Levels of Life – Julian Barnes

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Vor einigen Jahren hatte ich mich an „Flauberts Parrot“ und „The story of the World in 10 ½ chapters“ versucht, aber es war wohl der falsche Zeitpunkt, ich wurde einfach nicht warm mit den Büchern und habe Mr Barnes daher eine ganze Weile lang eher links liegen lassen. Bis wir im Bookclub vor einer Weile „The Sense of an Ending“ lasen, für mich eines der besten Bücher 2011. „Levels of Life“ ist ein ähnlich schmaler Band und so dünn das Buch auch ist, so schwer habe ich mich doch mit der Rezension getan.

Der Roman ist in drei Teile geteilt und liest sich wie drei verschiedene Bücher in einem dünnen kombiniert. Es geht um die verschiedenen Level an Emotionen und die unterschiedlichen physikalischen Formen von Höhe. Metaphern an allen Ecken und Enden und Barnes schafft ein paar wunderschöne.

Julian Barnes‘ Frau, die Literaturagentin Pat Kavanagh, starb 2008 nur wenige Wochen nach einer Gehirntumor-Diagnose. Barnes verweigerte jegliche Interviews, stürzte sich in die Arbeit, brachte Romane heraus und erst im dritten Teil des Romans lässt er den Leser wissen, wie es ihm ergangen ist in den 5 Jahren  seit dem Tod seiner Frau. Er tut das in schonungsloser Offenheit, beschönigt nichts, lässt uns teilhaben an seinen berührenden Gedanken, seinen Fragen, seiner Trauer, seiner stillen Wut, ohne jemals ins Sentimentale abzurutschen. Es zeigt noch einmal deutlich, wie sehr wir heute darauf getrimmt sind, nach kurzer Zeit wieder zu funktionieren. Dem Trauernden wird keine Zeit mehr gegeben, innerhalb kürzester Zeit soll er wieder funktionieren.

Wie bei einer Erkältung sind wir von dem „kommt drei Tage, bleibt drei Tage geht drei Tage“ und einer Behandlung aus Schlaf, Tee trinken und vielleicht noch ein paar Wickeln weit entfernt. Heute schlucken wir Medikamente die verhindern sollen, dass wir im Alltag nicht einfach weiterfunktionieren und unsere Trauer ähnelt dem sehr. Wir schlucken Pillen, um nichts mehr zu spüren und nach ein paar Tagen, wenn die Trauer keine News und kein Event mehr ist, erwarten wir, dass der Trauernde nun aber bitte wieder funktioniert. Ich finde es bewundernswert von Barnes, sich die Zeit zu nehmen, die es braucht.

“Every love story is a potential grief story.”

“What happiness is there in just the memory of happiness?”

“Early in life, the world divides crudely into those who have had sex and those who haven’t. Later, into those who have known love, and those who haven’t. Later still – at least, if we are lucky (or, on the other hand, unlucky) – it divides into those who have endured grief, and those who haven’t. These divisions are absolute; they are tropics we cross.”

Die ersten Teile des Buches „Sin of Height“ und „On the Level“  – ein historisches Essay über das Ballonfahren und eine Metapher für die Höhen und Tiefen im Leben und die Liebe zwischen Himmel und Erde, sind ein eher unkonventioneller Einstieg in das Buch und ich könnte mir fast vorstellen, dass es einige Leute gibt, die es gar nicht bis zum überragenden dritten Teil schaffen, was sehr schade wäre. Die elegante Sprache und die Atmosphäre haben mich weiterlesen und auch die ersten Teile durchaus geniessen lassen, aber ich glaube mir hätte nicht wirklich etwas gefehlt, wenn „Levels of Life“ nur aus dem dritten Teil bestanden hätte. Ich denke er braucht die ersten Teile als Reflexionsraum, sie sind Vorbereitung für den schwierigen dritten Teil.

“You put together two things that have not been put together before. And the world is changed…”

“There is a German word, Sehnsucht, which has no English equivalent; it means ‚the longing for something‘. It has Romantic and mystical connotations; C.S. Lewis defined it as the ‚inconsolable longing‘ in the human heart for ‚we know not what‘. It seems rather German to be able to specify the unspecifiable. The longing for something – or, in our case, for someone.”

