Düsterer Kiez

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In Rückblenden erzählt Sonja M. Schultz  die Lebensgeschichte von Hawk. Der floh in den 1950er Jahren vor seinem gewalttäigen Vater aus Süddeutschland nach Hamburg. Er kommt in einem Seemannsheim unter, wo ihn der Besitzer unter die Fittiche nimmt und ihm einen Job im Hafen besorgt. Doch Hawk fühlt sich vom fürsorglichen Ersatzvater gegängelt, der alles versucht, um ihn vor der schiefen Bahn zu retten.

„Man pfeift nicht am Hafen. Das bringt Sturm auf See.“ 

Doch erste Kontakte mit dem Kiez-Milieu macht er im Hafen schnell. Er lernt Pik Johnny kennen, fängt an zu boxen und beginnt recht bald für Johnny zu arbeiten. Anfangs sind das einfache Handlanger-Tätigkeiten, später steigt er peu à peu bis zum Drogenschmuggler auf.

Im „Fleur de Mal“ lernt er die geheimnisvolle, coole Lu kennen, in die er sich schwer verliebt. Nie habe ich schönere Beschreibungen gehört wie die Hawks, wenn er von den wogenden Wellen, den Fischen und Meerjungfrauen spricht:

„Unter ihrem schwarzen T-Shirt liegt das Meer.“

Sie ist eine großartige Figur und ich hätte zu gerne eine ihrer Mixtapes gehört, die sie regelmäßig in ihrer Kneipe spielt.

Mit Lu beginnt Hawks Geschichte dann auch von den Erinnerungen an seine Vergangenheit im Heute anzukommen. Irgendjemand hat es nämlich auf ihn abgesehen. Sein heißgeliebtes Auto geht in Flammen auf, jemand zündet seine Wohnung an und immer wieder scheint ihm ein Typ in Motorradmontur durch Hamburg zu folgen.

Ich bin so froh, dass Sonja M Schultz mich anschrieb und fragte, ob ich Interesse hätte, ihren Roman zu rezensieren. Ich bin da oft zurückhaltend, aber dieser Roman passt zur Bingereaderin wie die Faust aufs Auge.

Ein sehr atmosphärischer, emphatischer Roman, bei dem man den Hafen zu riechen glaubt, der eigentlich am Besten mit einem Astra in der einen und einem Fischbrötchen in der anderen Hand gelesen werden sollte (was natürlich schwierig ist, weil man dann keine Hand mehr zum umblättern frei hat)

Ich habe mich derart fest gelesen, ich habe das Buch an einem Wochenende verschlungen. Eine Playlist zum Buch hätte mir noch gefallen. Vielleicht schreibe ich der Autorin mal und frage sie nach der Tracklist von Lus Mixtapes 😉

Hawk ist einer, bei dem man spürt, wie sehr einen die eigenen Herkunft prägt und wie stark die Nachwirkungen der Nazi-Zeit sind, die sowohl weitergegeben werden von Generation zu Generation, auch wenn gleichzeitig dagegen rebelliert wird.

Ein besonderer Kiez-Krimi mit einem außergewöhnlich emphatischen Blick auf seine Protagonisten.

Hier noch ein Blick auf den Trailer, den es zum Buch gibt, der mir auf jeden Fall auch noch mal besondere Lust auf das Buch machte:

Ich danke dem Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein Buch, das schon etwas länger bei mir zu Hause rumstand, eignete sich bestens als Pendant zum „Hundesohn“:

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„Der goldene Handschuh“ ist ganz harter Tobak. Strunk ist deutlich mehr Reporter als empathischer Autor, er dokumentiert die wahren Geschehnisse um den Frauenmörder Fritz Honka, in dem er das Soziotop der Gaststätte ‚Zum goldenen Handschuh‘ auf St. Pauli in den 1970er unter die Lupe nimmt.

Hier finden sich die menschlichen Restexistenzen, die vom Alkohol völlig zerstört sind und am Rande der Gesellschaft ein Schattendasein fristen. Da sind Kriegsversehrte, Einsame, gealterte Prostituierte, aber auch der eine oder andere aus der sogenannten „feinen Gesellschaft“. Was allen gemeinsam ist, sie saufen bis sie vom Stuhl kippen, versuchen, das Elend um sich herum zu vergessen.

“Einmal hat ihm einer im Schlaf die Schuhe ausgezogen, reingeschissen und wieder angezogen. Um diese Uhrzeit ist prinzipiell alles möglich.”

Mehr als einmal habe ich das Buch angeekelt zur Seite legeben müssen. Die detaillierte Beschreibung der Verwahrlosung, in der die Gäste des Handschuhs leben, ist nahezu unvorstellbar. Die eigentlichen Morde werden eher am Rande erwähnt und sind nur die Spitze des Ekels und Grauens darunter.

Strunk beschreibt auf der einen Seite das Leben des Serienmörders Honka auf sehr plastische Weise und stellt diesem das Leben der feinen Reederfamilie aus Hamburgs vornehmsten Kreisen gegenüber. Die sind äußerlich vielleicht ganz vorzeigbar, innerlich aber mindestens genauso verrottet wie die Gäste aus dem Handschuh.

Ein wirklich gutes Buch, auch wenn das Thema schwer erträglich ist. Eine unglaubliche Mischung aus Ekel, Witz und Sozialstudie.

Eines der ganz wenigen Bücher, die ich partout nicht abends im Bett lesen wollte, ich mochte das Buch nicht einmal im Schlafzimmer liegen haben. Nix für zarte Gemüter.

