Atemschaukel – Herta Müller

IMG_6055

Viel zu lange habe ich – ähnlich wie Katrin Passig im Übrigen (zumindest bin ich in ganz guter Gesellschaft) – die Autorin Herta Müller irgendwie mit schwergängiger Deutschunterricht-Lektüre in Verbindung gebracht. Hätte ich gewusst, dass es von Zwangsarbeitern in einem russischen Gulag handelt, hätte ich es vielleicht auch tatsächlich noch länger liegen lassen. Und mir wäre dadurch ein wahnsinnig gutes Buch durch die Lappen gegangen.

Herta Müller hat mich tatsächlich umgehauen. Die Art und Weise, wie sie mit Sprache umgeht, hat etwas von der Präzision einer Hirnchirurgin bei der Arbeit. Ich nehme es gleich vorneweg – ich bin unglaublich beeindruckt von dieser großartigen Autorin und Nobelpreisträgerin und dieses Werk ist sicherlich nicht das letzte Buch von ihr das ich lese.

Es geht um die mir bis dahin relativ unbekannte tragische Geschichte von unzähligen Rumänen deutscher Abstammung, die offenbar als Vergeltung für den Zweiten Weltkrieg in russische Arbeitslager gezwungen wurden. Diese Menschen waren keine Kriegsgefangenen, sondern aus ihren Häusern zusammengetriebene Männer und Frauen, die fünf Jahre lang unter unfassbaren Umständen leben mussten. Sie hungerten jahrelang, da sie täglich nur zwei Mahlzeiten bekamen, bestehend aus wässriger Krautsuppe und einer Scheibe Brot. Der Hunger war allgegenwärtig, so präsent, dass er zu einem Objekt  wurde – dem Hunger-Engel, der definitiv eher ein Teufel war. Es gab keine medizinische Versorgung, und diejenigen, die starben, wurden einfach im Hinterhof begraben.

Atemschaukel ist ein Buch, das man langsam lesen muss. So brutal die Geschichte ist, so schön ist die Sprache. Ein Buch über den menschlichen Überlebenswillen und darüber, wie reich das Leben selbst unter entsetzlichsten Umständen noch sein kann.

„Es ist gar keine Katze, sagte ich mir, nur die Verpelzung der graugestreiften Langeweile, die Geduld der Angst in einer schmalen Straße.“

Am Ende seines Lebens erinnert sich ein schwuler Mann daran, wie er aus seinem Familienhaus in Rumänien in ein russisches Gulag transportiert wurde. Es geschah im Jahr 1945, und er war ein 17-jähriger Spätaussiedler, der für die Verbrechen Hitlers zur Rechenschaft gezogen wurde.  Was für ihn eine denkwürdige Zeit des sexuellen Erwachens hätte sein sollen, war in Wirklichkeit eine Zeit, in der Homosexualität ein Verbrechen war, das mit dem Tode bestraft wurde, eine Zeit, in der Stalin noch immer regierte.

„Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden. Ich muss dem Hunger heute noch zeigen, dass ich ihm entkommen bin. Ich esse buchstäblich das Leben selbst, seit ich nicht mehr hungern muss. Ich bin eingesperrt in den Geschmack des Essens, wenn ich esse. Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern.“

Die Gespräche mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden lieferten ihr die notwendigen Hintergründe, aus dem sie diesen großartigen Roman formte. Es gelingt ihr, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Habt ihr ein Lieblingsbuch von Herta Müller – welches würdet ihr mir empfehlen?

Stadt der Engel – Christa Wolf

IMG_5972

Drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wurde der Schriftstellerin Christa Wolf Zugang zu ihren Stasi-Akten gewährt. Wolf, die für ihren Trotz und ihre Offenheit bekannt war, war nicht besonders überrascht, zweiundvierzig Bände mit Dokumenten der ostdeutschen Geheimpolizei zu entdecken. Was sie überraschte, war jedoch eine dünne grüne Mappe, deren Inhalt eine ungewohnte – und sie sehr beunruhigende – Geschichte erzählte: Anfang der 1960er Jahre war Wolf selbst Informantin der kommunistischen Regierung gewesen. Und doch hatte sie dreißig Jahre später überhaupt keine Erinnerung mehr daran. Wie konnte das sein?

Die Ich-Erzählerin, eine deutsche Schriftstellerin Mitte 60, fliegt 1992 für ein paar Monate als Stipendiatin des Getty Center nach Los Angeles. Ihr Zuhause für diese Zeit ist ein skurriles Hotel, das „Ms Victoria Old World Charm“ in Santa Monica. Dort schaut sie gerne Star Trek:

„Abend für Abend erinnert sich die Protagonistin „saß ich vor dem Fernseher, wenn die Star-Trek-Serie lief, und erlaubte mir die Ausrede, ich müsse mein Englisch vervollkommnen, wusste aber insgeheim, es war mein Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen, das mich festhielt, denn ich konnte sicher sein, dass die Star-Trek-Besatzung die edlen Werte der Erdenbewohner in die fernsten Galaxien tragen, sie gegen jeden noch so infamen Feind durchsetzen und dabei selbst nicht zu schaden kommen würde.“

Selten fühlte ich mich Christa Wolf näher… 😉

Christa Wolf mischt Reisebericht, Tagebuch, Erinnerungen, Traumerzählungen und Fiktion. Dieses Buch ist ein subtiler Blick auf Selbsttäuschung, Erinnerung, Geheimnisse, das Bekenntnis zu den eigenen Werten und den Kontrast zwischen Innen- und Außenleben. Das Buch ist definitiv keine schnelle Lektüre. Ich hatte mit etwas tiefergehenden Passagen zu dem Auffinden ihrer Stasi-Akten gerechnet und eventuell mehr Aufregung und Dramatik, aber sie ist das Thema viel nuancierter angegangen.

Hatte ich zwiespältige Gefühle, als wir dann auf dem Nachhausweg in unserem Auto lange an der Kreuzung Schönhauser / Bornholmer Straße stehen mussten, weil der Strom der Trabis und Wartburgs, der auf den Grenzübergang Bornholmer zuflutete, nicht abriss? Was habe ich da wirklich gefühlt? Freude? Triumph? Erleichterung? Nein. Etwas wie Schrecken. Etwas wie Scham. Etwas wie Bedrückung. Und Resignation. Es war vorbei. Ich hatte verstanden.

Reich an philosophischen Einsichten, persönlichen Enthüllungen und lebendigen Beschreibungen einer vielfältigen Stadt und ihrer Bürger ist City of Angels ein zutiefst humaner und sehr ehrlicher Roman, der Politik, Buddhismus, Psychologie, Freundschaft, Kultur und Geschichte miteinander verbindet – ein würdevoller Abschluss einer bemerkenswerten Schriftstellerinnen-Karriere.

