Karine Tuil – Die Zeit der Ruhelosen

Auf Karine Tuil wurde ich irgendwann in einem Magazin aufmerksam, wo ihr Buch „Die Gierigen“ vorgestellt wurde. Kurze Zeit später las ich das Buch und war hellauf begeistert. So musste natürlich auch das neue Buch von ihr – „Die Zeit der Ruhelosen“ direkt ins Haus einziehen und relativ bald gelesen werden.

Das Buch hat einen fulminanten Start. Wir lernen einen der Hauptakteure kennen, Romain Roller, der als französischer Soldat direkt an der Front in Afghanistan gekämpft hatte. Die Sätze im ersten Kapital sind lang, es reihen sich Beschreibungen des Erlebten aneinander, starke Gefühle, Angst, Panik, Verwundungen. Man rast quasi durch die Erinnerungen mit Puls 180. Ein wirklich gelungener Start.

Wechselweise handeln die Kapitel von verschiedenen Personen, neben Romain Roller geht es auch um Osman Diboula, aus einem der Pariser Banlieu stammenden Politiker, und seine Frau Sonia. Francois Vely, der eigentlich Levy heißt und seinen Namen änderte, um seine jüdische Herkunft zu vergessen/zu verleugnen.

„Wenn du von deinen Freunden nicht enttäuscht werden willst, achte bei ihrer Auswahl auf den Bestand ihrer Bibliothek.“

Und dann wäre da noch Marion, eine Journalistin, das verbindende Glied in der Kette. Francois Vely heiratete sie, kurz nachdem seine erste Frau sich auf die Nachricht über die anstehende Hochzeit aus dem Fenster stürzte. Marion muss atemberaubend schön sein. Denn auch Romain Roller ist scheinbar zwanghaft besessen von ihr, nachdem er sie in Zypern kennenlernte, wo die Soldaten vor ihrer Heimkehr aus Afghanistan einige Tage „entspannen“ sollten.

Macht ist das große Oberthema des Buches, alle wollen Macht, um jeden Preis. Nur wer Macht hat, ist angesehen, hat etwas zu sagen und bekommt überall Zugang.

„Du bist privilegiert, Geld macht Eindruck, aber es entstellt auch Beziehungen, es verzerrt das Urteil, vergiss das nicht.“

Die Ehe von Francois und Marion geht bergab, sie erlebt ein auf und ab mit Romain, der traumatisiert ist von den Erlebnissen des Krieges. Osman weigert sich, als Quotenfarbiger in der Politik dargestellt zu werden und verliert dadurch zunächst seinen Posten.

„Das Problem in unserer Gesellschaft ist, dass man seiner Identität auf immer und ewig unterworfen ist.“

Leider ist keiner der Charaktere besonders sympatisch. Alle bleiben recht oberflächlich, von keinem erfährt man wirklich viel außer des Strebens nach Status und Anerkennung. Nach dem fulminanten Start flacht das Buch zunehmend ab.

Alle Charaktere sind am Ende miteinander verwoben, ergeben ein tragisches Gesamtbild des „rise and fall“ – bis einer stirbt. Wer von ihnen, das müsst ihr euch selbst herausfinden 🙂

Deutlich begeisterter war Constanze von Zeichen und Zeiten, ihre Rezension findet ihr hier.

Vielen Dank für das Rezenzionsexemplar an den Ullstein Verlag.

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Short but sweet – Damenwahl

Heute stelle ich euch in „Short but Sweet“ vier Ladies vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich liebe die Vorstellung, die vier könnten gemeinsam in einer Hotelbar sitzen und sich miteinander unterhalten und trinken. Madame de Salm serviere ich ein Glas Champagner, Ms Mitford einen Gin & Tonic, Andreas Burnier vielleicht ein Heineken und Caitlin Moran bekommt einen Cider von mir. Los geht’s in chronologischer Order

Constance de Salm – 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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Ich merke, dass ich Briefromane überaus faszinierend finde. Egal ob es ein tatsächlich stattgefundener oder ein fiktiver ist – ich lese einfach gerne Briefe und noch einmal mehr, wenn es sich um ein sprachlich so kunstfertiges und poetisches Büchlein handelt.

Der Inhalt ist schnell erzählt und wird jedem, der einmal unglücklich verliebt war oder vor Eifersucht brannte, ganz und gar bekannt vorkommen. Auch wenn es heute vielleicht keine Briefe sind, die von Dienern und Boten hin und hergeschickt werden, ist die Situation doch absolut die gleiche und wer hat nicht schon ungeduldig aufs Handy-Display gestarrt, um endlich die ersehnte Antwort zu bekommen.

