Die Stein-Strategie. Von der Kunst nicht zu Handeln – Holm Friebe

stein

Ein schönes Buch. Nicht nur vom Inhalt her, sondern auch vom Aussehen und der Haptik. Wie es aussieht, scheinen einige Leute das Buch aufgrund von Abbildung und Titel gelegentlich für einen Ratgeber für das Stein-Schere-Papier-Spiel zu halten, glücklicherweise hat sich meine Erwartung mit dem gedeckt, was ich mir erhoffte.

Also klar kein Stein-Schere-Papier-Ratgeber, auch weniger ein weiterer Selbsthilfe-Buch aus der Ecke „Mäuse-, Bären-, Bienen-Strategie“ etc., sondern Gedanken dazu, warum es häufig besser ist, erst einmal nichts zu tun, nachzudenken, innezuhalten und auf gar keinen Fall in Entscheidungshysterie zu verfallen.

Das Buch ist so einiges nicht. Kein Aufruf zur endlosen Prokrastiniererei, keine Bibel für Veränderungs-Verweigerer, Bremser und ewige Pessimisten. Kein Selbst-Optimierungsbuch, sondern eher ein Aufruf, das reflexartige Handeln häufiger mit dem reflexartigen Innehalten zu Ersetzen.

Holm Friebe, Autor, Trendforscher und Gründer der Zentralen Intelligenz Agentur und Mitbegründer des Blogs „Riesenmaschine“ beschäftigt sich häufig mit dem Thema Veränderung der Arbeitswelt. Das Konzept des „Powerpoint-Karaoke“ hat mir sehr gefallen und ich lese die Sachen aus dem Friebe/Passig/Lobo/Herrndorf-Umfeld sehr gerne. Da kommen meine Gehirnzellen in Schwung. Ist zwar dann auch etwas „Group-Think“, weil deren Texte bei mir meist zustimmendes Nicken hervorrufen, aber es macht Spaß und das eine oder andere ist mir neu oder ich teile es nicht ganz. Gut so.

Friebe spricht vieles aus, was mir schon lange durch den Kopf geht, ich bislang aber noch nie so schön und konzentriert aufs Papier bringen konnte.  Mich nervt dieser nicht totzubekommende Wunsch der Arbeitswelt, alles stets und ständig messen und kontrollieren zu müssen, hyperaktiv in Aktionismus zu verfallen, aus der panischen Angst heraus, irgendjemand könne faulenzen oder zu wenig tun und da Quantität sich ja oft so viel einfacher messen lässt als Qualität und viel hilft doch bestimmt auch viel, da kontrolliert alles eifrig vor sich hin und zweifelt viel zu selten an der Sinnhaftigkeit des Ganzen.

Wenn mich etwas im Laufe meines Arbeitslebens stets an den Rand des Wahnsinns getrieben hat, dann die Befürworter der „Command + Control“ Fraktion. Boah die werden nur getoppt von den „solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst“-Mantra-Anhängern.

OK – genug aufgeregt. Das Buch zeigt, warum es wenig sinnvoll ist, sich stets und ständig zu ändern, nur um der Veränderung willen, wie häufig blinder Aktionismus an den Tag gelegt wird, aus Angst davor unentschlossen oder faul zu wirken. Über ein paar Sachen werde ich noch ein wenig nachdenken wollen, bevor ich meine Gedanken dazu mal aufschreibe, z.B. zu Zeitwohlstand vs Zeitnotstand, Information Overload und Filter Failure.

Ich habe schon lange nicht mehr so viel aus einem Buch herausgeschrieben. Eine Fülle von interessanten Ideen:

„Ein Großteil dessen, was unternommen wird, geschieht einfach nur deshalb, damit etwas geschieht.“

„Die durch Fortschritt gewonnene Zeit wird an anderer Stelle sofort wieder verausgabt.“

„Die Lösungen von heute sind die Probleme von Morgen“.

„Jede Arbeit dehnt sich solange aus, bis sie die dafür verordnete Zeit vollständig ausfüllt.

Parkinsons Law = Die verordnete Arbeitszeit füllen, in dem man die Zeit totschlägt, Projekte anzettelt, Meetings abhält oder dem Zeitvertreib cc an alle frönt.“

„Paradoxerweise könnte der Weg mehr erledigt zu bekommen sein, weniger zu tun.“

„Vielleicht begreifen es die Arbeitgeber ja irgendwann, dass viel nicht viel hilft und weniger manchmal mehr sein kann.“

„Mache nicht mit, nur weil es in ist. Verpasse nicht, nur weil es out ist“.

„Ein Lob auf das Füße-stillhalten-können und Kommen-lassen.“

„Früher war der Vertreter stolz auf seinen Abschluss oder der Tischler stolz auf sein Möbel. Heute sind viele Arbeitsprozesse so zerlegt, dass wir kaum Rückmeldungen bekommen. Stolz sind viele Menschen daher auf den Grad der Erschöpfung.“

„Bei einem Werkstück bin ich zu Pausen gezwungen, sei es weil Farbe trocknen muss, ich Bedenkzeit brauche, die Werkstatt schließt. Heute sind wir rund um die Uhr erreichbar und haben so das Gefühl, etwas zu erreichen.“

„Das Leben hat sich beschleunigt, hat sich verdichtet. Mehr Ereignisse denn je verlangen nach Aufmerksamkeit, jede Stunde, jeden Tag, jede Woche.“

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