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Vor einer Weile habe ich Joan Didion’s „Blue Nights“ gelesen, die den Verlust ihrer Tochter ebenfalls in einem Buch verarbeitet hat – stilistisch ganz anders als Julian Barnes, aber genauso  eloquent und berührend. Jeder von uns wird irgendwann einmal im Leben Verluste verarbeiten müssen, „Levels of Life“ und auch „Blue Nights“ sind Bücher, die einem dabei helfen können.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Lebensstufen“ im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

9 Stories – J. D. Salinger

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Für viele Leute ist Salinger’s “Catcher in the Rye” der absolute Höhepunkt seines Werkes, für mich war es bislang „Franny und Zooey“ und auch die wundervollen oft wehmütigen „9 Stories“ sind einfach grandios. Nicht falsch verstehen, der „Catcher in the Rye“ ist klasse, aber für mich sind diese Stories einfach so etwas wie Gebrauchsanleitungen zum Schreiben perfekter Kurzgeschichten und Dialoge.

Den „Catcher in the Rye“ habe ich vor vielen Jahren in London von einem guten Freund bekommen, der damals bei der Renovierung der Amerikanischen Uni tütenweise Bücher für mich gerettet hat. Eine Weile habe ich damals überwiegend von Krimi-Junkfood gelebt, das ohne groß nachzudenken konsumiert werden konnte und diese Tüten voller literarischer Schätze von Tennessee Williams, Virginia Woolf, F. Scott Fitzgerald, George Orwell, Daphne du Maurier, Graham Greene, über James Joyce bis u.a eben zu J. D. Salinger haben mir Lust auf die literarische Haute Cuisine gemacht, Literatur Junk Food gibts jetzt nur noch hin und wieder. (Wobei James Joyce für mich nach wie vor der Rosenkohl unter den Autoren geblieben ist – wir nähern uns nur millimeterweise einander an, aber vielleicht wird es ja noch).

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Aber zurück zu den „9 Stories“: Bei Salinger sind die Menschen meist entweder Helden oder Heuchler. So liebevoll und sensibel er seine Helden zeichnet – häufig reine und unschuldige, authentische Kinder – so gnadenlos geht er teilweise mit den Phonies, den Heuchlern ins Gericht. Fast schon böse zeichnet er die Portraits der Heuchler, die sich mit Banalitäten wie ihren Jobs, ihrem sozialen Status und ihrer billigen Durchschnittlichkeit beschäftigen und nicht erkennen wie armselig dieses materialistische Hinterherhecheln ist. Er beschreibt die traumatisierten Einzelgänger, die diese Heuchelei nicht mehr ertragen und nicht wissen wie und ob sie weitermachen können.

“Poets are always taking the weather so personally. They’re always sticking their emotions in things that have no emotions.”

„The fact is always obvious much too late, but the most singular difference between happiness and joy is that happiness is a solid and joy a liquid.”

“I mean they don’t seem able to love us just the way we are. They don’t seem able to love us unless they can keep changing us a little bit. They love their reasons for loving us almost as much as they love us, and most of the time more.”

Von außen wirken seine Geschichten oft lustig, auch wenn sie häufig tief drinnen unsentimental und ehrlich von Enttäuschungen und Herzschmerz handeln. Er verurteilt nicht, er beobachtet und seine Beschreibungen haben oft eine unglaubliche Eleganz. Ich kenne keinen Autor der so dermassen elegant beschreibt, wie jemand eine Zigarette hält, graziös einen Cocktail trinkt aber auch scharfzüngig sein Gegenüber aus dem Takt bringt.

„Perfect Day for Bananafish,“ „For Esme – With Love and Squalor,“ und „The Laughing Man“ sind glaube ich meine Lieblingsgeschichten dieses Bandes, obwohl sie mir fast alle so gut gefallen haben, dass es schwierig ist, eine Auswahl zu treffen.

