Serendipity

dopy mona lisa

Unendliche Möglichkeiten sind die ganz große Freiheit und gleichzeitig einer der allergrößten Stressfaktoren unserer Zeit. Ständig müssen wir entscheiden. Ständig zweifeln wir an unseren Entscheidungen. War es wirklich die richtige Senfsorte für die wir uns im Supermarkt entschieden haben, schließlich standen etwa 25 zur Verfügung.

Natürlich bricht die Welt nicht zusammen, sollten wir feststellen, der Senf beim Abendessen unserer Freunde ist doch irgendwie spannender und schmeckt interessanter aber am Tag Hunderte von Entscheidungen treffen zu müssen, das stresst einfach.

Vom Kaffee zum Mitnehmen am Morgen und den weltbewegenden Entscheidungen ob mit Milch oder ohne, wenn ja mit normaler oder Soja, klein oder groß, entkoffeiniert oder nicht,  zum Mitnehmen oder Dort-Trinken bla bla bla.

Bin ich eigentlich im richtigen Job oder sollte ich mich nicht längst auf eine anspruchsvollere, besser dotierte Stelle bewerben? Auslandsjahr nach dem Abi oder lieber gleich studieren und wenn ja, was und in Gottes Namen wo?

You get it. Ihr wisst ganz sicher was ich meine. Und das diese Entscheidungen stressen, das ist ein alter Hut. Aber was dagegen tun ? Die Hirnforschung hat bereits sehr schlau herausgefunden, das menschliche Hirn hasst es noch mehr, überhaupt keine Entscheidungsmöglichkeit zu haben, aber bevorzugt möchte es bitte maximal 3-4. Da hat das Hirn das Gefühl „Hey das kann ich überschauen, da kann ich mich mit jedem einzelnen befassen und kann dann das Gefühl vermitteln, eine fundierte Basis für die Entscheidungsfindung geliefert zu haben.“ Unzählige Entscheidungsmöglichkeiten die stressen und zwar sehr.

Es war schon auch schön früher drei Fernsehprogramme zu haben, genau zu wissen was wo wann läuft und dann daraus die beste Entscheidung zu treffen. Klar ist es eigentlich toller heute Hunderte von Fernsehkanälen zur Verfügung zu haben und streamen zu können, was das Zeug hält. Aber es stresst halt entschieden mehr, als am Abend vor die Programmauswahl von 3 Sendern aufm Schirm zu haben und falls nix läuft was einen interessiert, sich ruhigen Gewissens auf den Balkon zu setzen.

Heute hat man immer und ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Mit jeder Sache, für die ich mich entscheide, gebe ich jeder Menge anderen Sachen einen Korb. Mich stresst das auch.

Ich interessiere mich für so vieles und dieses Wochenende gerade in Berlin ist ein gutes Beispiel. Mit meiner Entscheidung am Samstag abend in Kreuzberg Streetart zu jagen und zu fotografieren, gebe ich automatisch jeder Menge anderer Sachen einen Korb, die ich auch toll gefunden hätte.

Daher habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wann stresst mich was und wann nicht und wie kann man es besser machen. Ich glaube, dass der entscheidende Faktor ist, ob man perfektionistisch an die Entscheidung geht oder nicht. Der perfektionistische Herangehensweise beschäftigt sich mit der Frage: Was ist das BESTE, was ich aus all den unterschiedlichen Sachen die Angeboten werden, heute abend machen kann?

Glücklicherweise beschäftigt mich das weniger. Habe ich mich für die Streetart in Kreuzberg entschieden, dann versuche ich gegebenenfalls noch eine zweite Sache in den Abend zu quetschen, die ich schon auch saugerne gemacht hätte, aber ich beschäftige mich nicht mit der Frage: „Habe ich das Beste ausgesucht, was heute abend möglich gewesen wäre?“

Hier kommt die Serendipity ins Spiel. Serendipity heißt (sagt Leo) „die Gabe, zufällig glückliche und unerwartete Entdeckungen zu machen und ich würde dem noch hinzufügen wollen und diese Entdeckungen auch zu nutzen. Ich glaube von diesem Talent, diese zufälligen Entdeckungen sowohl zu machen, als diese dann auch zu nutzen, davon habe ich glücklicherweise einiges mitbekommen. Diesem Umstand verdanke ich die Tatsache, meistens ein sehr glücklicher, ausgeglichener Mensch zu sein. Der zwar immer ein bisschen zu viel unternimmt, wegen der vielen vielen Interessen, der sich zum Glück bisher aber so gut wie nie geärgert hat, mensch hätte ich doch stattdessen das gemacht,  das wäre so viel besser gewesen.

