180 Grad Meer – Sarah Kuttner

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„I was afraid to be alone
But now I’m scared that’s how I like to be
(Azure Ray)

Würde Sarah Kuttner mal ein heiteres Buch schreiben, ich würde vor Überraschung wahrscheinlich tot in den Schrank fallen. Ich liebe Kuttners tragikomische Bücher schon seit Mängelexemplar, weil es nur wenige Autoren schaffen, mir bekannte Gefühlszustände so zu beschreiben, dass man beim Lesen fürchten muss, gleich Flashbacks zu erleiden.

Mir war zwar bekannt, dass Kuttner eigentlich irgendwie eine Fernsehtante ist, habe sie da aber komplett verpasst, da ich zu der Zeit in London lebte, wo jetzt witzigerweise auch der größte Teil des Romans spielte, was wahrscheinlich für einen zusätzlichen Begeisterungsbonus bei mir sorgte. Und das Azure Ray Zitat. Das trifft bei mir 150% ins Schwarze, davor hab ich auch Angst. Eines meiner absoluten Lieblingslieder.

Als der Vater die Familie verlässt, bleibt Jule mit ihrem kleinen Bruder und einer selbstmordgefährdeten, depressiven Mutter zurück. Sie fühlt sich verantwortlich, vom Vater im Stich gelassen und trägt als Erwachsene so einiges an Ballast mit sich herum.

Für verkorkste Kindheiten mit Folgeschäden bin ich ja prädestiniert und finde es immer wieder spannend, wie sich ähnliche Ausgangssituationen in komplett unterschiedlichen Richtungen entwickeln können. Jule und ihr Bruder könnten fast nicht unterschiedlicher sein. Mein Bruder und ich auch nicht. Obwohl nature und nurture so ähnlich sind. Faszinierend.

Jule ist dauerunzufrieden. Mit sich, ihrem Job, ihren Mitmenschen mit eigentlichem allem. Vor der Nase zufallende Türen können sie genauso innerhalb von Sekunden zum Siedepunkt bringen, wie Fragen nach ihrer Befindlichkeit oder ehrgeizige Kollegen. Eigentlich bringt alles und ständig etwas ihre Aggressionen ans Tageslicht, einzig Sex, bei dem sie sich einfach benutzen lassen kann, bringt kurzfristig ein wenig Entspannung.

Genau solch ein Sex auf Krankenschein bringt dann ihre Beziehung zu ihrem Freund Tim ins Wanken. Sie beschliesst, dringend Urlaub von sich selbst zu brauchen, fliegt nach London und bleibt erst einmal auf unbestimmte Zeit bei ihrem Bruder in dessen WG.

Das Meer ist eine der wenigen anderen Dinge, die Jule richtig gut tun. Daher sucht sie ständig und dauernd Kontakt zum Meer. Bei einem Ausflug mit ihrem Bruder in Brighton eröffnet ihr dieser, dass ihr Vater nur wenige km von Brighton entfernt lebe und krebsbedingt im Sterben liege.

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Jule will sich nicht mit ihm auseinandersetzen, kämpft gegen krebsbedingte und „er ist doch dein Vater“-Erwartungshaltungen an und das hat mir am Buch besonders gefallen. Das Leben ist in der Tat kein Indie-Roadmovie, in dem die Arschloch-Eltern sich kurz vorm Ende drauf besinnen, dass sie ja Nachwuchs in die Welt gesetzt haben und man sich mit diesem ja beschäftigen, reden und eventuell sogar aussöhnen könnte. Nope. Das Leben ist nicht so und dankbarerweise tut auch das Buch nicht so.

Mehr will ich nicht verraten. Lest selbst, es ist ein tolles Buch. Nicht als Bettlektüre zu empfehlen, denn ich habe zweimal so laut gelacht, dass man neben mir nicht mehr weiterschlafen konnte. Mir ist es völlig egal, wieviel Kuttner in Jule steckt, der Hund im Buch ist auf jeden Fall der Kuttner-Hund, den seh ich immerzu vor Augen, ob sie will oder nicht.

Und ich will auch so einen (wie Bonny).

Hier noch ein link zu einer sehr schönen Rezension auf Buchrevier und jetzt bastel ich mal an der Playlist für das Buch:

Azure Ray – November
Catatonia – Londinium
Marilyn Manson – Running to the Edge of the World
Tocotronic – Ich möchte irgendwas für dich sein
Neutral Milk Hotel – In the Aeroplane over the sea

 

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Ein Kommentar zu “180 Grad Meer – Sarah Kuttner

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