Naxos by the Book

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Das Erste, was auf Naxos überrascht, ist der Wind. Ein stürmischer Wind, der schon Odysseus im Ägäischen Meer so einigen Ärger bereitete, uns aber überwiegend wohltuende Abkühlung brachte und der so ganz anders ist, als die Stürme hier bei uns, ohne dunkle Wolken, Regen und bei strahlend blauem Himmel.

Nach dem eher abenteuerlustigen Urlaub in Kanada im letzten Jahr wollten wir dieses Jahr wieder einfach ein kleines weißes Häuschen am Meer mieten, jede Menge Bücher einpacken und planlos in den Tag hineinleben.

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Naxos ist die größte der Kykladen-Inseln mit etwa 6500 Einwohnern, sie ist recht bergig und da es an den Berggipfeln regelmäßig Niederschläge gibt, ist die Insel auch verhältnismäßig grün. Schon Herodotus (zu dem gibt es in den nächsten Tagen einen gesonderten Beitrag hier) beschrieb die Insel als eine der Reichsten.

Berühmt sind insbesondere die Kartoffeln auf Naxos und ich muss ehrlich zugeben, die haben wirklich sehr gut geschmeckt, denn eigentlich mag ich Kartoffeln überhaupt nicht und habe die Bingereader-Gattin ziemlich überrascht, als ich freiwillig des Öfteren Kartoffeln bestellte.

Es gedeihen aber nicht nur Kartoffeln sehr gut auf Naxos, auch sonst gibt es sehr leckeres Obst, Gemüse und frische Kräuter, daher erschien uns ein Kochkurs eine überaus gute Idee. Die Zutaten kamen direkt von Dimitris Farm und seine bezaubernde Mama, die Kochlehrerin, freute sich sehr über die Erfolge ihrer Kochschützlinge – diese wurden großzügig mit Umarmungen und Bussis belohnt. Wir kochten:

Yemista: mit Reis gefülltes Gemüse
Kolokythokeftedes: Zucchinibällchen mit Feta
Sfougata: Zucchini-Omelette
Tzatziki und
Hühnchen in Tomatensauce

Wir haben gelernt, das Geheimnis guter Küche ist auf jeden Fall immer eine Menge Olivenöl 😉

 

Naxos hat traumhafte Strände, wir fühlten uns teilweise fast in die Karibik versetzt und es gab auch ein paar interessante antike Ruinen zu erwandern. Insgesamt ein rundum perfekter Urlaub.

 

Die passende Lektüre kam auch nicht zu kurz – dieser Urlaub war für mich auch zeitgleich meine Entdeckung der Christa Wolf und die beiden Bücher die ich las – Medea und Kassandra – haben mich umgehend in ein riesiges Christa Wolf-Fangirl verwandelt – ich möchte unbedingt alle Bücher dieser großartigen und von mir viel zu spät entdeckten Autorin lesen.

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Was für eine tragische unheimliche Geschichte – unglaublich wild und brutal, die einem noch lange nachgeht. Die Handlung ist eine Nacherzählung der alten Geschichte des Apollonius von Rhodos und Euripides. Medea, die sonst immer als rachsüchtige Hexe, Kindsmörderin und Inbegriff abgrundtiefen Hasses präsentiert wird erfährt bei Christa Wolf eine Wandlung. Sie zeigt Medea als Opfer politischer Intrige, die einem paranoiden Idioten als Feindbild dienen musste. Ja sie ist wütend – auch in dieser Geschichte – aber immer rational und kein bisschen durchgeknallt.

„Weiß ich doch lange: In dem großen Getriebe spielt auch der seine Rolle, der es verhöhnt..“

„Für den gewöhnlichen Menschen mit seinen Schwächen lebt es sich besser unter Menschen, die auch ihre Schwächen haben“

Das Buch ist eine Reihe von elf Monologen, eine Mischung verschiedener Stimmen doch Medea beherrscht das Narrativ und ist verzweifelt darum bemüht, die letztgültige Version ihres eigenen Lebens zu erzählen.

Christa Wolf schrieb dieses Buch nach dem Zusammenbruch der DDR, Anfang der 1990er Jahre, nach einigen Jahren der Depression und Stille, verursacht wohl durch den Schock über die untergegangene Heimat und die kurz danach einsetzende Hexenjagd, die durch arrogante westdeutsche Journalisten auf sie veranstaltet wurde.

„So ist es Brauch gewesen in den alten Zeiten, auf die auch wir uns ja berufen hatten, weil wir uns einen Vorteil davon versprachen. Und seitdem ist mir ein Schauder geblieben vor diesen alten Zeiten und vor den Kräften, die sie in uns freisetzen und derer wir dann nicht mehr Herr werden können.“

Medea scheint ihre Katharsis gewesen zu sein, ihre Art, den Schmerz darüber zu verarbeiten, keine wirkliche Heimat mehr zu haben. Die alte Heimat – Kolchis im Roman – ist untergegangen im brutalen Showdown omnipotenten männlichen Egos. Ihre neue Heimat – Korinth – braucht einen Sündenbock, um von ihren eigenen immanenten Problemen abzulenken.

Die wilde Frau, die sich weigert, ihre Ambitionen zu beschränken und sich arroganten Männern zu unterwerfen wird gejagt und verurteilt… Das gilt für Medea wie auch für Christa Wolf.

Was ist Wahrheit? Wahrheit ist vermutlich das, was die Leute glauben wollen.
Medea, die versucht wahrhaftig zu leben, muss ihre Heimatlosigkeit akzeptieren in einer Welt voller kindischer egomanischer Männer, die von skrupellosen Beratern voller Opportunismus umringt sind.