“You asked me how to get out of the finite dimensions when I feel like it. I certainly don’t use logic when I do it. Logic’s the first thing you have to get rid of.”

“She was a girl who for a ringing phone dropped exactly nothing. She looked as if her phone had been ringing continually ever since she had reached puberty.”

Salinger ist ein Autor, der mir mit jedem Buch das ich lese besser gefällt und dessen Kurzgeschichten für mich mit zu den besten dieses Genre gehören. Lest mehr Salinger kann ich nur sagen, ich wette er steckt voller Vitamine 😉

“You know that apple Adam ate in the Garden of Eden, referred to in the Bible?‘ he asked. ‚You know what was in that apple? Logic. Logic and intellectual stuff. That was all that was in it. So—this is my point—what you have to do is vomit it up if you want to see things as they really are….‘

„The trouble is,‘ Teddy said, ‚most people don’t want to see things the way they are. They don’t even want to stop getting born and dying all the time, instead of stopping and staying with God, where it’s really nice.‘ He reflected. ‚I never saw such a bunch of apple-eaters,‘ he said. He shook his head.”

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Neun Erzählungen“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Die Sache mit dem Ich – Marc Fischer

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Marc Fischer sagte mir anfangs nicht wirklich was und plötzlich hörte ich von allen Seiten von dem Buch, bekam es von unterschiedlichen Leuten empfohlen und hatte es gerade auf meinen Wunschzettel gepackt als es mir dann auch noch witzigerweise von stepanini zugeschickt wurde, als sie ein paar ihrer gelesenen Bücher verschenkte, ohne vorher zu wissen welches ich bekommen würde. Dieses Buch wollte und sollte also wirklich zu mir.

Mit entsprechender Neugierde begann ich dann mein Besuch in der Fischerwelt, dem „Mietreporter“ wie er sich nannte und in der Tat, schon nach den ersten 1-2 Reportagen hatte er mich. Das Zitat der Süddeutschen Zeitung auf dem Buchrücken trifft es am besten: „Andere Schreiber besitzen einen Ton, er hatte Sound“.

„Die Sache mit dem Ich” ist ein Sammelband von Kurzgeschichten und Reportagen, die Fischer bereits in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht hatte und die postum noch einmal gesammelt herausgegeben wurden. Die Idee zu dem Buch stammte von ihm und wurde nach seinem Tod entsprechend umgesetzt.

Seine Texte bewegen sich elegant und sehr gekonnt zwischen Literatur und Journalismus, wäre Hemingway in den 80er und 90er Jahren jung gewesen, hätte er wohl so geklungen. Das sind nicht einfach nur Reportagen, das ist Literatur, das sind Kurzgeschichten wie man sie in der deutschsprachigen Literatur nur sehr selten findet. Irgendwie war er immer ein bisschen der Junge auf dem Postkasten. Der einfach da sitzt irgendwo auf der Welt und dem Leben zuschaut wie es so passiert.

„Im Grunde waren es Entweder-Oder-Fragen, und manchmal wenn ich an die Neunzigerjahre denke, denke ich, dass sich die Menschen damals die ganze Zeit nur solche Fragen gestellt haben: Berlin oder Hamburg? Gucci oder Prada? Blur oder Oasis? In gewisser Weise war es ein rhetorisches Jahrzehnt.“

„Es gibt nur cool oder uncool und wie man sich fühlt“, sang die Hamburger Band Tocotronic. Das traf es in etwa.

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Die Reportagen sind kurz, erzählen eigentlich fast immer vom Scheitern sind melancholisch aber nie deprimierend. Dennoch verwunderte es mich nicht wirklich, dass er irgendwann nicht mehr rauswollte aus der Fischerwelt. Einfach drinnen bleiben, nicht mehr rauskommen. Eine Welt in der am liebsten mit seinen Helden wie Hemingway, Camus, Jack Kerouac, Leonard Cohen etc rumsitzt, Bier trinkt und Sonnenuntergänge verfolgt. Schwierig ist dann nur, so Fischer, „wenn ich nach einiger Zeit wieder herausmuss aus der Fischerwelt, weil die Welt draußen meine Anwesenheit verlangt“. Und irgendwann ist er halt dringeblieben.

