Read around the World: Laos

Bei Laos muss ich jetzt ausnahmsweise mal nicht damit anfangen, welche Bilder ich vor meiner Recherche im Kopf hatte. Ich war schon dort. Gleich zwei Jahre hintereinander sogar, weil es uns beim ersten Mal so gut gefallen hatte. Und wenn ich an Laos denke, denke ich an den Mekong, an wunderschöne Landschaften, an Eiskaffee zwischen Bücherregalen und an Mönche, die morgens um vier mit einer bemerkenswerten Ausdauer trommelten. Außerdem an eine Dame aus Tasmanien, die unsere literarischen Bildungslücke mit sehr hochgezogener Augenbraue zur Kenntnis nahm. Aber dazu später mehr.

Wir sind damals nach Bangkok geflogen und von dort mit dem Zug Richtung Vientiane gefahren. Nach ein paar Tagen in der laotischen Hauptstadt ging es weiter nach Luang Prabang. Eine ganz besonders schöne Stadt. Und einer dieser Orte, bei denen aus dem üblichen Urlaubsgefühl „Hier könnte man noch ein bisschen bleiben“ irgendwann eine durchaus ernst gemeinte Überlegung geworden ist.

In unserem Fall war bei dieser Überlegung sogar ein Motorrad inklusive. Auch dazu später mehr.

Geografisch liegt Laos zwischen Thailand, Myanmar, China, Vietnam und Kambodscha. Es ist das einzige Land Südostasiens ohne Zugang zum Meer. Mit rund 236.800 Quadratkilometern ist es ungefähr zwei Drittel so groß wie Deutschland, hat aber nur knapp acht Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Viel Platz also für Berge, Wälder und Flusstäler. Vor allem der Norden ist gebirgig, während der Mekong über weite Strecken die Grenze zu Thailand bildet und für das Land als Verkehrsweg, Nahrungsquelle und Wirtschaftsraum enorm wichtig ist.

Wir sind mit dem Boot auf dem Mekong gefahren, haben auf schwimmenden Märkten eingekauft und diese Landschaft sehr geliebt. Laos ist auch ein Land für wunderschöne Wanderungen. Wobei zu den Bergen und Flüssen leider noch eine andere Realität gehört, die auf Urlaubsfotos kaum zu erkennen ist: In Teilen des Landes liegen bis heute Blindgänger im Boden. Die Geschichte ist hier stellenweise erschreckend gegenwärtig. Und wir sind sehr brav immer auf den Wegen geblieben und aus Schiss nie querfeldein gegangen.

Die Geschichte des heutigen Laos reicht weit vor seine Entstehung als Nationalstaat zurück. Ein wichtiger Bezugspunkt ist das 1353 gegründete Königreich Lan Xang, dessen Name meist als „Land der Millionen Elefanten“ übersetzt wird und wir haben auch tatsächlich Elefanten gesehen in Laos. Es umfasste zeitweise auch Gebiete des heutigen Thailand. Der Theravada-Buddhismus prägte das Königreich und spielt bis heute eine wichtige Rolle im religiösen und kulturellen Leben.

Anfang des 18. Jahrhunderts zerfiel Lan Xang in mehrere Königreiche, darunter Luang Prabang, Vientiane und Champasak. Es folgten Machtkämpfe und eine zunehmende Abhängigkeit von den Nachbarreichen, insbesondere Siam, dem heutigen Thailand. 1893 geriet Laos unter französische Kolonialherrschaft und wurde Teil Französisch-Indochinas.

In Luang Prabang lässt sich diese Geschichte auch an der Architektur ablesen. Traditionelle laotische Gebäude und buddhistische Tempel stehen neben Häusern aus der französischen Kolonialzeit. Die Stadt liegt am Zusammenfluss von Mekong und Nam Khan und gehört seit 1995 zum UNESCO-Welterbe. Eine wirklich besondere Stadt, die ich sehr ins Herz geschlossen habe.