„Große schreckliche Kinder, Medea. Das nimmt zu, glaub mir. Das greift um sich.“

Christa Wolfs Sicht auf die Welt (und das Patriarchat) ist kristallklar, desillusioniert und ehrlich. Diese Version der Medea ist schrecklicher als die antike Version, da sie erschreckend aktuell, das Oper einer Fake News Maschine erster Güte wird.

Agameda meint, es sei eine Form von Hochmut, auf Haß nicht mit Haß zu antworten und sich so über die Gefühle der gewöhnlichen Menschen zu erheben, die Haß genauso brauchen wie Liebe, eher mehr.“

Chapeau Christa Wolf – wilde Frau!

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Direkt weiter ging es mit einer weiteren Neufassung eines antiken Klassikers. Kassandra, die Seherin, in einer Welt voll blindem Patriotismus und Machismo, die Kämpferin für die Rechte der Frauen in einer Gesellschaft, die Frauen per Tauschgeschäft gegen Gold oder Ehre eintauscht. Kassandra ist ein zeitloser Mythos und gleichzeitig so aktuell, wie ein Protagonist nur sein kann.

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da?
Da stünde, unter andern Sätzen: Laßt euch nicht von den Eignen täuschen.“

Kassandra ähnelt der Autorin sehr, die zu ihren Lebzeiten ebenfalls gegen  desillusionierende machthungrige Politik ankämpfte, die versuchte, der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen und die damit genauso wenig Erfolg hatte wie Kassandra.

„Das alte Lied: Nicht die Untat, ihre Ankündigung macht die Menschen blaß, auch wütend, ich kenn es von mir selbst. Und daß wir lieber den bestrafen, der die Tat benennt, als den, der sie begeht: Da sind wir, wie in allem übrigen, alle gleich. Der Unterschied liegt darin, ob mans weiß.“

Am Ende sieht Kassandra die Mauern ihrer Gesellschaft von innen her zerstört und wie die trojanische Prinzessin so sah auch Christa Wolf, dass ihre eigene Gesellschaft dabei war, zu zerbrechen. Der Roman erschien 1983 und die DDR zeigte bereits jede Menge Anzeichen des beginnenden Zerfalls.

Kassandra beklagt, wie die Rhetorik der Herrschenden lauter und lauter wird, je schwächer Troja wird, ein Spiegelbild zur DDR Propaganda und mit Eumelos hatte Troja sogar seinen eigenen fanatischen Stasi-Agenten.

„… auf einmal war es nicht mehr ratsam für uns Frauen, alleine unterwegs zu sein. Wenn man es recht betrachtete – nur traute niemand sich, es so zu sehn – , schienen die Männer beider Seiten verbündet gegen unsere Frauen. Entmutigt zogen die sich in die winterlichen Höhlen der Häuser, an die glimmenden Feuer und zu den Kindern zurück.“ 

Sie hat mich auch sehr überrascht mit der Wendung der Geschichte, dass Helena gar nicht in Troja ist. Das der ganze Grund für den Trojanischen Krieg auf einer Illusion, einem Betrug beruht. Aber egal, ob Helena da ist oder nicht, zwei kriegswütige Demagogen brauchen keinen wirklichen Grund für einen Krieg. Helena ist einfach nur eine Ausrede.

Fake News treffen auf griechische Mythen. Christa Wolf hat mich wirklich umgehauen. Ein Roman, der wieder und wieder gelesen werden muss, denn die Trojanischen Kriege werden auch heute noch geführt. Und sie werden solange weitergehen, bis gewalttätige Helden nicht mehr angesagt sind. Bis Frauen nirgendwo auf der Welt mehr als Objekte gesehen werden, die man als Kriegsbeute erobert oder die man beim Spiel gewinnen oder verlieren kann.

„Was dann kam, sah ich vor mir, als wär ich dabeigewesen. Achill der Griechenheld schändet die tote Frau. Der Mann, unfähig, die Lebende zu lieben, wirft sich, weiter tötend, auf das Opfer. Und ich stöhne. Warum. Sie hat es nicht gefühlt. Wir fühlen es, wir Frauen alle. Was soll werden, wenn das um sich greift. Die Männer, schwach, zu Siegern hochgeputscht, brauchen, um sich überhaupt noch zu empfinden, uns als Opfer. Was soll da werden.“

Noch bleiben die Stimmen von Frauen wie Kassandra weiterhin zu oft ungehört.

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Aus Vernunftgründen hatte ich auf Stephen Frys „Mythos“ verzichtet, da der Stapel an Reiselektüre schon beachtlichen Umfang hatte. Um so mehr habe ich mich gefreut, das Buch in der Bibliothek unseres Ferienhauses zu entdecken.

“Gaia visited her daughter Mnemosyne, who was busy being unpronounceable.” 

Meine letzte Stephen Fry Lektüre liegt lange zurück, aber meine Erwartung an beste Unterhaltung mit viel Witz wurde absolut erfüllt.  Seine Nacherzählungen der griechischen Mythen sind einfach brillant. Ich habe sehr viel über die griechische Mythologie gelernt und einiges an verschüttetem Wissen aus der Kindheit wieder ausgegraben.

Er ist ein geborener Geschichtenerzähler, nie langweilig oder dröge und man verliert nie den Faden. Er schreibt mit viel Witz, seine Kommentare sind sehr hilfreich und sorgen dafür, dass man viel mitnimmt und den Kosmos der Götter besser versteht.