Dystopische D(r)amen

Wer glaubt eine Pandemie würde mich von meiner dystopischen Leidenschaft heilen, irrt gewaltig. Diese drei Bücher waren die perfekte Begleitlektüre durch die Covid-19 bedingten Ausgangsbeschränkungen.

4E276586-ACC5-44D7-AF69-0CB54A9CFC20

Die Wand ist eine Chronik des Lebens des letzten überlebenden Menschen auf der Erde, einer gewöhnlichen Frau mittleren Alters, die eines Morgens aufwacht und feststellt, dass alle anderen verschwunden sind. In der Annahme, ihre Isolation sei das Ergebnis eines schiefgelaufenen militärischen Experiments, beginnt sie die mit der Arbeit des Überlebens und ihrer eigenen Selbsterneuerung. Dieser Roman ist gleichzeitig eine einfache und bewegende Geschichte und eine verstörende Meditation über die Menschheit.

Wenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als Fünfjährige, und es ist mir, als wären sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde Kostgänger. All dies vollzieht sich aber so unmerklich, daß man es fast nicht spürt. Es gab zwar Momente, in denen mir diese ungeheuerliche Möglichkeit dämmerte, aber wie jede andere Mutter verdrängte ich diesen Eindruck sehr rasch. Ich mußte ja leben, und welche Mutter könnte leben, wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nähme?“

Das Buch ist der Bericht, den die Heldin einige Jahre später auf der Grundlage des skizzenhaften Tagebuchs schreibt, das sie geführt hat. Es vermischt Erinnerungen, Rekonstruktion vergangener Episoden, die verblasst sind, und Reflexionen aus der Gegenwart. Doch meistens handelt er von den Einzelheiten des täglichen Überlebenskampfes: wie sie mit ihrem kargen Kartoffelvorrat ein Kartoffelacker anlegt (hat mich sehr an den Martian von Andrew Weir erinnert), wie sie Heu mäht, um ihre Kuh zu füttern, wie sie Holz hackt, um sich in den bitteren Wintern warm zu halten und wie sie manchmal einen Hirsch schießt, um Fleisch zu bekommen.

Sie ist völlig kompromisslos: Die Erzählerin schreibt nur für sich selbst, es gibt sonst niemanden auf der Welt, und sie vermisst auch niemanden so richtig. Sie will die Dinge einfach nur erzählen wie sie sich zugetragen haben. Es ist erstaunlich, wie real ihre Welt wird und wie selten man einen dystopischen Roman ließt, in dem soviel Fürsorge zutage tritt.

Das Buch widersetzt sich einer einfachen Interpretation. Vielleicht ist das nicht einmal die eigentlich spannende Frage. Es ist ein grandioses Bild, das einem im Gedächtnis bleibt, die einsame Frau, die in ihrer unsichtbaren Blase gefangen ist, die fast alles verloren hat, sich aber immer weigert aufzugeben. Eine Frau, die all ihre Entschlossenheit, ihren Einfallsreichtum und ihr Können einsetzt, um noch ein weiteres Jahr zu überstehen, weil ihre kleine Tierfamilie sie braucht. Manchmal denkt sie an die Menschen, die diese unbegreifliche Waffe geschaffen haben, die alle außerhalb der Wand in Stein verwandelt hat, und sie fragt sich, wie sie das geschafft haben konnten. Diese Menschen müssen sich in einer Weise von ihr unterscheiden, die sie nicht in keinem Fall verstehen kann.

Wer weiß, was die Gefangenschaft aus diesem unauffälligen Mann gemacht hätte. Auf jeden Fall war er körperlich stärker als ich, und ich wäre von ihm abhängig gewesen. Vielleicht würde er heute faul in der Hütte umherliegen und mich arbeiten schicken. Die Möglichkeit, Arbeit von sich abzuwälzen, muß für jeden Mann eine große Versuchung sein. Und warum sollte ein Mann, der keine Kritik zu befürchten hat, überhaupt noch arbeiten.“

„Die Wand“ ist der berühmteste Roman der 1920 im österreichischen Frauenstein geborenen Marlen Haushofer. Er wurde 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt. „Die Wand“ wurde in den achtziger Jahren von der Frauen- und der Friedensbewegung wiederentdeckt, und die Geschichte lässt sich vielfältig interpretieren.

Als perfekten Soundtrack empfehle ich Chelsea Wolfes „Pain is Beauty

Empfehlen kann ich auch die Verfilmung mit Martina Gedeck in der Hauptrolle:

Warum hört man eigentlich so gar nichts vom Haushofer Jahr, wo uns doch an jeder Ecke Hölderlin, Beethoven und Paul Celan Gedenktage und Veröffentlichungen begegnen? Sehr schade.

Daher feiere ich dieses Jahr Marlen Haushofer, Annette Kolb und Clarice Lispector 🙂

Und ihr so?

IMG_5242

Winters Garten ist der Name der idyllischen Siedlung, in der alles üppig wächst und gedeiht und der Sehnsuchtsort von Anton der in der Stadt lebt und Vögel züchtet und der dort eine sehr glückliche Kindheit erlebte. Er wuchs mit anderen Kindern und den alten Menschen in einem riesigen Haus mit Winters Garten auf. Er erlebte die Welt und den Tod aus nächster Nähe, streifte durch Wiesen und Wälder, spielt verstecken genießt die Wärme und Liebe seiner geliebten Großmutter.

Als Erwachsener lebt er als Vogelzüchter in der Stadt. Schlaflos steht er nachts am Fenster und blickt auf die verwahrlosten Straßen. Alles ändert sich, nichts ist mehr wie es war. Häuser und Straßenzüge verfallen, die wilden Tiere dringen in die Vorgärten und Hinterhöfe ein, der Schlaf der Menschen ist schwer von Träumen und viele gehen hinunter ans Meer, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten.

Inmitten dieser Hoffnungslosigkeit trifft Anton eine Frau, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Wortlos nimmt sie ihn bei der Hand, folgt ihm nach Hause und bleibt. Sie starren sich an oder lieben sich.

 

logo-scifi3

Anton hilft ihr in der Klinik, in der sie arbeitet, die in eine Entbindungsstation umgewandelt wurde. Friederike freundet sich mit der hochschwangeren Marta an. Nach der Geburt des Kindes, stellt sich heraus, dass der Vater Antons Bruder ist. Nach vielen Jahren kehrt Anton mit Friederike, seinem Bruder, dessen Frau und dem Baby in die Gartenkolonie zurück, um vor dem nahenden Ende der Welt zu fliehen. Sie verbringen die Tage damit, sich zu erinnern und auf das zu warten, was kommen mag.

