Bei Taiwan kann ich leider noch nicht mit eigenen Reiseerinnerungen anfangen. Keine Zugfahrt, kein Lieblingscafé, keine Geschichte darüber, wie ich irgendwo versehentlich länger geblieben bin als geplant. Ich war noch nicht dort. Taiwan gehört aber zu den Ländern, in die ich ganz unbedingt einmal reisen möchte. Und die Beschäftigung mit dieser Station meiner Read-around-the-World-Challenge hat diesen Wunsch nicht gerade kleiner gemacht.
Berge, Meer, große Städte, Nachtmärkte und sehr viel Essen, das ich gerne probieren würde. Dazu eine Geschichte, über die ich deutlich mehr wissen möchte. Wobei Taiwan bei uns ja meistens dann in den Nachrichten auftaucht, wenn China wieder droht oder es um Halbleiter geht. Beides ist wichtig. Als Vorstellung von einem Land und den Menschen, die dort leben, ist es allerdings ziemlich dürftig.
Taiwan liegt im westlichen Pazifik, zwischen Japan und den Philippinen, durch die Taiwanstraße vom chinesischen Festland getrennt. Mit seinen vorgelagerten Inseln umfasst es rund 36.200 Quadratkilometer. Etwa 23 Millionen Menschen leben dort. Eine vergleichsweise kleine Fläche also, auf der erstaunlich viel Platz für sehr unterschiedliche Landschaften ist.
Taipeh ist Taiwans politisches und wirtschaftliches Zentrum, zum Stadtleben gehören die zahlreichen Nachtmärkte, auf denen sich ein Eindruck von der Vielfalt der taiwanischen Küche gewinnen lässt. Zu den bekanntesten zählen der Shilin- und der Raohe-Nachtmarkt.
Außerhalb der großen Städte prägen Berge, Wälder, Teeanbaugebiete und Küstenlandschaften die Insel. Schon in der Umgebung von Taipeh liegen sehr unterschiedliche Landschaften dicht beieinander: Der Yangmingshan-Nationalpark ist für seine vulkanische Landschaft und heißen Quellen bekannt, die Nordküste für ungewöhnliche Felsformationen. Im Bergort Jiufen führen schmale Gassen und Treppen durch den historischen Ortskern. Taiwan bietet damit auf vergleichsweise kleinem Raum viele Möglichkeiten, Stadtbesuche mit Wanderungen und Ausflügen ans Meer zu verbinden.
Je mehr ich mich mit Taiwan beschäftige, desto stärker bleibt bei mir diese Frage hängen. Auch bei der Lesung, von der ich später noch erzählen möchte, war das ein wichtiges Thema: wie oft über die Insel und ihre Bevölkerung von anderen entschieden wurde.
Dabei beginnt Taiwans Geschichte selbstverständlich lange vor den europäischen Kolonialmächten oder den Ansprüchen chinesischer Regierungen. Seit Jahrtausenden leben dort indigene Gemeinschaften mit eigenen Sprachen und Kulturen, die zur austronesischen Sprachfamilie gehören. Wer Taiwan ausschließlich als chinesische Insel betrachtet, lässt schon damit einen erheblichen Teil seiner Geschichte verschwinden.




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Im 17. Jahrhundert errichteten die Niederländer Stützpunkte im Südwesten, die Spanier im Norden. 1662 vertrieb Zheng Chenggong, auch als Koxinga bekannt, die Niederländer und etablierte eine Herrschaft, die der gestürzten chinesischen Ming-Dynastie verbunden war. 1683 folgte die Qing-Dynastie, deren Kontrolle über die Insel sich im Laufe der Zeit ausweitete. Parallel nahm die Einwanderung vom chinesischen Festland zu.
1895 musste das Qing-Reich Taiwan nach dem verlorenen Krieg gegen Japan abtreten. Für die nächsten fünfzig Jahre wurde die Insel japanische Kolonie. In diese Zeit führt auch das Buch, das ich für meine literarische Reise gelesen habe: Taiwan Travelogue. Dazu später mehr.
Mit Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg endete 1945 die Kolonialherrschaft. Die Verwaltung übernahm die Republik China. Das klingt zunächst nach einem Ende der Fremdbestimmung, brachte der Bevölkerung aber keine demokratische Freiheit. Nach ihrer Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg zog sich die Regierung Chiang Kai-sheks 1949 nach Taiwan zurück. Die Kuomintang regierte autoritär; das Kriegsrecht blieb bis 1987 bestehen.