Er bringt die 90er Jahre für mich in kurzen Sätzen auf den Punkt wie kein anderer. Seine Geschichten findet er in Tokyo, Berlin, Nairobi, in Nachclubs, auf Briefkästen, im Auto unter Models und Schauspielern oder einfach in sich selbst.

Am schönsten fand ich die Geschichte in der es gar keine Promis, keinen Glitzer, keine tollen Orte gab sondern einfach nur einen Menschen: eine 15-Jährige, die mit ihm im Auto fährt und sie ihre Generationserfahrungen austauschen und spiegeln, ohne belehren oder angeben zu wollen. Ganz leise und einfach und wunderschön.

„Worüber schreibst Du so?“
„Über Menschen und Orte, würd ich mal sagen.“
„Was für Menschen und Orte?“
„Menschen, die irgendwas machen, was die meisten anderen nicht machen.“
„Verrückte?“
Ich sah sie an.
„In gewisser Weise schon.“

„Zum ersten Mal verstand ich den Blick, den ich in den letzten Tagen an ihr bemerkt hatte. Den Blick, der mir symphatisch gewesen war. Der Blick, der mich an meine eigene Vergangenheit erinnert hatte, als ich fünfzehn war. An das Ausgeliefertsein an die Erwachsenen, obwohl man selber gerade damit anfing, sich die Welt einzurichten.“

Man möchte mit ihm an der Bar sitzen, einfach nur zuhören, gelegentlich einen weiteren Whisky bestellen und hoffen, die Sonne geht so schnell noch nicht auf.

„Eventuell ist das Problem dieser Generation nicht die Tatsache, dass sie mit iPhones, iPads und Facebook überschüttet wird, dachte ich in diesem Moment. Eventuell ist ihr Problem, dass sie mit Mitte dreißig schon alles gesehen und erlebt hat. Jede Droge probiert, jeden Sex gehabt, jeden versteckten Strand gefunden. Been there, done that.“

„Die Sache mit dem Ich“ ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen.

Zeitoun – Dave Eggers

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Das wir dieses Buch im November Meeting unseres Book Clubs diskutierten, ging auf meine Rechnung. Ich habe es ausgesucht, weil ich schon lange einmal etwas von Dave Eggers lesen wollte, weil ich viel Gutes hörte und es um die Hurricane Kathrina Katastrophe in New Orleans ging, über die ich gerne mehr wissen wollte.

Schon nach einigen Seiten war ich mir nicht sicher, ob es eine kluge Entscheidung von mir war, dieses Buch vorzuschlagen, denn es hat eine starke religiöse Thematik und ich oller Atheist der bis zum letzten Blutstropfen dafür kämpfen würde, dass jeder glauben kann was er glaubt, aber gleichzeitig, wenn die Leuten dann glauben, immer drüber diskutieren muss! Puh ich war nicht sicher, ob das gutgehen würde und hatte schon vor, am Bookclub Abend jede Menge Valium zu nehmen, um bloss keine unpassenden Bemerkungen zu machen.

Aber dann kam alles ganz anderes irgendwie.

Dave Eggers erzählt stellenweise ganz schön langatmig die Geschichte der Familie Zeitoun die den typischen amerikanischen Traum leben. Abdulrahman, ursprünglich aus Syrien, hat sich als Handwerker ein Bauunternehmen aufgebaut, eine Familie mit einer zum Islam übergetretenen Amerikanerin gegründet und vier Töchter bekommen. Als in New Orleans mal wieder vor einem Orkan gewarnt wird, lassen sich die fleissigen Zeitouns anfangs so gar nicht von ihrem arbeitsreichen Alltag ablenken und gedenken den Sturm zu Hause auszusitzen.

Als klar wird, dass der Sturm ernst macht und eine Evakuierung unumgänglich ist, packt Kathy ihre Töchter ins Auto und macht sich auf die anstrengende Odyssee aus der Stadt heraus erst zu Verwandten, später zu einer Freundin, die wie sie zum Islam übergetreten war.