Ich habe so vieles vergessen, aber nicht, wie man von der Zukunft spricht. Es ist niemand da, der fragt, ob man leben will, und niemand, der fragt, ob man sterben will. Genauso wenig, wie man sich aussuchen kann, von wem man geliebt wird. Und selbst wenn man seine Tritte sorgfältig rückwärts in die eigenen Fußspuren setzt, heißt das nicht, dass man dort ankommt, wo man aufgebrochen ist. Wenn mich die Menschen fragen, ob ich die Welt gesehen habe, sage ich ihnen, dass sie nie still genug hält, um gesehen zu werden

Was genau in der Welt passiert, wird nicht näher erläutert, aber das nahende Ende ist in deutlich spürbar. Es ist die Sprache, die eine dunkle Anziehungskraft entwickelt und die einen vom ersten Satz an in die wohlig-dunkle Atmosphäre des Romans hineinzieht.

Das ist kein Roman für Menschen, die einen rasanten Plot lieben mit vielen Wendungen. Denn es passiert nicht viel. Am Anfang und am Ende steht die Gartenkolonie, die voller Erinnerungen ist und den Menschen Heimat bietet in einer Welt die keine Zukunft mehr hat.

Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren. Wenn man beginnt, einander zu lieben, weiß man nichts darüber, nichts über die Angst, den Mut, die Trauer, die Bedingungslosigkeit, oder man weiß alles und versteht die Liebe doch nicht, weil sie noch unbelastet ist von den Erfahrungen, die ihr folgen.“

Wortgewaltig, sinnlich, düster, tolle Atmosphäre.

Als passenden Soundtrack zum Buch habe ich Soap & Skin „Lovetune for Vacuum“ gehört.

51159492._SX318_SY475_

The Memory Police von Yoko Ogawa ist ein hypnotischer, ruhiger Roman, der als Dystopie eines Überwachungsstaates beginnt und als etwas Existenzielleres endet: eine surreale und eindringliche Meditation über unser Selbstverständnis.

Dieser Roman, der vor 25 Jahren erstmals in Japan veröffentlicht wurde und jetzt in englischer Übersetzung vorliegt, ist gänzlich zeitlos. Die Bewohner einer namenlosen Insel, die unter einem repressiven Regime leben, erleben eine Form von kollektiver, allmählicher Amnesie. Beim Erwachen beginnt ein scheinbar zufälliger Gegenstand – Rosen, Vögel, Boote – aus ihren Köpfen zu verschwinden. Sie müssen die vollständige Auslöschung des Gegenstandes sicherstellen, indem sie alle Beweise für seine Existenz aus der Welt tilgen. Die Gedächtnispolizei ist dazu da, selbst den schwächsten Widerstand zu brechen, aber die meisten Menschen treiben in passiver Selbstgefälligkeit durch den Tag und Widerstand ist kaum spürbar. Welchen Sinn hat es, sich an etwas zu klammern, an das man sich nicht erinnern kann?

“It’s a shame that the people who live here haven’t been able to hold such marvelous things in their hearts and minds, but that’s just the way it is on this island. Things go on disappearing, one by one. It won’t be long now,” she added. “You’ll see for yourself. Something will disappear from your life.”

Eine kleine Zahl von Menschen ist gegen dieses Phänomen immun. Sie sind verflucht durch ihre vollständige Erinnerung an alles, was verloren gegangen ist, und stellen eine Bedrohung für das Regime dar. Daher müssen sie ihre Andersartigkeit um jeden Preis verbergen.

Memories are a lot tougher than you might think. Just like the hearts that hold them.”

Im Roman geht es um eine junge Frau, die um ihre Karriere als Schriftstellerin kämpft, und die entdeckt, dass ihr Verleger durch die Gedächtnispolizei in Gefahr ist, schmiedet sie einen Plan, ihn in einem eigens dafür errichteten Anbau unter ihren Dielen zu verstecken, in einer Weise, die mich immens an  „Das Tagebuch der Anne Frank“ erinnerte. Es handelt sich um eine geheime Kammer, die nur über eine Falltür in der Decke zugänglich ist. Unterdessen beschleunigt sich das „Vergessen“ und wird immer extremer.

Dies ist eine stille, melancholische Apokalypse, bei der die Widerstandsversuche gering sind und die in der völligen Zerstörung des Selbst gipfelt.

“I don’t know. Maybe there’s a place out there where people whose hearts aren’t empty can go on living.”

Der perfekte Soundtrack für diesen Roman ist „Nowhere Now Here“ von Mono.

Wie ist das bei euch? War euch in der letzten Zeit eher nach Kontrastprogramm oder habt ihr auch ganz bewusst nach eher dunklen, dystopischen Stoffen gegriffen?

Kleine gemischte Tüte

IMG_4832

Carolin Emckes „Wie wir begehren“ ist zugleich eine biografische Erinnerung, als auch ein Essay, in dem sie den Fragen nachgeht, die ihr im Laufe ihres Lebens immer wieder begegnen. Es sind Fragen, die aus den Erfahrungen der Autorin entstanden sind, aus ihren Entscheidungen und aus dem, was sie sagt und was sie verschweigt.

Gekonnt verknüpft sie persönliches mit politischem, sie berichtet von ihrem Alltag als Journalistin in Krisen- und Kriegsgebieten, während sie ihren persönlichen Hintergrund stets aufs neue beleuchtet, hinterfragt, wieviel Ehrlichkeit und Authentizität der jeweiligen Situation angemessen ist und auch, wieviel davon ihre eigene und die Sicherheit ihrer Übersetzer und Weggefährten etwa gefährdet.

Mich hat die Geschichte des offensichtlich schwulen Übersetzers in Gaza sehr berührt. Wie schwierig es war zu ahnen, ob andere eine Ahnung davon hatten oder er selbst eigentlich von seinem Schwulsein wusste.

„Wer den Normen entspricht, kann es sich leisten zu bezweifeln, dass es sie gibt“

„Wie wir begehren“ ist eine komplexe, nachdenkliche, artikulierte Lektüre. Das erforscht anschaulich die menschliche Psyche und die Beziehung zu ihren eigenen Wünschen.

Emcke untersucht die soziale Dynamik des Begehrens und der Identität (Wir sind nicht nur das, was wir sein wollen, wir sind auch das, was andere aus uns machen), die Quelle der Entstehung des Begehrens, die Form, die es annimmt, die Art und Weise, wie es entsteht und ausgedrückt wird.

„Es war die Arroganz ihrer Klasse, die eingeübte Herablassung, die sich als schützend erwies für diese Jungen, weil sie der psychischen Ungleichheit der Erwachsenen-Kind-Relation eine andere, mächtigere Ungleichheit gegenüberstellte.“

Ab und an habe ich den roten Faden etwas verloren und die musiktheoretischen Abstecher hätten etwas kürzer sein dürfen, aber insgesamt ein sehr interessanter Einblick in das Entdecken und Wiederentdecken der eigenen Identität und des Begehrens.