Zum sogenannten Weißen Terror gehörten politische Verfolgung, Haft und Hinrichtungen. Betroffen waren tatsächliche oder vermeintliche politische Gegner, Menschen, die sich für Demokratie oder taiwanische Unabhängigkeit einsetzten, und auch Menschen ohne besondere politische Aktivität. Eine Geschichte, in der schon der Verdacht, falsch zu denken, lebensgefährlich werden konnte.
Die heutige Demokratie ist vor diesem Hintergrund eine enorme Errungenschaft. Seit 1996 wird das Präsidentenamt direkt gewählt. Taiwan hat sich zu einer lebendigen Demokratie mit freien Wahlen, Meinungsfreiheit und einer aktiven Zivilgesellschaft entwickelt. Die Menschen dort haben sich ihre politischen Freiheiten schließlich mühsam erkämpft.







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Die Volksrepublik China beansprucht Taiwan als Teil ihres Staatsgebiets, obwohl sie die Insel nie regiert hat. Taiwan verwaltet sich selbst, mit einer eigenen demokratisch gewählten Regierung. International ist es dennoch diplomatisch stark eingeschränkt; auch Deutschland unterhält keine regulären diplomatischen Beziehungen zu Taiwan. Wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen gibt es sehr wohl. Eine ziemlich komplizierte Lage für etwas, das aus Sicht der dort lebenden Menschen erst einmal sehr einfach klingt: selbst darüber entscheiden zu wollen, wie man lebt.
Chinas militärische Drohungen und Manöver machen diese Frage sehr konkret. Auch das Europäische Parlament hat die Einschüchterungsversuche und groß angelegten Übungen rund um Taiwan verurteilt. Dass daraus zwangsläufig oder unmittelbar ein Krieg wird, lässt sich nicht sagen. Die Bedrohung ist trotzdem real.
Ich finde es schwer, mir vorzustellen, wie es ist, unter solchen Bedingungen seinen Alltag zu leben. Zur Arbeit gehen, Freunde treffen, Urlaube planen, während der große Nachbar immer wieder deutlich macht, dass er über die eigene Zukunft gern mit Gewalt entscheiden würde. Von hier aus liest man eine Nachricht und klickt weiter. Für die Menschen dort liegt das alles direkt vor der Haustür. Gleichzeitig möchte ich Taiwan auch nicht auf diese Bedrohung reduzieren. Das wäre wieder eine Erzählung, in der China den meisten Platz bekommt und Taiwan vor allem als Problem anderer Länder vorkommt.
Ein wichtiger Schritt war 2019 die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Taiwan war damit das erste Land in Asien. Auch das ist ein Teil der Geschichte, der bei Berichten über Militärmanöver und Handelsbeziehungen leicht untergeht: Menschen, die sich organisieren, Rechte einfordern und tatsächlich etwas verändern.
Zur gesellschaftlichen Vielfalt gehören die indigenen Gemeinschaften ebenso wie die unterschiedlichen Einwanderungsgeschichten vom chinesischen Festland und aus anderen Teilen Asiens. Entsprechend wenig sinnvoll ist die Vorstellung einer einzigen, einheitlichen taiwanischen Identität. Wer gehört dazu? Welche Sprache spricht man zu Hause? Welche Geschichte wurde in der Schule erzählt, welche in der Familie? Schon diese Fragen lassen erahnen, wie viel es hier zu entdecken gibt.
Wirtschaftlich spielt Taiwan besonders in der Elektronik- und Halbleiterindustrie eine wichtige Rolle. Das erklärt einen Teil der internationalen Aufmerksamkeit. Trotzdem finde ich den Gedanken unangenehm, die Bedeutung eines Landes vor allem daran festzumachen, welche Schwierigkeiten sein Verlust für unsere Lieferketten verursachen würde. Die Freiheit seiner Bevölkerung sollte eigentlich auch ohne Computerchips ein ausreichend guter Grund sein, sich dafür zu interessieren.
Hier noch die vergleichenden Daten:
- Bevölkerung: ca. 23,3 Millionen Menschen (Ende 2025)
- Fläche: rund 36.200 km² einschließlich vorgelagerter Inseln – damit etwas größer als Baden-Württemberg
- Bevölkerungsdichte: rund 644 Menschen pro km²
- Sprachen: vor allem Mandarin, außerdem Taiwanisch (Hokkien), Hakka und indigene Sprachen
- Hauptstadt: Taipeh
- Währung: Neuer Taiwan-Dollar (TWD)
- Politisches System: demokratische Republik mit Mehrparteiensystem und direkt gewähltem Präsidenten
Und jetzt mal ein Einblick in das kulturelle Leben der Insel:
Film
Für die drei Länder, die chinesischsprachige Filme produzieren, galt lange vereinfacht: China steht für Zensur, Hongkong für Unterhaltung und Taiwan für Arthouse-Kino. So einfach ist es aber längst nicht mehr. Der taiwanische Film ist vielfältig und im ganzen Land gibt es heute Kinos mit fast 1.000 Leinwänden.
