Venedig by the book

“Venice, it’s temples and palaces did seem like fabrics of enchantment piled to heaven.”
― Percy Bysshe Shelley

Venedig ist eine von Licht durchflutete Stadt, der man sich kaum besser nähern kann, als ganz früh morgens im Nachtzug auf die Stadt zufahrend mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Der Sonnenaufgang war fast zu kitschig um wahr zu sein und als wir kurz darauf übermüdet vor dem Bahnhof in die Sonne blinzelten, da waren wir schon Hals über Kopf in die Stadt verknallt, bevor wir überhaupt das erste Vaporetto betreten haben.

Die Stadt, einst auch als Serenissima bekannt, war schon schon immer die perfekte Inspiration für Künstler, Dichter und Liebende. Mit ihren verwitterten Gothic-Palästen, den vergoldeten Kuppeln und Zinnen, dem Plätschern der Gondelstangen, mit denen die Gondoliere ihre schnittigen schwarzen Boote durch die engen Wasserstraßen lenken, verzaubert sie jeden, glaube ich, mit ihrer sinnlichen Anziehungskraft.

Als wir den Markusplatz betreten, ist er bis auf einige wenige andere Touristen und Künstler, die vor dem Dogenpalast an ihren Staffeleien sitzen, nahezu menschenleer. Es gibt auch keine Tauben mehr auf dem Platz, da es dort seit etwa einem Jahr ein Fütterverbot gibt. Auch dass die riesigen schrecklichen Kreuzfahrtpötte nicht mehr in die Lagune einfahren dürfen, hat noch mal einiges dazu beigetragen, dass der exzessive Massentourismus etwas in seine Schranken gewiesen wurde. Ich war vor einigen Jahren schon einmal für einen Tag vom Gardasee aus nach Venedig gefahren und fand es damals aufgrund der Menschenmassen ganz furchtbar. Das war dieses Mal deutlich besser. Covid hat dann tatsächlich doch noch die eine oder andere positive Auswirkung. Apropos Covid: das wird in Italien ganz vorbildlich gemanagt. Überall wird Fieber gemessen, man checkt mit seinen Impfzertifikaten via App ein und es wird ganz selbstverständlich überall Maske getragen.

Auf dem Canal Grande wimmelt es bereits von Wasserfahrzeugen: Vaparettos, Wassertaxis, Motorboote, Kähne und die allgegenwärtigen schwarzen Gondeln. In Venedig sind Boote das wichtigste Verkehrsmittel. Autos gibt es nicht. Eine gute Möglichkeit, die Stadt und die vorgelagerten Inseln zu erkunden, sind die Vaparetto, die Wasserbusse, ein 3 Tagesticket hat sich für uns auf jedem Fall gelohnt.

Unser wirklich schönes Hotel war ganz in der Nähe Rialtobrücke, die seit dem 9. Jahrhundert das Handelszentrum Venedigs ist und wo der erste Markt der Stadt gegründet wurde. Die Stadt besteht aus 118 Inseln, die man entweder per Boot oder über eine der 400 Brücken erreichen kann.

Man läuft in Venedig so viel mehr, als man es für möglich hält und die Stadt ist auch deutlich größer, als ich dachte. Abends hatten wir ziemliche Plattfüße und waren froh, nach unserem ausgezeichneten Abendessen den ersten Abend in einem Vivaldi-Konzert sitzend ausklingen lassen zu können.

Oh und natürlich verläuft man sich – ständig. Aber dadurch entdeckt man jede Menge Orte, die man sonst niemals gefunden oder überhaupt erst gesucht hätte. Immer wieder muß man auch wieder umdrehen, weil die Gasse plötzlich an einem Kanal endet. Das gehört aber auf jeden Fall dazu und man ist meistens auch nie wirklich weit von einem bekannteren Ort entfernt und die bekanntesten sind auch regelmäßig ausgeschrieben.

Im Nachtzug bereitete ich mich mit Donna Leons „Über Venedig, Musik, Menschen und Bücher“ vor – ein kurzweiliges Buch, in dem sie aus Venedigs Nähkästchen plaudert. In Kleinigkeiten beweist sie großes Gespür für Atmosphärisches, prangert aber auch Mißstände an und haut ihren italienischen Nachbarn auch schon mal derbe Schimpfworte um die Ohren, wenn diese ohne mit der Wimper zu zucken ihren Müll in den Kanal werfen. Die Geschichten wurden fast alle Anfang/Mitte der 1990er geschrieben und ich hatte das Gefühl, Müll wird heute glücklicherweise wenig in den Kanälen versenkt, die sahen einigermaßen sauber aus. Spannend fand ich auf jeden Fall die Geschichte vom Turmwächter von San Marco, der Philosophie studierte und eine sehr spannende Persönlichkeit zu sein scheint.