Mich nervte neben meinem speziellen Religionsproblem, das ich nicht Herrn Eggers in die Schuhe schieben möchte, hauptsächlich die simple, nichtssagende Sprache. Die merkwürdige Vermischung von Fakten und Fiktion und auch dieses rundherum supergut sein von Abdulrahman und seiner Frau, das war mir irgendwie zu viel. Sie waren für mich zu fleissig, zu bescheiden, zu viel irgendwie.

Und dann habe ich nach einem Drittel des Buches gegoogelt und jetzt Achtung: SPOILER ALERTS – und dabei herausgefunden, dass Abdulrahman nach Erscheinen des Buches wegen versuchten Mordes an seiner Frau im Gefängnis saß, die beiden mittlerweile geschieden waren, sie angab, er sei immer schon gewalttätig gewesen, nach Erscheinen des Buches habe er sich aber zunehmend negativ verändert, sei auch fanatisch religös geworden und im Gefängnis soll er einen Mitgefangenen zum Mord an seiner Frau angestiftet haben.

Puh ! Jaaa ich dachte mir schon das da sicherlich nicht alles so vanille-plüschig ist, wie im Buch beschrieben, damit hatte ich allerdings so gar nicht gerechnet.

Das hat sich natürlich auch sehr auf unsere Bookclub-Diskussion übertragen. Zwei von uns hatten vorab die Info ergoogelt, die anderen Damen nicht und wir haben gleich am Anfang der Diskussion erzählt, was wir über die Zeitouns herausgefunden hatten, es wäre sicherlich auch spannend gewesen zu sehen, wie die Diskussion gelaufen wäre, hätten wir die Info erst zum Schluss offenbart.

Erst einmal aber zurück zum Buch. Ich habe weitergelesen und natürlich hat mich das Wissen darum, was aus der Familie wird, meine Sicht beeinflusst. Zeitoun bleibt in der Stadt um auf sein Hab und Gut zu achten und mit seinem Aluminiumboot durch die Stadt zu fahren und zu helfen, wo er kann. Das nehme ich ihm auch ab. Eine Mischung aus Hilfsbereitschaft und Abenteuerlust. Dave Eggers lässt einen die Katastrophe in New Orleans hautnah mitfühlen, die Verwandlung der Stadt in eine anfangs sogar eigenartig schöne Wasserlandschaft, die später einem stinkenden gefährlichen Sumpf ähneln wird.

Der zweite Teil des Buches ist in der Tat heftig und aufrüttelnd, dramatisch und man verfolgt vollkommen sprachlos, wie Amerika diese Naturkatastrophe unglaublichen Ausmasses nicht als solche sieht, sondern handelt, als sei das ganze ein Terroranschlag. Das Land scheint nichts anderes mehr auf dem Radar zu haben, als Terrorangst und die entsprechende Bekämpfung.

Das Augenmerk der Rettungsdienste lag weniger auf der Rettung eingeschlossener Menschen und Tiere, sondern hauptsächlich Plünderer zu verhaften und Terroristen zu suchen. Zeitoun wird eine Woche nach dem Sturm mit drei Freunden verhaftet. Ohne jeden Grund. Sie werden in einen kafkaesken Alptraum verwickelt, der einen permanent ungläubig zweifeln lässt, ob so etwas wirklich in den USA passieren kann. Ohne jede Möglichkeit einen Anruf zu tätigen oder mit einem Anwalt zu sprechen werden die drei in ein provisorisches Gefängnis geworfen. Sie müssen sich nackt ausziehen, werden bis in die letzten Körperteile untersucht, als Taliban beschimpft und nach ein paar Tagen sogar in orangefarbenen Anzügen in ein Hochsicherheitsgefängnis in New Orleans gebracht.

Nicht nur New Orleans ist zu großen Teil in den Fluten versunken, sondern auch jedes Maß an rechtlicher Ordnung und das Vertrauen in die Sicherheitskräfte. Zeitoun verbringt über 20 Tage isoliert im Gefängnis, seine Frau hat keine Ahnung wo er ist. Durch die Hilfe eines Gefängnispfarrers gelingt es Kathy schliesslich, Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn aus dem Gefängnis zu schaffen.

