Regeneration – Pat Barker

RegenerationMehr oder weniger zufällig habe ich dieses Jahr einige Bücher gelesen, die im Ersten Weltkrieg spielen. Ob es die diversen 100-Jahre-1. Weltkrieg-Erinnerungsveranstaltungen waren, die mich dazu brachten oder ob es Zufall ist, ich weiß es nicht genau. Pat Barker’s „Regeneration“ ist auf jeden Fall schon sehr lange auf meiner „To-Read-Liste“. Mitte der 90er Jahre war die Trilogie in aller Munde und Pat Barker gewann auch den Booker Prize für den dritten Band „The Ghost Road“.

„Regeneration“ ist der erste Band in der Serie, der sich hauptsächlich mit den psychologischen Effekten beschäftigt, die durch den Krieg bei den Soldaten ausgelöst wurden. Die Geschichte spielt in Craiglockheart, einem Militär-Hospital in Schottland, das sich auf die Behandlung von „Shellshock“ und andere Kriegstraumata spezialisiert hat.

Barker vermischt sehr gekonnt Fakten und Fiktion. Wir treffen einige historische Persönlichkeiten wie die Poeten und Schriftsteller Siegfried Sassoon, Robert Graves, Wilfrid Owen und den Psychologen Rivers, die tatsächlich zeitgleich in Craiglockheart waren. Im Vordergrund der Geschichte stehen die unterschiedlichen Behandlungsmethoden sowie der Einfluß, den die psychologischen Wunden auf die Persönlichkeit der Männer und die Gesellschaft haben.

Sassoon, ein hochdekorierter, desillusionierter Soldat hat in einem öffentlichen Schreiben im Juli 1917 gegen die Fortführung des Krieges und die damit zusammenhängenden Ungerechtigkeiten und Unaufrichtigkeiten sowie die enorme Menge an Kriegsopfern protestiert. Der Brief sorgt für einen Skandal – die Armee fürchtet eine Untermininierung der Kampfesmoral in der Heimat und ist nicht sicher, was sie mit dem aufrührerischen Sassoon machen sollen.

“I am making this statement as an act of wilful defiance of military authority because I believe that the war is being deliberately prolonged by those who have the power to end it. I am a soldier, convinced that I am acting on behalf of soldiers. I believe that the war upon which I entered as a war of defence and liberation has now become a war of aggression and conquest. I believe that the purposes for which I and my fellow soldiers entered upon this war should have been so clearly stated as to have made it impossible to change them and that had this been done the objects which actuated us would now be attainable by negotiation. I have seen and endured the sufferings of the troops and I can no longer be a party to prolong these sufferings for ends which I believe to be evil and unjust. I am not protesting against the conduct of the war, but against the political errors and insincerities for which the fighting men are being sacrificed. On behalf of those who are suffering now, I make this protest against the deception which is being practiced upon them; also I believe it may help to destroy the callous complacency with which the majority of those at home regard the continuance of agonies which they do not share and which they have not enough imagination to realize.”

Sein guter Freund Robert Graves sorgt dafür, dass Sasson nach Craiglockheart geschickt wird, anstatt ihn als Deserteur hinzurichten. Sassoon wehrt sich gegen die Idee, sich von einem Psychologen behandeln zu lassen, aus Sorge, als verrückt zu gelten und sein eigentliches Anliegen – der Protest gegen die Weiterführung des Krieges – damit aus dem Fokus gerät.

Er trifft dort auf Dr. Rivers, einen Psychologen, der seine Patienten ermuntert, ihre Kriegserlebnisse zu verbalisieren und versucht sie durch Gesprächstherapie zu heilen. Er symphatisiert mit seinen Patienten, leidet mit ihnen, wenn sie ihm von den schrecklichsten Horrorszenarien erzählen, ist aber grundsätzlich für eine Weiterführung des Krieges. Die Patienten leiden an den unterschiedlichsten Sympthomen. Manche sind stumm, andere erbrechen sich pausenlos, viele zittern und fast jeder hat Alpträume. Rivers versucht Sassoon dazu zu bewegen nach Frankreich zurückzukehren und weiterzukämpfen, um nicht als Feigling zu gelten.

Sassoon steht nicht im Mittelpunkt der Geschichte wie man anfangs eventuell glauben könnte, sondern eine ganze Reihe Protagonisten, die im Hospital behandelt werden. Prior zum Beispiel, der durch ein schreckliches Erlebnis im Schützengraben die Sprache verloren hat, sich aber nicht mehr daran erinnern kann. Durch Hypnose schafft er es schließlich, sich daran zu erinnern und hat große Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass das schreckliche Erlebnis nicht eine große Heldentat seinerseits war sondern „nur“ ein Kamerad der vor seinen Augen in die Luft gesprengt wurde. Überhaupt sind die psychologische Natur ihrer Erkrankungen ein riesiges Problem für die Soldaten.

