Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr

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Hauptsächlich war ich eigentlich irritiert und musste mich nach den ersten 2-3 Kapiteln erst einmal vergewissern, ob das wirklich DER Roman war, der da gerade den Pulitzerpreis abgeräumt hatte.

Irgendwie wirkte das Buch auf mich wie ein anspruchsvolles Buch für Teenager mit den kurzen Kapiteln, der zwar sehr schönen aber doch recht einfachen, konventionellen Sprache und alles ist so ein bisschen mit Weichzeichner behandelt. Für eine Geschichte, die im 2. Weltkrieg spielt, ist vom Horror des Krieges irgendwie wenig zu spüren.

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Ich will das Buch auch gar nicht wirklich madig machen, es ist einfach nur diese hohe Erwartungshaltung, die mit den überschwenglichen Kritiken und den Preisen einhergingen, die mich irgendwie mehr erwarten ließen. Ich hatte glaube ich literarische Vollwertkost erwartet und war überrascht, dass  es eher ein fluffiges Canape war.

Es hat aber durchaus geschmeckt das Canape. Nicht das ich hier noch zum Terminator werde und anfange am Fließband Bücher zu zerreissen, nach dem ich schon Herrn Irving kürzlich abwatschte, was mir so einige Leute glaub ich ganz schön übel genommen haben. Aber egal. Was wahr (für mich) ist muss auch wahr bleiben, hat schon meine Oma immer gesagt.

Die Geschichte ist in schönen, poetischen, sehr visuellen und oft knappen Sätzen erzählt, die Kapitel gespickt mit klugen Häppchen und der Erzählfluss wurde durch die häufigen Perspektivenwechsel und Zeitsprünge forsch vorangetrieben. Es gibt drei Charaktere mit unterschiedlichen Sichten und es von Anfang an klar, dass diese drei irgendwann zusammentreffen werden. Wenn sie es dann tatsächlich tun, ziemlich am Ende des Buches, passiert das fast schon zu unaufgeregt und schnell.

Während der Lektüre fühlte ich mich wunderbar unterhalten, es hat Spaß gemacht, ich habe die Sprache genossen, jetzt ein paar Tage nach Beendigung des Buches merke ich, dass ich an ein paar Ecken kritischer sehe. Ich hätte mir bei den Charakteren mehr moralische Komplexität gewünscht. Werner ist zwar entsetzt über die herrschende Brutalität an der Napola, bezieht für sich aber nie klar Stellung, wie er den Nazis gegenüber steht, im Gegensatz zu seiner Schwester, die aber eher eine untergeordnete Rolle im Buch spielt.  Auch Marie Laure kommt nie in eine Situation, in der sie eine wichtige moralische Entscheidung treffen müsste.

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Ich hätte den Protagonisten und der Geschichte insgesamt mehr Ecken und Kanten gewünscht, mir war das alles etwas zu glatt. Hübsch aber zu glatt. Ich habe auch erstaunlich wenige Sätze herausgeschrieben.

Die Atmosphäre im Buch und die Beschreibungen sind wirklich schön. Werner, der Nerd, der alles auseinanderschraubt und wieder zusammensetzt, der Radio-Reparateur des Zollvereins. Der mit seiner Schwester nachts heimlich vorm selbstgebauten Radio kauert und eine wundervoll obskure französische Radiosendung für Jugendliche hört, heimlich unter eine Decke gekuschelt.

Marie, die mit 6 Jahren erblindet, die Tage mit ihrem Vater im Museum verbringt und eine große Leidenschaft für die Naturwissenschaften entwickelt.

Die Mischung aus Radios und kleinen selbstgebauten Städten, Jules Verne, Saint-Malo und die französische Resistance ist klasse, gelegentlich schrappt der Mix ein wenig am Kitsch vorbei, aber im Großen und Ganzen ein Roman, den ich gerne gelesen habe, nur den Pulitzer Preis, den hätte ich ihm wohl nicht verliehen.

„Öffnet eure Augen und seht mit ihnen, was ihr könnt, bevor sie sich für immer schließen.“

Dieses Zitat trifft es vielleicht ganz gut. Das ist ein hübscher Satz, einer der wenigen die ich markiert hatte, aber klingt doch schon ein bisserl nach Kalenderspruch, oder?

Ich würde „Alles Licht das wir nicht sehen“ auf jeden Fall empfehlen und verschenken, aber eher an Teenager oder sehr sehr junge Erwachsene.

Eine weitere Rezension findet ihr hier:

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2 Kommentare zu “Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr

  1. Jetzt bin ich aber schwer beruhigt, dass es noch jemanden so ging! Du beschreibst meine Eindrücke: Hübsch, aber glatt… ( und irgendwie auch öde). Und eben keine Vollwertkost. Zum Thema negative Kritk: Das kann doch im Ernst niemand übel nehmen, wenn die – so wie Du es machst – gut begründet ist?

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