Für mich gehört zu Luang Prabang außerdem eine sehr konkrete Geräuschkulisse. Morgens um vier wurden wir einige Morgen lang von trommelnden Mönchen geweckt. Nicht kurz. Nicht zaghaft. Sondern mit einem Durchhaltevermögen, das ich zu einer anderen Tageszeit vermutlich uneingeschränkt bewundert hätte. Meine romantische Vorstellung von klösterlicher Stille wurde jedenfalls nachhaltig korrigiert.

1953 wurde Laos von Frankreich unabhängig. Frieden brachte das dem Land allerdings nicht. Im Kalten Krieg geriet es zwischen die Fronten: Im Bürgerkrieg kämpften die kommunistische Pathet Lao und ihre Verbündeten gegen die königliche Regierung und deren Unterstützer. Nordvietnam und die USA griffen massiv in den Konflikt ein. Teile des sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfades, über den Nordvietnam Truppen und Material transportierte, verliefen durch Laos.

Zwischen 1964 und 1973 warfen die USA rund zwei Millionen Tonnen Bomben über Laos ab. Bezogen auf die Bevölkerungszahl gilt es als das am stärksten bombardierte Land der Welt. Darunter waren mehr als 270 Millionen Streumunitionskörper; schätzungsweise 80 Millionen explodierten damals nicht. Das sind kaum vorstellbare Zahlen, und sie beschreiben weit mehr als ein abgeschlossenes Kapitel der Kriegsgeschichte. Noch Jahrzehnte später werden Menschen bei der Feldarbeit, beim Sammeln oder Spielen durch zurückgebliebene Sprengkörper verletzt oder getötet. Auch der Bau von Schulen, Straßen oder Häusern wird dadurch erschwert. Und in vielen Restaurants, Cafés etc dienen Torpedo-Hüllen jetzt als Blumenkübel.

Wer Laos vor allem mit Tempeln, Booten und entspanntem Reisen verbindet, bekommt spätestens hier eine Vorstellung davon, wie unvollständig dieses Bild ist. Für mich gehört das unbedingt zu einem Länderporträt dazu. Gerade dann, wenn man selbst so schöne Erinnerungen mitbringt.

1975 übernahm die Pathet Lao die Macht. Die Monarchie wurde abgeschafft und die Demokratische Volksrepublik Laos ausgerufen. Anders als in Rumänien folgte auf die kommunistische Herrschaft später kein demokratischer Systemwechsel. Bis heute ist Laos ein Einparteienstaat unter Führung der Laotischen Revolutionären Volkspartei. Politische Opposition und unabhängige Medien haben kaum Raum, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind stark eingeschränkt. Lao Beer war damals als wir dort waren unfassbar billig, auch für die eigene Bevölkerung und manchmal hatte man das Gefühl, dass es dem Staat vielleicht ganz recht ist, wenn der größte Teil der Einwohner immer ganz leicht besäuselt ist und dann vielleicht auch keinerlei Revolutionen plant oder so.

Die Gelassenheit, die wir im Alltag erlebt haben, sollte man also nicht mit politischer Freiheit verwechseln. Beides kann gleichzeitig wahr sein: dass man sich als Reisende sehr wohlfühlt und dass Menschen, die dort leben, in wesentlichen Freiheiten eingeschränkt sind. Aber schon schwierig finde ich.

Wirtschaftlich hat sich Laos seit den Reformen ab 1986 schrittweise geöffnet. Landwirtschaft, Bergbau, Tourismus und die Stromerzeugung aus Wasserkraft spielen wichtige Rollen. Das Land gehört seit 1997 zur südostasiatischen Staatengemeinschaft ASEAN und ist wirtschaftlich eng mit seinen Nachbarn verflochten.