Ich glaube, dass nicht nur Muslimen im Zusammenhang mit der New Orleans Katastrophe solche juristischen, menschenverachtenden Dinge angetan wurden, denn die provisorischen Gefängnisse waren voll und jeder der auch nur halbwegs dem Stereotyp Terrorist oder Plünderer entsprach war zu dieser Zeit ohne jedes Aufheben im Gefängnis verschwunden.

Dieser Teil des Buches hat mich sprachlos und wütend gemacht. Und Eggers hätte meines Erachtens gut daran getan, sorgsamer zu recherchieren, was die Familie Zeitoun angeht, weniger schwarz-weiß Denke hätte dem Buch gut getan, denn auf die Folgen der unreflektierten Dauer-Terror-Panik und wie schnell die wichtigsten rechsstaatlichen Grundsätze in den USA ausgehebelt werden können, hat Eggers sehr zurecht aufmerksam gemacht mit diesem Buch.

Mich persönlich wundern zwei Dinge. Das er jede Stellungnahme zu dem Buch verweigert, wenn er darauf angesprochen wird, was aus der Familie nach der Veröffentlichung passierte und das Eggers‘ Buch nachträglich nicht stärker kritisiert wird. Hat er wirklich gar nichts davon mitbekommen, dass die Familie weit weniger eitel Sonnenschein war, als er es uns im Buch verkaufen wollte.

Tuen meine Bookclub-Kolleginnen und ich ihm Unrecht, wenn wir seine Bücher jetzt mit sehr viel mehr Skepsis lesen würden oder gar überhaupt nicht mehr? ? Würde er Fiktion schreiben, wäre das alles einfacher, aber diesem halb journalistischen bekommt das für meinen Geschmack schlecht.

Das Buch ist auf deutsch unter dem gleichen Titel beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

April – Angelika Klüssendorf

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Wir treffen das Mädchen wieder, als sie das Kinderheim mit 18 verlassen muss. Die Jugendhilfe besorgt ihr ein Zimmer in der Wohnung einer ziemlich merkwürdigen Seniorin mit Kanarienvogel, einen Hilfsjob in einem Starkstrom-Kombinat und sie selbst versorgt sich mit einem Namen. „April“ aus einem Song von Deep Purple.

April stolpert durch die Freiheit ihres Erwachsenenlebens und sucht und sucht nach irgendetwas, was ihrem Inneren Halt gibt. Sie möchte Nähe und Ankommen, nicht mehr allein sein, vielleicht sogar geliebt werden, aber sie fürchtet sich davor, jemanden zu brauchen oder wirklich an sich heranzulassen.

Diese Zerrissenheit, diese ständigen Kämpfe zwischen Nähe und Distanz bestimmen ihren Alltag. Ihr Job langweilt sie, sie ist einsam und sie trinkt – heftig.

Sie schließt Freundschaften, verliebt sich ständig, entliebt sich aber fast genauso schnell wieder. Sie sucht unablässig die Nähe von Künstlern, möchte von ihnen ernst genommen werden, für ihre Gedanken und Worte geliebt werden und nicht für ihr Aussehen oder ihren Körper. Bücher sind auch weiterhin ihre Rettungsanker, wann immer sie wieder droht zu ertrinken. Sie schreibt, gibt eine systemkritische Literaturzeitung mit heraus und bewirbt sich um ein Literatur-Stipendiat.

Irgendwo habe ich gelesen April macht stets ein paar Schritte vor und gleich wieder ein paar zurück, aber sie bewegt sich nach vorn. Immer. 10 Schritte vor, 5 zurück – aber sie ist 5 Schritte weiter. Sie steht immer wieder auf, gibt nicht auf. Kämpft für sich, muss zu allererst sich selbst retten, bevor sie für jemand anderen da sein kann.