IMG_4838

Ein unerbittlicher Strom von Wahlmöglichkeiten konfrontiert uns ständig, und doch bietet uns unsere Kultur nicht wirklich Möglichkeiten, uns zu entscheiden. Das Dilemma scheint unvermeidlich, aber tatsächlich ist es relativ neu. Im mittelalterlichen Europa war die Stimme Gottes die zentrale Kraft, im antiken Griechenland stand gar ein ganzes Pantheon strahlender Götter bereit, um den Menschen als Vorbilder zu dienen. Können in unserer Kultur, in der der Glaube an Gott nicht mehr selbstverständlich ist, trotzdem noch mit den homerischen Stimmungen des Staunens und der Dankbarkeit in Berührung kommen und uns von den Bedeutungen leiten lassen, die sie offenbaren?

„Wenn Wallace damit recht hatte und falls es genau diese kulturelle Konstellation ist, auf die er so ungemein sensibel reagierte, dann bedeutet sein Selbstmord sehr viel mehr als den Verlust eines einzelnen talentierten Menschen. Dann ist er eine Warnung, die unsere höchste Aufmerksamkeit erfordert – ein Kanarienvogel in der Kohlemine unserer modernen Existenz, der vor tödlichen Gasen warnt.“

Die Autoren von „Alles, was Leuchtet“ glauben das zumindest. Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly beleuchten einige der größten Werke des Westens, um zu identifizieren, wie wir unsere leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der Welt und unsere Empfindsamkeit verloren haben. Ihre Reise führt uns vom Wunder und der Offenheit des Polytheismus Homers, zum Monotheismus Dantes, von der Autonomie Kants zu den vielfältigen Welten Melvilles und schließlich zu den spirituellen Schwierigkeiten, die von modernen Autoren wie David Foster Wallace und Elizabeth Gilbert heraufbeschworen werden.

Dreyfus, seit vierzig Jahren Philosoph an der University of California, Berkeley, ist ein origineller Denker, der in den klassischen Texten unserer Kultur eine neue Relevanz für das Alltagsleben der Menschen findet.

Die Schlussfolgerungen, zu denen die Autoren kommen, sind durchaus interessant – wir fühlen uns am Lebendigsten, wenn wir uns auf eine Aktivität einlassen, die uns über uns selbst hinaushebt. Dies geschieht oft im Sport, wenn wir „im Flow“ sind. Die „Götter“ rufen uns auf, unsere Sensibilität zu kultivieren, und das Staunen nicht zu verlieren.

IMG_4841

Die „Mary Russell“ liegt 1823 im kleinen Hafen von Cove vor Anker. Sie ist kein gewöhnliches Schiff, sondern Gegenstand einer Untersuchung und wilder Spekulationen: In der Kabine liegen die Leichen von sieben brutal geschlagenen Männern, der Kapitän ist verschwunden. Der Forschers und Predigers William Scoresby und dessen Schwager machen es sich zur Aufgabe, die Überlebenden zu befragen und anhand der Zeugenaussagen eine Idee davon zu bekommen, warum und vor allem von wem die sieben Matrosen getötet wurden.

Nach und nach fügen sich die zunächst widersprüchlich erscheinenden Augenzeugenberichte zu einem halbwegs passenden Puzzle zusammen – oder war alles doch vielleicht ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint?

Alexander Pechmann trifft in diesem modernen Schauerroman wunderbar den Ton eines im positiven Sinne altmodischen Abenteuerromans, der sich gut in die Gedankenwelt der Menschen im 19. Jahrhundert hineinversetzen kann, eine Welt, in der der Wille Gottes selbst vor Gericht noch Gewicht hatte.

„Morley und ich froren ebenfalls wie verlorene Seelen, doch wollte ich mir nichts anmerken lassen und bat lediglich einen der Schiffsjungen darum, meine Pfeife rauchen zu dürfen, die mir schon in schlimmeren Situationen Wärme und Trost gespendet hat. Da keiner der anderen Männer an Deck erschienen war, befanden sich inzwischen wohl alle in der Gewalt des Käptns und unter der Aufsicht der drei Jungs, die keine Fesseln trugen, sondern bewaffnet mit ner Harpune, nem Kappbeil und nem Dreizack an Deck patrouillierten.“

Mit 161 Seiten ist es ein kompaktes, aber sehr unterhaltsames Lesevergnügen. Man ist sofort mitten im Geschehen und ist gemeinsam mit den beiden „Ermittlern“ am spekulieren, was nun wirklich passiert sein könnte. Das Ganze ist mehr psychologische Studie als Krimi, was der Spannung aber keinen Abbruch tut.

Ein wunderbarer kleiner Roman für Liebhaber von Abenteuergeschichten à la Jack London, von Meutereien, Geheimnissen und Seebären.

Welches Buch darf es also sein für dich sein? (hier bitte Herzblatt Stimme vorstellen:) Möchtest du mit Carolin Emcke über die Begierde diskutieren, mit den Herren Dreyfus und Kelly den Sinn des Lebens in großer Literatur suchen oder doch lieber mit Alexander Pechmann in See stechen und Abenteuer erleben?

Dichterinnen & Denkerinnen – Katharina Herrmann

“For most of history, anonymous was a woman.”
Virginia Woolf

E8B4F629-700E-4BCD-9476-451556ED681D

Wir alle haben wohl als Leser*innen eine ähnliche Erfahrung gemacht: Man liest sich in der Schule durch die fast ausschließlich von Männern verfassten Klassiker, ich kann mich an kaum eine Autorin erinnern, die wir überhaupt in der Schule gelesen haben. Shakespeare, Moliere, Schiller, Hauptmann, Borchert – aber weit und breit keine Autorin.

In einem der Deutsch-Schulbücher fand sie ein Gedicht von Annette Droste-Hülshoff, nur blätterten wir da einfach drüber und Marie von Ebner-Eschenbach war in meiner spärlichen Briefmarken-Sammlung zu finden, aber beide Autorinnen sind mir – muss ich zu meiner Schande gestehen – bis zum letzten Jahr einzig als Namen ein Begriff gewesen.

Egal welchen Kanon man zu Rate zog, ob die 100 Romane der Weltliteratur, oder der Kanon zu deutschsprachiger Literatur von Marcel Reich-Ranicki, der weibliche Anteil an Werken ist vernichtend gering.

Ich hatte so oft das Gefühl, dass da eine ganze Menge fehlt und habe mich gerade in den letzten Jahren bewusst auf die Suche gemacht nach Autorinnen, die zu Unrecht vergessen wurden.

Ganz professionell und mit sicherer Hand hat die kluge Katharina Herrmann in ihrem Band „Dichterinnen und Denkerinnen“ den Frauen eine Bühne gegeben, die teilweise unter den widrigsten Umständen geschrieben haben.