Die lokale Küche hat uns auch ausgesprochen zugesagt. Wir haben durch die Bank weg wirklich gut gegessen und leckeren Sprizz bzw. Wein getrunken. Wir haben vorher recherchiert und ein paar gute Restaurants vorgebucht, so dass wir die teuren/schlechten Tourifallen glücklichweise umgehen konnten. Venedig hat ein paar sehr spannende lokale Gerichte zu bieten. Absolut köstlich sind die Spaghetti nero di seppia und mein weiterer Favorit waren die Spaghetti mit Venusmuscheln.

Die passende Lektüre zu unserem Vivaldi-Konzert war im Übrigen Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Als mega Barock-Fan ist Antonio Vivaldi natürlich auch einer meiner Lieblinge, er war zu Lebzeiten eine Berühmtheit und seine Kompositionen zählen heute zu den meistgespielten weltweit. (Es gibt so so viel mehr von ihm zu entdecken, als nur die „Vier Jahreszeiten“!) In der Zwischenzeit aber war Antonio Vivaldis Werk bis zu seiner Wiederentdeckung vor 100 Jahren komplett vergessen. In diesem virtuosen Roman erzählt Peter Schneider die Geschichte des musikalischen Visionärs und begnadeten Lehrers.

Peter Schneider begibt sich auf die Spur des geweihten Priesters und Musikers im barocken Venedig. Und was er dabei entdeckt, ist ein nahezu unbekanntes Werk des Maestros: Sein ganzes Leben lang hat der »prete rosso« an einem Waisenhaus gearbeitet und mit den musikalisch begabten Mädchen das erste Frauenorchester Europas gegründet. Für sie schrieb er einen großen Teil seiner Konzerte, mit ihnen brachte er sie zur Aufführung. Peter Schneider zeigt sich als umsichtiger Erzähler, der der Versuchung der Fiktion nie ganz erliegt, sondern immer wieder fragend bleibt und seine Recherche miterzählt. »Vivaldi und seine Töchter« porträtiert den Komponisten als Mann seiner Zeit, der sich gegen die Verdächtigungen der Kirche, aber auch gegen seine eigenen Versuchungen zu behaupten hat. Seine »amicizia« mit der jungen Sängerin Anna Girò wird zum Stein des Anstoßes und zur Quelle seiner Inspiration. Ganz große Empfehlung – habe das Buch sehr sehr gerne gelesen.

Am letzten Tag erkundeten wir das jüdische Ghetto von Cannaregio. Der Begriff „Ghetto“ hat seinen Ursprung in Venedig und bezieht sich auf die Gießereien, in denen Metalle für Kanonen gegossen wurden. Die Juden, die im 14. und 15. Jahrhundert nach Venedig kamen, durften nur im Ghetto leben; sie wurden nachts eingeschlossen und durften sich nicht frei in der Stadt bewegen. Da sie sich nicht ausbreiten konnten, bauten sie in die Höhe, so dass die Gebäude hier die höchsten in Venedig sind und die Gassen scheinen fast noch enger und lichtarmer zu sein.

Passend dazu war auch meine letze Venedig-Lektüre, eine Nacherzählung von Shakespeares „The Merchant of Venice“ von Mirjam Pressler „Shylocks Tochter“.

Venedig 1568: Jessica, die Tochter des jüdischen Geldverleihers Shylock, fühlt sich in der von religiösen Vorschriften dominierten Welt eingeengt und träumt von einem Leben außerhalb des engen jüdischen Ghettos. Sie träumt – anders als ihre Ziehschwester Dalila – von kostbaren Kleidern und rauschenden Festen der vornehmen Gesellschaft. Als sie sich in den christlichen Adligen Lorenzo verliebt, weiß sie, dass ihr Vater niemals in die Heirat einwilligen würde – sie plündert seine Schatzkammer und flieht. Mirjam Pressler schildert das Leben der Juden im Ghetto, den sonderbaren Rechtsstreit um ein Pfund Fleisch und das Miteinander von Christen und Juden.