Zwei Bücher, die auf ganz unterschiedliche Weise dem Kiez unter den Rock gucken. So sehr ich Lust habe, mal wieder die Nacht auf St. Pauli durchzumachen, für Laden wie den Handschuh bin ich dann doch nicht hartgesotten genug – dann doch lieber ein Astra im Lehmitz.

Kiwi Musikbibliothek

 

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Thees Uhlmann – Die Toten Hosen

Mit den Toten Hosen kam ich das erste Mal in Berührung, als der Nachbarsjunge im Sommer 1991 mit seinem Ghettoblaster vor unserem Haus saß und lautstark „Opelgang“ abspielte. Einen Tag später hatte er, wie man es damals noch so machte, mir die Kassette überspielt.

1994 durfte ich zum ersten Mal auf ein Toten Hosen Konzert. Meine Liebe zu den Hosen hält seit 1991 an. Mein persönliches Highlight war Anfang der 2000er Jahre das Konzert in einem Flugzeughangar auf Sylt mit nur 500 Personen, wenn überhaupt. Neues Hosen T-Shirt? Oder das letzte Geld lieber in die Bahnfahrkarte zurück investieren? Das war da die große Frage.

Thees Uhlmann blickt in seinem Buch ebenso zurück auf seine Hosen-Zeit. An sein erstes Konzert hat er allerdings viel weniger Erinnerungen als ich an meines – es fing an mit einer Liste, die am schwarzen Brett in seiner Schule hing, als er in die 9. Klasse ging. Überraschenderweise genehmigten seine Eltern den organisierten Konzertausflug aus dem kleinen Hemmoor nach Hamburg und schon stand er vor der Konzertlocation im mega Gedrängel (wie es auch heute noch immer ist!). Ab Lied 4 oder 5 hatte er bereits einen Filmriss – die Erinnerung an das erste Hosenkonzert fällt also eher spärlich aus…

Es sollten sich im Verlauf seines Lebens aber noch viele weitere Gelegenheiten bieten, die Hosen live zu erleben. Das Buch ist kurzweilig und gut zu lesen. Wer eine Biographie der Hosen erwartet, ist hier fehl am Platz, es ist viel mehr eine kurze Geschichte des turbulenten Lebens des Thees Uhlmann, der es vom Filmriss zur Freundschaft mit den Hosen gebracht hat. Mit Fortschritt des Buches und seines Lebens nahmen auch die Hosen einen größeren Stellenwert ein. Für einen echten Hosen-Fan, der ein Buch über die Hosen erwartet, nimmt das Buch dann auch bis zum bitteren Ende etwas an Fahrt auf. Hat mir insgesamt gut gefallen und vor allem – schönes Format, lässt sich auch mal gut in die Tasche stecken und schnell unterwegs lesen.

Weiter geht es hier demnächst mit Nick Cave – jetzt krame ich erst mal die alten Hosen Platten wieder raus…

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für die Rezensionsexemplare und Wonnie von den Münchner Küchenexperimenten für diesen Beitrag.

Kein Teil der Welt – Stefanie de Velasco

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Der zweite Roman von Stefanie de Velasco, die mich schon mit „Tigermilch“ sehr begeistern konnte, macht seine Leser*innen mit einer Parallelwelt vertraut, die mir bislang ziemlich unbekannt war. Esther und Sulamith sind beste Freundinnen seit sie klein sind, sie gehen nicht nur nach dem Kindergarten auch in die gleiche Schule, sie verbringen auch ihre gesamte Freizeit miteinander, die wirkliche freie Zeit und die organisierte Freizeit, die bei beiden eng mit den Zeugen Jehovas verwoben ist.

Esthers Familie war schon vor ihrer Geburt bei den Zeugen Jehovas, Sulamith flüchtete mit ihrer Mutter aus Rumänien und diese tritt aus Dankbarkeit für die erbrachte Unterstützung für sie und ihre Tochter ebenfalls den Zeugen Jehovas bei. Die Kindheit der beiden Mädchen unterscheidet sich gravierend von der ihrer Mitschüler. Wie fundamentalistisch und komplett nicht Teil dieser Welt diese Glaubensgemeinschaft ist, war mir bislang nicht klar.

Was de Velasco in ihrem Buch gut gelingt, ist aufzuzeigen, wie eng die Welt in einer solchen Glaubensgemeinschaft ist. Wie nebensächlich es ist, ob das woran geglaubt oder nicht geglaubt wird einen Sinn ergibt, es erscheint fast, je widersinniger die Ansichten, desto eifriger glauben die Gemeindemitglieder. In erster Linie bieten die Zeugen Jehovas – wie wahrscheinlich auch viele andere Sekten und strengen Glaubensgemeinschaften – Halt, Zusammengehörigkeitsgefühl, Unterstützung, aber eben auch enge Kontrolle, viel Autorität und wenig Freiheit.

Ich fand es interessant, dass man an Sulamith sieht, dass gerade diejenigen, die wirklich nach etwas Höherem suchen, die wirklich glauben wollen, die sich ernsthaft mit dem beschäftigen, wofür ihr Glaube steht, in Schwierigkeiten geraten und oft den Glauben verlieren bzw. die Glaubensgemeinschaft verlassen. Wem es hauptsächlich um die Gemeinschaft geht, hinterfragt weniger, glaubt, was geglaubt werden soll und versucht, einfach nicht anzuecken.

Beim Lesen hab ich mich manchmal regelrecht beklemmt gefühlt. Ich fühlte mich stellenweise an Tara Westovers „Educated“ erinnert, zwischen dem Fundamentalismus der Mormonen und dem der Zeugen Jehovas habe ich keinen großen Unterschied gesehen. Krass war für mich, wie sehr sich diese Glaubensgemeinschaft für die einzig Auserwählten hält, im Gegensatz zu all den anderen draußen in der Welt. Die Ungläubigen, die sich nicht auf ihre Bekehrensversuche einlassen, sind eigentlich nur unverständliches Hintergrundrauschen.

De Velasco, die selbst mit 15 Jahren aus der Gemeinschaft austrat, spricht schonungslos darüber, wie es ist , in einer Glaubensgemeinschaft wie den Zeugen Jehovas aufzuwachsen, ohne je eine reine klassische Aussteigergeschichte zu schreiben. Interessant fand ich auch die geschichtliche Entwicklung zu sehen, die die Zeugen Jehovas durchlaufen haben. Als absolute Pazifisten wurden sie während der NS-Zeit ins KZ gebracht, auch in der DDR wurde ihnen die Glaubensausübung untersagt und sie waren eher auf der Seite der Verfolgten. Heute, wo sie keinerlei Zwängen unterliegen, kommen die Zeugen Jehovas deutlich mehr als Verfolger rüber, die Andersgläubigen wenig Symphatie entgegenenbringen.

Wenn ich das nächste Mal in der Innenstadt Menschen mit ihren „Wachturm“ oder „Erwachet“-Hefterln sehe, muss ich aufpassen, dass ich nicht ein Fachgespräch starte, jetzt wo ich soviel weiß über den treuen und verständigen Slaven, Harmagedon und den Gemeinschaftsentzug…

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

Otto – Dana von Suffrin

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Um Familienromane mache ich in der Regel einen Bogen – insbesondere, wenn Patriarchen darin eine tragende Rolle spielen. Daher wollte ich „Otto“ schon gelangweilt auf Seite packen, doch klugerweise habe ich erst einmal in das Buch hineingelesen, bevor ich mich mit meinem vorschnellen Urteil um ein großes Lesevergnügen gebracht hätte.

Otto, besagter Familienpatriarch, ist tatsächlich ein sehr anstrengender Zeitgenosse, der selbst aus dem Krankenhaus heraus seine beiden Töchter noch ordentlich auf Trab hält. Er macht den beiden ganz selbstverständlich klar, solange er da ist, haben sich die beiden um ihn zu kümmern und sich für ihn auf zu opfern, das sei nun einmal so in einer Familie und in einer jüdischen Familie gleich dreimal.

So unvernünftig, aufbrausend und nervend Otto ist und sein kann, im Laufe des Buches schleicht er sich tatsächlich in mein Herz und ich leide mit seinen Töchtern Timna und Babi mit, denen es schwerfällt, ihren Vater loszulassen, so sehr sie ihn früher ganz gerne losgeworden wären. Und er geht ihnen ganz schön auf die Nerven mit seinen Marotten, seinem Geiz und den ständigen Anrufen. Seine Pflege stellt insbesondere Timna vor große Herausforderungen, aber gleichzeitig gibt es ihr auch die Möglichkeit, in ihre eigene Familiengeschichte einzutauchen.

„Jetzt musst du dich noch entschuldigen, sagte Otto, dann ist alles gut, und wir können bald wieder einen neuen Streit beginnen.“

Timna erzählt ihre Familiengeschichte, die voller Höhen und Tiefen steckt und die gleichzeitig saukomisch und tieftraurig ist. Otto war noch nie einfach, aber er hat es auch wirklich nicht leicht gehabt im Leben. Er wurde in Rumänien geboren, überlebte im Gegensatz zu großen Teilen seiner Familie den Holocaust, siedelte nach Israel um und mußte dort gleich viermal in den Krieg ziehen, um seine neue  Heimat zu verteidigen, bevor er beschloss ausgerechnet Deutschland, die Heimat seiner früheren Verfolger, zu seiner künftigen Heimat zu machen.

„Ich liebe euch, rief Otto, ihr seid alles was ich habe. Und ich bin alles, was ihr habt. Diesen Satz meinte er genau so, wie er ihn sagte.“

Dana von Suffrins gelang es mit viel Humor und auf wunderbare Weise, das Bild eines Lebens zu zeichnen, das voller Schrecken und Diskontinuitäten steckte. Eine Familiengeschichte, die mir in Erinnerung bleiben wird und die ich sehr gerne gelesen habe und bei der ich stellenweise schallend gelacht habe.

Einziger kleiner Kritikpunkt – mir war Otto manchmal fast ein wenig zu schablonenhaft und es wurde kaum ein Klischee ausgelassen. Aber wir reden hier von jammern auf hohem Niveau. Ich bin auf jeden Fall auf das nächste Buch von Dana von Suffrin gespannt, ein wirklich gelungenes Debüt.

Katharina hat den Roman ebenfalls auf ihrem Blog „Kulturgeschwätz“ sehr umfassend und großartig besprochen, den Link findet ihr hier.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mainz by the Book

Ich habe schon so viele literarische Reiseberichte verfasst für diesen Blog, aber meine Heimatstadt, die habe ich bislang schmählich vernachlässigt. Das soll sich heute ändern. Anlass war unser Besuch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt den sich meine Schwiegermama mit uns gewünscht hatte. Sie wollte immer schon mal die Mainzelmännchen Hauptstadt kennenlernen und der diesjährige Geburtstag der Bingereader-Gattin ließ sich bestens mit dem Weinfest in Nierstein verbinden.

Passende Reiselektüre war auch kein Problem, es stand noch eine ungelesene Anna Seghers Novelle im heimischen Bücherschrank.

Mit Mainz verbinden viele Menschen hauptsächlich Fastnachtssitzungen, Mainzelmännchen und „wolle mer se roilasse“ dabei ist Mainz natürlich noch sehr viel mehr. 

Vor über 2000 Jahren von den Römern gegründete Stadt, begegnet man dem römischen Erbe an fast jeder Ecke. Für mich war das normalste auf der Welt als Kind in sämtliche Baustellen reinzuschauen, weil man sich fast sicher sein konnte, das etwas römisches zu Tage tritt. Neben spektakuläreren Fundstücken wie den nahezu komplett erhaltenen Römerschiffen, dem riesigen Amphitheater und dem Isis-Tempel, finden sich auch jede Menge Tore, Säulen, Steine etc

Im späten Mittelalter hatte dann mein persönlicher Held Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg seinen Auftritt. Er gilt als Erfinder der beweglichen Lettern und damit der Buchdruckkunst und jedes Jahr zelebriert man während des Johannnisfests das „Gautschen“, die Buchdruckertaufe: „Bei der Zeremonie werden seit dem 16. Jahrhundert Gesellen in ein großes, mit Wasser gefülltes Holzfass eingetaucht und somit symbolisch von den Sünden der Lehrjahre und dem Bleistaub befreit. Diese Tradition wird heute immer am Johannisnacht-Samstag, in historischen Kostümen auf der Bühne am Liebfrauenplatz fortgeführt. Bei den Lehrlingen handelt es sich inzwischen hauptsächlich um Mediengestalter*innen, die ihre Ausbildung frisch beendet haben.“ (aus http://www.johannisnacht.de)

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Einen Besuch im Gutenberg-Museum kann ich natürlich sehr empfehlen, aber wer wenig Zeit hat und sich entscheiden muss, unbedingt in den daneben gelegenen Druckladen gehen. Dort können sich Große und Kleine als Buchdrucker üben und die selbst gedruckten Erzeugnisse stolz mit nach Hause nehmen. Großer Spaß für wenig Geld.

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Neben all den Römern, Buchdruckern und Mainzelmännchen ist der Wein in Mainz natürlich allgegenwärtig. Samstag morgens nach dem Einkauf auf dem Markt mit Weck, Worscht und Woi ins Wochenende starten

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Foto: Mainz.de

Durch die französische Besetzung 1792 – 1814 wo in Mainz ab 1798 französisch als verbindliche Amtssprache galt, gelangten einige Wörter in den alltäglichen Mainzer Sprachgebrauch. Ein paar Beispiele gefällig?

Bagaasch: Familie (fr.bagage) *Coupé: Abteil (fr. coupé) *Briambel: Gezänk (fr. preámbule)*Buddige: Laden (fr. boutique) *Dormel: Schlafmütze (fr. dormir)*  *Kannapee/Schesselong:Sofa (fr. canapé/chaise longue) *Kondukteer: Schaffner (fr.conducteur) *Monder: Schaufenster (fr. montrer) *Portmonee:Geldbörse (fr. porte-monnaie) *Regadd: Angst (fr. regard)*Trottwaa: Bürgersteig (fr. trottoir)
(aus dem Merkurist)

Wunderschön sind im Übrigen auch die Chagall-Fenster in der Stephanskirche, die man sich bei einem Besuch nicht entgehen lassen sollte.

Neben Carl Zuckmayer ist Anna Seghers wohl die bekannteste Autorin die in Mainz das Licht der Welt erblickte.

Aus Mainz.de:

Anna Seghers wurde am 19. November 1900 als Netty Reiling in Mainz geboren. Sie war das einzige Kind des jüdischen Antiquitäten- und Kunsthändlers Isidor Reiling (1868-1940) und seiner Frau Hedwig, geb. Fuld. Der Vater gehörte dem orthodoxen Teil der Mainzer jüdischen Gemeinde an, die Mutter engagierte sich im Vorstand des jüdischen Frauenbundes. Sie wurde 1942 in das Lager Piaski bei Lublin in Polen deportiert und dort ermordet. Netty wurde in der Religion der Eltern erzogen, trat dann aber zwischen 1925 und 1927 aus der jüdischen Gemeinde aus. Die jüdisch-christlichen „Wurzeln“ ihrer Herkunft sind in vielen ihrer literarischen Werke erkennbar.

Netty besuchte ab 1907 eine angesehene Privatschule in Mainz, wechselte nach drei Jahren auf die Höhere Mädchenschule und kam 1917 schließlich auf das Gymnasium, auf dem sie 1920 das Abitur erlangte. Danach begann Netty Reiling ein Studium der Philologie und Kunstgeschichte in Heidelberg und Köln, das sie 1924 mit einer Dissertation über „Das Jüdische im Werke Rembrandts“ abschloss.

In Heidelberg lernte sie ihren späteren Mann, den ungarischen Philosophen und Kommunisten László Radványi, kennen, den sie nach ihrem Studium nach Berlin begleitete. 1928 trat sie selbst der KPD und dem „Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller“ (BRPS) bei. Aufgrund ihres politischen Engagements und ihrer jüdischen Herkunft besonders gefährdet, floh sie schon 1933 aus Deutschland und lebte fortan mit ihrem Mann und den beiden Kindern im Exil in Frankreich und Mexiko.

1947 kehrte Anna Seghers zurück und lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 1983 in Ostberlin. Mit ihrem literarischen Werk und ihrem gesellschaftlichem Engagement wollte sie das „neue Deutschland“ auf antifaschistischer Grundlage aktiv mitgestalten.

Mit dem Roman „Das Siebte Kreuz“ (1942) und der Erzählung „Ausflug der toten Mädchen“ (1944) setzte die Autorin, eine der bedeutendsten Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts und seit 1981 Ehrenbürgerin, Mainz ein unvergängliches literarisches Denkmal.

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Seit sich Anna Seghers auf ihrem Weg ins mexikanische Exil in Martinique und der Dominikanischen Republik aufhielt, beschäftigte sie sich mit der Karibik. Ausführlich widmete sie sich dem Thema in ihrer karibischen Trilogie „Die Hochzeit von Haiti“, „Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe“ und „Das Licht auf dem Galgen“.
In der dünnen Novelle „Drei Frauen aus Haiti“ ihrem letzten Werk, kehrt sie zu dem Themenkomplex und zu ihren Wurzeln als Revolutionsautorin zurück.
Die Protagonistinnen dieser drei kurzen, miteinander verwobenen Geschichten sind drei sehr unterschiedliche Frauen aus drei unterschiedlichen Zeiten. Toaliina lebt in Haiti zur Zeit von Columbus Eroberung, Claudine in Frankreich Napoleons und Luise unter der Diktatur von Doc Duvalier. Anhand der Erlebnisse dieser drei Frauen zeigt Seghers das Schicksal der Haitianer durch die Geschichte hindurch. Sie erzählt von ihrer Unterdrückung, den Mißhandlungen, dem Leid das den Menschen durch die Eroberer zugefügt wurde.
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Egal wie schwierig das Leben für die drei beschriebenen Frauen ist, sie zeigen eine stille, würdevolle Stärke. Die Aussichten für die Frauen sind eher trübe dennoch kämpft Seghers durch das Buch dafür ihnen eine Stimme und einen Platz in der Geschichte zu geben.
Seghers schreibt schonungslose, karge Prosa hier schon fast minimalistisch. Anna Seghers beherrscht die kurze Form, ich bin aber nicht sicher, ob sie auch Kurzgeschichten veröffentlicht hat.
Ich habe auf jeden Fall Lust bekommen, noch einmal „Das siebte Kreuz“ oder „Transit“ zu lesen, deren Lektüre schon viel zu lange her ist. Schade fand ich, dass sich außer der Tafel an Anna Seghers Geburtsthaus nicht auch ein Denkmal oder eine Büste von ihr finden läßt. Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, wie wenige Frauen eigentlich ein Denkmal haben, fast immer nur Herren. Wird Zeit das mal zu ändern.
Ich hoffe, ihr hattet Spaß an diesem Ausflug ins schöne Mainz und ich habe euch etwas Lust auf Anna Seghers gemacht.
Adschee – bis zum nächsten Mal.

Naxos by the Book

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Das Erste, was auf Naxos überrascht, ist der Wind. Ein stürmischer Wind, der schon Odysseus im Ägäischen Meer so einigen Ärger bereitete, uns aber überwiegend wohltuende Abkühlung brachte und der so ganz anders ist, als die Stürme hier bei uns, ohne dunkle Wolken, Regen und bei strahlend blauem Himmel.

Nach dem eher abenteuerlustigen Urlaub in Kanada im letzten Jahr wollten wir dieses Jahr wieder einfach ein kleines weißes Häuschen am Meer mieten, jede Menge Bücher einpacken und planlos in den Tag hineinleben.

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Naxos ist die größte der Kykladen-Inseln mit etwa 6500 Einwohnern, sie ist recht bergig und da es an den Berggipfeln regelmäßig Niederschläge gibt, ist die Insel auch verhältnismäßig grün. Schon Herodotus (zu dem gibt es in den nächsten Tagen einen gesonderten Beitrag hier) beschrieb die Insel als eine der Reichsten.

Berühmt sind insbesondere die Kartoffeln auf Naxos und ich muss ehrlich zugeben, die haben wirklich sehr gut geschmeckt, denn eigentlich mag ich Kartoffeln überhaupt nicht und habe die Bingereader-Gattin ziemlich überrascht, als ich freiwillig des Öfteren Kartoffeln bestellte.

Es gedeihen aber nicht nur Kartoffeln sehr gut auf Naxos, auch sonst gibt es sehr leckeres Obst, Gemüse und frische Kräuter, daher erschien uns ein Kochkurs eine überaus gute Idee. Die Zutaten kamen direkt von Dimitris Farm und seine bezaubernde Mama, die Kochlehrerin, freute sich sehr über die Erfolge ihrer Kochschützlinge – diese wurden großzügig mit Umarmungen und Bussis belohnt. Wir kochten:

Yemista: mit Reis gefülltes Gemüse
Kolokythokeftedes: Zucchinibällchen mit Feta
Sfougata: Zucchini-Omelette
Tzatziki und
Hühnchen in Tomatensauce

Wir haben gelernt, das Geheimnis guter Küche ist auf jeden Fall immer eine Menge Olivenöl 😉

 

Naxos hat traumhafte Strände, wir fühlten uns teilweise fast in die Karibik versetzt und es gab auch ein paar interessante antike Ruinen zu erwandern. Insgesamt ein rundum perfekter Urlaub.

 

Die passende Lektüre kam auch nicht zu kurz – dieser Urlaub war für mich auch zeitgleich meine Entdeckung der Christa Wolf und die beiden Bücher die ich las – Medea und Kassandra – haben mich umgehend in ein riesiges Christa Wolf-Fangirl verwandelt – ich möchte unbedingt alle Bücher dieser großartigen und von mir viel zu spät entdeckten Autorin lesen.

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Was für eine tragische unheimliche Geschichte – unglaublich wild und brutal, die einem noch lange nachgeht. Die Handlung ist eine Nacherzählung der alten Geschichte des Apollonius von Rhodos und Euripides. Medea, die sonst immer als rachsüchtige Hexe, Kindsmörderin und Inbegriff abgrundtiefen Hasses präsentiert wird erfährt bei Christa Wolf eine Wandlung. Sie zeigt Medea als Opfer politischer Intrige, die einem paranoiden Idioten als Feindbild dienen musste. Ja sie ist wütend – auch in dieser Geschichte – aber immer rational und kein bisschen durchgeknallt.

„Weiß ich doch lange: In dem großen Getriebe spielt auch der seine Rolle, der es verhöhnt..“

„Für den gewöhnlichen Menschen mit seinen Schwächen lebt es sich besser unter Menschen, die auch ihre Schwächen haben“

Das Buch ist eine Reihe von elf Monologen, eine Mischung verschiedener Stimmen doch Medea beherrscht das Narrativ und ist verzweifelt darum bemüht, die letztgültige Version ihres eigenen Lebens zu erzählen.

Christa Wolf schrieb dieses Buch nach dem Zusammenbruch der DDR, Anfang der 1990er Jahre, nach einigen Jahren der Depression und Stille, verursacht wohl durch den Schock über die untergegangene Heimat und die kurz danach einsetzende Hexenjagd, die durch arrogante westdeutsche Journalisten auf sie veranstaltet wurde.

„So ist es Brauch gewesen in den alten Zeiten, auf die auch wir uns ja berufen hatten, weil wir uns einen Vorteil davon versprachen. Und seitdem ist mir ein Schauder geblieben vor diesen alten Zeiten und vor den Kräften, die sie in uns freisetzen und derer wir dann nicht mehr Herr werden können.“

Medea scheint ihre Katharsis gewesen zu sein, ihre Art, den Schmerz darüber zu verarbeiten, keine wirkliche Heimat mehr zu haben. Die alte Heimat – Kolchis im Roman – ist untergegangen im brutalen Showdown omnipotenten männlichen Egos. Ihre neue Heimat – Korinth – braucht einen Sündenbock, um von ihren eigenen immanenten Problemen abzulenken.

Die wilde Frau, die sich weigert, ihre Ambitionen zu beschränken und sich arroganten Männern zu unterwerfen wird gejagt und verurteilt… Das gilt für Medea wie auch für Christa Wolf.

Was ist Wahrheit? Wahrheit ist vermutlich das, was die Leute glauben wollen.
Medea, die versucht wahrhaftig zu leben, muss ihre Heimatlosigkeit akzeptieren in einer Welt voller kindischer egomanischer Männer, die von skrupellosen Beratern voller Opportunismus umringt sind.

„Große schreckliche Kinder, Medea. Das nimmt zu, glaub mir. Das greift um sich.“

Christa Wolfs Sicht auf die Welt (und das Patriarchat) ist kristallklar, desillusioniert und ehrlich. Diese Version der Medea ist schrecklicher als die antike Version, da sie erschreckend aktuell, das Oper einer Fake News Maschine erster Güte wird.

Agameda meint, es sei eine Form von Hochmut, auf Haß nicht mit Haß zu antworten und sich so über die Gefühle der gewöhnlichen Menschen zu erheben, die Haß genauso brauchen wie Liebe, eher mehr.“

Chapeau Christa Wolf – wilde Frau!

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Direkt weiter ging es mit einer weiteren Neufassung eines antiken Klassikers. Kassandra, die Seherin, in einer Welt voll blindem Patriotismus und Machismo, die Kämpferin für die Rechte der Frauen in einer Gesellschaft, die Frauen per Tauschgeschäft gegen Gold oder Ehre eintauscht. Kassandra ist ein zeitloser Mythos und gleichzeitig so aktuell, wie ein Protagonist nur sein kann.

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da?
Da stünde, unter andern Sätzen: Laßt euch nicht von den Eignen täuschen.“

Kassandra ähnelt der Autorin sehr, die zu ihren Lebzeiten ebenfalls gegen  desillusionierende machthungrige Politik ankämpfte, die versuchte, der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen und die damit genauso wenig Erfolg hatte wie Kassandra.

„Das alte Lied: Nicht die Untat, ihre Ankündigung macht die Menschen blaß, auch wütend, ich kenn es von mir selbst. Und daß wir lieber den bestrafen, der die Tat benennt, als den, der sie begeht: Da sind wir, wie in allem übrigen, alle gleich. Der Unterschied liegt darin, ob mans weiß.“

Am Ende sieht Kassandra die Mauern ihrer Gesellschaft von innen her zerstört und wie die trojanische Prinzessin so sah auch Christa Wolf, dass ihre eigene Gesellschaft dabei war, zu zerbrechen. Der Roman erschien 1983 und die DDR zeigte bereits jede Menge Anzeichen des beginnenden Zerfalls.

Kassandra beklagt, wie die Rhetorik der Herrschenden lauter und lauter wird, je schwächer Troja wird, ein Spiegelbild zur DDR Propaganda und mit Eumelos hatte Troja sogar seinen eigenen fanatischen Stasi-Agenten.