Beim Mekong wird besonders deutlich, wie schwierig manche Entwicklungsentscheidungen sind. Wasserkraftwerke bringen Strom und Einnahmen. Zugleich verändern Staudämme den Fluss, den Transport von Sedimenten und die Lebensbedingungen von Fischen. Davon hängen wiederum die Ernährung und die Einkommen vieler Menschen ab, auch jenseits der laotischen Grenzen. Der Fluss, auf dem man als Urlauberin so schön unterwegs ist, ist eben auch Lebensgrundlage für Millionen.

Hohe Staatsschulden und die starken Preissteigerungen der vergangenen Jahre haben das Leben vieler Menschen zusätzlich erschwert. Laut Weltbank stabilisierte sich die wirtschaftliche Lage 2025 und Anfang 2026 zwar, doch die Verschuldung und der geringe Spielraum für öffentliche Ausgaben bleiben große Probleme. Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Absicherung stehen dadurch unter Druck.

Auch gesellschaftlich ist Laos vielfältiger, als das Bild vom buddhistischen Tempelland vermuten lässt. Neben der ethnischen Lao-Mehrheit leben unter anderem Khmu, Hmong und viele weitere Gemeinschaften im Land, mit unterschiedlichen Sprachen, religiösen Traditionen und Lebensweisen. Der Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und wirtschaftlichen Möglichkeiten ist sehr ungleich verteilt. Gerade abgelegene Regionen und ethnische Minderheiten sind häufig benachteiligt.

Bei Frauenrechten zeigen sich ebenfalls Unterschiede zwischen formaler Gleichstellung und tatsächlichen Möglichkeiten. Traditionelle Rollenerwartungen, familiäre Verpflichtungen und ungleiche Chancen erschweren die gesellschaftliche und politische Teilhabe. Eine von UNDP unterstützte Untersuchung der laotischen Parlamente benennt etwa Vorbehalte gegenüber weiblicher Führung und fehlende Unterstützung als Hindernisse.

Und natürlich gibt es auch in Laos queere Menschen und Organisationen, die sich für ihre Rechte einsetzen. „Proud to Be Us Laos“ arbeitet beispielsweise gegen Diskriminierung. Gesellschaftliche Sichtbarkeit und Akzeptanz bedeuten allerdings noch keinen verlässlichen Schutz vor Benachteiligung.

Auch in Vang Vieng haben wir einen Stopp eingelegt, zwischen Karstbergen und unglaublich viel Grün. Und ein Wort gehört natürlich zu jeder Erinnerung an diese Reise: „Sabaidee“, die laotische Begrüßung. Ein Hallo, mit dem für mich gleich wieder ein bisschen Laos da ist.

Wenn ich an unsere eigenen Reisen zurückdenke, erinnere ich mich besonders an eine Art von Gelassenheit, die mir ausgesprochen gutgetan hat. Bei manchen Begegnungen schien der Wunsch, unbedingt noch etwas zu verkaufen, erstaunlich wenig ausgeprägt. Hatte ein Produkt kein Preisschild, konnte es passieren, dass man es eben nicht kaufen konnte. Problem erkannt, Einkauf beendet.

Und wenn wir um neun Uhr abends gern noch etwas getrunken hätten, die Leute im Restaurant, in der Bar oder im Hotel aber müde waren, dann gab es halt nichts mehr. Dann ging man eben auch schlafen. Es gibt schlechtere Gründe, einen Abend zu beenden. Was uns aber auch in Erinnerung geblieben ist sind die unfassbar herzlichen Menschen, das fantastische Essen, der gute Kaffee und vor allem die leckeren Suppen.

Eine Bar hatte es uns allerdings ganz besonders angetan: der Icon Klub in Luang Prabang. Für mich immer noch irgendwie die schönste Bar der Welt. Geführt von einer Ungarin, wunderbar eingerichtet und voller literarischer Zitate. Also ein Ort, an dem ich ziemlich zuverlässig hängenbleibe.

Und dann liefen uns in Luang Prabang auch noch Freunde aus München über den Weg, die gerade auf Weltreise waren. Einfach so, mitten auf der Straße. Da reist man um die halbe Welt und trifft plötzlich vertraute Gesichter aus München. Das war schon ziemlich verrückt.

