Levels of Life – Julian Barnes

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Vor einigen Jahren hatte ich mich an „Flauberts Parrot“ und „The story of the World in 10 ½ chapters“ versucht, aber es war wohl der falsche Zeitpunkt, ich wurde einfach nicht warm mit den Büchern und habe Mr Barnes daher eine ganze Weile lang eher links liegen lassen. Bis wir im Bookclub vor einer Weile „The Sense of an Ending“ lasen, für mich eines der besten Bücher 2011. „Levels of Life“ ist ein ähnlich schmaler Band und so dünn das Buch auch ist, so schwer habe ich mich doch mit der Rezension getan.

Der Roman ist in drei Teile geteilt und liest sich wie drei verschiedene Bücher in einem dünnen kombiniert. Es geht um die verschiedenen Level an Emotionen und die unterschiedlichen physikalischen Formen von Höhe. Metaphern an allen Ecken und Enden und Barnes schafft ein paar wunderschöne.

Julian Barnes‘ Frau, die Literaturagentin Pat Kavanagh, starb 2008 nur wenige Wochen nach einer Gehirntumor-Diagnose. Barnes verweigerte jegliche Interviews, stürzte sich in die Arbeit, brachte Romane heraus und erst im dritten Teil des Romans lässt er den Leser wissen, wie es ihm ergangen ist in den 5 Jahren  seit dem Tod seiner Frau. Er tut das in schonungsloser Offenheit, beschönigt nichts, lässt uns teilhaben an seinen berührenden Gedanken, seinen Fragen, seiner Trauer, seiner stillen Wut, ohne jemals ins Sentimentale abzurutschen. Es zeigt noch einmal deutlich, wie sehr wir heute darauf getrimmt sind, nach kurzer Zeit wieder zu funktionieren. Dem Trauernden wird keine Zeit mehr gegeben, innerhalb kürzester Zeit soll er wieder funktionieren.

Wie bei einer Erkältung sind wir von dem „kommt drei Tage, bleibt drei Tage geht drei Tage“ und einer Behandlung aus Schlaf, Tee trinken und vielleicht noch ein paar Wickeln weit entfernt. Heute schlucken wir Medikamente die verhindern sollen, dass wir im Alltag nicht einfach weiterfunktionieren und unsere Trauer ähnelt dem sehr. Wir schlucken Pillen, um nichts mehr zu spüren und nach ein paar Tagen, wenn die Trauer keine News und kein Event mehr ist, erwarten wir, dass der Trauernde nun aber bitte wieder funktioniert. Ich finde es bewundernswert von Barnes, sich die Zeit zu nehmen, die es braucht.

“Every love story is a potential grief story.”

“What happiness is there in just the memory of happiness?”

“Early in life, the world divides crudely into those who have had sex and those who haven’t. Later, into those who have known love, and those who haven’t. Later still – at least, if we are lucky (or, on the other hand, unlucky) – it divides into those who have endured grief, and those who haven’t. These divisions are absolute; they are tropics we cross.”

Die ersten Teile des Buches „Sin of Height“ und „On the Level“  – ein historisches Essay über das Ballonfahren und eine Metapher für die Höhen und Tiefen im Leben und die Liebe zwischen Himmel und Erde, sind ein eher unkonventioneller Einstieg in das Buch und ich könnte mir fast vorstellen, dass es einige Leute gibt, die es gar nicht bis zum überragenden dritten Teil schaffen, was sehr schade wäre. Die elegante Sprache und die Atmosphäre haben mich weiterlesen und auch die ersten Teile durchaus geniessen lassen, aber ich glaube mir hätte nicht wirklich etwas gefehlt, wenn „Levels of Life“ nur aus dem dritten Teil bestanden hätte. Ich denke er braucht die ersten Teile als Reflexionsraum, sie sind Vorbereitung für den schwierigen dritten Teil.

“You put together two things that have not been put together before. And the world is changed…”

“There is a German word, Sehnsucht, which has no English equivalent; it means ‚the longing for something‘. It has Romantic and mystical connotations; C.S. Lewis defined it as the ‚inconsolable longing‘ in the human heart for ‚we know not what‘. It seems rather German to be able to specify the unspecifiable. The longing for something – or, in our case, for someone.”

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Vor einer Weile habe ich Joan Didion’s „Blue Nights“ gelesen, die den Verlust ihrer Tochter ebenfalls in einem Buch verarbeitet hat – stilistisch ganz anders als Julian Barnes, aber genauso  eloquent und berührend. Jeder von uns wird irgendwann einmal im Leben Verluste verarbeiten müssen, „Levels of Life“ und auch „Blue Nights“ sind Bücher, die einem dabei helfen können.

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5 Kommentare zu “Levels of Life – Julian Barnes

  1. Danke für diesen Beitrag.
    An Joan Didion musste ich auch denken, aber verwechselst Du nicht „Blaue Stunden“ mit „Das Jahr des magischen Denkens“? In ersterem geht es um den Tod der Tochter und seine Verarbeitung, im zweiten Buch um den Tod des Ehemanns. „Blaue Stunden“ habe ich erst kürzlich gelesen. Auf jeden Fall handelt es sich um ein Buch, das nachwirkt. Auf die Lektüre wurde ich übrigens durch eine Lesung von Connie Palmen gebracht, die sich mit dem Thema Trauer intensiv auseinandergesetzt hat und u.a. auf Joan Didion und Joyce Carol Oates verwies.

    • Ooops danke Midori – du hast vollkommen recht – ich habe da Didion’s „Blaue Stunden“ und „Das Jahr des magischen Denkens“ verwechselt. Danke für den Hinweis!

  2. Mir hat Flauberts Papagei sehr gefallen, das solltest Du zu einem anderen Zeitpunkt unbedingt noch einmal versuchen, es lohnt sich. Dieses Buch hört sich zwar nach hartem Tobak an, aber es macht mich auch neugierig. Vielen Dank fürs Vorstellen!

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