Sie nimmt uns auf eine Reise durch die Jahrhunderte mit, die im 18. Jahrhundert mit Louise Adelgunde Victorie Gottsched beginnt und mit Mascha Kaleko im 20. Jahrhundert endet. Desweiteren werden Sophie von La Roche, Caroline Auguste Fischer, Johanna Schopenhauer, Rahel Varnhagen (von Ense), Karoline von Günderrode, Annette von Droste-Hülshoff, Louise Anon, Marie von Ebner-Eschenbach, Helene Böhlau (al Raschid Bey), Lou Andreas-Salomé, Ricarda Huch, Else Lasker-Schüler, Franziska zu Reventlow, Vicki Baum, Nelly Sachs, Gertrud Kolmar, Anna Seghers und Marieluise Fleißner vorgestellt. Anhand von Gedichten, Brief- und Romanauszügen macht sie Lust, diese Autorinnen mit ihr (wieder) zu entdecken und viele davon auch endlich einmal zu lesen.

Die vorgestellten Frauen waren als Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Journalistinnen und Theaterkritikerinnen tätig, aber fast immer erlebten sie große Widerstände, mussten oft heimlich schreiben und kamen oft erst dazu, wenn der Haushalt versorgt, die Kinder im Bett waren. Nur wenige hatten Unterstützung durch Ehemänner.

Es gehörte eine Menge Mut, Unkonventionalität, Talent und Widerstandskraft dazu unter diesen Umständen erfolgreich zu schreiben und sich von Niederlagen nicht entmutigen zu lassen.  Frauen, die trotzdem geschrieben haben und vor denen ich definitiv den Hut ziehe.

Im September 2017 veröffentlichte Katharina auf dem Blog 54 Books einen großartigen Artikel mit dem Titel „Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen“ über das noch immer bestehende Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern im Literaturbetrieb, der viel diskutiert wurde.

Auslöser des Artikels war ihre Beobachtung, das in dem Buch „Grundwissen Deutsch“ von Cornelsen unter den wichtigen Autor*innen aller Epochen von der Antike bis zur Gegenwart 125 Männer und nur 17 Frauen genannt sind.

Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Verlage es sich noch mehr zur Aufgabe machen würden, Werke von vergessenen Schriftstellerinnen erneut aufzulegen.

Katharina Herrmann hat 20 außergewöhliche Frauen ausgesucht und kenntnisreich mit viel Wärme porträtiert. Das Buch ist ein optischer Leckerbissen, mit Illustrationen von Tanja Kischel, die jeder der vorgestellten Autorinnen ihre ganz eigene Note gegeben hat.

Ich kann Euch Dichterinnen & Denkerinnen wirklich ans Herz legen, perfekt um immer wieder darin zu blättern und sich einen ganz eigenen Kanon zu basteln aus den Werken dieser teilweise – und auf jeden Fall zu Unrecht – vergessenen Autorinnen.

Ich danke dem Reclam Verlag für das Rezensionsexemplar.

Stefan Zweig

Lassen wir uns nicht beirren durch alle Unvernunft und Unhumanität der Zeit,
bleiben wir dem zeitlosen Gedanken der Humanität treu – es ist nicht so schwer!
Überall können einige Menschen, die guten Willens sind, das Wunder vollbringen,
sich zu verstehen // Stefan Zweig, 1936

IMG_4214 (1)

Der wunderbare Topalian & Milani Verlag hat mit den beiden Novellen „Der Amokläufer“ und „Episode am Genfer See“ nach Buchmendel und die unsichtbare Sammlung wieder ein absolutes Schmuckstück auf den Markt geworfen.

In Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1888 heißt es dazu:

Amucklaufen (Amoklaufen, vom javan. Wort amoak, töten), eine barbarische Sitte unter mehreren malaiischen Volksstämmen, zum Beispiel auf Java, besteht darin, dass durch Genuss von Opium bis zur Raserei berauschte, mit einem Kris (Dolch) bewaffnet, sich auf die Straßen stürzen und jeden, dem sie begegnen, verwunden oder töten, bis sie selbst getötet oder doch überwältigt werden.“

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man, dass Amokläufer nur im Vollrausch ihre Tat begingen.

Die Geschichte in „Der Amokläufer“ dreht sich um die plötzliche heftige Leidenschaft eines deutschen Arztes, der in einer holländischen Kolonie in Asien arbeitet für eine schöne englische Frau, die ihn um einen sehr speziellen Gefallen bittet.

Die irre Besessenheit und die verzweifelte Suche nach einer Lösung für das Problem der jungen Frau (nachdem er sie zunächst versuchte sie sexuell zu erpressen), ergeben eine sehr dramatische Dynamik der Geschichte, die der Arzt einem Passagier während einer transatlantischen Seereise erzählt. Er arbeitete als Arzt in Indonesien, fühlt sich dort aber gefangen „wie die Spinne im Netz“. Das Auftreten einer Frau und ihre kühle Überlegenheit reißen ihn aus seiner Lethargie. Er dreht völlig durch und verfolgt die Frau wie ein Amokläufer…

Foto: Topalian-Milani Verlag

„Nur Leidenschaft, die ihren Abgrund findet, läßt deine letzte Wesenheit entbrennen, nur der sich ganz verliert, ist sich gegeben.“

„Der Amokläufer“ wurde 1944 in Mexiko verfilmt. Ich habe einen Ausschnitt aus dem Film gefunden, allerdings ohne Synchronisation:

Was „Der Amokläufer“ und die Geschichte „Episode am Genfer See“ miteinander verbindet, ist das Motiv des Selbstmordes. Ein sensibles Thema, zumal wenn man an Zweigs eigenen Freitod im Jahr 1944 denkt.

Vielleicht hat mich auch deshalb die zweite Geschichte noch mehr berührt, mit ihrem autobiografischen Einschlag. Sie handelt von einem russischen Soldaten, der verzweifelt versucht, nach Hause zu kommen. Urplötzlich treibt er in einem Boot auf dem Genfer See und wird dort von einem Fischer an Land gebracht. Der Mann landet in einer kleinen Dorfgemeinschaft – die ihn schnell loswerden will. Es kommt zu einem dramatischen Verlust von Mitmenschlichkeit und Leben.

Er spricht nur eine allen unverständliche Sprache und es dauert eine Weile, bis ein früher im Ausland lebender Gasthof-Besitzer diese als russisch identifiziert und es ihm gelingt, ihm zumindest rudimentär mitzuteilen, dass der Krieg noch immer andauere und es erst einmal keine Möglichkeit für ihn gibt, nach Hause zurückzukehren.