Mit den beiden haben wir dann natürlich auch einen Abend im Icon Klub verbracht. Es wurde spät. Etwas zu spät, denn damals sollten wir eigentlich spätestens um 23 Uhr wieder im Hotel sein. Wir standen erst gegen Mitternacht vor der Tür. Oops. Und mussten unsere armen Hotelbesitzer aus dem Bett klopfen. Wir haben uns sehr geschämt. So viel also zu unserer vorbildlichen Anpassung an die frühen Schlafenszeiten.

Dort lernten wir an einem Abend Anneliese kennen, eine Dame aus Tasmanien. Als sie mitbekam, dass wir Ernst Toller nicht kannten, sie und die Bar Besitzerin aber schon, kam die deutlich hochgezogene Vorwurfs-Augenbraue ins Spiel. Man konnte diesem Blick ziemlich eindeutig entnehmen, dass hier dringender Handlungsbedarf bestand.

Wir haben diese Bildungslücke nach dem Urlaub dann auch brav geschlossen. Zum Glück. Denn Toller ist toll. Und ich finde es bis heute sehr schön, dass wir ausgerechnet von einer Tasmanierin in einer von einer Ungarin geführten Bar in Laos auf einen deutschsprachigen Schriftsteller aufmerksam gemacht werden mussten.

Die vergleichenden Daten

  • Bevölkerung (2025): ca. 7,9 Millionen / Deutschland: ca. 83,5 Millionen
  • Fläche: rund 236.800 km² / Deutschland: rund 357.700 km²
  • Bevölkerungsdichte: ca. 33 Menschen pro km² / Deutschland: ca. 233
  • Lebenserwartung (2024): ca. 69 Jahre / Deutschland: ca. 81 Jahre
  • BIP pro Kopf (2025): ca. 2.325 US-Dollar / Deutschland: ca. 60.500 US-Dollar

Literatur

Jetzt aber zu den Büchern. Und zu dem Laden, der beinahe unser Leben in eine etwas andere Richtung gelenkt hätte.

Besonders geliebt haben wir L’Etranger in Luang Prabang. Dort konnte man neue und gebrauchte Bücher kaufen, im kleinen Café Eiskaffee oder Beerlao trinken, und abends wurden Filme gezeigt. Bücher, Kaffee, Bier und Kino. Es war wirklich nicht besonders schwer, mich für dieses Konzept zu gewinnen.

Vor einigen Jahren gab es tatsächlich die Möglichkeit, sich für vergleichsweise wenig Geld dort einzukaufen beziehungsweise den Laden zu übernehmen. Samt Motorrad. Wir haben erstaunlich lange und erstaunlich ernsthaft darüber nachgedacht.

Es ist dann bekanntlich nichts daraus geworden. Aber irgendwo gibt es vermutlich eine alternative Version meines Lebens, in der ich in Luang Prabang Bücher verkaufe und abends einen Film einlege und im Ikon Club über Literatur diskutiere abends.

One Foot in Laos – Dervla Murphy erschienen im Overlook Verlag

Für meine literarische Reise nach Laos habe ich One Foot in Laos von Dervla Murphy gelesen. Die irische Reiseschriftstellerin war 1997/98 dort unterwegs, also in einem Land, das sich erst seit wenigen Jahren wieder für internationale Reisende geöffnet hatte. Ihr ursprünglich 1999 erschienenes Buch verbindet persönliche Begegnungen und ziemlich beschwerliche Reiseabenteuer mit der Geschichte und Politik des Landes. Und Murphy hat zu all dem sehr entschieden eine Meinung.