“For the world seems never to offer anything worthwhile without also providing a dreadful opposite.”

Das Buch enthält ein paar meiner liebsten Mythen, insbesondere Persephone und Hades fand ich spannend. Die Geschichte um Arachne hat leider nicht geholfen, mich mit den zahlreichen großen Arachne-Vertretern auf Naxos anzufreunden, ich mag sie immer noch nicht.

Ich kann Stephen Frys Nacherzählungen nur jedem empfehlen. Ein großartiger Spaß.

“Brooding, simmering and raging in the ground, deep beneath the earth that once loved him, Ouranos compressed all his fury and divine energy into the very rock itself, hoping that one day some excavating creature somewhere would mine it and try to harness the immortal power that radiated from within. That could never happen, of course. It would be too dangerous. Surely the race had yet to be born that could be so foolish as to attempt to unleash the power of uranium?”

Hier die Bücher noch einmal in der Übersicht:

Medea und Kassandra von Christa Wolf erscheinen heute im Suhrkamp Verlag
Mythos von Stephen Fry erschein auf deutsch im Aufbau Verlag.

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Fräulein Nettes kurzer Sommer – Karen Duve

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Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war mir einzig dem Namen nach bekannt und dunkel erinnere mich an ihr Portrait auf einem DM-Schein, auf dem sie immer etwas vorwurfsvoll schaute, wenn man sie ausgeben wollte. Ich weiß, das Heerscharen von Schülern „Die Judenbuche“ gelesen haben, ich bin aber nie mit ihr konfrontiert worden während meiner Schulzeit. Das ist ja oft durchaus ein Vorteil, denn manche Schriftsteller werden einem durch den Deutschunterricht ja leider auch öfter mal gründlich versaut.

Diese Lücke wollte ich mit Karen Duves Roman „Fräulein Nettes kurzes Sommer“ nun endgültig stopfen und mich erst einmal über das Leben dieser Autorin kundig machen, bevor ich jetzt endlich auch mal etwas von ihr lese. Karen Duve erzählt die Geschichte der begabten Schriftstellerin die zu ihrer Zeit mit unglaublich vielen Widerständen kämpfen musste und zu deren Lebzeiten lange nicht viel für ihren posthumen Ruhm sprach.

Mir gefiel alleine zu Anfang schon die Beschreibung dieses schrecklichen Sommers, der dem großen Vulkanausbruch in Indonesien im Jahr 1815 folgte, als große Teile der Welt keinen wirklichen Sommer hatten und von Kälte, Regengüssen und daraus resultierenden Missernten heimgesucht wurden.

Die Beschreibung der Kutschfahrt durch schlammige völlig überflutete Wege bei Dauerregen war unglaublich bildhaft und als ich das Kapitel las, hatten wir in München auch gerade heftigste Regengüsse. Der an die Fenster prasselnde Regen war der perfekte Soundtrack für das Buch.

Duve läßt uns Annette von Drostes restriktives Leben miterleben, voller Empathie, aber ohne sie in eine Opferrolle zu stecken. Wilhelm Grimm bekommt regelrecht Panik, wenn er die Schriftstellerin nur sieht, neckt sie ihn doch häufig und bringt ihn wiederholt in Verlegenheit. Überhaupt ist Fräulein Nette ein komischer Vogel, finden ihre Verwandten, Freunde und Freundinnen. Sie schweigt nicht sittsam, mischt sich in die Unterhaltungen der Männer ein und das gar ohne die Stimmlage lieblich weiblich eine Oktave nach oben zu verlegen, sie strickt und stickt nicht gerne, schreibt ständig Gedichte und zieht lieber mit einem Hämmerchen bewaffnet in Steinbrüche, um dort nach Fossilien zu suchen. Und dann hat sie auch noch ein unerhörtes Interesse an Literatur, Politik, Geschichte. Wie unhöflich und seltsam.

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Foto: Wikipedia

Als Annette heranwuchs, gesellte sich zu der zerbrechlichen Konstitution ein heftiges und störrisches Wesen. Sie zeigte wenig Neigung, sich mit angemessenen Beschäftigungen aufzuhalten, stromerte in der matschigen Moorlandschaft herum, kam mit verkrusteten Stiefeln und Kleidersäumen zurück und schwänzte den Unterricht, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester und den beiden zur allseitigen Erleichterung schließlich doch noch geborenen Brüdern bei einem Hauslehrer nehmen durfte. Mathematik, Latein, Griechisch und Französisch waren keine selbstverständliche Ausbildung für junge Damen – Französisch ging gerade noch durch, Mathematik aber auf gar keinen Fall. Der Unterricht von Mädchen bestand normalerweise darin, sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln.“

Auch um ihren Gesundheitszustand steht es nicht zum Besten. Blind wie ein Maulwurf und daher stets mit Lorgnette in der Hand, häufig krank und dünn. Nein, mit Annette ist kein Staat zu machen, findet die Familie. Gut sie hat Talent, reimt ganz hübsche Gedichtlein, die sie an Geburtstagen vortragen darf, aber so wirklich begeistert ist man von ihrer Schreiberei nicht und versucht, sie ständig mit Blick auf ihren Gesundheitszustand am Lesen und Schreiben zu hindern.