Eine Dame von etwa 90 Jahren hat in einem Artikel, den ich kürzlich las davon erzählt, dass sie über Jahrzehnte jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden ist, ein paar Kilometer zu Fuß gehen musste, bis sie an ihrem Arbeitsplatz, einem kleinen Kiosk, war. Den hat sie 6 Tage die Woche betrieben, von morgens um 7 bis abends um 18 Uhr. In der Zwischenzeit blieben ihre Kinder bei der Schwiegermutter, abends und am Wochenende kümmerte sie sich um den Haushalt, den Mann und die Kinder. Und sagt sie habe ein glückliches Leben gehabt. Ihr habe das immer Spaß gemacht, so wie es war.

Wäre sie heute jung und hätte ein entsprechendes Leben, wir würden sie für Burnout gefährdet halten. Mein Gefühl ist, dass es eine viel größere Rolle spielt, als man annimmt, ob man das Gefühl hat, man macht das Beste aus dem, was einfach da ist oder ob man zweifelt.

Die 90jährige Dame scheint nicht gezweifelt zu haben, ob sie nicht vielleicht etwas ganz anderes hätte machen sollen. Sie hat das Beste daraus gemacht.  Es geht mir natürlich nicht darum, nichts zu hinterfragen und alles einfach hinzunehmen, aber es geht darum, die richtige Balance zu finden. Die Balance zwischen der Suche nach dem Bestmöglichen und wie man dann mit der Entscheidung, die man getroffen hat umgeht. Sich voll und ganz für diese Entscheidung einzusetzen, bis man sie ggf tatsächlich revidiert, aber nicht nur halbherzig die Entscheidung treffen und dabei immer weitergrübeln, ob etwas anderes nicht doch besser gewesen wäre, sondern sich irgendwann für eine Sache entscheiden und aus dieser dann das Beste machen.

Wenn ich so zurückdenke, habe ich auch oft unterschiedliche Taktiken verwandt um die Entscheidungen etwas einzugrenzen. Als ich in London gewohnt habe, war es nicht nur unendlich schwierig, stets auf dem Laufenden zu sein, wo was wann an Theaterstücken, Konzerten, Filmen, Ausstellungen etc. gerade lief, es war natürlich auch nicht gerade günstig. Ich habe mir also gut aussuchen müssen, wofür ich mein Geld ausgeben konnte und ich habe damals an richtig vielen Gewinnspielen teilgenommen und dadurch oft entscheiden lassen, wo ich hingehe. Um meine Gewinnchancen zu erhöhen, habe ich mich – so es eine Wahlmöglichkeit gab, auch eher weniger für die Blockbuster entschieden, die ich versuchte zu gewinnen, sondern beim London Filmfestival zum Beispiel die eher unbekannteren. Und ich habe dabei solche tollen Entdeckungen gemacht.

Ich kann die Taktik der künstlichen Entscheidungseingrenzung nur empfehlen. Ob durch Gewinnspiele, oder dadurch meine Bücherstapel zu Hause weniger durch Neukäufe als durch Gefundenes, Geschenktbekommenes, Ertauschtes zu erweitern oder auch die Entscheidung, was kochen wir denn heute Abend, ab und an durch die saisonal bedingte Ökokiste ein wenig vorgeben zu lassen, ich mag das. Ich mag natürlich nicht komplett fremdbestimmt sein, aber ab und an den Entscheidungsmuskel schonen, das tut mir gut.

 

Es lohnt sich diese Balance zu suchen. Da bin ich sicher.

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