„Ein Protokoll wurde über den Vorfall aufgenommen und, da man den Namen des Fremden nicht kannte, ein billiges Holzkreuz auf sein Grab gestellt, eines jener kleinen Kreuze über namenlosem Schicksal, mit denen jetzt Europa bedeckt ist von einem bis zum anderen Ende.“

Zweigs Schreibstil ist wahnsinnig elegant, anschaulich und leicht und es verwundert nicht, dass er sehr genau wusste wie man über Verlust, Liebe und Ausweglosigkeit schreibt.

Die wunderschönen Bilder der Novellen stammen von dem Oldenburger Grafiker Michael Hahn.

IMG_4212

Auch die Büchergilde lässt sich nicht lumpen, wenn es um illustrierte Zweig Novellen geht und legt mit „Der Zwang“ ein überaus schönes Exemplar vor. Gelegentlich sind die Büchergilde und ich nicht so kompatibel, was Illustrationen angeht, aber das hier war endlich mal wieder ein Volltreffer.

Ohnehin gehört Zweigs „Der Zwang“ aus dem Jahr 1920 zu einer seiner besten Kurzgeschichten. Es geht darin um Ferdinand, einen Künstler, der in die Schweiz geflohen ist, um dem Kriegsdienst zu entkommen. Als er aber auch dort gefunden wird und ihm seine Einberufungsdokumente zugestellt werden, spürt er einen unüberwindbaren Zwang zu gehorchen, sehr zum Entsetzen und Abscheu seiner Frau.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht weil der Wahnsinn jetzt in der Welt stärker ist als die Vernunft. Vielleicht weil ich kein Held bin, eben deshalb wage ich nicht zu fliehen … Man kann das nicht erklären. Es ist irgendein Zwang: ich kann nicht die Kette zerbrechen, die zwanzig Millionen Menschen erwürgt. Ich kann nicht.“

Das amtliche Schreiben übt einen Zwang auf ihn aus, der seine Ehe, seine Freiheit, sein Leben bedroht. Ein Kampf gegen die eigene Feigheit und die Macht militärischer Autorität beginnt. Die Erstausgabe von Zweigs Der Zwang erschien 1920 und der Künstler Frans Masereel, engagierter Kriegsgegner, fertigte für den pazifistischen Text Holzschnitte an. Die Künstler verband eine Freundschaft, die sich neben gegenseitiger Bewunderung der künstlerischen Fähigkeiten auch auf persönlicher Ebene entwickelte.

fe6781f754f3c74d55b07e630cd5f18e

Foto: Büchergilde

Die Spannungen, die sich durch Ferdinands Pflichtgefühl auf der einen Seite und seine pazifistischen Überzeugungen ergeben, sowie die Liebe zu seiner Frau sind auf jeder Seite dieser kurzen Novelle spürbar. Die Holzschnitte scharfkantig und bedrohlich.

Die Geschichte ist voller Spannung, Melancholie und hat – mit Ferdinand – den wohl  romantischsten und emotionalsten Protagonisten, den Zweig je geschaffen hat.

„Frei schwang sich ihr Herz in die ewige Freiheit der Dinge, erlöst von der Wirrnis der Worte und der Menschen Gesetz.“

Wer von Stefan Zweig gar nicht genug bekommen kann, dem empfehle ich diesen Beitrag über seine Meistererzählungen

Zwei Bücher, die ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Man kann einfach nie genug Stefan Zweig lesen und mit diesen beiden Bänden habt ihr zusätzlich noch ein paar wirkliche Schmuckstücke im Regal stehen.

Ach, Virginia – Michael Kumpfmüller

IMG_4067

Es ist gar nicht so einfach, eine Autorin des 20. Jahrhunderts zu finden, die mehr Bewunderung erfährt, als Virginia Woolf. Ihre atmosphärische, aufrüttelnde Art zu schreiben, hat ihr Unmengen an Fans beschert. Kaum eine Autorin ist zentraler für das Verständnis des Modernismus und sie ist gleichzeitig irgendwie überall und nirgends.

Sie hatte natürlich auch ein wahrhaft ikonisches Leben. Eine talentierte Frau inmitten des Bloomsbury Circles, die ganz unverhohlen ein Verhältnis mit einer anderen berühmten Frau hatte zu einer Zeit, in der so etwas alles andere als selbstverständlich war. Es gab auch eine Menge Dunkelheit in ihrem Leben und dann natürlich noch ihr tragischer Selbstmord – kein Wunder, dass es Unmengen an Biografien über sie gibt.

Michael Kumpfmüller hat sich in seinem Roman „Ach, Virginia“  mit den letzten Tagen im Leben der Autorin beschäftigt. Im März 1941 gerät Virginia Woolf in ihre letzte große Krise: Sie hat soeben ein neues Buch beendet, über das kleine Cottage im Süden Englands, das sie mit ihrem Mann Leonard bewohnt, fliegen deutsche Bomber. Sie führt das Leben einer Gefangenen, die nicht weiß, wie und wohin sie ausbrechen soll – und am Ende entscheidet sie sich für den Fluss.

Diese letzten Tage Virginia Woolfs beschwört Michael Kumpfmüller in seinem neuen Roman eindrücklich herauf. Er zeichnet das Bild einer Person, die keinen Halt mehr finden kann und beschreibt ihre quälende Konfusion.  Es ist der Versuch einer Annäherung, die meines Erachtens aber nicht völlig gelungen ist.

Gelungen ist ihm, die letzten Tage im Leben der großen Autorin nachvollziehbar zu machen und nach nur wenigen Sätzen ist man mitten in der Geschichte. Mir ist es stellenweise zu kitschig und zu pathetisch (den flüsternden Engel fand ich wirklich too much) aber die größten Bauchschmerzen hat mir die Idee des Autors verursacht, Virginia Woolfs Suizid als erotische Fantasie darzustellen:

Sie möchte dem Fluss eine schöne Geliebte sein, jung und geschmeidig, sie möchte, dass er sie sieht und birgt, nackt und entgegenkommend, wie sie jetzt ist. Ja, Liebster, sagt oder flüstert sie, so man wortlos flüstern kann, und man scheint es zu können.

Ich habe den Roman dennoch im Großen und Ganzen mit einigen Abstrichen gerne gelesen. Auf jeden Fall habe ich Lust bekommen, ihre veröffentlichten Tagebücher zu lesen und mich noch eingehender mit ihrer Gedankenwelt zu beschäftigen.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gothic! – Part 2

IMG_3662

Weiter geht es im zweiten Teil der Gothic Parade mit Elizabeth Gaskell, die man sonst eher als Vertreterin des Realismus kennt, wie z.B. in ihren bekannten Romanen „North and South“ oder „Wives and Daughters“. Erfreulicherweise hatte sie aber auch eine ausgeprägt düstere Seite, der sie in den hier vorliegenden „Gothic Tales“ freien Lauf gelassen hat.