Der labilen Konstitution ist es dann auch zu verdanken, dass sie mit ihrer Großmutter für ein paar Wochen in ein sterbenslangweiliges Kurbad reist, um dort ab 5 Uhr früh literweise gesundes Wasser zu trinken. Sehr seltsam fand ich, dass man zu dieser Zeit den „monatlichen Fluss“ mit der Lust an Brandstifterei in Verbindung brachte, wie dieses Zitat hier zeigt:

„Wie alt sind Sie jetzt? Dreiundzwanzig schon? Denken Sie an Heirat! Im wahren Ideal des Weibes findet kein Monatsfluss statt. Spüren sie manchmal die Neigung Feuer zu legen? Nein? Gut.“

Im Roman geht es hauptsächlich um den Sommer im Jahr 1820, als Annette nicht nur die Aufmerksamkeit eines Herrn erweckt, nein, gleich zwei scheinen von der vorlauten, aber interessanten Annette bezaubert zu sein. Da ist einmal der von ihrem nur wenige Jahre älteren Onkel protegierte Straube, ein Habenichts, den der Onkel für das größte Genie nach Goethe hält und der Adlige Arnwaldt, ein spiessiger Burschenschaftler mit wallender Frisur, der vorgibt Annettes Treue zu Straube testen zu wollen.

Eine schlimme Intrige entspinnt sich da in diesem Sommer, die nie ganz genau aufgeklärt werden konnte, die aber traurige Folgen für die Schriftstellerin haben wird, sich zum Glück aber nicht auf ihr kreatives Schaffen auswirkt.

Karen Duve erzählt diese Geschichte überaus plastisch, mit viel Zeitkolorit, in die sie viel Recherche gesteckt hat. Der Roman stützt sich auf umfassendes Material aus der Zeit, insbesondere auf Briefe, die man sich zu dieser Zeit ja reichlich geschrieben hat. Es tauchen eine Menge Figuren auf, unbekannte wie bekannte z.B. die Gebrüder Grimm, Heinrich Heine, der Dichter Kotzebue, der von einem radikalen jungen Studenten ermordet wird, Heinrich von Fallersleben und andere. So sehr das dem Zeitkolorit dient und man wirklich immens viel über die Zeit lernt, mir kam die eigentliche Protagonistin ein bisschen zu kurz.

Ich hätte gerne gewußt, was Droste-Hülshoff gelesen hat. Was, wann und wo hat sie geschrieben? Ich hätte gerne mehr von ihr und ihren Gedanken erfahren, das ging aber oft zugunsten der lärmenden studentischen Dauerplauderer, die sich durch die Bank weg für Genies hielten, unter.

Ich habe das Buch gerne gelesen, mir ist das Fräulein sehr ans Herz gewachsen und ich möchte auf jeden Fall noch mehr von und über sie lesen.

Fräulein Nettes kurzer Sommer ist im Galiani Verlag erschienen.

Eine weitere Rezension zum Roman findet ihr bei Sätze & Schätze.

Short and Sweet (8)

Kurt – Sarah Kuttner

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Über Kurt braucht man glaube ich nicht mehr viel zu sagen. Da ist Sarah Kuttner wirklich etwas ganz Großes gelungen. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich derart berührt hat und dabei so leicht und überhaupt nicht melodramatisch daher kommt.

Frau Kuttner ist eine irre intelligente, warmherzige Persönlichkeit, die ich unbedingt mal auf einer Lesung erleben möchte oder noch besser, mit ihr Füße in den Fluß halten und dabei ein Bier oder zwei trinken.

Mein Überraschungsbuch des Jahres bislang.

Der Klappentext fasst es wunderbar zusammen:
Von der Suche nach Familie, der Sehnsucht nach dem richtigen Ort und darüber, dass nichts davon planbar ist.

»Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtagskurt. Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen, vor allem wenn Kurt schon extra aufs Land zieht. Und so pendelt das Kind nun wochenweise zwischen seinen beiden Oranienburger Zuhauses hin und her: zwei Häuser, zwei Kinderzimmer, unterschiedliche Regeln und alle Menschen, die er liebt. Und dann bin da noch ich.«

Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Es scheint, als wäre ihre größte Herausforderung, sich an die neuen Familienverhältnisse zu gewöhnen. Daran, dass Brandenburg nun Zuhause sein soll. Doch als der kleine Kurt bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, deren Zentrum in Trauer implodiert. Sarah Kuttner erzählt von einer ganz normalen komplizierten Familie, davon, was sie zusammenhält, wenn das Schlimmste passiert. Sie erzählt von dieser Tragödie direkt und leicht und zugleich mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, so einfach und kompliziert, wie nur Sarah Kuttner das kann.

Slade House – David Mitchell

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Slade House begann als experimentelle Kurzgeschichte „The Right Sort“ und wurde zuerst auf Twitter veröffentlicht. Daraus entwickelte Mitchell dann ein eigenes Buch, das zum Universum seines Romans „The Bone Clocks“ dazugehört.

Wie schon in seinen früheren Büchern sind die Kapitel eher miteinander verbundene Kurzgeschichten mit einem darunter liegenden Thema (Fox and Hounds, das mal als Pub, als Spiel oder als Analogie auftaucht). Slade House besteht aus 5 Geschichten die sich über 9 Jahre hinziehen.

Jedes Kapitel wird von einer Person erzählt, die Slade House besucht und jede hat eine ganz eigene charakteristische Stimme (das kann Mitchell wirklich!). Der Plot an sich ist deutlich weniger charakteristisch und das ist wohl auch volle Absicht. Die fast schon hypnotischen Wiederholungen sollen den Leser in die mysteriöse Welt hineinziehen und Erwartungen wecken auf das, was dem nächsten Besucher von Slade House passiert.

“Grief is an amputation, but hope is incurable haemophilia: you bleed and bleed and bleed.”