Eingeführt wurde das Kino 1901, als die Insel unter japanischer Herrschaft stand. In dieser Zeit entstand vor allem Propaganda für die Besatzungsmacht. Nach der Kapitulation Japans konnten Taiwaner eigenständig Filme in taiwanischer Sprache drehen. Erst seit 1969 dominiert Mandarin.
In der Phase des Kriegsrechts wurden Filme gedreht, die traditionelle Geschichten erzählen. Die Modernisierung des Landes brachte aber auch viele Kung-Fu-Actionfilme und gegen Ende der 1960er-Jahre eine neue Welle hervor, die mit dem italienischen Neorealismus verglichen wird.
Eine zweite Welle führte zu Filmen, die sich weniger ernst geben und ein breites Publikum ansprechen. Ihr wahrscheinlich bekanntester Vertreter ist Ang Lee. Lange vor seinem Oscar-Erfolg Brokeback Mountain machte er schon 1993 eine schwule Liebesbeziehung zum Thema eines Films. In der Rom-Com The Wedding Banquet kämpft ein Paar mit den Widrigkeiten, die das Coming-out gegenüber den traditionell eingestellten Eltern mit sich bringt, die sehnsüchtig auf Enkel warten.
Eat, Drink, Man, Woman von 1994 porträtiert die drei Töchter eines pensionierten Chefkochs und ist mit zahlreichen Szenen am Herd ein toller Einstieg in taiwanische Küche und Kultur.
Ein aktueller Vertreter des taiwanischen Kinos ist „Your Name Engraved Herein“ von Patrick Kuang-Hui Liu, der 2020 zum umsatzstärksten LGBTQ-Film in der Geschichte des Landes wurde. Die Coming-of-Age-Erzählung zweier Schuljungen erinnert mit ihrem Spannungsbogen, der bis in die Gegenwart reicht, an Moonlight von Barry Jenkins. Allerdings gibt Your Name Engraved Herein auch Einblicke in die Periode des Kriegsrechts, dessen Ende sich im Laufe des Erzählbogens ankündigt.
Vielen Dank an Marius Schaub für den spannenden und informativen Einblick in die taiwanesische Filmwelt.
Musik
Musikalisch gibt es mit Elephant Gym einen Anknüpfungspunkt für alle, die mit Math-Rock und Postrock etwas anfangen können. Das Trio aus Kaohsiung wurde 2012 gegründet. Der Bass steht bei ihrer Musik besonders im Vordergrund, dazu kommen verschachtelte Rhythmen, Gitarre und Schlagzeug. Schon die Beschreibung liegt ziemlich nah an meinem musikalischen Beuteschema.
Literatur
Taiwan Travelogue – Yáng Shuāng-zǐ auf deutsch erschienen im Dumont Verlag, übersetzt von Karin Betz
Meine literarische Reise führte mich diesmal zu Yáng Shuāng-zǐ und ihrem Roman Taiwan Travelogue, auf Deutsch als Das Taiwan-Tagebuch erschienen. Ein Buch, das mir gut gefallen hat und neben einem deutlich geschärften Blick auf Taiwans Geschichte auch große Lust auf taiwanesisches Essen hinterlassen hat.
Der Roman beginnt 1938, während der japanischen Kolonialherrschaft. Die japanische Schriftstellerin Aoyama Chizuko reist nach Taiwan, wo ihr die junge Dolmetscherin Chizuru zur Seite gestellt wird. Chizuko möchte die Insel kennenlernen und vor allem möglichst viel von ihrer Küche probieren. Chizuru organisiert, übersetzt und begleitet sie. Auf gemeinsamen Zugfahrten, bei Gesprächen und ausgedehnten Mahlzeiten entwickelt sich eine Vertrautheit, die für Chizuko zunehmend mit romantischen Gefühlen verbunden ist. Sie möchte ihrer Begleiterin näherkommen, stößt aber immer wieder auf eine Zurückhaltung, die sie nicht versteht.