Ich mochte das Buch sehr. Einige kritisierten, dass Pressler zu sehr zeigen wollte, wie viel Recherche sie betrieben hat und empfanden es als „Infodump“, aber ich mag das ja sehr. Habe sehr viel gelernt und habe große Lust bekommen, mich mit dem Original zu befassen.

Nach 3 Tagen ging es dann wieder mit dem Nachtzug zurück, aber es wird ganz sicher nicht unser letzter Ausflug sein. Es gibt noch so viel zu entdecken und wir wären sehr gerne noch ein paar Tage länger geblieben. Die perfekte filmische Vorbereitung auf die Stadt sind für mich diese beiden Filme:

Meine Woche

Gesehen: Dune (2021) von Denis Villeneuve mit Timothy Chalamet und Rebecca Ferguson. Perfekte Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von Frank Herbert. Umwerfende Bilder – ich freue mich schon auf den zweiten Teil.

Memories of Murder (2003) von Bong Joon-ho. Südkoreanischer Krimi der auf dem ersten tatsächlichen Serienmörderfall in Korea basiert.

Gehört: Dune Soundtrack – Hans Zimmer, Estro Armonico – Antonio Vivaldi, Adagio in D-Minor – Tomaso Albinoni, Mulholland – Avawaves, Tonight united – Duran Duran

Gelesen: Patagonia’s Yvon Chouinard on Mindful Consumption, The perfect number of hours to work every day? Five. Brit Marling on why she doesn’t want to be the strong female lead, Don’t blame social media – blame capitalism

Getan: ein HR Offsite gemeistert, eine Stadtführung durch München gemacht, mit dem Nachtzug gefahren, Venedig erkundet und dort ein perfektes sonniges spannendes Wochenende verlebt inkl Barock-Konzert, die Wahlergebnisse verfolgt

Gegessen: Pasta in jeglicher Form

Gefreut: über den Gewinn des Direktmandates im Münchner Süden

Geweint: nein

Geärgert: über die AFD Wähler

Geklickt: Venice backstage und Gründung der Stadt Venedig

Gestaunt: über die Planeten die nicht so im Rampenlicht stehen und The Winners of the 2021 Small World Photomicrography Competition

Gelacht: Unfuckwithable (adj.) When you are truly at peace and in touch with yourself, and nothing anyone says or does bothers you, and no negativity or drama can touch you.

Gewünscht: diesen leerstehenden Palazzo, diese DUNE Ausgabe, diesen Bluetooth-Speaker

Gefunden: nix

Gekauft: ein Poster

Gedacht: „Compete with yourself and root for everybody else.“— Candice Millard

Donna Leon @BMW Welt München

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„I was at La Fenice opera house back in 1991 with friends, and we started talking about a conductor whom none of us liked. Somehow there was an escalation, and we started talking about how to kill him, where to kill him. This struck me as a good idea for a book“

Nach wie vor ist dieser erster Brunetti Krimi in dem ein Dirigent während des letzten Aktes von „La Traviata“ ermordet wird mein liebster. Frau Leon und ich teilen die Liebe zu Händel, Raymond Chandler, Italien und vielleicht noch 1-2 andere Dinge 😉

Donna Leon stellte am Sonntag in München ihren 22. Brunetti Roman vor „Das goldene Ei“. Es war ein sehr unterhaltsamer Nachmittag mit ihr und ich würde jederzeit mit ihr in die Oper und danach ein Glas Wein trinken gehen. Alle 22 Krimis habe ich nicht gelesen und habe ich auch nicht vor, aber ab und an mal einen ist fast wie ein Kurzurlaub in Venedig.

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The Comfort of Strangers – Ian McEwan

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Bislang habe ich noch kein Buch von Ian McEwan gelesen, dass mich kalt gelassen hat und „The Comfort of Strangers“ ist da keine Ausnahme. Dieses kleine Büchlein, das wir in einer „zu verschenken“-Box gefunden haben, ist ein echter Page-Turner.

Die Geschichte ist von Anfang an schleichend beunruhigend und beklemmend. Die düster schwüle „Gothic“-Atmosphäre kommt in Venedig natürlich besonders gut zur Geltung. Habe mich an Thomas Manns „Tod in Venedig“ erinnert gefühlt oder auch an „Wenn die Gondeln Trauer tragen“.