„The Bone Clocks“ hat mir sehr gefallen, mit dem Slade House hab ich mich schwerer getan. Tolle Figuren, das ist wirklich Mitchells Stärke, aber der Plot hatte für mich Löcher und die ständigen Wiederholungen haben mich nach einer Weile etwas genervt. Ich würde es wohl nur „hard-core“ Mitchell Fans empfehlen, wobei es nicht dick ist, schnell gelesen und man schon ganz gut unterhalten wird.

The Immortalists – Chloe Benjamin

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Wenn Du den Tag Deines Todes kennen würdest, wie würdest Du Dein Leben leben? Diese Frage ist die Prämisse des Romans, die ich sehr spannend fand und bei der ich mich dauernd fragte, ob dieses Thema nicht schon häufiger in der Literatur behandelt wurde. Mir ist es jedenfalls vorher noch nicht untergekommen ist.

Kennt ihr Romane zu diesem Thema?

Im Jahr 1969 schlägt eine mysteriöse Frau in New York’s Lower East Side ihr Lager auf. Sie ist eine reisende Hellseherin, die von sich behauptet, jedem den Tag seines Todes nennen zu können. Von irgendwem hören die 4 Kinder der Familie Gold von dieser Frau und sie beschließen, heimlich zu Hause auszubüxen und sich ihren Todestag nennen zu lassen.

“She understands, too, the loneliness of parenting, which is the loneliness of memory—to know that she connects a future unknowable to her parents with a past unknowable to her child.“

Diese Vorhersagen prägen ihr jeweiliges Leben über die nächsten fünf Jahrzehnte. Sonnyboy Simon verschwindet mit seiner Schwester Klara an die Westküste, wo er im Gay Viertel San Franciscos der 80er Jahre auf der Suche nach Liebe ist. Seine nur etwas ältere verträumte Schwester Klara wird Zauberkünstlerin in Las Vegas und hat Schwierigkeiten, Wirklichkeit und Fantasie auseinanderzuhalten.

Der älteste Sohn Daniel wird Militärarzt und die lernbegierige Varya stürzt sich in ihre Arbeit – eine Studie zu Langlebigkeit – und testet dabei die schmale Grenze zwischen Wissenschaft und Unsterblichkeit.

Chloe Benjamin zieht einen insbesondere in den ersten beiden Kapiteln zu Simon und Klara komplett in ihre Welt. „The Immortalists“ sondiert die Grenze zwischen Vorhersehung und freier Wahl, Wirklichkeit und Illusion und wie schwer es ist sich von familiären Bindungen zu lösen.

Ein Buch das in unserem Buchclub zu sehr guten und spannenden Diskussionen geführt hat und wir wären alle zu feige gewesen, uns unseren Todestag nennen zu lassen.

Wie sieht es bei euch aus? Würdet ihr es wissen wollen?

ETA Hoffmann – Rüdiger Safranski

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten, gelangt zur Wahrheit.

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ETA Hoffmann lebte von 1776 – 1822 in einer Zeit voller geistiger und historischer Umbrüche, ohne dessen Kenntnis die Bedeutung und das Verständnis seiner Werke nur schwer erfasst werden kann. Diese Biografie ist gleichzeitig sehr tiefgehend und dabei leicht lesbar, ich mochte sie stellenweise gar nicht aus der Hand legen. Hoffmann ist heute eigentlich fast ausschließlich durch sein literarisches Werk bekannt, dass er ein ebenso großer Musiker und Maler war, habe ich auch erst durch die Biografie erfahren. Jeder kennt wohl die Oper „Hofmanns Erzählungen“ oder das Ballett „Der Nußknacker und der Mäusekönig“ – dass diese aber von ETA Hoffmann verfasst wurden, wusste ich nicht.

Durch die Biografie bekommt man ein recht „persönliches“ Bild vom Autor. Er wuchs im Elternhaus seiner Mutter auf, die sich – ungewöhnlich für diese Zeit – recht früh von seinem Vater trennte. ETA wuchs dort mit den Schwestern seiner Mutter, seiner Großmutter und einem unverheirateten Onkel auf. Früh spürt Hoffmann die häusliche Enge, die finanziellen Mittel sind knapp und der hochintelligente Junge fühlt sich schon früh eingesperrt. Seine Familie drängt ihn, einen vernünftigen Brotberuf zu erlernen und er wird auch brav Jurist, genau wie sein Jugendfreund Hippel. Die umfangreiche Korrespondenz der beiden gibt Einblick in den Zwiespalt, den Hoffmann sein Leben lang spürt, der Zerrissenheit zwischen der Juristerei, die ihm Geld und gesellschaftlichen Halt verschafft und dem Bedürfnis, sein künstlerisches Ich auszuleben.

Er arbeite um 1800 als preußischer Regierungsrat in der polnischen Provinz, wo er bis zur Niederlage Preußens durch Napoleon 1806 blieb. Er hatte danach verschiedene Tätigkeiten inne als Komponist, Dirigent, Kritiker und Theaterdirektor. 1811 komponiert er das Ballet „Arlequin“ und 1816 die Oper „Undine“. Im Jahr 1813 ändert er seinen dritten Vornamen von Wilhelm zu Amadeus als Homage an Wolfgang Amadeus Mozart.

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1814-15 veröffentlicht Hoffmann die Phantasiestücke, die ihn als bekannten deutschen Autoren etablieren sollten. Er schrieb bis zu seinem Tod 2 Romane und mehr als 50 Kurzgeschichten, während er weiterhin seinem Broterwerb als Jurist  nachging. Insbesondere seine späteren Kurzgeschichten verschafften ihm großen Ruhm – insbesondere in England, den Vereinigten Staaten und Frankreich.

In seinen Geschichten kombiniert er Phantastisches mit lebendigen und überzeugenden Untersuchungen des menschlichen Charakters und Psychologie. Seine Protagonisten, oft Verrückte, Phantome, Geister oder Automaten, wandeln teils durch fiebrig mysteriöse Traumlandschaften, teils durch realistischen Alltag. Hoffmanns Kampf zwischen der idealen Welt der Kunst und seinem Alltag als Bürokrat macht sich in vielen seiner Geschichten bemerkbar.

„Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie in einem festgefrorenen Äther, der dich einpreßt, sodaß der Geist vergebens deinem toten Körper gebietet.“

Seine beruflichen Stationen führen ihn aus der Provinz Polens über Warschau, Berlin, Bamberg nach Dresden, Leipzig und am Ende wieder nach Berlin, wo er im Jahr 1822 in Alter von nur 46 Jahren an einer fortgeschrittenen Lähmung starb, womöglich ausgelöst durch Syphilis oder ALS.

Safranski hat die Fähigkeit, komplexe Entwicklungen in ihren biografischen Kontexten spannend und unterhaltsam darzustellen. Ich habe bereits die eine oder andere weitere Biografie von ihm im Auge.

Ich glaube überdem, daß jede Einschränkung der Freiheit, sollte diese auch gemißbraucht werden, drückend, ja, als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend, unausstehlich ist.

#Women in Science (4) Mileva Marić

Beim Blog „Lesevergnügen“ ist der Name Progamm. In Jacqueline habe ich was Bücherverrücktheit angeht eine Zwillingsschwester im Geiste gefunden. Kürzlich erschien auf ihrem Blog eine Gastrezension von Odette die ein Buch über die brilliante Mileva Marić vorstellt, die so zu Unrecht im Schatten ihres ehemaligen Ehemannes Albert Einstein steht.

Ich freue mich, in der Reihe #Women in Science die erste Mathematikerin vorzustellen:

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Foto: Wikipedia

Mileva Marić war Frau Einstein, die erste Frau von Albert Einstein. Sie wurde am 19. Dezember 1875 in Vojvodina in Serbien geboren, zu einer Zeit der raschen Entwicklung von Wissenschaft und Forschung. So war ihre Generation eine der ersten Generationen, die es jungen Frauen erlaubte, eine wissenschaftliche Bildung zu genießen. Marić entstammt einer wohlhabenden serbischen Familie, in der Bildung eine zentrale Rolle spielte. Ihr Vater investierte früh in ihre Ausbildung, weil er ihre Begabung erkannte, aber auch dachte, dass sie mit ihrer Behinderung, einer schiefen Hüfte, wohl eher einen guten Job, als einen Ehemann findet. Er schickte sie erst auf eine höhere Mädchenschule, anschließend auf die Realschule und ins Gymnasium. Um 1900 studierten bereits vereinzelt Frauen an Universitäten, auch Mileva Marić erhielt die Chance und immatrikulierte sich als einzige Frau in den Studiengang Mathematik und Physik an dem Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. In diesem Studiengang lernte sie Albert Einstein kennen.

Mit dem Kennenlernen von Einstein beginnt die Erzählung des Buches von Marie Benedict. Über das Leben von Mileva Marić ist wenig bekannt, deshalb hat sich die Autorin an die wenigen Fakten gehalten und eine Geschichte herum erschaffen. Marie Benedict kombiniert reale Fakten mit fiktiven Zusammenhängen, denn in der Wissenschaft ist das Verhältnis Albert Einsteins zu seiner ersten Frau nicht eindeutig nachvollziehbar. Fakt ist, dass sich beide ziemlich schnell ineinander verliebten und sich anfangs noch streng nach der damalig herrschenden Etikette richteten. Marić wohnte mit anderen weiblichen Kommilitoninnen in der Pension Engelbrecht. Hier war Männerbesuch nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Albert kam oft zum Musizieren in die Pension und wurde von seiner späteren Frau bei der Erarbeitung von Hausarbeiten unterstützt. Oft schwänzt er Vorlesungen und Mileva schrieb für Einstein mit. Während eines heimlichen Ausfluges wurde Mileva Maric schwanger. Besonders die Familie von Albert Einstein tolerierte die Beziehung der Beiden nicht. Obwohl nun eigentlich eine rasche Hochzeit folgen musste, zögerte Albert Einstein diese bis deutlich nach der Geburt der Tochter heraus.

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Ab der Hochzeit beginnt der Leidensweg, den die Autorin in dem Buch schildert. Mileva Maric wird von Albert Einstein missverstanden, er zwingt sie zu Dingen, wie der Adoption der Tochter. Auch wissenschaftlich erkennt er ihr Mitwirken an seinen Arbeiten nicht an. In seinen Publikationen wird sie nie als Mitautorin genannt. Einstein wird immer selbstsüchtiger, vielleicht ist er schon dem Wahn verfallen, dass er der alleinige Urheber aller Theorien ist. Hörig und gesellschaftlich abhängig von ihm, begehrt Mileva nicht auf. Als Leserin resümiert man, sie hat sich an den Mann verkauft, ist auf seinen Charme hereingefallen und hat so ihre erwartungsvolle Karriere geopfert. Für Albert und ihre gemeinsamen Kinder, führt sie das Leben einer gewöhnlichen Hausfrau. Trotz der Worte von Albert vor Freunden, sie sei die Mathematikerin, er der Physiker in der Familie, behandelt er sie nicht mehr wie seine Partnerin in der Forschung.