Madame de xxx schreibt ihrem Geliebten, nachdem sie zu Hause angekommen ist. Er hat sich nach einem gemeinsamen Theaterbesuch flüchtig von ihr verabschiedet und ist mit einer anderen Dame verschwunden. Die Eifersucht bringt sie fast zum Durchdrehen und sie versucht alles, um Klarheit zu bekommen, selbst vor einem Einbruch in sein Haus schreckt sie nicht zurück.

Das ist komplett egal, dass die Dame vor 200 Jahren lebte, ihre Gedanken und Gefühle sind so aktuell wie eh und je und daher kann ich diesen Briefroman uneingeschränkt empfehlen. Eine Frau, die trotz ihrer verliebten, eifersüchtigen Art nie unterwürfig wird, sondern ihren Schmerz und ihre Sorge zeigt, ohne sich zu erniedrigen.

„Guten Morgen, mein Freund; da bin ich, und meine Nacht war Grauen. Dein Bild und das ihre standen allzeit vor meinen Augen. Ich sah dich, hörte dich; sprach mit dir, geliebter, grausamer Freund; und wohl zwanzigmal erwachte ich mit schweißbedeckter Stirn und in schrecklicher Beklommenheit, ich wollte, ich könnte sie für dich malen. Soll ich es versuchen? Ich weiß nicht: Wir Frauen haben doch in unserer Seele unendlich viele Empfindungen, die auch der zärtlichste Geliebte kaum verstehen kann: für ihn gleichen sie einem Delirium; aber wäre selbst dieses Delirium der eigentliche Fehler der Liebe, ist es doch gleichwohl etwas Heiliges.“

Constance Marie zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1767 – 1845) war eine französische Dichterin und Schriftstellerin. Sie genoss eine für Frauen ihrer Zeit exzellente Ausbildung und und leitete einen angesehenen literarischen Salon, in dem u. a. Alexander von Humboldt, Stendhal und Alexandre Dumas verkehrten. “ 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau “ war ihr einziger Roman und zugleich größter Erfolg ansonsten schrieb sie noch die Tragödie Sappho. Sie engagierte sich leidenschaftlich für die Emanzipation der Frau und wurde erstes weibliches Mitglied in einer der Pariser Akademien.

Mich hat der Roman an Marcelle Sauvageots „Ganz die Deine“ erinnert, die Rezension findet ihr hier. Da sind schon Parallelen, oder ?

Hier findet ihr bei Sätze und Schätze eine weitere Rezension.

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Nancy Mitford – The Pursuit of Love

Was für eine Familie! Die Oktober-Lektüre unseres Bookclubs hat uns einen sehr unterhaltsamen Roman präsentiert, über den wir wunderbar diskutieren konnten und der ausnahmslos jedem in unserer Runde gefallen hat. Eine Satire auf die  „NOCD“ (Not our class dear)-Flausen, die englische Upper Class und Familienmitglieder, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Britsh Humour at its best. Habe selten so häufig gekichert beim Lesen, seitenweise Sätze unterstrichen und mich einfach bestens amüsiert. Mitford schafft es ,in ihrer nahezu-Biografie selbst tragische Momente humorvoll zu verpacken. Viel interessanter jedoch als der Roman (der durchaus interessant ist) ist die Familie Mitford an sich.

“Always either on a peak of happiness or drowning in black waters of despair they loved or they loathed, they lived in a world of superlatives”

“My dear Lady Kroesig, I have only read one book in my life, and that is ‘White Fang.’ It’s so frightfully good I’ve never bothered to read another.” 

“Linda’s presentation of the ‚facts‘ had been so gruesome that the children left Alconleigh howling dismally, their nerves permanently impaired, their future chances of a sane and happy sex life much reduced.” 

Wir fragten uns, ob sie das damalige Äquivalent zu den heutigen Kardashians waren in deutlich intellektueller, aber vermutlich ist, wenn überhaupt ein Vergleich zur Familie Mann passender. Nancy Mitford war die älteste von 6 Schwestern und einem Bruder und fast jeder aus dieser Familie ist nahezu einen eigenen Roman wert. Besondere Aufmerksamkeit finden dabei Unity. Sie wurde 1914 geboren und von ihren Eltern zu Ehren des beendeten 1. Weltkriegs so optimistisch benannt. Sie verfällt noch in England in jüngsten Jahren dem Nationalsozialismus und reist mit gerade einmal 18 Jahren nach München, in der Hoffnung auf ihr Idol Hitler zu treffen. Sie schafft das sogar sehr schnell, die beiden freunden sich an, sie verfällt ihm ziemlich und schießt sich aus Kummer aufgrund der Kriegserklärung an England im englischen Garten eine Kugel in den Kopf – mit einer Pistole, die Hitler ihr geschenkt hatte. Aufgrund des kleinen Kalibers überlebt sie allerdings, geht zurück nach England und verstirbt nur wenige Jahre später an den Spätfolgen des Schusses. Peng.

Eine weitere Schwester, Diana, heiratet einen englischen Faschisten-Führer, Jessica wird Kommunistin, Nancy und Deborah wurden bekannte Schriftstellerinnen, einzig Pamela schien ein relativ aufsehensfreies Leben zu führen. Der Bruder, Tom, stirbt 1945 in Burma.

Ich kann die Lektüre von Nancy Mitfords Büchern nur empfehlen. Vor einer Weile las ich „Wigs on the Green“ ebenfalls richtig gut und es gibt eine sehr interessante Biografie von Susanne Kippenberger über die Familie, die ich unbedingt noch einmal lesen möchte.

Eine Bookclub-Freundin fand noch diese beiden interessanten Dokumentationen einmal über Unity,  https://youtu.be/Z9kBH47Ohlg sowie ein Interview mit der jüngsten Mitford Tochter Deborah. https://youtu.be/25IO32AxGq4

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Andreas Burnier – Knabenzeit

Bin gar nicht sicher, ob Andreas Burnier eigentlich glücklich wäre, hier als Frau genannt zu werden, geboren wurde sie als Catharina Irma Dessaur, sie nahm das Pseudonym Andreas Burnier an und wurde unter diesem Namen in den Niederlanden auch recht bekannt. Pünktlich zum Buchmessen-Schwerpunkt habe ich das kurze nur 112 Seiten lange Büchlein von Birgit von Sätze und Schätze erhalten und habe am gleichen Abend noch begonnen es zu lesen.

Der Titel „Knabenzeit“ bezieht sich auf die getrennten Schwimmzeiten für Mädchen und Jungen in öffentlichen Schwimmbädern. Die Protagonistin Simone musste sich mit 9 Jahren als Kind jüdischer Eltern verstecken. Die Geschichte wird chronologisch rückwärts erzählt und wir erleben Simone an den verschiedenen Stationen an denen sie für eine Weile unterkommen konnte. Das Mädchen ist häufig isoliert, ängstlich und alleine und beschäftigt sich neben den großen Themen wie Krieg, Verfolgung, Sorge um die Eltern auch noch mit ihrer eigenen Transsexualität/Homosexualität. Immer wieder werden ihr die Unterschiede und Ungerechtigkeiten zwischen Jungen und Mädchen / Männern und Frauen bewusst.

Die Sprache ist karg und realistisch, ich hatte das Gefühl als würde sich Burnier an ein jugendliches Publikum wenden. Eine dunkle melancholische Geschichte, deren stellenweiser Sarkasmus vielleicht nicht für jeden etwas ist.

  „Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, gleich als Junge zur Welt zu kommen. Man würde sich nicht darüber wundern. Es wäre selbstverständlich, daß mit dem Körper alles in Ordnung war. Daß man Fußball spielen konnte, abends durch die Stadt gehen und Mädchen ansprechen, schwimmen, wenn Knabenzeit war. Einen Beruf wählen und in diesem Beruf weiter arbeiten, wenn man heiratete und Kinder bekam. Daß man keine öden Sachen zu tun brauchte wie Handarbeiten oder Tischdecken. Daß man zu den Menschen gehörte, die im Leben etwas leisteten: Soldaten, Wissenschaftler, Minister, Entdeckungsreisende , Ingenieure, Direktoren, und nicht zu der unbedarften Hälfte, die, ob arm oder reich, die gleiche Hausarbeit verrichten mußte. Zu denen, die selbst kein Geld verdienten und sich wie Pfauen aufputzen mußten, um der anderen Hälfte zu gefallen.“

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Caitlin Moran – How to be a Woman

Witzig wie Nancy Mitford, aber deutlich unterschiedlichen Klassen angehörig. Auch Moran kommt aus einem Haushalt mit einer unüberschaubaren Anzahl an Geschwistern, aber statt in einem Schloss wohnen sie in einem Sozialbau und auch sonst gibt es im Alltag von Nancy und Caitlin vermutlich wenig überschneidende Elemente.

Mich hat an dem Buch etwas irritiert, dass es sich als feministisches Buch präsentierte „Feminism–now with jokes!“ tatsächlich ist es ist aber eigentlich vielmehr eine Biografie und man erfährt eine Menge über Caitlin Moran. Was gar nicht so schlimm ist, wenn man weiß, worauf man sich einläßt. Ich kenne Caitlin Moran aus meiner Zeit in London in den späten 90ern /Anfang 2000 und ich glaube, je besser man sie kennt, oder selbst in den 90ern in Großbritannien aufgewachsen ist, desto eher kann man mit ihrer Biografie etwas anfangen, denke ich. Sie ist unglaublich witzig und stellenweise fremdschämend ehrlich. Es geht ihr weniger um theoretische Implikationen des Feminismus, sondern sie schaut dem Feminismus knallhart unter den Rock und ins Gesicht.

Sie berichtet von ihrer Teenagerzeit, ihrem Übergewicht, stört sich an Haaren die an den immer falschen Stellen wachsen und im späteren Teil des Buches mit dem Verlieben, Kinderkriegen, Abtreibungen und warum es auch für Feministinnen vollkommen in Ordnung ist, sich eine Putzfrau zu engagieren.

“It’s difficult to see the glass ceiling because it’s made of glass. Virtually invisible. What we need is for more birds to fly above it and shit all over it, so we can see it properly.” 

Viele interessante Gedanken in dem Buch, die es für mich insgesamt zu einer witzigen und interessanten Lektüre machten, würde es aber wohl in meinem Bekanntenkreis eher British Natives empfehlen.
“No one has ever claimed for a moment that childless men have missed out on a vital aspect of their existence, and were the poorer, and crippled by it. Da Vinci, Van Gough, Newton, Faraday, Plato, Aquinas, Beethoven, Handel, Kant, Hume, Jesus. They all seem to have managed childlessness quite well.”

Sehr cool fand ich ihren Test mit dem man herausfinden kann, ob man eine Feministin ist: “Put your hand in your underpants. a. Do you have a vagina? and b. Do you want to be in charge of it? If you said ‚yes‘ to both, then congratulations! You’re a feminist“

Und eine Erklärung dafür, was Feminismus eigentlich bedeutet hat sie auch: “What is feminism? Simply the belief that women should be as free as men, however nuts, dim, deluded, badly dressed, fat, receding, lazy and smug they might be. Are you a feminist? Hahaha. Of course you are.” 

Konnte ich Euch jetzt auf eines der Bücher Lust machen ? Mit welcher Autorin würdet ihr am ehesten was trinken gehen?

Constance de Salm – „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ erschienen im Hoffmann & Campe Verlag
Nancy Mitford – „Englische Liebschaften“ erschienen im Ullstein Verlag
Andreas Burnier – „Knabenzeit“ erschienen im Wagenbach Verlag
Caitlin Moran – „How to be a Woman: Wie ich lernte eine Frau zu sein“ erschienen im Ullstein Verlag

Ali and Nino – Kurban Said

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Gelegentlich ist die Geschichte hinter dem Roman spannender als der Roman selber. Um „Ali and Nino“ ranken sich auf jeden Fall jede Menge Geheimnisse. Gleich mehrere Personen hat man im Verdacht, der eigentliche Autor zu sein. Unser Juli Bookclub Buch versprach also rätselhafte Detektivarbeit.

Veröffentlicht wurde der Roman 1937 in Wien. Es ist eine klassische Liebes- und Abenteuergeschichte, die ein wenig an Doktor Schiwago erinnert. Das Buch war für fast drei Jahrzehnte nicht lieferbar, vor einigen Jahren wurde es dann wiederentdeckt und neu aufgelegt; dieses Jahr folgte gar eine Verfilmung von Asif Kapadia.

In der Geschichte geht es um Ali, einen muslimischen jungen Mann aus gutem Hause, dessen Familie in Baku (Aserbaidschan) recht einflußreich ist. Damals gehört Aserbaidschan zum Russischen Reich. Ali ist verliebt in Nino, eine junge Christin, die ursprünglich aus Georgien kommt. Kennen- und lieben gelernt haben sich die beiden in der Schule.

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Ali ist leidenschaftlich voll überbordernder Gefühle, ganz dramatischer Verteter des mittleren Ostens, Nino die charismatische, kühle intellektuellere von beiden verkörpert das eher kulturelle Europa.

“Maybe that is the one real division between men: wood men and desert men.”

Erwartunggemäß müssen die beiden so einiges überstehen. Blutfehden, Skandale, abenteuerliche Reisen durch die geheimnisvolle, wunderschöne Wüste. Sie leben eine Weile in einem abgelegenen Bergdorf, in einem opulenten Palast in Persien, doch der drohende erste Weltkrieg bringt sie wieder nach Baku zurück.

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Ali muss sich irgendwann entscheiden zwischen seinen Wurzeln und seiner tiefen Liebe zu Nino. Ein epischer Roman mit viel Exotik, der sicherlich vielen Lesern sehr gefallen wird. Es war nicht ganz meine Kragenweite, aber durchaus unterhaltsam.

Noch ein paar Worte zur fragwürdigen Autorenschaft. Kurban Said ist ein Pseudonym und bedeutet übersetzt entfernt soviel wie „Sacrifice“ / „Opfer“.  Das Pseudonym ist bis heute nicht endgültig entschlüsselt. Drei unterschiedliche Personen könnten als Autor in Frage kommen, stichhaltige Beweise fehlen allerdings.

Jeder der drei möglichen Personen hat ein so schillerndes Leben, das genügend Material für weitere Romane bieten würde. Hier die drei „Verdächtigen“:

  1. Lew Nussimbaum oder auch Lev Abromovic Nouissimbaum alias Essad Bay (1905 – 1942) war ein deutschsprachiger Schriftsteller jüdisch-russischer Abstammung aus Baku der später zum Islam übertrat.
  2. Yusif Väzir Cämänzäminli (1887 – 1943) war ein aserbaidschanischer Schrifsteller und Staatsmann. Insbesondere in der Türkei und in Aserbaidschan ist man überzeugt, er sei der Autor.
  3. Elfriede Ehrenfels (1894 – 1982) eine österreichische Schriftstellerin die ebenfalls unter dem Pseudonym Kurban Said veröffentlichte. Sie war mit dem Autor Lew Nussimbaum befreundet.

Wer Lust hat auf eine exotische Liebesgeschichte, die an Scheherazade und Doktor Schiwago denken lässt, ist hier sicherlich gut aufgehoben. Oder ihr schaut euch den Film an:

Im Übrigen glaube ich ja, das wir einer der wenigen Bookclubs mit eigenem Pool sind, nicht schlecht, oder ? Bücher die mit Schirmchen-Cocktail im Pool lasziv herumhängend diskutiert werden bleiben einfach besser im Gedächtnis 😉

Ach ja, wir haben momentan auch einen freien Platz im Bookclub – bei Interesse bitte melden. Liebe zur Literatur und eine Badehose sind Voraussetzung …

The Man who Fell to Earth – Walter Tevis

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Auf den ersten Blick ist „The Man who Fell to Earth“ ein Science-Fiction Roman über den Außerirdischen Thomas Jerome Newton vom Planeten Anthea, der zur Erde geschickt wird, um seine sterbende Spezies zu retten, die sich durch Kriege und Umweltkatastrophen nahezu komplett vernichtet haben. Mit letzten Energiereserven haben sie ein Raumschiff mit Newton an Bord losgeschickt, um auf der Erde ein Rettungsraumschiff zu bauen und die restlichen Antheaner zur Erde zu bringen.

Unser erster Science-Fiction Roman im Bookclub ist dann aber doch kein ganz sortenreiner Science Fiction Roman, was der Geschichte aber in keinster Weise schadet. Es gibt keine Laserschwerter, keine Dreiphasendrehkonverter und auch keine intergalaktischen Luftkämpfe und auch, wenn ich an all diesen Dingen üblicherweise schwer interessiert bin und anfangs noch auf den einen oder anderen Einblick ins Raumschiff oder die Gesellschaftsstruktur der Antheanter zu erfahren hoffte, ist die eigentliche Geschichte eine der Entfremdung, der gnadenlosen Einsamkeit, die Newton empfindet und die Art und Weise wie unsere Welt ihn physisch und psychisch beeinflusst.

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Es ist eine ruhige melancholische Geschichte. Die Desillusionierung einer Person, auch wenn sie nicht humanoid ist, der so unendlich einsam ist, der die weitgehende Zerstörung seines Planeten erlebt hat und ahnt, dass auch dieser Planet dem Untergang geweiht ist.

Newton ist ein großer zerbrechlich wirkender Humanoid, sein Wissen über die Erde hat er sich durch Fernsehübertragungen angeeignet, die auf Anthea empfangen werden konnten. Was die Antheaner aus Werbeblöcken, TV Serien und Nachrichten zu erkennen glauben ist ein Planet, der wie ein grünes Paradies mit ausreichenden Wasser- und Energievorräten erscheint.

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Der Roman ist keine 200 Seiten lang und ich will nicht zu viel verraten, Newton entdeckt auf jeden Fall die dunklen Ecken der menschlichen Gesellschaft. Die Laster und Süchte, die Ignoranz, die Einsamkeit und das Mißtrauen der Menschen und so einiges anderes, was die Antheaner über das Fernsehen nicht mitbekommen konnten.