Das Essen nimmt dabei ausgesprochen viel Raum ein. Gerichte, Zutaten und ihre Zubereitung gehören mitten in die Erzählung und vermitteln etwas von der Vielfalt der Insel. Die gemeinsamen Mahlzeiten schaffen Gelegenheiten für Nähe, lassen aber auch erkennen, wie unterschiedlich die beiden Frauen auf das schauen, was vor ihnen steht. Für Chizuko ist vieles eine aufregende Entdeckung. Für Chizuru gehört es zu einer vertrauten Welt, die sie ihrer Arbeitgeberin zugänglich macht. Mein Appetit ist beim Lesen jedenfalls zuverlässig mitgereist.
Gerade an Chizukos Begeisterung setzt die Kolonialismuskritik des Romans an. Sie versteht sich als neugierige, aufgeschlossene Besucherin und hält wenig von imperialer Selbstherrlichkeit. Dass sie selbst von den kolonialen Verhältnissen profitiert, erkennt sie deshalb noch lange nicht. Sie kann reisen, sich bedienen und begleiten lassen und anschließend über Taiwan schreiben. Ihre Perspektive findet Gehör. Chizuru übersetzt und ermöglicht diese Erfahrungen, hat aber wesentlich weniger Freiheit, die Bedingungen ihrer Beziehung mitzubestimmen.
Besonders interessant finde ich daran, dass Yáng Shuāng-zǐ die Kritik an einer Figur entwickelt, deren Zuneigung durchaus aufrichtig ist. Chizuko muss Taiwan nicht verachten, um sich anmaßend zu verhalten. Auch ihre Begeisterung kann vereinnahmend werden, wenn sie daraus einen Anspruch ableitet, alles verstehen zu können und Zugang zum Leben ihrer Begleiterin zu bekommen. Sie wünscht sich eine Begegnung auf Augenhöhe, ohne ausreichend zu erkennen, was dieser Augenhöhe im Weg steht. Chizurus Zurückhaltung erscheint ihr deshalb zunächst als persönliches Rätsel, während sie viel mit den Machtverhältnissen zu tun hat, in denen beide leben.
Dazu passt die Form des Buches: Taiwan Travelogue gibt sich als Übersetzung eines wiederentdeckten japanischen Reiseberichts aus. Schon damit stellt Yáng Shuāng-zǐ die Frage, wer eine Geschichte erzählt, wer sie vermittelt und wem wir dabei Autorität zuschreiben. Taiwan erscheint zunächst durch den Blick einer japanischen Besucherin. Wie begrenzt dieser Blick ist, müssen wir beim Lesen zunehmend mitbedenken.
Ich habe den Roman in der englischen Übersetzung von Lin King gelesen. Die vielen taiwanischen Begriffe, die unübersetzt geblieben sind, fand ich stellenweise durchaus herausfordernd. Das hat mir den Zugang manchmal erschwert, auch wenn mir das Buch insgesamt gut gefallen hat. Gerade hier wird deutlich, wie wichtig die Arbeit der Übersetzer*innen für diesen Roman ist: Was braucht eine Erklärung? Wo würde eine scheinbar vertraute Entsprechung etwas verfälschen? Und wie viel Fremdheit bleibt erhalten, damit die beschriebene Welt nicht vollständig an die Erwartungen ihres neuen Publikums angepasst wird?
Bei der Lesung im Literaturhaus München Anfang Oktober gab auch Karin Betz, die deutsche Übersetzerin, dazu sehr kluge und interessante Einblicke. Zusammen mit Yáng Shuāng-zǐ und Kai Strittmatter ging es außerdem um Taiwans Geschichte, die Erfahrung wechselnder Herrschaften und die gegenwärtige Bedrohung durch China. Besonders interessant fand ich, wie eng für die Autorin die Frage nach dem Erzählen der eigenen Geschichte mit politischer Selbstbestimmung verbunden ist. Nach diesem Abend möchte ich unbedingt noch einmal in die deutsche Übersetzung hineinlesen und sehen, wie Karin Betz bestimmte Stellen gelöst hat.


Mein Buch hätte ich mir anschließend sehr gerne signieren lassen. Leider reichte die Schlange ungefähr bis Taiwan. Das habe ich dann aufgegeben.
Die Reise dorthin steht dagegen weiterhin auf meiner Liste. Die kulinarische Wunschliste ist inzwischen ebenfalls länger geworden.
Wart ihr schon einmal in Taiwan? Was sollte ich mir unbedingt anschauen, wenn aus diesem „irgendwann“ endlich ein konkreter Plan wird? Und welche Bücher, Filme oder Musik aus Taiwan könnt ihr empfehlen?
Hier geht es übrigens zu den vorherigen Stationen der literarischen Weltreise.



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