Mit Hans trifft sie wieder einen Künstler, ist gerne mit ihm zusammen, geniesst es in seiner schönen Altbauwohnung, die er mit seinem Bruder bewohnt, zumindest für kurze Zeit eine Heimat zu finden. Aber die große Liebe ist es nicht. Sie wird schwanger, sie ziehen in eine kleine gemeinsame Wohnung, aber sie schafft es nicht wirklich, eine enge Beziehung zu ihm oder ihrem Sohn aufzubauen.

Immer wieder kommt die Angst, nicht anders zu sein als ihre gefühlskalte Mutter oder ihr alkoholkranker Vater.

Sie stellen einen Ausreiseantrag, der überraschend schnell genehmigt wird. Die Übersiedlung in den Westen ist ein traumatisches Erlebnis für April. Es war keine gute Heimat, aber die einzige die sie je hatte. Der Westen überfordert sie mit all den glitzernden tausend Entscheidungsmöglichkeiten und eine Weile lang steht sie immer wieder am Grenzübergang, um wieder zurück in den Osten zu gehen, holt sich immer wieder die Abfuhr und hämischen Bemerkungen der Grenzer ab.

Sie ist lange Zeit im Exil in West-Berlin, bis sie ankommt. Noch immer strauchelt sie, aber sie findet eine Balance zwischen ihrem Wunsch nach Nähe und den Fluchtgedanken wenn es zu eng und zu viel wird.

Ein ganz wichtiges Buch. Grandiose Sprache, nüchtern, aber um so bewegender. Beeindruckend, wie Angelika Klüssendorf es schafft immer wieder kleine Hoffnungsschimmer durchdringen zu lassen. Das Unterschichten-Arbeiterkind aus bildungsfernem Mileu, das Schmuddelnd, mit dem die anderen nicht spielen sollen – sie zeigt es allen, gemäss ihrem Motto nach Rilke: „Wer spricht von Siegen – überstehen ist alles“.

„Sie spürt Unruhe in sich aufsteigen, steht da, als würde sie einen Feind wittern. Von klein auf kennt sie diesen Zustand der Bedrohungserwartung. Und sie weiß nie, wie sie da rauskommen soll. Als müsste sie den Orkan aushalten, bis er vorübergezogen ist.“

„Seit Tagen bringt sie kaum ein Wort heraus, spürt ihr Herz so laut und heftig klopfen, als würde es in einem leeren Zimmer liegen.“

„Sie lebt, so mußte es wohl ausgehen, obwohl sie durchaus sterben wollte. Doch wenn sterben genauso anstrengend  wie leben ist, kann sie durchaus noch eine Weile leben.“

„Sie läuft durch die langen Korridore, bleibt vor der rot gerahmten Hausordnung stehen, die sie an das Kinderheim erinnert, es kam ihr schon damals komisch vor, dass eine Hausordnung das Leben regel soll.“

„Ich bin meine eigene Mutter und mein eigener Vater, sagt sie und hört selbst den Trotz in ihrer Stimme.“

„April fühlt sich wohl und ist dennoch stets auf dem Sprung.“

„Es ist wie eine Naturgewalt, die über mich kommt, versucht sie zu erklären. Ich halte es nicht aus, wenn es mir gut geht, ich traue dem nicht.“

„Manchmal hat April das Gefühl, der Zorn ihrer Mutter würde wie eine Ascheschicht auf ihrem Herzen liegen. Als sollte sie nie frei atmen dürfen, als würde ihre Mutter noch immer versuchen, alles Gute und Lebendige in ihr zu vernichten.“

„Doch hinter dieser Ordnung meint sie die Anstrengung ihres Vaters zu spüren, nicht bloß zu existieren, ein Quäntchen Freude zu empfinden, und die allergrößte Anstrengung: nicht über den Rand der Welt zu kippen. Es kostet ihn Kraft, das durchzuhalten, das weiß sie genau, aber eines Tages wird er die ganze mühsam aufgerichtete Fassade wieder einreißen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – es braucht nur den richtigen Auslöser, um den Säufer und Zerstörer zurück ans Ruder zu lassen.“

April ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen.