Ein ganzes Leben – Robert Seethaler

Seethaler

Poesie hat sehr viel zu tun mit der Kürze der Form und die knapp 150 Seiten sind nicht viel für ein ganzes Leben – und doch ist alles gesagt. Kein Satz zuviel, keines zuwenig, jedes Wort sitzt. Die Ruhe, die von dem Buch ausgeht, trügt, ist eine Illusion. Rasant vergeht das Leben des Andreas Egger. Alles wird angedeutet, nichts unnötig ausgeschmückt, eine wunderbar reduzierte Erzählweise und trotz der Kürze fehlt da nichts. Man weiß über den Egger, was man wissen muss oder glaubt es zumindest, man vermisst nichts.

Die Stille ist der Kern des Buches, gibt der Autor im Interview auf dem blauen Sofa preis und das spürt man auf jeder Seite. Andreas Egger ist kein Mann vieler Worte. „Wem das Maul aufgeht, dem gehen die Ohren zu.“ Sein Leben ist von Anfang hart und aufs Allernotwendigste reduziert. Elternlos kommt er als kleiner Junge um 1902 herum auf den Hof von Verwandten die ihn mehr als billige Arbeitskraft denn als kleinen Jungen sehen, der Liebe braucht. Er wird häufig geschlagen, von Liebe keine Spur – Hiebe statt Erziehung. Nicht unüblich wahrscheinlich in dieser Zeit auf einem Bergbauernhof.

Seethaler hat sich das Buch aus dem Herzen gequetscht, wie er im Interview sagt. Er mag randständige Figuren, denn die Außenseiter sind die Normalen, die Erzählenswerten. Und Egger ist ein Außenseiter. Im Dorf will keiner viel mit ihm zu tun haben. Seine Energiequelle sind nicht die Menschen, für ihn ist es die Natur. Er braucht nicht viel, um glücklich zu sein.

Er wächst zu einem starken Mann heran, der wenig spricht, aber das wenige ist reflektiert, essentiell und hat Wirkung. „Wenn Du mich schlagst, bring ich dich um!“, sagt er dem Kranzstocker, dem Bauern irgendwann, der ihn seine gesamte Kindheit über schwerst misshandelt hat, ihm ein verkrüppeltes Bein beschert hat und das reicht. Mit dem Satz schüttelt er die Kindheit ab. Er arbeitet hart, spart und kann sich mit Ende 20 seinen eigenen kleinen Hof leisten.

Und dann passierte das Schönste im Leben des Egger. Er trifft seine große Liebe. „Sie brachte ein neues Glas und als sie sich nach vorne beugte, um es auf den Tisch zu stellen, berührte sie mit einer Falte ihrer Bluse seinen Oberarm. Die Berührung war kaum zu spüren, doch hinterließ sie einen feinen Schmerz, der mit jeder Sekunde tiefer in sein Fleisch zu sinken schien. Er sah sie an, und sie lächelte.“

Egger nimmt das Leben an, wie es ist. Häufig haut ihm das Schicksal richtig heftig in die Fresse. Dennoch sieht er zufrieden auf sein Leben, denn er hat geliebt und Marie ist immer bei ihm, auch wenn er sie verloren hat. Mit ihr ist etwas ganz Elementares gestorben. Er wird sie nie vergessen und er löst sich nicht von ihr. Eine tiefe Liebe, angerissenes Glück. Das Glück eine solche Liebe gehabt zu haben, ist größer als seine Trauer um deren Verlust.

Er lebt in Zeiten des Umbruchs und er tut sich oft schwer sich eine Meinung zu bilden. Er ist oft ambivalent. Er arbeitet mit an der Konstruktion von Seilbahnen, versteht nicht wirklich, wofür die gut sein sollen, aber dennoch bewundert er die klugen Ingenieure die sich so etwas ausdenken.

Nach dem Krieg führt er Touristen durch die Berge und wieder ist er sich nicht sicher, was er von ihnen halten soll.
„Egger ärgerte sich über diese Leute, die da so kopflos im Geröll herumstiegen und ständig nach irgendeinem Wunder zu suchen schienen. Er hätte sich ihnen gerne in den Weg gestellt, um ihnen seine Meinung zu sagen, doch im Grunde wusste er nicht, was er ihnen eigentlich vorwerfen sollte. Insgeheim, so viel konnte er sich selbst immerhin eingestehen, beneidete er die Ausflügler.“

Die Schicksalsschläge haben ihn morsch gemacht, aber er jammert nie. Er hatte eine Liebe und eine weitere will er nicht. „Und der Kampf mit der Lust, die immer noch und immer wieder in ihm aufbrandete, war ein Kampf, den er bis zum Schluss ganz allein mit sich selbst auszutragen gedachte.“

„Als er sich endlich bewegte, blitzte hinter den weit entfernten Gebirgsketten die Sonne hervor und übergoss die Gipfel mit ihrem Licht, so weich und schön, dass er, wäre er nicht so müde und verwirrt gewesen, hätte lachen können vor reinem Glück.“

Seethaler hat ein wunderschönes Buch geschrieben. Unglaubliche Adverbien, er hat einen ganz besonderen Stil, der auf jeden Fall ein Lesevergnügen bietet, das einen in seinen Bann zieht. Er beschreibt ein Lebensmodell das nicht mehr in unsere Zeit passt. Unaufgeregt, hart, archaisch.

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Ein Kommentar zu “Ein ganzes Leben – Robert Seethaler

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