„The bartender had come over and when Bryce looked up the bartender said, „I’m afraid that fellow needs help.“ „Yes“, Bryce said. „Yes, I guess he does.“

Thomas Jerome Newton ist ein Protagonist, den man von Anfang an mag. Man leidet mit ihm und das Ende ist unglaublich traurig. Erstaunlich wie vorausschauend dieser Roman aus dem Jahr 1963 ist. Kulinarisch richten wir uns im Bookclub oft nach den Ess- und Trinkgewohnheiten der Protagonisten (nicht immer, aber oft) und in diesem Fall stand – wie bei Newton – bei unserer Diskussion der Gin im Mittelpunkt. Vielleicht hat der unserer Phantasie auf die Sprünge geholfen, als wir uns mit den Namen beschäftigt haben, die im Buch vorkommen.

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Thomas Jerome Newton könnte eine Referenz auf die beiden Wissenschaftler Thomas Edison und Sir Isaac Newton sein. Bei Jerome mussten wir ein wenig mehr um die Ecke denken, haben uns da mehr an Tevis‘ Biografie orientiert. Tevis soll in einem Interview gesagt haben, dass der Roman starke autobiographische Züge habe. Unsere Gin-geschwängerte Diskussionsrunde kam zur Überlegung, dass sich Jerome auf den Heiligen Sankt Jerome beziehen könnte, der der Schutzpatron der Bibliothekare, Gelehrten und eben auch der verlassener Kinder ist.

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Tavis wurde von seinen Eltern, als er 10 Jahre alt war, für ein Jahr in ein Erholungsheim geschickt, während sie ihren Umzug von San Francisco nach Kentucky durchführten. Nach dem Jahr reiste er alleine im Zug zurück zu seinen Eltern. Wie Newton in der Geschichte war auch Tavis immer ein kränkliches, zartes Kerlchen. Er litt unter Alkoholismus und starb mit nur 52 Jahren an Krebs.

Erstaunlich finde ich, dass drei von Tevis‘ sechs Romanen verfilmt wurden – neben „The Man who Fell to Earth“, „The Hustler“ von 1961 mit Paul Newman und „The Color of Money“ aus dem Jahr 1984 ebenfalls mit Paul Newman und Tom Cruise – kaum aber jemand kennt den Namen Walter Tevis.

Die Verfilmung mit David Bowie möchte ich unbedingt demnächst sehen, auch wenn der Film von der Romanvorlage stark abweicht. Den Roman fand ich grandios und kann ihn auch Leuten ans Herz legen, die üblicherweise nicht viel mit Science-Fiction am Hut haben.

Bowies Album „Low“ war ursprünglich als Filmmusik zu „The Man who Fell to Earth“ gedacht. Am Ende wurde die Musik aber nicht dafür verwendet, wie schade. Low ist ein phantastisches Album.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Der Mann der vom Himmel fiel“ im Ullstein Verlag.

Axolotl Roadkill – Helene Hegemann

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Vielleicht sollte man öfter so an Bücher herangehen, unbelastet von Meinungen und Kommentaren, sich einfach in das Leseabenteuer stürzen und sich dann seine eigene Meinung bilden. Frau Hegemann war mir natürlich ein Begriff. Vor ein paar Jahren gab es ein wundervolles Literatur-Skandälchen, das ich aber nur am Rande mitbekommen habe. Ein sehr junges Mädchen hat in ihrem ersten Roman Sätze aus Blogs und dem wilden Internet geklaut, die Quellen nicht brav angegeben und war innerhalb kürzester Zeit vom Wunder- zum Arschlochkind geworden, mit dem keiner mehr spielen wollte.

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Foto: Maggie S. instagram.com/tigramgros

Ich habe das Buch vor einer Weile entweder in einer der wunderbaren „Nimm mich mit Kisten“ oder im offenen Bücherschrank gefunden und habe mich hauptsächlich vom Buchrücken entzücken lassen und es eingepackt. Zu Hause dämmerte mir dann, dass ich heiße skandalträchtige Kost abgeschleppt hatte.

Mich hat der Roman von der ersten Seite total gepackt. Die Sprache ist scharf, schnell, die Sätze hämmern sich ins Gehirn und ich habe lange schon nicht mehr soviele Sätze angestrichen und rausgeschrieben wie in Axolotl. Es ist unglaublich, wieviel Hegemann vom Verlust, der Angst, der Einsamkeit verstanden hat, als sie diesen Roman mit 16 ? 17 ? geschrieben hat. Ob jetzt jeder dieser Sätze und Gedanken eine Eigenproduktion ist oder nicht, die Art und Weise wie sie sie zusammengeschraubt hat, Bewußtseinszustände und Empfindungen benannt hat, hat mich beeindruckt, ein Turbo-Hirn im Schnellwaschgang.

„O. k., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod, die Fetzen angstgequälten Schlafes, mein von schicksalsmächtigen Orchestern erbebendes Kinderzimmer und all diese Einbrecherstimmen aus dem Hinterhof, die unausgesetzt meinen Namen schreien“

„Wie bei jeder drogenabhängigen Minderjährigen mit Reflexionsvermögen äußert sich mein Hang zur Realitätsflucht in einer ausgeprägten Lesesucht. Ich verschlinge gleichermaßen aufgeklärte Belletristik über pakistanische Psychoanalytiker und Diplomarbeiten über den Zusammenhang von Moby Dick und dem Nationalsozialismus. Tageslicht gilt es mit einer lässigen Geste abzuwinken.“

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Mifti wohnt mit ihren beiden Geschwistern in schimmernder Wohlstandsverwahrlosung in einer WG, die Mutter, psychisch krank und alkoholabhängig, ist vor ein paar Jahren gestorben, der Vater als erfolgreicher Regisseur in der Welt unterwegs. Eine Haushälterin versucht verzweifelt, gegen die Auflösung anzuputzen, hat aber keine Chance.

Mifti nimmt Heroin, geht nicht mehr zur Schule, verbringt ihre Zeit auf Partys in tagelangen Sexabenteuern und Drogenräuschen und schläft hin und wieder mit Ophelia, einer Freundin unklaren Alters, die wie sie durchs Leben gleitet. Die Geschichte hat wenig Handlung, die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Traum und Interpretation verwischen, die düstere Realität bleibt ungreifbar. Mifti entgleitet sich selbst, schmiert einfach ab. Wie der titelgebende Axolotl, der nie aus seinem Lurchstadium herauskommt, hat auch Mifti nur das eine Ziel im Leben „nicht erwachsen werden“.

„Ich bin wild aufgewachsen und ich will wild bleiben. Es ist drei Uhr nachts und mein kaputtgefeierter Körper sitzt zu Tode in seiner Opferrolle versunken in einem Taxi.“

„Mein Leben, meine Disziplinlosigkeit, mein Hausschaf, meine Tendenz zur Autoaggression, meine Selbstzweifel, meine Angst davor, nicht rechtzeitig vor eine harte Prüfung gestellt zu werden oder vor eine schwierige Entscheidung und natürlich auch die Angst davor, nie wieder das Bett verlassen zu müssen, außer um gelegentlich Zigaretten zu organisieren und dann in wenigen Jahren den Antrag auf Hartz IV in den Briefkasten zu schmeißen. Meine Autoaggressionen gehen über eine Häufung von Narben am nichtdominanten Unterarm hinaus. Ich injiziere intravenös schädliche Substanzen und stehe seit neuestem in der Gefahr einer ungewollt tödlichen Verletzung. Alles geht weiter. Es lohnt sich nicht, auf ein einschneidendes Erlebnis zu warten. Ich bin ein misshandelter Teenager.“

Sicherlich kein Roman für jeden, aber ganz sicher für Menschen, die wie Mifti gezwungen waren, sich ihr Grundvertrauen früh abzugewöhnen und die aufgrund der Erfahrungen, die erlebt wurden, als noch nicht genug schützende Hornhaut da war, ihr Leben lang mit dieser „Behinderung“ durchs Leben gehen. Ich kann auch nachvollziehen, dass es eine Menge Menschen gibt die ihr pseudeo-intellektuelles rich-bitch Gelaber vorwerfen und ihre Mißbrauchs- und Gewalterfahrungen als als Koketterie abtun, Mich hat es einfach sehr berührt.

Wenn Mifti noch da ist, würde ich mit ihr 52 Whisky trinken und den echauffierten Kritikern im schwarzen Rollkragenpullover ein Axolotl auf die Windschutzscheibe malen.

Das Buch erschien im Ullstein Verlag.

The Night Circus – Erin Morgenstern

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Ein Reading Weekend in Barcelona ist eine maximal wunderbare Sache. Man fährt mit gleichfalls lesebegeisterten Menschen in eine der schönsten Städte der Welt, in der es auch Ende Oktober noch wunderbar warm ist. Man packe Unmengen an Bücher ein, miete sich eine schöne Wohnung an und dann gehts einfach los. Lesen, über Bücher diskutieren, Barcelona unsicher machen, jede Menge Tapas, Cava und Vino Tinto testen und eine literarische Stadtführung gab es auch.

Öhm ok, aber was hat ein Reading Weekend in Barcelona mit Frau Morgenstern’s „The Night Circus“ zu tun? Alles und nichts würde ich sagen. Eigentlich war es nur das Buch, das ich gerade am Start hatte, als wir nach Barcelona geflogen sind, es hatte nicht wirklich eine nähere Verbindung zu Barcelona oder zum Reading Weekend, entpuppte sich dann aber doch als richtig Wahl.