Mary und Colin verbringen ihren Urlaub in einer Stadt, die nicht klar als Venedig benannt wird, aber die Beschreibungen der Stadt lassen eigentlich keinen Zweifel aufkommen. Die beiden sind schon länger zusammen, nicht verheiratet, ihr wirklicher Beziehungsstatus ist etwas unklar. Sie verbringen eine anfangs nette, unaufgeregte Zeit, verlaufen sich des Öfteren in den Gässchen, sind irgendwie nicht wirklich glücklich miteinander und haben ab und an unaufgeregten Sex.

„What tended to happen, to Colin and Mary at least, was that subjects were not explored so much as defensively reiterated, or forced into elaborate irrelevancies, and suffused with irritability“

Das alles ändert sich schlagartig, als sie wieder einmal ohne Straßenkarte durch die Gegend irrend den charismatischen Robert treffen. Er umgarnt sie, schleppt sie in eine Kneipe, unterhält sie, macht ihnen Komplimente und füllt sie ziemlich ab. Von der ersten Sekunde an ist klar, Robert hat Hintergedanken. Sie haben den ganzen Abend nichts gegessen und finden betrunken nicht einmal in ihr Hotel zurück.

Überraschend treffen sie ihn am späten Vormittag wieder. Noch immer hungrig und übermüdet, da sie es noch immer nicht in ihr Hotelzimmer geschafft haben, schleppt er sie in seine palastartige Wohnung, um sich um sie zu kümmern. Robert und seine Frau Caroline wirken nahezu hypnotisch auf die beiden und mit einer schrecklichen Unausweichlichkeit steuern Mary und Colin ahnungslos-naiv auf ein schreckliches Ende hin.

„She sleepwalked from moment to moment, and whole months slipped by without memory, without bearing the faintest imprint of her conscious will“

Die Sprache ist wunderschön, man möchte umgehend nach Venedig reisen, wird aber vermutlich jedem wohlmeinendem Fremden weiträumig aus dem Weg gehen 😉

Das Buch ist auch verfilmt worden, leider ist er bei Lovefilm momentan nicht zu bekommen. Hätte große Lust auf die Verfilmung. Angelo Badelamenti hat die Titelmusik geschrieben und die Hauptrollen im Film spielen Christopher Walken, Rupert Everett und Helen Mirren (!).

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Der Trost von Fremden“ im Diogenes Verlag erschienen.

Verlangen – Jeanette Winterson

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Dieser Zufallsfund aus einem offenen Bücherschrank in Heidelberg hat mich total überrascht. Ein dünnes Büchlein, hab ein paar Seiten gebraucht bis ich drin war – aber dann wow. Was für eine Sprache, eine melancholische poetische Geschichte über die Liebe. Märchenhafte Elemente, ein Hauch Murakami vielleicht hier und da und eine absolute Liebeserklärung an Venedig. Noch nie wollte ich so gerne hinfahren wie jetzt. Ein Buch wie ein Oper – und wie auf dem Buchrücken so treffend steht „über den Wörtern, die vom Verlangen sprechen, liegt der verführerische matte Schimmer leiser Melancholie“.

Ich habe noch nie ein Buch gelesen in dem die Liebe so wunderschön, poetisch und leidenschaftlich beschrieben wurde wie hier. Ein Buch das man nicht nur einmal lesen sollte.

Ich könnte seitenweise daraus zitieren:

„Ich denke praktisch über die Liebe und habe mich mit Männern wie mit Frauen vergnügt, doch ich habe nie einen Wächter für mein Herz gebraucht. Mein Herz ist ein zuverlässiges Organ.“

„Ich werde nie von Gott in Versuchung geführt, aber ich liebe sein äußeres Drum und Dran“.

„Um gut zu küssen, darf man nichts als küssen. Keine tastenden Hände oder stammelnden Herzen. Die Lippen und die Lippen allein sind die Lust. Leidenschaft ist süßer, wenn sie Strang für Strang getrennt ist. Geteilt und noch mal geteilt wie Quecksilber, dann erst, im letzten Augenblick zusammengefügt.“

„Leidenschaft ist weniger ein Gefühl als ein Schicksal. Welch andere Wahl habe ich im Angesicht dieses Wesens, als die Segel zu hissen und die Ruder ruhen zu lassen?“

„Vielleicht ist das ihre Leidenschaft. Leidenschaft geboren aus Hindernissen der Leidenschaft?“

„Es ist das Herz, das uns betrügt, das uns weinen macht, das uns unsre Freunde begraben lässt, wenn wir weiter marschieren sollten. Es ist das Herz, das uns krank macht des Nachts und macht, das wir uns hassen.“