Das es auch andere Konstellationen gab, zeigt die Ehe der Curies. Marie Curie wurde immer von ihrem Ehemann unterstützt und das sogar vor dem Nobelpreiskomitee. Im Buch lässt die Autorin Marie Benedict, Mileva Marić ein Gespräch mit Marie Curie über die Wissenschaft führen. Das Buch endet mit der Scheidung der Beiden. Was der Autorin in der Annahme der Unterschlagung der Autorenrechte von Mileva Marić Recht gibt ist, dass Mileva Marić, als Einstein den Nobelpreis bekommt, von ihm das Preisgeld erhält.

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Der Roman Frau Einstein ist spekulativ, es gibt Biographien von Mileva Marić und Albert Einstein, die Teile bestätigen und auch wieder nicht. Etwas eigenartig finde ich, dass Mileva Marić die Relativitätstheorie plötzlich und in Gänze, in nur einem Augenblick auf einem Bahnhof, entwickelt haben soll. In diesem Moment als ihr der Einfall zu dieser bahnbrechenden Theorie kommt, fährt sie wieder zurück zu ihrem Mann, kurz nachdem sie die gemeinsame Tochter Lieserl, welche Einstein nie gesehen hat, beerdigte. Das Buch ist sehr gut lesbar geschrieben. Es wandelt sich von einem Liebesroman zu einem patriarchalisch geprägten gesellschaftlichen Ehedrama, das traurig und wütend zu gleich macht. Die Autorin Marie Benedict setzt in dem letzten Kapitel „Anmerkung der Autorin“ ein klares Statement und man kann sich mit dem Thema und dem Leben von Mileva Marić gut auseinandersetzen. Das Buch wird aus Sicht der Ich-Erzählerin erzählt und ist trotz tragischem Frauenschicksal ein wahres Lesevergnügen.

An Ende stellt sich die Frage: Wäre Einstein ein genialer Wissenschaftler ohne seine erste Frau geworden? Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.

Frau Einstein“ von Marie Benedict erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Die Nebelkrähe – Alexander Pechmann

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Alexander Pechmann hat seinen Roman „Die Nebelkrähe“ Oscar Wildes Nichte Dorothy Wilde gewidmet (1895 – 1941) und allein für die Entdeckung dieser interessanten Dame bin ich dem Roman schon dankbar. Dorothy Wilde war eine spannende, selbstbewusste Frau, die im ersten Weltkrieg in der rein weiblich besetzten „Brakespeare Unit“ als Ambulanzfahrerin tätig war und in den 1920er Jahren mit der (ebenfalls lesbischen) Autorin Nathalie Clifford Barney in Paris zusammenlebte und die Pariser Salons aufmischte.

Dorothy begegnet dem Protagonisten erstmals bei einer Ambulanzfahrt an der Front, doch erst ein paar Jahre später treffen sie in London wieder aufeinander und es dauert eine Weile, bevor Peter Vane sich erinnert, wo er die schillernde Dorothy schon einmal gesehen hat.

Peter Vane hat seltsame Träume in denen er Stimmen hört, sieht einen verstorbenen Kollegen in Tagträumen immer wieder und erhält von ihm teils sehr scharfsinnige Bonmots übermittelt, die dem etwas blassen Vane etwas mehr Charisma verleihen. Trotzdem ist der nüchterne Mathematiker von diesen Träumen und Halluzinationen tief verstört und möchte der Sache unbedingt auf den Grund gehen.

„Entspannen Sie sich“, forderte Mrs. Dowden streng. „Lassen Sie den Arm ganz locker. Wehren Sie sich nicht. Nehmen Sie die Botschaft dankbar und freudig an. Ich spüre eine starke Präsenz…“

Ein ebenfalls der soliden Mathematik verschriebener Kollege empfiehlt ihm, sich auf ein Treffen mit einem Medium einzulassen, frei nach Sherlock Holmes wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische obwohl unmöglich unweigerlich richtig.

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Dorothy Wilde
Foto: Wikipedia

Der Besuch bei Hester Dowden verunsichert ihn zu tief. Er erhält scheinbar Nachrichten aus dem Jenseits, scheint selbst ein nahezu perfektes Medium zu sein und versucht, mit Hilfe von Dorothy Wilde die Verbindung zwischen seinem ehemaligen gefallenen Kriegskameraden, der ihm das Foto eines kleinen Mädchens zum Abschied in die Hand gedrückt hatte, den Nachrichten von Oscar Wilde und seinen Halluzinationen auf die Spur zu kommen.

Gemeinsam mit Dolly begibt er sich auf eine rasante Spurensuche durch das London der 1920 Jahre, die ihn in die Opiumhöhlen Sohos, in die Salons verschrobener Büchernarren und drogensücheriger Prinzessinnen bringt.

„Die meisten Menschen, die ich kenne, saugen das Licht auf, anstatt es auszustrahlen. Sie können nur nehmen, niemals geben.“

Alexander Pechmann orientiert sich in seinem Roman neben Dorothy Wilde an einer ganzen Reihe anderer realer Personen. Auch das irische Medium Hester Dowden gab es tatsächlich. Sie machte 1923 Schlagzeilen, als sie behauptete mit dem Geist Oscar Wildes in Verbindung getreten zu sein. Ebenso real waren Nebenfiguren wie Mabel Cosgrove Wodehouse Pearse oder Billy Chang, der als Vorbild für die erfundene Figur Dr. Fu Manchu gilt.