Diese neun schaurigen Geschichten vermischen Realistisches mit Übernatürlichem zu einer wohlig gruseligen Mischung. In „Disappearances“ ließ sich Gaskell von lokalen Geschichten und Zeitungsberichten über geheimnisvolle Fälle von verschwundenen Menschen inspirieren, in denen sie auf ihre ganz eigene Weise Tratsch und Fakten miteinander vermischt.

„The Old Nurse’s Story“ ist eine Geistergeschichte um ein mysteriöses kleines Mädchen, das durch die eisigen Moore Northumberlands streift und in „The Poor Clare“ haben wir es mit einer durch und durch bösen Doppelgängerin zu tun.

„Leave me!“ said she, suddenly, and again taking up the cross. „I defy the demon I have called up. Leave me to wrestle with it!“

Ich habe das Buch gar nicht weglegen können, diese wunderbar atmosphärischen Geschichten sind ein großer Lesespaß für alle Gothic Freunde und stehen in krassem Gegensatz zu ihrer sonst sehr realistisch bodenständigen Literatur.

Ich mag die Einführungen in den Penguin Classics Ausgaben grundsätzlich sehr gerne, diese hier, von Laura Kranzler, war ganz besonders interessant und informativ. Sie zeigt die dunkle Unterseite weiblicher Identität, in häuslicher Umgebung und im Gegensatz zu männlicher Autorität. Ich würde mir wünschen, solche Einführungen wären auch in deutschen Ausgaben häufiger zu finden, für mich sind sie definitiv eine wichtige Kaufentscheidung.

 „The sins of the fathers shall be visited upon the children.“

Auf Deutsch sind Erzählungen von Elizabeth Gaskell im Manesse Verlag erschienen, die zumindest einige der „Gothic Tales“ enthalten. Sie sind aber leider nur antiquarisch zu bekommen.

„Lois the Witch“ schließlich ist eine Novelle, die auf den Hexenprozessen in Salem basiert, was perfekt zu meinem nächsten Buch passte.

IMG_3665

Der amerikanische Klassiker schlechthin. Nathaniel Hawthorne rechnet hier scharf mit den Puritanern ab, er selbst ändert schuldbewußt seinen Nachnamen von Hathorne in Hawthorne, um sich damit von seinem Vorfahr John Hathorne zu distanzieren, einem der Richter in den Salem-Prozessen und der einzige, der sich nie öffentlich entschuldigte, Reue zeigte oder sich in irgendeiner Form von seinem Tun im Rahmen der „Hexen“-Prozesse und Verbrennungen distanzierte.

Es braucht ein bisschen, bis man in den Roman hineinfindet, die Sprache und der Stil sind etwas schwierig. Wenn man aber drin ist, dann ist das eine wirklich spannende Geschichte, auch wenn der Plot sich fast ein wenig nach Soap Opera anhört.

Der Roman ist eines der einflussreichsten Werke über die Puritaner und eines der ersten, der eine Frau wirklich in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Die Geschichte beginnt etwas langatmig in halb-biografischer Manier damit, wie der Autor als Inspektor im Zollhaus in Salem/Massachusetts an die wahre Geschichte der Hester Prynne gekommen ist.

Der eigentliche Roman beginnt damit, dass Hester Prynne durch die Gefängnistür tritt, auf dem Weg zum Pranger, wo sie öffentlich vorgeführt werden soll. Sie trägt das titelgebende „A“ auf der Brust, mit dem man sie als „Adulteress“, also als Ehebrecherin markiert. Im Arm hält sie die kleine Pearl, ihre in Sünde geborene Tochter. Hester weigert sich, den Namen ihres Partners preis zu geben, selbst als ihr wesentlich älterer Ehemann nach Jahren der Abwesenheit in Salem ankommt. Er nennt sich jetzt Roger Chillingworth (grandioser Name), der als Arzt unfreiwillig ein paar Jahre bei den Indianern verbrachte. Er setzt es sich zum Ziel, den Namen seines Rivalen herauszubekommen, um sich an ihm gebührend zu rächen.

Die dritte Figur ist Arthur Dimmesdale, ein  bekannter und beliebter Prediger der Gemeinde, der keine Gelegenheit verpasst, Hester zu verteidigen und der an einer mysteriösen Krankheit zu leiden scheint, die ihn langsam aber sicher dahinsiechen lässt.

„The Scarlet Letter“ spielt im Jahr 1642 und enthält eine Reihe historischer Persönlichkeiten und Bezüge zu realen Ereignissen, mit denen Hawthorne versuchte, die Geschichte realistischer erscheinen zu lassen. Obwohl der Roman nur etwas über zweihundert Seiten lang ist, beschreibt er eine Zeitspanne von etwa sieben Jahren, in der die stoische und ziemlich isolierte Hester stolz ihre Scham erträgt und sich nach und nach wieder in die Gemeinde zurückarbeitet. Da wir es hier mit einer puritanischen Gemeinde zu tun haben, drückt sich das darin aus, dass die Gemeindemitglieder Hester nun etwas weniger böse angucken als vorher. Wirklich integriert wird sie nie wieder.

Hawthorne schafft es sehr gut, ein lebendiges Bild des alten puritanischen Salem auferstehen zu lassen. Mit Hester schuf er eine großartige stolze proto-feministische Protagonistin, die sich wenig darum schert, was andere von ihr halten.

Mein größtes Problem mit der Geschichte ist, wie Hawthorne darin insistiert, dass Dimmesdale gleichermaßen leidet wie Hester. Zum einen an seiner immer stärker auf ihm lastenden Schuld und zum anderen unter Chillingworths Racheplänen. Das halte ich für Unsinn. Als würde er genau so viel leiden, wie eine Frau, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, die ein Kind alleine großziehen muss und die stets und ständig die strafenden, überheblichen Blicke in der Gemeinde ertragen muss.

Es scheint, das einzig Pearl, die so oft als „demon offspring“ bezeichnet wird, in der Lage ist, die Scheinheiligkeit ihres Vaters zu durchschauen:

„What a strange, sad man is he!“ said the child, as if speaking partly to herself. „In the dark nighttime he calls us to him, and holds thy hand and mine, as when we stood with him on the scaffold yonder! And in the deep forest, where only the old trees can hear, and the strip of sky see it, he talks with thee, sitting on a heap of moss! And he kisses my forehead, too, so that the little brook would hardly wash it off! But, here, in the sunny day, and among all the people, he knows us not; nor must we know him! A strange, sad man is he, with his hand always over his heart!“

Hawthorne hat zeitlose Themen wie Schuld, Scheinheiligkeit und fundamentalistisches Denken in eine spannende Geschichte verpackt, mit einer Protagonistin, die man nicht so schnell vergisst. Ganz zurecht ein großer Klassiker.