„… auf einmal war es nicht mehr ratsam für uns Frauen, alleine unterwegs zu sein. Wenn man es recht betrachtete – nur traute niemand sich, es so zu sehn – , schienen die Männer beider Seiten verbündet gegen unsere Frauen. Entmutigt zogen die sich in die winterlichen Höhlen der Häuser, an die glimmenden Feuer und zu den Kindern zurück.“ 

Sie hat mich auch sehr überrascht mit der Wendung der Geschichte, dass Helena gar nicht in Troja ist. Das der ganze Grund für den Trojanischen Krieg auf einer Illusion, einem Betrug beruht. Aber egal, ob Helena da ist oder nicht, zwei kriegswütige Demagogen brauchen keinen wirklichen Grund für einen Krieg. Helena ist einfach nur eine Ausrede.

Fake News treffen auf griechische Mythen. Christa Wolf hat mich wirklich umgehauen. Ein Roman, der wieder und wieder gelesen werden muss, denn die Trojanischen Kriege werden auch heute noch geführt. Und sie werden solange weitergehen, bis gewalttätige Helden nicht mehr angesagt sind. Bis Frauen nirgendwo auf der Welt mehr als Objekte gesehen werden, die man als Kriegsbeute erobert oder die man beim Spiel gewinnen oder verlieren kann.

„Was dann kam, sah ich vor mir, als wär ich dabeigewesen. Achill der Griechenheld schändet die tote Frau. Der Mann, unfähig, die Lebende zu lieben, wirft sich, weiter tötend, auf das Opfer. Und ich stöhne. Warum. Sie hat es nicht gefühlt. Wir fühlen es, wir Frauen alle. Was soll werden, wenn das um sich greift. Die Männer, schwach, zu Siegern hochgeputscht, brauchen, um sich überhaupt noch zu empfinden, uns als Opfer. Was soll da werden.“

Noch bleiben die Stimmen von Frauen wie Kassandra weiterhin zu oft ungehört.

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Aus Vernunftgründen hatte ich auf Stephen Frys „Mythos“ verzichtet, da der Stapel an Reiselektüre schon beachtlichen Umfang hatte. Um so mehr habe ich mich gefreut, das Buch in der Bibliothek unseres Ferienhauses zu entdecken.

“Gaia visited her daughter Mnemosyne, who was busy being unpronounceable.” 

Meine letzte Stephen Fry Lektüre liegt lange zurück, aber meine Erwartung an beste Unterhaltung mit viel Witz wurde absolut erfüllt.  Seine Nacherzählungen der griechischen Mythen sind einfach brillant. Ich habe sehr viel über die griechische Mythologie gelernt und einiges an verschüttetem Wissen aus der Kindheit wieder ausgegraben.

Er ist ein geborener Geschichtenerzähler, nie langweilig oder dröge und man verliert nie den Faden. Er schreibt mit viel Witz, seine Kommentare sind sehr hilfreich und sorgen dafür, dass man viel mitnimmt und den Kosmos der Götter besser versteht.

“For the world seems never to offer anything worthwhile without also providing a dreadful opposite.”

Das Buch enthält ein paar meiner liebsten Mythen, insbesondere Persephone und Hades fand ich spannend. Die Geschichte um Arachne hat leider nicht geholfen, mich mit den zahlreichen großen Arachne-Vertretern auf Naxos anzufreunden, ich mag sie immer noch nicht.

Ich kann Stephen Frys Nacherzählungen nur jedem empfehlen. Ein großartiger Spaß.

“Brooding, simmering and raging in the ground, deep beneath the earth that once loved him, Ouranos compressed all his fury and divine energy into the very rock itself, hoping that one day some excavating creature somewhere would mine it and try to harness the immortal power that radiated from within. That could never happen, of course. It would be too dangerous. Surely the race had yet to be born that could be so foolish as to attempt to unleash the power of uranium?”

Hier die Bücher noch einmal in der Übersicht:

Medea und Kassandra von Christa Wolf erscheinen heute im Suhrkamp Verlag
Mythos von Stephen Fry erschein auf deutsch im Aufbau Verlag.

Fräulein Nettes kurzer Sommer – Karen Duve

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Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war mir einzig dem Namen nach bekannt und dunkel erinnere mich an ihr Portrait auf einem DM-Schein, auf dem sie immer etwas vorwurfsvoll schaute, wenn man sie ausgeben wollte. Ich weiß, das Heerscharen von Schülern „Die Judenbuche“ gelesen haben, ich bin aber nie mit ihr konfrontiert worden während meiner Schulzeit. Das ist ja oft durchaus ein Vorteil, denn manche Schriftsteller werden einem durch den Deutschunterricht ja leider auch öfter mal gründlich versaut.

Diese Lücke wollte ich mit Karen Duves Roman „Fräulein Nettes kurzes Sommer“ nun endgültig stopfen und mich erst einmal über das Leben dieser Autorin kundig machen, bevor ich jetzt endlich auch mal etwas von ihr lese. Karen Duve erzählt die Geschichte der begabten Schriftstellerin die zu ihrer Zeit mit unglaublich vielen Widerständen kämpfen musste und zu deren Lebzeiten lange nicht viel für ihren posthumen Ruhm sprach.

Mir gefiel alleine zu Anfang schon die Beschreibung dieses schrecklichen Sommers, der dem großen Vulkanausbruch in Indonesien im Jahr 1815 folgte, als große Teile der Welt keinen wirklichen Sommer hatten und von Kälte, Regengüssen und daraus resultierenden Missernten heimgesucht wurden.

Die Beschreibung der Kutschfahrt durch schlammige völlig überflutete Wege bei Dauerregen war unglaublich bildhaft und als ich das Kapitel las, hatten wir in München auch gerade heftigste Regengüsse. Der an die Fenster prasselnde Regen war der perfekte Soundtrack für das Buch.

Duve läßt uns Annette von Drostes restriktives Leben miterleben, voller Empathie, aber ohne sie in eine Opferrolle zu stecken. Wilhelm Grimm bekommt regelrecht Panik, wenn er die Schriftstellerin nur sieht, neckt sie ihn doch häufig und bringt ihn wiederholt in Verlegenheit. Überhaupt ist Fräulein Nette ein komischer Vogel, finden ihre Verwandten, Freunde und Freundinnen. Sie schweigt nicht sittsam, mischt sich in die Unterhaltungen der Männer ein und das gar ohne die Stimmlage lieblich weiblich eine Oktave nach oben zu verlegen, sie strickt und stickt nicht gerne, schreibt ständig Gedichte und zieht lieber mit einem Hämmerchen bewaffnet in Steinbrüche, um dort nach Fossilien zu suchen. Und dann hat sie auch noch ein unerhörtes Interesse an Literatur, Politik, Geschichte. Wie unhöflich und seltsam.

Annette_von_Droste-Hülshoff

Foto: Wikipedia

Als Annette heranwuchs, gesellte sich zu der zerbrechlichen Konstitution ein heftiges und störrisches Wesen. Sie zeigte wenig Neigung, sich mit angemessenen Beschäftigungen aufzuhalten, stromerte in der matschigen Moorlandschaft herum, kam mit verkrusteten Stiefeln und Kleidersäumen zurück und schwänzte den Unterricht, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester und den beiden zur allseitigen Erleichterung schließlich doch noch geborenen Brüdern bei einem Hauslehrer nehmen durfte. Mathematik, Latein, Griechisch und Französisch waren keine selbstverständliche Ausbildung für junge Damen – Französisch ging gerade noch durch, Mathematik aber auf gar keinen Fall. Der Unterricht von Mädchen bestand normalerweise darin, sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln.“

Auch um ihren Gesundheitszustand steht es nicht zum Besten. Blind wie ein Maulwurf und daher stets mit Lorgnette in der Hand, häufig krank und dünn. Nein, mit Annette ist kein Staat zu machen, findet die Familie. Gut sie hat Talent, reimt ganz hübsche Gedichtlein, die sie an Geburtstagen vortragen darf, aber so wirklich begeistert ist man von ihrer Schreiberei nicht und versucht, sie ständig mit Blick auf ihren Gesundheitszustand am Lesen und Schreiben zu hindern.

Der labilen Konstitution ist es dann auch zu verdanken, dass sie mit ihrer Großmutter für ein paar Wochen in ein sterbenslangweiliges Kurbad reist, um dort ab 5 Uhr früh literweise gesundes Wasser zu trinken. Sehr seltsam fand ich, dass man zu dieser Zeit den „monatlichen Fluss“ mit der Lust an Brandstifterei in Verbindung brachte, wie dieses Zitat hier zeigt:

„Wie alt sind Sie jetzt? Dreiundzwanzig schon? Denken Sie an Heirat! Im wahren Ideal des Weibes findet kein Monatsfluss statt. Spüren sie manchmal die Neigung Feuer zu legen? Nein? Gut.“

Im Roman geht es hauptsächlich um den Sommer im Jahr 1820, als Annette nicht nur die Aufmerksamkeit eines Herrn erweckt, nein, gleich zwei scheinen von der vorlauten, aber interessanten Annette bezaubert zu sein. Da ist einmal der von ihrem nur wenige Jahre älteren Onkel protegierte Straube, ein Habenichts, den der Onkel für das größte Genie nach Goethe hält und der Adlige Arnwaldt, ein spiessiger Burschenschaftler mit wallender Frisur, der vorgibt Annettes Treue zu Straube testen zu wollen.

Eine schlimme Intrige entspinnt sich da in diesem Sommer, die nie ganz genau aufgeklärt werden konnte, die aber traurige Folgen für die Schriftstellerin haben wird, sich zum Glück aber nicht auf ihr kreatives Schaffen auswirkt.

Karen Duve erzählt diese Geschichte überaus plastisch, mit viel Zeitkolorit, in die sie viel Recherche gesteckt hat. Der Roman stützt sich auf umfassendes Material aus der Zeit, insbesondere auf Briefe, die man sich zu dieser Zeit ja reichlich geschrieben hat. Es tauchen eine Menge Figuren auf, unbekannte wie bekannte z.B. die Gebrüder Grimm, Heinrich Heine, der Dichter Kotzebue, der von einem radikalen jungen Studenten ermordet wird, Heinrich von Fallersleben und andere. So sehr das dem Zeitkolorit dient und man wirklich immens viel über die Zeit lernt, mir kam die eigentliche Protagonistin ein bisschen zu kurz.

Ich hätte gerne gewußt, was Droste-Hülshoff gelesen hat. Was, wann und wo hat sie geschrieben? Ich hätte gerne mehr von ihr und ihren Gedanken erfahren, das ging aber oft zugunsten der lärmenden studentischen Dauerplauderer, die sich durch die Bank weg für Genies hielten, unter.

Ich habe das Buch gerne gelesen, mir ist das Fräulein sehr ans Herz gewachsen und ich möchte auf jeden Fall noch mehr von und über sie lesen.

Fräulein Nettes kurzer Sommer ist im Galiani Verlag erschienen.

Eine weitere Rezension zum Roman findet ihr bei Sätze & Schätze.