Eigentlich möchte sie zu Fuß durch die Berge wandern. Doch ihre Pläne scheitern an Hindernissen, deren Erklärungen mal bürokratisch, mal reichlich undurchsichtig ausfallen. Dann verletzt sie sich auch noch am Fuß. Der Titel ist also durchaus wörtlich zu nehmen. Als Ersatz kauft sie ein Fahrrad, das allerdings ebenfalls nicht unbedingt zur zuverlässigen Sorte gehört und zeitweise vor allem als Gepäckträger dient. Man kann sich angenehmere Voraussetzungen für eine Reise durch bergiges Gelände vorstellen. Murphy macht trotzdem weiter.

Was dabei entsteht, lebt von den Begegnungen unterwegs: von Gastfreundschaft, Gesprächen, ungeplanten Aufenthalten und der Bereitschaft, sich auf Menschen und Situationen einzulassen. Auch von einer Gelassenheit, die offenbar ansteckend wirkt, selbst wenn gerade wieder etwas nicht funktioniert. Da gibt es durchaus Berührungspunkte mit unseren eigenen Erinnerungen. An Menschen, die sich wegen eines ausgefallenen Verkaufs oder eines nicht mehr ausgeschenkten Getränks keineswegs aus der Ruhe bringen ließen. Wobei zwischen unserem Eiskaffee im Buchladen und Murphys Fortbewegung mit verletztem Fuß natürlich ein gewisser Unterschied besteht.

Gleichzeitig lässt Murphy keinen Zweifel daran, wie tief der Krieg in dieses Land eingegriffen hat. Die amerikanischen Bombardierungen und ihre Folgen gehören für sie mitten in die Reiseerzählung. Hinter einer Landschaft, die man als Besucherin wunderschön findet, liegen Erfahrungen von Gewalt und Verlust, die sich beim Vorbeifahren nicht erschließen. Ihre Zuneigung zu Laos geht deshalb mit einer deutlichen Wut auf das einher, was dem Land angetan wurde.

Und sie schaut sehr misstrauisch auf das, was nun unter den Begriffen Entwicklung und Fortschritt versprochen wird. Internationale Investitionen, Konsum und Tourismus erscheinen bei ihr keineswegs automatisch als Verbesserung. Sie fragt, wer davon profitiert und was dabei verloren geht. Das ist politisch, stellenweise streitlustig und ziemlich weit entfernt von einem Reisebericht, der seine Leserinnen und Leser vor allem zum Nachreisen animieren möchte. Murphy spricht sogar ausdrücklich über den Widerspruch, selbst ein Land zu besuchen, dessen touristische Erschließung sie mit Sorge betrachtet.

An dieser Stelle lässt sich allerdings auch mit ihr diskutieren. Wer entscheidet eigentlich, welche Veränderungen gut für ein Land sind? So berechtigt die Kritik an Ausbeutung und einem ungehemmten Tourismus ist: Auch der Wunsch, einen Ort möglichst unverändert zu bewahren, kann der Wunsch einer privilegierten Besucherin sein. Die Menschen, die dort leben, haben schließlich eigene Vorstellungen davon, wie ihre Zukunft aussehen soll. Diese Spannung gehört für mich zu den Fragen, die eine solche Lektüre interessant machen.

Mit unseren beiden Reisen im Hinterkopf bekommt das Buch noch eine zusätzliche Ebene. Murphy beschreibt ein früheres Laos, und auch unsere eigenen Erinnerungen halten einen bestimmten Moment fest. Den Ikon Club, den Buchladen, unsere Bootsfahrten und diesen beinahe ernst gewordenen Gedanken, einfach dortzubleiben. One Foot in Laos stellt neben solche Erinnerungen die unbequeme Frage, was wir von einem Land sehen, wenn wir es lieben – und was uns trotzdem entgeht.

Ernst Toller gehört selbstverständlich nicht zur laotischen Literatur. In meinem ganz persönlichen Laos-Bücherregal hat er trotzdem einen festen Platz. Danke, Anneliese.