Dorothy und Peter befragen jede Menge Leute, die losen Enden der Geschichte werden auch durchaus zusammengeführt, jedoch ohne eine Erklärung für die übersinnlichen Phänomene zu liefern. „Die Nebelkrähe“ ist atmosphärische Unterhaltung mit interessanten Protagonisten, perfekt für ein verregnetes Wochenende. Einzige Kritik vielleicht: bis auf Dolly bleiben eigentlich alle Charaktere etwas zweidimensional. Wer also keine größere Charakterstudie erwartet und sich mit guter Unterhaltung zufrieden gibt, kommt hier durchaus auf seine Kosten.

Besonders gefiel mir der Soundtrack, den Pechmann seinen Lesern ans Herz legt und den ich hier gerne mitliefern möchte:

https://open.spotify.com/playlist/7JDlY42b1mIPsyxYul9XDa

Ich danke dem Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Stella – Takis Würger

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Nein, die Welt braucht nicht wirklich die 10.000 Rezension zu Takis Würgers unglaublich widersprüchlich diskutiertem Roman „Stella“. Nun rezensiere ich hier aber alles, was ich lese und daher nur ganz kurz mein ganz persönlicher Eindruck:

Mich hat die Geschichte überrascht. Ich habe sie gerne und mit Spannung gelesen, kannte die Protagonistin Stella Goldschlag vorher nicht. Der Entrüstungssturm hat mich völlig überrascht und ich möchte den Roman hier jetzt auch nicht im Einzelnen auseinandernehmen.

Die Diskussion hat bei mir sehr positive Dinge ausgelöst. Ich habe gemerkt, dass ich gelegentlich dazu neige, solche Diskussionen im ersten Moment als unnötig, elfenbeinturmig oder übertrieben abzutun. Habe aber viele Diskussionsbeiträge gelesen und je mehr ich gelesen habe, desto mehr habe ich gelernt und ich kann sehr viele Kritikpunkte gut nachvollziehen. Ich finde Freiheit in der Kunst und Literatur sehr wichtig und glaube, dass der Kontroverse um das Buch durchaus positive Seiten abgewonnen werden können.

Auf Anke Gröners Blog habe ich vor ein paar Tagen einen sehr spannenden Gedanken gelesen, den ich so gerne unterschreiben möchte:

Ich musste bei dieser Aufarbeitung an die weiße Künstlerin Dana Schutz denken, der cultural appropriation und Unsensibilität vorgeworfen wurde, weil sie ein Bild des offenen Sargs von Emmett Till malte. Die New York Times schreibt:

„Now, Ms. Schutz admits that she is “guarded” about the controversy and is most wary discussing her motivations for painting the scene in the first place, saying only that it was an attempt to “register this monstrous act and this tragic loss.” But she acknowledged that may have been an “impossible” task.“

When asked if she regretted making the work, she paused and said, “No, I don’t wish I hadn’t painted it.”

The long-term effect of the controversy, she said, is that she has internalized the viewpoints of the protesters even when making new work.

“I’ve had so many conversations with people who were upset by the painting,” Ms. Schutz said, adding that she has included them in “my imagined audience when I’m painting. It’s good those voices were heard.”“

Ich glaube, das ist der Knackpunkt an diesen Kontroversen und das Neue in der Diskussion um Freiheit der Kunst. Es werden auf einmal Stimmen laut und gehört, denen jahrzehnte-, jahrhundertelang keine Beachtung geschenkt wurde. Schwarze, Frauen und viele andere. Diese neuen Stimmen tragen zu einer neuen Sensibilität bei, und die scheint sich ganz langsam niederzuschlagen, siehe bildende Kunst, siehe Literatur.“

Da steckt so viel Wahres drin, das hat mich sehr berührt.

Die zum Teil aber sehr persönliche Kritik am Autor finde ich nach wie vor völlig daneben.

Die Kontroverse und die Diskussion sind für mich das eigentlich zentrale Thema, gar nicht so sehr das Buch, um das es eigentlich gehen soll. Wir müssen lernen, vernünftig miteinander zu diskutieren. Ob früher weniger oder genau so viel Filterbubble war wie heute, kann ich nicht beurteilen, aber Diskussionen fanden vor dem Internet oder in dessen Anfangszeit häufiger persönlich statt.

Im echten Leben haben wir als Menschheit in jahrtausendelanger Übung – mehr oder weniger gut – gelernt miteinander zu reden und zu diskutieren. Das müssen wir jetzt online noch einmal lernen.

Ohne Mimik und Gestik klingt vieles gleich viel schärfer und verletzender und ich merke auch an mir, dass ich dann unnötig schnell in eine Verteidigungshaltung gehe, die der Diskussion keinen Gefallen tut.

Vielleicht müssen wir alle lernen, weniger empfindlich und gleichzeitig weniger umbarmherzig im Urteil zu sein. Auch mal gute Absicht/unabsichtliches Handeln und nicht immer Vorsatz voraussetzen und trotzdem weiterhin zu kritisieren und nicht alles abzunicken. Dies hier soll auf keinen Fall als Aufruf zum Kuschelkurs verstanden werden oder als Verzicht auf Kontroversen.

Ich glaube es ist durchaus möglich, in der Sache hart zu diskutieren, ohne das Gegenüber persönlich anzugreifen. Auch wenn es ein Klischee sein mag: mit ausgestreckten Fäusten wird man niemanden zur Einsicht bringen.

Ich wünsche Takis Würger, dass er heil durch diese heftige Zeit kommt, bin all denen dankbar, die mir in Diskussionen gezeigt haben, was durchaus kritikwürdig ist an dem Roman und für viele neue Einsichten, die ich dadurch gewonnen habe.