung von Narben am nichtdominanten Unterarm hinaus. Ich injiziere intravenös schädliche Substanzen und stehe seit neuestem in der Gefahr einer ungewollt tödlichen Verletzung. Alles geht weiter. Es lohnt sich nicht, auf ein einschneidendes Erlebnis zu warten. Ich bin ein misshandelter Teenager.“

Sicherlich kein Roman für jeden, aber ganz sicher für Menschen, die wie Mifti gezwungen waren, sich ihr Grundvertrauen früh abzugewöhnen und die aufgrund der Erfahrungen, die erlebt wurden, als noch nicht genug schützende Hornhaut da war, ihr Leben lang mit dieser „Behinderung“ durchs Leben gehen. Ich kann auch nachvollziehen, dass es eine Menge Menschen gibt die ihr pseudeo-intellektuelles rich-bitch Gelaber vorwerfen und ihre Mißbrauchs- und Gewalterfahrungen als als Koketterie abtun, Mich hat es einfach sehr berührt.

Wenn Mifti noch da ist, würde ich mit ihr 52 Whisky trinken und den echauffierten Kritikern im schwarzen Rollkragenpullover ein Axolotl auf die Windschutzscheibe malen. Dazu vielleicht dieses Lied 😉

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