Film

Für die rund sieben Millionen Menschen, die in Laos leben, gibt es im ganzen Land weniger als zehn Kinos. Das bedeutet nicht, Filme hätten keinen Stellenwert. Allerdings hatte das laotische Kino es nach der Kolonialzeit und dem laotischen Bürgerkrieg zunächst schwer. Mit Entstehung der Demokratische Volksrepublik Laos im Jahr 1975 wurde das Medium Film zum Propagandainstrument. International spielte der laotische Film bis zur Jahrtausendwende keine Rolle. Erst als die Regierung Koproduktionen mit ausländischen Firmen erlaubte, begann mit dem Lao New Wave Cinema ein neues Kapitel für die laotische Filmszene.

Dazu haben vor allem zwei Filmschaffende beigetragen: Anysay Keola realisierte mit Noy Above It All (2016) das erste LGBTQ+-Filmprojekt aus Laos und gründete 2011 gemeinsam mit anderen Filmschaffenden die Produktionsfirma Lao New Wave Cinema Productions (LNWC) als Plattform für junge Filmprojekte. Der zweite wichtige Name ist Mattie Do. Die in den USA geborene Regisseurin mit laotischen Wurzeln lebt seit 2010 in der Hauptstadt Vientiane. Sie brachte nicht nur den Horror nach Laos, sondern laotische Filme in die Welt. Ihr Regiefilm Chanthaly (2012) ist der erste komplett in Laos geschriebene und produzierte Horrorfilm und der erste laotische Film einer Regisseurin.

Dos zweiter Film, Dearest Sister (2017), erregte international Aufmerksamkeit und wurde als erster laotischer Film ins Oscar-Rennen geschickt. Zwar erhielt der Film keine Nominierung. Eine Empfehlung ist er dennoch für alle, die für rund 100 Minuten in die laotische Gesellschaft abtauchen wollen. Wie bereits in Dos Debüt geht es um finanzielle und sprachliche Barrieren, um Unausgesprochenes in der Familie, um Visionen und um den Wunsch nach einem besseren Leben. Das Schöne: Hier spielen Frauen die Hauptrolle, ihre Charaktere sind ambivalent und deshalb so nahbar. In einer Szene blitzt sogar der Feminismus auf, als eine Frau eine andere fragt: „Is your husband happy?“ und die Antwort lautet: „I am happy.“

Musik

Mein erster musikalischer Gedanke zu Laos ist nach wie vor das Trommeln um vier Uhr morgens. Das wird der Musik des Landes natürlich nicht ganz gerecht.

Ein wichtiges Instrument ist die Khaen, eine Mundorgel aus Bambusrohren, die auch gemeinschaftliches Musizieren und Tanzen begleitet. Ihre Musik gehört seit 2017 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Auf deren Website gibt es auch ein Video, mit dem man einen unmittelbaren Eindruck von Instrument und Klang bekommt. Für diesen Teil der musikalischen Erkundung darf man sich zum Glück selbst eine Uhrzeit aussuchen.

Laotischen Rock spielen die Black Eyes – hier eine Kostprobe:

So das wars jetzt endlich. Ewig langer Artikel, hoffe ihr konntet durchhalten. Hat Spaß gemacht, zumindest in Gedanken und Erinnerungen mal wieder nach Laos zu reisen.

Meine Zuneigung zu diesem Land ist jedenfalls geblieben. Zu Luang Prabang ganz besonders. Und gelegentlich auch der Gedanke an einen Buchladen mit Café, Filmabenden und einem Motorrad.

Jetzt würde ich gern von euch hören: Was verbindet ihr mit Laos? Wart ihr schon einmal dort, und welche Orte sind euch besonders in Erinnerung geblieben? Habt ihr Buch-, Film- oder Musiktipps, vor allem auch von Menschen aus Laos? Und gibt es bei euch ebenfalls irgendwo einen Buchladen, ein Café oder eine Bar, bei dem ihr ernsthaft überlegt habt, einfach zu bleiben?

Hier geht es übrigens zu den vorherigen Stationen zum nachreisen.

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