Als Kind stand ich vor einer echten Lebensfrage: Wollte ich lieber bei Pippi Langstrumpf in der Villa Kunterbunt wohnen oder doch im Mumintal leben, als zusätzliches Geschwisterkind von Moomintroll und Snorkfräulein, gemeinsam mit der Muminmamma heimlich schmutziges Geschirr unter dem Bett verstauen? Beides versprach Abenteuer, Freiheit und Erwachsene, die einen erstaunlich oft einfach machen ließen. Schwer antiautoritär, sehr skandinavisch geprägt: eine Kindheit, für die ich bis heute dankbar bin. Und die mich fast zwangsläufig zu der Frage führt, was eigentlich der kleine Friedrich Merz gelesen haben muss, um später ganz woanders zu landen. Ich denke darüber noch nach.
Auf die Ausstellung „Tove Jansson – Die Welt der Mumins“ im Literaturhaus München freue ich mich schon seit Wochen. Auch wenn die Mumins aussehen wie freundliche, weiße Nilpferd-Trolle, sollte man sich von dieser Niedlichkeit nicht täuschen lassen. Das Mumintal ist kein reines streichelweiches Idyll, sondern ein Ort sanfter Anarchie. Hier zählen Freundschaft und Geborgenheit, aber genauso der Eigensinn, die Sympathie für Außenseiter*innen, die Lust, Regeln auch mal zu ignorieren, wenn sie keinen Sinn ergeben. Freiheit ist hier kein großes Wort, sondern Alltag.





Die Ausstellung fängt genau diese Stimmung ein. Sie zeigt die Mumins nicht nur als Kinderfiguren, sondern als literarische Welt, in der ganz nebenbei über ziemlich große Fragen nachgedacht wird. „Wie sollen wir je die Sonne wiederfinden, wenn wir uns nicht übers Meer trauen?“ solche Sätze schweben, fast beiläufig, durch den Raum.
Dass das erste Mumin-Buch mitten im Zweiten Weltkrieg entstand, merkt man finde ich. Die Angst vor dem Untergang, vor zerstörter Natur, vor Verlust ist immer da. Aber sie wird aufgefangen durch Gemeinschaft. Im Mumintal darf jede Figur seltsam sein, überdreht, ängstlich oder eigenbrötlerisch. Besonders schön erzählt das die Geschichte von Ninny, ein kleines Mädchen, das durch Lieblosigkeit unsichtbar und erst in der Wärme der Muminfamilie langsam wieder sichtbar wird. Zärtlicher kann man kaum davon erzählen, was Zuwendung bewirken kann.
Neben den Figuren öffnet die Ausstellung auch den Blick auf Tove Jansson selbst. Geboren 1914 in eine Künstlerfamilie, ausgebildet in Stockholm und Paris, Malerin, Karikaturistin, politische Satirikerin. Ihre antifaschistischen Zeichnungen aus jungen Jahren sind ebenso präsent wie ihre farbstarken Gemälde, die an Matisse oder Gauguin erinnern. Selbstporträts zeigen eine Frau, die sehr genau wusste, wer sie ist und was sie erzählen will.
Besonders charmant ist, wie offen sich Janssons eigenes Leben in den Mumin-Geschichten spiegelt. Tofsla und Vifsla etwa tragen ihr Geheimnis wie einen Edelstein mit sich herum, ein liebevoller Verweis auf Jansson selbst und ihre damalige Partnerin Vivica Bandler. Später taucht mit Too-ticki eine Figur auf, hinter der sich ihre spätere Lebensgefährtin Tuulikki Pietilä verbirgt. In einer Zeit, in der Homosexualität in Finnland noch strafbar war, lebte Jansson eine große Selbstverständlichkeit: dass Wahlfamilien zählen, dass Fürsorge wichtiger ist als Normen und dass Geschlechtergrenzen ruhig ein bisschen verschwimmen dürfen.
Die Ausstellung bleibt dabei angenehm verspielt. Es gibt kleine Zelte mit Hörstationen, eine Höhle, ein Segelschiff und natürlich das berühmte blaue Mumin-Haus, das man betreten kann. Draußen scheint die reale Welt kurz sehr weit weg. Ergänzt wird das alles durch Fotografien der Schäreninseln, wo Jansson lebte: viel Himmel, viel Meer, viel Raum zum Denken und Nichtwissen.





Was man aus dieser Ausstellung mitnimmt, ist mehr als wohlige Nostalgie. Es ist dieses besondere Gefühl, dass die Mumins auch heute noch leise kluge Begleiter sind. Sie erinnern daran, zwischen den Zeilen zu lesen, das Schräge zu mögen, Unsicherheit nicht gleich reparieren zu müssen. Eine Welt, in der die Tür immer offen ist für Freund*innen, für Fremde, für alle, die irgendwo zwischen Villa Kunterbunt und Mumintal ihr Zuhause suchen. Eine ganz tolle Ausstellung und ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch.
Während der Sicherheitskonferenz halten die Mumins Winterschlaf, die Ausstellung öffnet dann wieder und läuft vom 28.02 – 12.04.26 im Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München.
Und unbedingt saubere Socken anziehen ohne Loch, Teile der Ausstellung kann man nur ohne Schuhe anschauen;)


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