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Der scharlachrote Buchstabe“ im DTV Verlag.

Ich möchte mir auch unbedingt die Verfilmung aus dem Jahr 1995 mit Demi Moore anschauen:

Mein letztes Buch aus dieser kleinen Gothic-Reihe stammt ebenfalls von einem großen Vertreter der deutschen romantischen Klassik:

IMG_3667

Friedrich von Schillers einziger Roman (oder doch eher Novelle?) „Der Geisterseher“ ist ein experimentelles, unvollständiges Werk. Die titelgebende als auch die anderen Erzählungen in diesem Band haben alle einen recht dramatischen Plot und häufig opernhafte Settings.

Der Geisterseher handelt von einem reichen, jungen Prinzen und seinem loyalen Gefährten, die sich in Venedig aufhalten. Dort treffen sie auf einen mysteriösen maskierten Armenier, der ihnen eine seltsame Prophezeiung macht. Als diese tatsächlich eintrifft, entwickelt die rätselhafte Figur einen starken finsteren Einfluss auf den jungen Prinz. Der Armenier bringt diesen mit immer dunkler werdenden Formen der Magie in Berührung und es wird zunehmend unklarer, was wirklich passiert und was sich nur in der Vorstellung des Prinzen abspielt. Oder ist alles am Ende nur ein großer Betrug?

Es gibt viele Gründe, warum Freunde der düsteren Lektüre zu diesem kleinen Juwel greifen sollten, nicht zuletzt, weil dieser Roman der Ursprung für das Genre der Schauerliteratur in Deutschland war. Für einen unvollendeten Roman war dieser sehr einflussreich. Es gab nicht nur unzählige Schriftsteller, die die Geschichte beendeten, er ist auch einer der ersten Romane, die in Venedig spielten und der im Genre des Schauerromans eine eigene Unterkategorie gründete – und zwar die des Geheimbundromans. Seien es die Geheimbünde auf der einen oder Venedig als geheimnisvolle Location auf der anderen Seite, „Der Geisterseher“ hatte großen Einfluß auf Autoren wie E. T. A. Hoffmann, Daphne du Maurier oder auch Thomas Mann.

Damit beende ich jetzt erst einmal diese Gothic Reihe, es wird aber sicherlich nicht lange dauern, bis ich wieder Lust auf dunkel-düsteres Schauern bekomme.

Hier geht es zum Teil 1 der Reihe.

Habt ihr noch Empfehlungen für mich?

Book-a-Day-Challenge Day 3

C05AFD95-FE55-4852-A23C-A824FE4C6C6E

Jenny Erpenbeck’s powerful novel „Gehen, Ging, Gegangen / Go, Went, Gone“ is one of the most moving and clearsighted books I read this year. Richard a former classics professor in the east part of Berlin is getting used to his new routine as a pensioner. He has a big house with an even bigger garden near a lake where a man drowned in the summer who is still lost in the water and he rather disturbingly remains lost for the entire book.

The lost swimmer who died by accident to never return to the surface is probably a metapher for the many refugees lost in the sea on their way to Europe and of the uncertainty of the ones that made it to Europe who are now drowning in a sea of paper with the crazy german bureaucracy.

It’s never entirely clear to Richard or his readers what exactly made him actually go to Oranienplatz where 10 African refugees carry out a protest and a hunger strike to make the public aware of their terrible situation. He hears about the protest on the news and realises that he was there on Alexanderplatz the same day and just didn’t see the men.

That’s how invisible refugees are in our day-to-day life. When the protest ends Richard is sad and attents a town-hall meeting in a previous school in Kreuzberg where the fate of the refugees is being discussed. Like Homer’s Odysseus who called himself „Nobody“ he refuses to say his name when his turn comes and leaves the meeting. But something draws him back to these men and he goes and finds them in their new accomodation.

He interviews and befriends different men from Nigera, Ghana, Burkino Faso, Lybia and other places and learns about their extraordinary often brutal stories of their young lives. Most of the men are traumatised, they are bored with nothing to do all day and terrified of not belonging anywhere. They feel redundant, nobody seems to need and want them.

Richard listens to their stories, writes them down even though he is not quite sure to what end. It becomes very clear to him that even a highly cultivated academic like him knows very little about Africa. He has no idea where Burkino Faso is or if Niger is at the ocean but he works hard to learn as much as possible about African history, geography, immigration law, the different causes that make people voluntary or involuntary leave their homeland etc.

„Most of the men, from various African countries, were violently expelled from the refuge they had sought in Libya, when conflict began there too“

Richard (and also his old friends) become a lot more empathic and he experiences immense intellectual and social growth by listening to the narratives of his new friends and his studies. He goes back to his beloved classics and experiences them quite different than before. He has known the classics all his life but thanks to his new knowledge is all comes together in a new divergent way.

I also really enjoyed how the author demonstrates with Richard being from the former east of Germany that you don’t need to go into excile to become estranged from a place you used to know.

The book was written in 2015 but we still life with this moral catastrophy of dozens of refugess drowing in the sea each week on their way to Europe. Jenny Erpenbeck has not necessarily all the answers but she certainly asks the right questions. An important well written book and I was glad to see that Jenny Erpenbeck landed on quite a few „best translated novel“ with this book and the previous one „Heimsuchung/Visitation“

„Going, went, gone“ was translated into English by Susan Bernofsky and published by Granta books.

„Gehen, Ging, Gegangen“ erschien im Knaus Verlag.

Check out Moshin Hamid’s novel „Exit West“ for another take on becoming a refugee and leaving everything behind.

What is your favorite novel by Jenny Erpenbeck?

Book-a-Day-Challenge Day 2

9783956401350

Gerda, an old lady living in an old peoples home, is looking out at the stars. She is considering wether she had a happy life or not. While she tries to master living in her final new home, she remembers her youth in the 1960s, her excitement for astrophysics an area that was pretty much off limits for women then, some hard choices she had to make during this sommer of her life: Having to decide between her love to her husband and a career abroad…

I do have a soft spot for old ladies having grown up with my Grandmother and this wonderful graphic novel has totally torn me apart. I loved the story so much and especially the exqusite drawings by Barbara Yelin.

I bought the book last year at the „Markt der unabhängigen Verlage“ in Literaturhaus in Munich as a Christmas present for my wife and the illustrator was there and actually made a wonderful little personal drawing for it which made it even more special.

IMG_3316

You can’t go wrong with this one, it really is a perfect gift. Check out Alison Bechdel’s „Fun Home„, Apostolos Doxiadis‘ „Logicomix“ and Marjane Satrapi’s „Persepolis“ for more inspiring graphic novels.

Are you a fan of Comics, Graphic Novels or Mangas? Any more recommendations for me?

„Der Sommer ihres Lebens“ erschien im Reprodukt Verlag.