Why be happy when you could be normal? Jeanette Winterson

Winterson

Es gibt Bücher, die gehen so nah ran, da finde ich es unglaublich schwer, eine Rezension zu schreiben. Vielleicht habe ich daher so lange gewartet, bis ich mich an Jeanette Wintersons „Why be happy when you could be normal“ herantraute. Es ist die Geschichte hinter ihrem Erfolgsroman „Oranges are not the only fruit“, der Mitte der 80er Jahre erschien und ein riesiger Erfolg war. Es ist die analytischere Fortsetzung des semi-autobiographischen „Oranges“.

„Why be happy“ ist überall mit den Worten „heartbreaking and funny“ beschrieben worden und ich habe während des Lesens in der Tat häufig an Olli Schulz‘ „Brichst Du mir das Herz, brech‘ ich Dir die Beine“ gedacht. „Why be happy“ ist kratzig, es tut weh, es macht Mut und immer wieder komme ich an die Frage, die mich beschäftigt wie wenige andere. Warum sind die einen so widerstandsfähig, überleben, kommen anscheinend sogar gestärkt aus solchen Kindheiten heraus, während andere vernarbt und verkrüppelt durchs Leben gehen und nicht drüber wegkommen.

„…upset that there are so many kids who never get looked after, and so they can’t grow up. They can get older, but they can’t grow up. That takes love. If you are lucky, the love will come later. If you are lucky you won’t hit love in the face.

Die Sprache ist knapp und gedrängt, gelegentlich in Notizform, aber das passt einfach zu der Geschichte, die davon handelt, wie sie als kleines Kind von überreligiösen Pfingstgemeindlern adoptiert wird, die hoffen, aus ihr eine Missionarin zu machen, aber stattdessen verliebt sie sich mit 16 in eine Frau. Schlimmer geht es nicht. Mrs. Winterson, die furchteinflössende harsche und total in sich gefangene liebesunfähige Frau, stellt sie vor die Wahl. Trennung von der Frau oder sie fliegt raus. Jeanette entscheidet sich für Letzteres und Mrs. Winterson fragt sie beim Gehen: „Why be happy when you could be normal?“

Ja warum? Jeanette erzählt diese Geschichte, die Suche nach Liebe, danach Dazuzugehören, nicht mehr einfach nur ein Blatt im Wind zu sein, das ziellos irgendwo hin geweht wird, nach einem Heim.

„It is a book full of stories: about a girl locked out of her home, sitting on the doorstep all night; about a tyrant in place of a mother, who has two set of false teeth and a revolver in the duster drawer, waiting for Armageddon…“

Was Jeanette in der Kindheit rettet, sind Bücher. “A book is a door,” entdeckt Winterson in der lokalen Bücherei. “You open it. You step through.” Sie liest sich in die Freiheit. Raus aus dem Kohlenkeller, in dem sie wiederholt eingesperrt war, weg von ihrer prügelnden Mutter. Das einzig gute am Kohlenkeller war, das es die Reflektionsfähigkeit fördert, erinnert sich Jeanette.

Aber Mrs. Winterson ist nicht nur eine ausgenommen strenge Gegnerin, wenn es um Geschlechtsverkehr oder jegliche Interessen außerhalb der Kirchengemeinde geht, auch Bücher gehören zu den Dingen, die auf ihrer persönlichen Bannliste stehen. Das Problem ist “that you never know what’s in it until it’s too late, it’s the same trouble that complicates parenthood.“ Sowenig wie sie bei der Adoption ahnen konnten, welches Baby sie in der Wiege erwartet, so wenig weiß man, auf welche Ideen einen ein Buch bringt.  “The Devil led us to the wrong crib.”

Jeanette versteckt Bücher heimlich unter ihrem Bett, es passen genau 72 Stück unter eine Matratze und irgendwann hat sie mehrere Schichten drunter, die Mrs. Winterson natürlich findet und sie im Garten verbrennt.

„I had no one to help me, but the T. S. Eliot helped me.
So when people say that poetry is a luxury, or an option, or for the educated middle classes, or that it shouldn’t be read at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people saying that had things pretty easy.
A tough life needs a tough language – and that is what poetry is. That is what literature offers – a language powerful enough to say how it is.
It isn’t a hiding place. It is a finding place.“

Ohne Bücher ist es so oder so Zeit für Jeanette zu gehen. Sie übersteht den Exorzismus, den ihre Mutter versucht, um sie von der bösen gleichgeschlechtlichen Liebe zu heilen und geht. Sie verlässt das Haus mit 16 und verbringt die nächsten Jahre damit zur Schule zu gehen, in einem geliehenen Auto zu schlafen und sie verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Teilzeitjobs. Sie schafft es, sie geht zur Uni, studiert und wird erfolgreich – nur eines schafft sie nicht, wie sie später merkt.

Sie kommt einfach nicht wirklich los von Mrs. Winterson, weder in ihren Büchern noch im wirklichen Leben. Sie wird immer und immer wieder zurückgeholt an die Wunden, die ihr Schreiben im Grunde ausgelöst haben.

“I can’t remember a time when I wasn’t setting my story against hers,”

Dieses letzte Zitat fängt das Buch für mich am besten ein und ich hätte es nie so ausdrücken können – ganz langsam lerne ich aber auch das belonging 🙂

„I have worked hard at being the hero of my own life, but every time I checked the register of displaced persons, I was still on it. I didn’t know how to belong. Longing? Yes? Belonging? No.“

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Warum glücklich statt einfach nur normal“ im Fischer Verlag.

Landgericht – Ursula Krechel

Landgericht

Als angehende Juristin musste die Bingereader-Gattin das Landgericht natürlich lesen und ich hatte es durchaus auch auf dem Radar. Aber eigentlich erst für etwas später, aber dann ja, dann saß ich am Strand von Mallorca und war durch mit meiner Urlaubslektüre (ich möchte an dieser Stelle bitte keine Kommentare zum Thema e-Reader hören – danke sehr) 😉 und da hab ich dann gar nicht abwarten können, dass sie endlich endlich endlich zum Ende kommt, um es ihr schnurstracks aus den Fingern zu reissen.

Und sie hat sich gelohnt, die Sache Kornitzer. Ein erschütterndes Buch, das einen traurig, wütend und hilflos am Ende zurück lässt und das ich trotzdem auf keinen Fall missen möchte.

Auch wenn ich sicherlich schon so einiges über das Schicksal der jüdischen Menschen während der NS-Zeit gelesen habe, dieses hier hat Ecken beleuchtet und Seiten in mir berührt, wie wenige andere Bücher diesr Thematik.

Wir treffen Richard Kornitzer der nach über zehnjährigem Exil endlich seiner damals in Deutschland verbliebenen Ehefrau gegenübersteht und hier zeigt sich Krechels grosses Können. Dieses bewusste nicht ausschlachten dieser wahnsinnig emotionalen Begegnung. Da treffen sich zwei endlich wieder, die sich so sehr verändert haben, die sich ganz vorsichtig einander annähern und versuchen, wieder Kontakt zu einander aufzunehmen.

Richard, der bis 1933 als Richter tätig war und dann in letzter Sekunde das Land verlassen konnte und seine Ehefrau Claire, eine ehemals überaus erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die in der Kinowerbung tätig war, treffen sich am Bodensee wieder. Ihre beiden Kinder, die über 10 Jahre in England untergebracht waren, erinnern sich kaum noch an ihre leiblichen Eltern und sprechen auch kein Deutsch mehr. Das sind heftige Passagen, wie die Eltern um die Nähe ihrer Kinder kämpfen und an der Unmöglichkeit nahezu scheitern.

Stellvertretend wird im Roman der tatsächliche Fall Philipp Auerbachs wiedergegeben, der sich für angemessene Entschädigungen für die Opfer einsetzte und so derart angegriffen und verfolgt wird dafür, das er schlussendlich Selbstmord begeht.

Die perfiden Demütigungen und Verfahrensverschleppungen bei den Entschädigungsverfahren sind unglaublich. Ehemalige Nazis sind ruckzuck wieder rehabilitiert und oft in herausragenden Positionen, die Opfer dagegen werden wieder und wieder um ihre Rechte gebracht, hingehalten und betrogen.

Es verwundert überhaupt nicht, wenn man das liest, dass nur etwa 5% der Exilanten überhaupt in die BRD zurückgekehrt sind. Die kalte Wut steigt in einem hoch, wenn man das liest und ich habe mich wirklich geschämt dafür, wie mit diesen Menschen umgegangen wurde. Mir war auch nicht klar, wieviele Menschen gar nicht erst ein Anrecht auf Entschädigung hatten. Zwangsarbeiter nicht, oder Frauen wie Claire, die ihre jüdischen Männer unterstützt haben, sich nicht haben scheiden lassen und wie ich jetzt nachgelesen habe, gehörten auch „entartete“ Künstler nicht zu der (kleinen) Gruppe. die überhaupt einen Antrag auf Entschädigung stellen konnte.

Richard geht 1933 ins Exil nach Kuba. Die karibische Insel stellt sich aber keineswegs paradiesisch dar. Die Exilanten dürfen nicht arbeiten, haben alles verloren, die Atmosphäre ist bedrückend. Richard hat Glück und bekommt eine Anstellung als Assistent bei einem Anwalt in Havanna. Nach der Bombardierung von Pearl Harbour gelten die Exilanten als feindliche Ausländer und es gibt keine Möglichkeit mehr für ihn, mit seinen Kindern in Kontakt zu bleiben.

Er lernt in Havanna eine Lehrerin kennen und lieben und die beiden bekommen sogar ein Kind miteinander. Die ungeplante Schwangerschaft ist aber im Grunde Auslöser für die Entfremdung der beiden. So sehr sich Richard das Kind auch wünscht, Charidad kann als uneheliche Mutter keine Lehrerin bleiben und sie gibt das Kind zur Adoption frei. Wieder ein Kind, dass Richard nicht behalten kann.

Claire findet Richard nach dem Krieg durch das Rote Kreuz. Sie treffen sich am Bodensee und kurz darauf nimmt er eine Position im Justizministerium in Mainz an. Sie finden auch ihre Kinder in England, aber es ist einfach schwierig nach den Jahren der Entfremdung wieder einen engen, liebevollen Kontakt zueinander aufzubauen. Claire und Richard leben in Mainz, einigermassen glücklich miteinander.

Die Veränderung Claires hat mich im Buch am meisten erschüttert. Wie sehr sich die erfolgreiche selbstbewusste Vorkriegs-Claire doch in fast schon ein Hausfrauen-Mäuschen verwandelt hat, war erschütternd. Richard kämpft und kämpft für seine Entschädigung, doch ohne Erfolg. Die Ungerechtigkeit setzt ihm körperlich zu, er leidet an Herzschwäche, geht des Öfteren zur Kur und lässt sich dann früh verrenten. Ich mag nicht zuviel verraten, aber es gibt erfreulicherweise doch noch einmal einen Lichtblick für Richard.

Besonders spannend fand ich die Beschreibungen des Berlin der 20er Jahre insbesondere Claires Arbeit am Film und ihre Liebe zur Architektur Erich Mendelsohns.
Die beiden sind da ganz andere Menschen, als das Paar das sich zehn Jahre später wieder trifft.

Krechel stellt das herzlose verdrängende Nachkriegsdeutschland bloß, das kein Mitleid für die Opfer übrig hat und am liebsten den Spuk so schnell wie möglich vergessen möchte und die zu Recht um Entschädigung und Wiedergutmachung kämpfenden Opfer ins Abseits drängt.

Der Roman hat mir sehr gut gefallen, wenngleich einige Kapitel durchaus ein paar Kürzungen vertragen hätten. Den Deutschen Buchpreis hat sie 2012 meines Erachtens aber durchaus zu Recht bekommen.

„Da kann ich auch nichts machen, sagte die Frau mit müder Stimme. Sie wissen doch, in unserer Stadt sind 80 Prozent des Wohnraums zerstört. Ich weiß, antwortete Kornitzer, nicht nur Wohnraum. Und dachte: Auch Empfindungen, 80 Prozent Mitleid konnte er sich als eine Summe nicht genau vorstellen.”

„Achtung! Gefahren des Tonfilms!
Viele Kinos müssen wegen der Einführung des Tonfilms und dem Mangel an vielseitigen Programmen schließen!
Tonfilm ist Kitsch!
Wer Kunst und Künstler liebt, lehnt den Tonfilm ab!Tonfilm ist Einseitigkeit! 100 % Tonfilm = 100 % Verflachung“

„Später las er in einer Zeitung, daß sich die berühmte pressure group der Literatur, die Gruppe 47, auch gegen die Mitgliedschaft von Emigranten wehrte mit dem durchsichtigen Argument, diese sprächen und schrieben ein altmodisches Deutsch, jedenfalls nicht das Deutsch, das durch die Erfahrungen des Krieges, der Kriegsteilnehmerschaft und der Kriegsgefangenschaft gehärtet, gestählt worden sei.“

„Warum es Einser-Philosophen gibt und Einser-Volkswirte, aber die Noten der Juristen tiefer liegen, weiß kein Mensch zu sagen. Vielleicht um die jungen Juristen nicht zu verwöhnen, währen der junge Philosoph weiß, daß auf ihn nicht die geringste Verwöhnung wartet, sondern die raue Gewißheit, daß niemand ihn braucht. Hervorragende Juristen werden gebraucht.“

537b3546c07a80946d000079_ad-classics-the-einstein-tower-erich-mendelsohn_2-530x563© Gili Merin

Donna Leon @BMW Welt München

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„I was at La Fenice opera house back in 1991 with friends, and we started talking about a conductor whom none of us liked. Somehow there was an escalation, and we started talking about how to kill him, where to kill him. This struck me as a good idea for a book“

Nach wie vor ist dieser erster Brunetti Krimi in dem ein Dirigent während des letzten Aktes von „La Traviata“ ermordet wird mein liebster. Frau Leon und ich teilen die Liebe zu Händel, Raymond Chandler, Italien und vielleicht noch 1-2 andere Dinge 😉

Donna Leon stellte am Sonntag in München ihren 22. Brunetti Roman vor „Das goldene Ei“. Es war ein sehr unterhaltsamer Nachmittag mit ihr und ich würde jederzeit mit ihr in die Oper und danach ein Glas Wein trinken gehen. Alle 22 Krimis habe ich nicht gelesen und habe ich auch nicht vor, aber ab und an mal einen ist fast wie ein Kurzurlaub in Venedig.

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Meine Woche

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Gesehen: „Sagan“ – großartiger Film, macht große Lust (wieder) Francoise Sagan zu lesen!

Gehört: Darkside – dieses und dieses. Interpol „Everything is wrong„. Und die live-Übertragung aus der Bayerischen Staatsoper „Die Sache Makropulos“ von Janacek. Öhm ja das war eher gewöhnungsbedürftig für mich, aber das Bühnenbild war klasse und die gesangliche Performance astrein. Nur nicht ganz meine Oper.

Gelesen: zwei Artikel in der Zeit die kontrovers aber sehr lesenswert sind. Thomas Glavinic „Macht sie doch zu Märtyrern“ und „Der Verlust am Ende der Welt“ von Roman Ehrlich.

Getan: Workshop Wahnsinn, eine Lesung von Donna Leon besucht, St. Paulis DFB-Aus betrauert und gestern auf dem Balkon in der Sonne gesessen.

Gegessen: Frau Wonnies Karottensalat mit gerösteten Pistazien und Granatapfel-Vinaigrette – unglaublich lecker! Kann euch das Rezept nur empfehlen! Außerdem noch ein sehr gutes Okra-Schoten-Curry im indischen Lokal, lecker aber leider nicht scharf genug.

Getrunken: Kingfisher Bier

Gefreut: war ein wahnsinnig toller Tag zum Radln heute – so kann der November bleiben 😉 Und darüber das jemandem ein Satz den ich vor ein paar Jahren gesagt habe, tatsächlich geholfen hat.

Geärgert: wenn ich schon maaaaal plane und dann zack fallen die ins Wasser *aaargh*

Gelacht: Why was 8 afraid of 7 ? Because 789 😉 Aber am meisten darüber wieviel Spaß Donna Leon selbst beim Witze erzählen hatte.

Geplant: den Besuch vom Herrn Papa im Dezember, den wir leider verschieben mussten, weil die olle Bandscheibe muckt.

Gewünscht: ein Bild von Billy und Hells, die sind fast alle toll, dieses zB oder dieses .

Gekauft: nüscht glaub ich – doch! Blumen 🙂

Gefunden: einen tollen Blumenladen auf dem Weg zur Arbeit

Geklickt: Auf Sunday Routine, weil ich es spannend finde in anderer Menschen Leben reingucken zu können

Gewundert: wie populär Halloween auf einmal geworden ist

(diese Auflistung bei philuko gesehen für toll befunden und übernommen – hoffe, das ist ok).

The Ocean at the end of the Lane – Neil Gaiman

The Ocean at the End of the Lane

Schon das Finden des Buches hatte etwas magisches an sich. Während eines Kochkurses in Luang Prabang stellte ich fest, dass im Haus gegenüber ein furchtbar spannend aussehender Second-Hand-Bookshop war und ewig hing an dem Tag das „Closed“ Schild über der Tür. Und irgendwann zwischen dem Laap und dem grünen Papaya-Salat war das Schild weg, die Tür auf und ich nicht mehr am Wok zu halten.

Der Bookshop war eigentlich eher ein großes Wohnzimmer, in dem überwiegend Rucksackreisende neue Lektüre kaufen oder tauschen konnten und ich fand es ganz bezaubernd dort. Und inmitten all der zu erwartenden Strandlektüren fand ich „The Ocean at the end of the Lane“ – zack, das musste mit. Frisch erschienen und super gut erhalten und bei Neil Gaiman kann man eigentlich wenig falsch machen. Die schreibende Hälfte des Kreativ-Ehepaars Gaiman/Amanda Palmer ist eigentlich fast immer ein Garant für hochklassige, phantasievolle spannende Unterhaltung.

Das Buch hat eine ganz tolle traumartige Atmosphäre und man weiß ganz oft nicht, was real ist und was nicht. Es geht um einen Mann in seinen Vierzigern, der ins Haus seiner Kindheit zurückkehrt, um an einer Beerdigung teilzunehmen. Es zieht ihn fast magisch zu einer Farm am Ende der Straße, in der er als siebenjähriger Junge sehr viel Zeit verbracht hat. Dort traf er zum ersten Mal auf Lettie, ein unvergessliches, unglaubliches kleines Mädchen das sich mit ihm anfreundet. Mit ihr, ihrer Mutter und Großmutter erlebt er unglaubliche Abenteuer.

Er setzt sich an den Teich (von dem Lettie und ihre Großmutter stets behaupteten, es sei ein Ozean und kein Teich) und die Erinnerungen von damals stürmen auf ihn ein. Wir erleben die Geschichte noch einmal mit ihm, sehen sie durch seine Augen als kleiner Junge. Wie echt sind diese Erinnerungen? Was ist dran an den Monstern und den magischen Abenteuern unserer Kindheit? Sind wir die aufgeklärten, wenn wir als Erwachsene müde lächelnd die phantastischen Abenteuer als eben Phantasie abtun? Oder sind eigentlich wir die Ignoranten und Phantasten die einfach abtun was sie nicht vernünftig finden und nicht glauben was sie nicht beweisen können?

Vor 40 Jahren hat der Untermieter der Familie des kleinen Jungen in einem gestohlenen Wagen Selbstmord begangen auf der Farm am Ende der Straße. Diese Tat hat eine ganze Reihe unheimlicher dunkler Begebenheiten in Gang gesetzt, die den kleinen Jungen ängstigen und die er nicht verstehen kann. Lettie beschützt und hilft ihm und gemeinsam kämpfen sie gegen das Böse.

Man sagt das so oft, etwas noch nie dagewesenes, so etwas habe ich noch nie gelesen – aber Gaiman schafft in meinen Augen tatsächlich etwas sehr seltenes: Diese einzigartige Kombination aus dunklem Grusel und wunderbar hellen Sommerferien-Momenten.

Ich habe ein paar Artikel gelesen, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob Gaiman in dem Buch seine Scientology-Vergangenheit aufarbeitet und wie weit er sich tatsächlich von dem Verein distanziert hat. Ich glaube ihm da jetzt erst einmal, auch wenn sein Vater eine richtig wichtige Rolle spielte und auch zwei seiner Schwestern noch immer Mitglied bei Scientology sind.

Aber das Buch hat er für seine Frau Amanda geschrieben „Who wanted to know“ und es ist eine wunderbare Literatur gewordene Liebeserklärung.

Ich habe das Buch geliebt. Gaiman hat nahezu perfekt das Prinzip „Kindheit“ beschrieben in meinen Augen. Genau so hat es sich manchmal angefühlt. Wie gern hätte ich das Buch mit sieben gelesen und dann heute einfach nochmal. Als ich sieben war, war ich nämlich auch ein oft ganz schön einsamer Bücherwurm, der das meiste um sich rum nicht wirklich verstanden hat. Wie gern hätte ich diese wundervolle merkwürdig verrückte Familie am Ende der Straße kennengelernt und auf ihrer tollen Farm jede Menge Abenteuer erlebt. OK – ich hätte mir wahrscheinlich nachts des öfteren ziemlich in die Büx gemacht, aber morgens wäre ich garantiert wieder zurück gewesen at „the ocean at the end of the lane“.

Ein nostalgischer Phantasy-Roman, ein Stephen King meets Astrid Lindgren Buch, das ich auf jeden Fall in einem heißen Sommer an einem See noch einmal lesen möchte. So fühlen sich Sommerferien an. Neben „Neverwhere“ mein liebstes Buch von ihm bisher.

„Grown-ups don’t look like grown-ups on the inside either. Outside, they’re big and thoughtless and they always know what they’re doing. Inside, they look just like they always have. Like they did when they were your age. Truth is, there aren’t any grown-ups. Not one, in the whole wide world.”

„I lived in books more than I lived anywhere else“ (yes very very very true !)

Eine weitere tolle Rezension könnt ihr bei deep read finden!

Lest und lasst Euch verzaubern!

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Der Ozean am Ende der Straße im Eichborn Verlag erschienen.