Atlas Shrugged – Ayn Rand

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“Who is John Galt?”

Ich kann mich nicht erinnern, bei irgendeinem Buch schon einmal so lange gezögert zu haben, ob ich es tatsächlich lesen will oder nicht. Nicht nur aufgrund seiner 1000+ Seiten, sondern auch, weil die Autorin mir als Philosophin des Turbokapitalismus und gefeierte Heldin der Tea Party nun nicht unbedingt auf Anhieb mega symphatisch war. Ein Kollege hatte mir das Buch schon vor bestimmt 1,5 – 2 Jahren geliehen und immer wieder gefragt, ob ich es nicht mittlerweile gelesen habe. Hatte ich nicht, wollte ich auch nicht, aber dann las ich ein paar Rezensionen von Leuten, deren Meinung ich durchaus schätze und die durchaus positiv waren. Dadurch wurde meine Neugier dann doch entsprechend geweckt und über Weihnachten habe ich mich in diese Bibel des Eigeninteresses und des Egoismus hineinversenkt und ich muss sagen, ich war überrascht, wie gerne ich es doch gelesen habe.

Ayn Rand wurde 1905 in St. Petersburg in Russland geboren. Ihre Eltern waren mittelständische Apotheker, die im Zuge der Oktoberrevolution enteignet wurden. Das sollte ihr Weltbild grundlegend prägen. Sie siedelte mit ihren Eltern in die Krim um, um den Unruhen in der Stadt zu entgehen und studierte an der dortigen High School Amerikanische Geschichte. Ihre Liebe zum Westen wurde durch Filme und Lektüre, wie die Romane des von ihr sehr verehrten Victor Hugo, noch gestärkt.

1925 reist sie in die USA mit einem Besuchsvisum und kehrt nie wieder nach Russland zurück. Sie beginnt eine Karriere als Drehbuchschreiberin in Hollywood und veröffentlicht 1943 nach vielen Absagen ihren ersten Roman „The Fountainhead“, der zum Bestseller wurde. Sie begann „Atlas Shrugged“ im Jahr 1946 zu schreiben, veröffentlicht wurde es bei Random House im Jahr 1957. „Atlas Shrugged“ wurde zu einer Zeit veröffentlicht, in der der Kalte Krieg und die Kommunisten-Verfolgungen in den USA seinen Höhepunkt erreichten. Innerhalb kürzester Zeit wurde Rand zur Ikone des Kapitalismus, des Invididualismus und des Objektivismus.

Der Roman spielt in den fiktiven USA der 1950er Jahre und mit einigen Science-Fiction-Anteilen. Die meisten Länder sind bereits sozialistische Volksstaaten und Dagny Taggart, Vizepräsidentin der finanziell angeschlagenen Eisenbahnlinie Taggart Transcontinental, versucht alles, um diese vor Ruin und staatlicher Enteignung zu retten. Der Roman umfasst einige Jahre und eine recht große Anzahl an Charakteren, deren Erfahrungen in engem Zusammenhang stehen mit Ayn Rands Meinung zum Einfluß von Kommunismus, sozialistischen Ideen und Umverteilungsmaßnahmen auf eine Kultur.  Die Unternehmer, die produzieren und Wertschöpfung betreiben, Erfinder, generell Macher, sind Rands Helden, die in ihren Augen ein Grundrecht haben müssen, auf die Freiheit zu produzieren und nach Glück zu streben. Rand propagiert den Egoismus in ihrem enormen Wälzer, ganz klar. Einen Egoismus, der das Denken, die Vernunft und die Leistungen des Individuums sichert und vor staatlichem Zugriff schützen soll. Ihre Ansichten sind oft haarsträubend sonderbar, aber eben auch innovativ und bahnbrechend. Im Roman wird den Menschen von der Gesellschaft zu verstehen gegeben, dass Ego und Invidivualität böse ist, Selbstlosigkeit dagegen das Idealbild darstellt. Im Roman werden dem „Macher“ dem „Erschaffer“ von Neuem der selbstlose Mensch entgegengestellt, der weder denkt, noch fühlt noch agiert.

“If you don’t know, the thing to do is not to get scared, but to learn.”

“What greater wealth is there than to own your life and to spend it on growing? Every living thing must grow. It can’t stand still. It must grow or perish.”

“Live and act within the limit of your knowledge and keep expanding it to the limit of your life.”

Der erste Teil des Buches ist mehr oder weniger ein spannender Mystery-Thriller, der sich mit dem Verschwinden nahezu sämtlicher Unternehmer, Ingenieure, Wissenschaftler, Bänker etc. beschäftigt. Während Dagny versucht. dass veraltete Schienensystem mit dem neu erfundenen „Rearden Metal“ auf Vordermann zu bringen und dafür eine geschäftliche und später auch private Liaison mit dem Industriellen Hank Rearden eingeht, deuten die mysteriösen Vorkommnisse immer mehr auf eine einzige Quelle hin. Dagny und Rearden sind überzeugt, dass es einen „Zerstörer“ gibt, der die guten Kräfte aus der Gesellschaft abziehen will, um diese endgültig zu zerstören. Dieser „Brain-Drain“ führt  zu einem rasant schnellen Niedergang der Gesellschaft, in der sämtliche Talente und Ambitionen nur noch auf Halbmast laufen und die Einwohner mehr oder minder gleichgeschaltet sind. Die verbliebenen korrupten Geschäftsleute wie Dagnys Bruder Jim regieren durch ihre Beziehungen in die Washingtoner Politik hinein, schmieren sich gegenseitig und steuern unaufhaltsam dem Ende zu.

“I started my life with a single absolute: that the world was mine to shape in the image of my highest values and never to be given up to a lesser standard, no matter how long or hard the struggle.”

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Der von John Galt ausgelöste Streik des Verstandes ist das zentrale Thema des Buches. Wenn die kreativsten Köpfe systematisch aus der Welt entfernt werden zeigt sich, wie wichtig und unverzichtbar diese eigentlich sind. Ohne solche Denker gerät eine Gesellschaft in einen unaufhaltsamen Abwärtsstrudel. Ayn Rand sieht die zentrale Bedeutung im Wissen und im Verstand im Gegensatz zur verbreiteteren Annahme, dass die Arbeit bzw. die Arbeiterklasse verantwortlich für den erwirtschafteten Wohlstand ist. Im Roman verdeutlicht sie ihre Ansicht, dass der Verstand Kreativität und Innovation ermöglicht und diese Kräfte der Motor der Welt sind.

“Contradictions do not exist. Whenever you think that you are facing a contradiction, check your premises. You will find that one of them is wrong.”

Ein weiteres zentrales Thema ist Rands Ansicht zum Leib-Seele-Problem. Sie lehnt die Idee ab, dass die Gedanken und Errungenschaften des Verstandes rein und nobel sind und die Sehnsüchte des Körpers niedrig und unmoralisch. Dagny zum Beispiel lebt ihre sexuellen Wünsche aus und sieht ihre physischen Bedürfnisse als logische Konsequenzen der Rationalität ihres Verstandes. Rearden hingegen ist anfangs ein Verfechter dieser Leib-Seele-Trennung, weil er glaubt, kein Anrecht auf seine physischen Bedürfnisse zu haben und ist erst im Laufe der Geschichte bereit, die Bedürfnisse seines Körpers und seines Verstandes miteinander zu verbinden.

Interessant fand ich auch die Figur des „vom Wege abgekommemenen“ Wissenschaftlers Robert Stadler. Er ist fest davon überzeugt, dass die Menschen nicht in der Lage sind rational zu denken und dass man ihnen sagen muss, was für sie das Beste ist. Er glaubt, dass sie rationalen Ideen nur folgen, wenn diese von Regierungsseite angeordnet werden.

„… believes most people are incapable of rational thought and must be told what is best for them.”

Diese Denke ist leider ziemlich verbreitet und etwas, mit dem ich überhaupt nicht umgehen kann.

Ein unglaublich kontroverses Buch,  ich kann mich mit der darin vertretenen Philosophie sicherlich nicht komplett anfreunden, aber es ist ein Buch, das auf jeden Fall zum Denken anregt. Es ist spannend geschrieben, die Charaktere sind jedoch viel zu schwarz-weiß geraten. Die heldenhaften Unternehmer sind alle groß, gutaussehend und bis in die Haarspitzen moralisch-gut, die korrupten Sozialisten durch die Bank weg hässliche Weichlinge. Dennoch habe ich das Buch gern gelesen, hätte große Lust es ausgiebiger zu diskutieren, aber insbesondere macht es mir Lust, ganz un-Ayn-Rand-mässig jetzt einfach mal ne Weile völlig unproduktiv abzuhängen.

Habe ein interessantes Video zu ihren Ansichten zu „Glück und Liebe“ das Bezug nimmt auf ihr Interview mit Mike Wallace im Jahr 1959, das ebenfalls interessant ist. Sie ist nicht unbedingt jemand, mit der man ein Bier trinken gehen möchte finde ich 😉 What a tough cookie.

„Atlas Shrugged“ wurde 2011 mit Taylor Schilling als Dagny Taggart verfilmt. Die Kritiken waren unterirdisch, bin nicht sicher, ob ich ihn mir anschauen werde:

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Ein Kommentar zu “Atlas Shrugged – Ayn Rand

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