Es geht um zwei Zauberer, die anscheinend unsterblich sind, zumindest verdammt alt werden können. Prospero the Enchanter (Hector Bowen), und Mr. A. H. „the man in the grey suit“, die einen über Generationen ausgetragenen Wettstreit miteinander ausfechten, ausgetragen über ihre jeweiligen Schüler. Ende des 19. Jahrhunderts wählt Prospero seine 6jährige Tochter Celia als Schülerin, während A. H. einen 9jährigen Waisenjungen namens Marco Alisdair als seinen Schüler auswählt. Die beiden sind dadurch in einen lebenslangen Wettkampf verwoben, dessen genaue Ausmasse und Parameter ihnen nie wirklich erklärt werden und jahrelang wissen die beiden nicht einmal, dass sie überhaupt in einem Wettkampf miteinander stehen und wer eigentlich ihr Gegner ist.

The circus arrives without warning. No announcements precede it, no paper notices on downtown posts and billboards, no mentions or advertisements in local newspapers. It is simply there, when yesterday it was not. The towering tents are striped in white and black, no golds and crimsons to be seen. No color at all, save for the neighboring trees and the grass of the surrounding fields. Black-and-white stripes on grey sky; countless tents of varying shapes and sizes, with an elaborate wrought-iron fence encasing them in a colorless world. Even what little ground is visible from outside is black or white, painted or powdered, or treated with some other circus trick.

Der Nachtzirkus, der über Nacht plötzlich auftaucht, auch als Le Cirque des Rêves bekannt, ist ein Ort, der sich ständig ändert und durch die leidenschaftlichen Aufführungen und Wettkämpfe von Marco und Celia beeinflusst wird. Diese Leidenschaft überträgt sich (natürlich) auch irgendwann auf die beiden und sie werden von Rivalen zu leidenschaftlichen Liebenden. Der Wettkampf wird zum Kampf um ihre Liebe, der sie gegenseitig und den Zirkus zerstören könnte – oder wird es ihnen möglich sein ihrem Schicksal zu entkommen?

Der Roman hat eine wundervolle melancholisch dunkle Atmosphäre bevölkert mit exzentrischen Protagonisten, wie z.B. Friedrich Thiessen, der deutsche Uhrmacher, Zirkus-Groupie Tsukiko, eine Schlangenfrau, oder die rothaarigen Zwillinge, die in der Eröffnungsnacht des Zirkus geboren wurden und noch viele viele mehr.

Selbst für Leute die keine großen Zirkusfans sind, dieses Buch zieht einen so hinein in die Farben und Gerüche. Alles ist Illusion und es lohnt sich, die Neugierde einfach manchmal zu unterdrücken und nicht hinter den Spiegel zu schauen.

“The finest of pleasures are always the unexpected ones.”

Das Zitat passt wie die Faust aufs Auge. Denn genauso überraschend wie der Night Circus im Buch auftaucht, genauso überraschend ist in Barcelona plötzlich ein Zirkus vor mir aufgetaucht, der dem Night Circus meiner Phantasie fast haargenau entsprach. Ich dachte ich spinne.

Die anderen Reading Weekendler wollten gerne zur Sagrada Familia, da ich sie aber kannte und keine Lust auf lange Schlangen hatte, hab ich mich alleine am Hafen an der Barceloneta rumgetrieben und da war er der Zirkus.  Hab mich um die Umzäunung reingeschlichen, mir die Wagen angeschaut, ins Zelt geguckt, er war fast komplett leer an diesem sonnigen Sonntagmorgen, hab ein paar Bilder gemacht, ein kleiner Artisten-Junge mit dem süßesten Hund der Welt hat sogar versucht, mir das Jonglieren beizubringen. Ja, da war ich nun leider nicht sehr begabt.  Schade, das ich mein Night Circus Buch nicht dabei hatte,  das wäre sonst das perfekte Bild geworden. Wären wir nicht am Abend abgereist, ich wäre auf jeden Fall in den Zirkus gegangen – aber irgendwann taucht der schon noch mal auf in meiner Nähe – und dann ….

“You may tell a tale that takes up residence in someone’s soul, becomes their blood and self and purpose. That tale will move them and drive them and who knows that they might do because of it, because of your words. That is your role, your gift.”

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Wahrscheinlich hat mich auch der Film „Prestige“ an das Buch erinnert, den ich diese Woche gesehen habe. Die Verfilmung von „The Night Circus“ ist aktuell in Produktion, der Trailer hier ist anscheinend von einem Fan erstellt und daher nicht offiziell, sieht aber schon mal ganz gut aus:

Mein nächstes Reading Weekend kommt bestimmt – watch out !

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Der Nachtzirkus“ im Ullstein Verlag erschienen.