Für sie sind Nervenkrankheiten, Hysterie etc. Frauenkrankheiten, sie schämen sich aufgrund solcher Probleme im Hospital zu sein und nicht aufgrund körperlicher Verwundungen. Der Horror und die unglaublich große Anzahl an Männern mit psychologischen Traumata konnten irgendwann nicht mehr ignoriert werden. Die Geschichte beschäftigt sich auch mit Klassen-Fragen. Die Art und Weise wie einfache Soldaten und Offiziere behandelt werden, ob an der Front und wenn sie verwundet sind, unterscheiden sich fundamental voneinander. In Craiglockheart werden nur Offiziere behandelt. Prior hat einen Arbeiterhintergrund und sich mühselig in der Armee nach oben gedient, ihn beschäftigen die Klassenfragen und die unterschiedlichen Behandlungsweisen enorm.

Rivers steht für die Ambivalenz der Ansichten in dieser Zeit. Er leidet mit seinen Patienten, steht für eine fortschrittliche humane Behandlungsmethode, die aber eben nur Offizieren angedeiht wird. Er entscheidet sich im Laufe der Geschichte eine Position in London anzunehmen in einem Hospital, das sich ebenfalls auf die psychologische Behandlungen von Soldaten spezialsiert hat, allerdings einfache Soldaten. Er nimmt an einer brutalen Elektro-Schockbehandlung von Dr. Yealland, einem anderen Psychologen, teil, dessen einziges Ziel es ist, jeden Soldaten wieder zum Sprechen und zum äußerlich normalen und dienstfähigen Soldaten zu machen. Die Art und Weise, wie er dabei vorgeht und die Opfer, die dafür gebracht werden müssen, sind ihm völlig egal. Rivers entscheidet sich nach Craiglockheart zurückzukehren, angewidert von den brutalen Behandlungsmehtoden.

Eine weitere Rolle im Buch spielt Kameradschaft, Nähe und Liebe zwischen Männern. Sassoon’s Homosexualität wird  schon recht am Anfang des Buches klar. Sassoon wird für seinen Mut, seine Hingabe zu seinen Männern und die Liebe zu ihnen gerühmt, das ist eine Liebe die die Gesellschaft und auch die Armee gut findet, da sie glauben, dass es zu einer stärkeren Armee führt. Sassoon hat Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass diese Liebe sogar noch bestärkt und dazu ermuntert wird, das aber die falsche Art von Liebe zwischen Männnern streng geahndet wird. Starke emotionale Bindungen zwischen Männern  und auch psychologisch kriegsversehrte wie Shell-Schock-Opfer befinden sich außerhalb der gesellschaftlich anerkannt und akzeptierten Regeln. Die Anerkennung würde eine Gefährdung der sozialen Order bedeuten.  Sassoon kämpft nicht nur für die Beendigung des Krieges, sondern unbewusst auch für eine stärkere Akzeptanz männlicher Emotionalität und seine eigene Homosexualität.

Mich hat das Buch sehr bewegt, ich werde sicherlich auch die anderen Teile der Trilogie lesen. Wie sehr der Erste Weltkrieg die Welt verändert hat, wird einem nach der Lektüre noch einmal klarer. Zwar ist die Hoffnung nicht erfüllt worden, dass die Menschen aus diesem grausamen Schlachtfest gelernt haben und es danach nie wieder Krieg geben wird, aber die Gesellschaften sind zumindest in zum Teil stärker zusammengewachsen.

„Men said they didn’t tell their women about France because they didn’t want to worry them, but it was more than that. He needed her ignorance to hide in. Yet, at the same time, he wanted to know and be known as deeply as possible. And the two desires were irreconcilable.”

“The way I see it, when you put the uniform on, in effect you sign a contract. And you don’t back out of a contract merely because you’ve changed your mind. You can still speak up for your principles, you can still argue against the ones you’re being made to fight for, but in the end you do the job.”

“And as soon as you accepted that the man’s breakdown was a consequence of his war experience rather than his own innate weakness, then inevitably the war became the issue. And the therapy was a test, not only of the genuineness of the individual’s symptoms, but also of the validity of the demands the war was making on him. Rivers had survived partly by suppressing his awareness of this. But then along came Sassoon and made the justifiability of the war a matter for constant, open debate, and that suppression was no longer possible. At times it seemed to Rivers that all his other patients were the anvil and that Sassoon was the hammer. Inevitably there were times when he resented this. As a civilian, Rivers’s life had consisted of asking questions, and devising methods by which truthful answers could be obtained, but there are limits to how many fundamental questions you want to ask in a working day that starts before eight am and doesn’t end till midnight.”

“On the face of it he seemed to be congratulating himself on dealing with patients more humanely than Yealland, but then why the mood of self-accusation? In the dream he stood in Yealland’s place. The dream seemed to be saying, in dream language, don’t flatter yourself. There is no distinction.”

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