Read around the world: Dänemark

Der nächste Halt meiner literarischen Weltreise führt mich weit nach Norden, in ein Land, das oft als ruhig, progressiv und vorbildlich beschrieben wird und das bei genauerem Hinsehen deutlich komplexer ist, als sein internationaler Ruf vermuten lässt: Dänemark. Ein vergleichsweise kleines Land zwischen Nord- und Ostsee, geprägt von flachem Land, langen Küstenlinien und einer starken maritimen Geschichte. Mit Dänemark sind wir auch mal wieder bei einem Land gelandet, in dem ich zumindest schon einmal gewesen bin. Ich habe bislang aber nur ein verlängertes Wochenende in Kopenhagen verbracht und für mich war es eine dieser Städte, die ich unbedingt noch mal besuchen möchte (oder weil auch heillos vom Über-Tourismus betroffen, vielleicht doch lieber eine der kleineren Städte, die nicht ganz so überlaufen sind). Eine Stadt, in der ich mir gut vorstellen könnte mal eine Weile zu leben, weil sie den Eindruck vermittelt, mit vielen Ideen schon ein paar Jahre weiter zu sein, näher an einer möglichen, etwas freundlicheren Zukunft.

Kopenhagen wirkt offen, durchdacht und erstaunlich entspannt. Fahrräder sind nicht nur Verkehrsmittel, sondern selbstverständlicher Teil des Stadtbilds, Architektur und Stadtplanung scheinen konsequent auf Lebensqualität ausgerichtet, und selbst politische Entscheidungen scheinen zumindest von außen betrachtet häufiger von Pragmatismus als von ideologischer Härte geprägt zu sein. Gleichzeitig ist diese Wahrnehmung natürlich die Perspektive einer Besucherin, die nur kurz eintaucht. Dänemark ist nicht nur Kopenhagen, und auch dieses Bild der „funktionierenden Moderne“ ist nicht frei von Brüchen.

Historisch ist Dänemark ein Land mit imperialer Vergangenheit, auch wenn diese heute oft ausgeblendet wird. Das Königreich Dänemark war über Jahrhunderte hinweg eine bedeutende Macht im Norden Europas, kontrollierte zeitweise große Teile Skandinaviens und besaß Kolonien weit über Europa hinaus. Diese Geschichte wirkt bis heute nach und besonders deutlich im Verhältnis zu Grönland. Die größte Insel der Welt ist formal Teil des Königreichs Dänemark, verfügt jedoch über weitgehende Autonomierechte. In den letzten Jahren, und verstärkt in der aktuellen politischen Diskussion, rückt Grönland immer stärker ins Zentrum geopolitischer Interessen. Der Klimawandel macht neue Schifffahrtsrouten zugänglich, Rohstoffe werden begehrter, und wie wir gerade gar gerade alle mitbekommen Trump zeigt offenes Interesse an Einfluss und Präsenz in der Region. Für Dänemark bedeutet das ein permanentes Spannungsfeld: zwischen dem Anspruch, ein moderner, postkolonial reflektierter Staat zu sein, und der Realität historischer Machtverhältnisse, die bis heute nicht vollständig aufgearbeitet sind.

Auch innenpolitisch ist Dänemark weniger homogen, als sein Ruf als liberales Vorzeigeland vermuten lässt. Zwar gilt das Land als stabiler Wohlfahrtsstaat mit hoher Lebenszufriedenheit, funktionierenden Institutionen und vergleichsweise geringem Vertrauen in autoritäre Lösungen. Gleichzeitig ist die dänische Migrations- und Asylpolitik in den vergangenen Jahren deutlich restriktiver geworden. Maßnahmen, die international teils scharf kritisiert werden, finden im Inland breite politische Mehrheiten auch über klassische Parteigrenzen hinweg. Das zeigt, dass Progressivität in einem Bereich nicht automatisch Offenheit in allen anderen bedeutet. Dänemark denkt soziale Gerechtigkeit stark nach innen, weniger global, und dieser Fokus prägt politische Debatten ebenso wie gesellschaftliche Selbstbilder.

Im Hinblick auf queere Rechte nimmt Dänemark historisch eine Vorreiterrolle ein. Als erstes Land weltweit führte es bereits 1989 eingetragene Lebenspartnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare ein. Heute sind Eheöffnung, rechtliche Anerkennung von Transidentität und gesellschaftliche Akzeptanz weitgehend etabliert. Dennoch bedeutet auch hier rechtliche Gleichstellung nicht automatisch völlige Gleichheit im Alltag. Diskriminierung existiert weiterhin, insbesondere an den Schnittstellen von Queerness, Migration und sozialer Herkunft. Der Unterschied zu Ländern wie Georgien liegt weniger im Fehlen von Konflikten als in der Art, wie sie verhandelt werden: institutionell, sichtbar, meist ohne existenzielle Bedrohung für die Beteiligten. Das schafft Spielräume, birgt aber auch die Gefahr, Probleme zu schnell als „gelöst“ zu betrachten.

Für meine literarische Weltreise ist Dänemark deshalb besonders spannend, weil es auf den ersten Blick so klar, so ordentlich, so abgeschlossen wirkt. Und doch zeigen sich bei näherem Hinsehen zahlreiche Reibungen: zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen nationalem Selbstverständnis und globaler Verantwortung, zwischen sozialer Absicherung und politischer Abschottung. Dänemark erzählt keine Geschichte der dramatischen Umbrüche, sondern eine der leisen Aushandlungen. Eine Geschichte, in der Fortschritt oft nicht revolutionär, sondern administrativ geschieht und gerade deshalb so wirksam ist.

Vielleicht ist es genau das, was mich an diesem Land so fasziniert. Dänemark inszeniert sich nicht als Ort großer Gesten, sondern als Raum des Machbaren. Als Gesellschaft, die versucht, Probleme praktisch zu lösen, auch wenn sie dabei nicht immer moralisch unangreifbar bleibt.

Die vergleichenden Daten dürfen natürlich nicht fehlen:

  • Bevölkerung: ca. 5,9 Mio. Menschen
  • Fläche: rund 43.000 km² (etwa halb so groß wie Österreich)
  • Bevölkerungsdichte: relativ hoch, starke Konzentration auf urbane Räume, insbesondere Kopenhagen
  • Sprachen: Dänisch (amtlich), Englisch weit verbreitet
  • Politisches System: konstitutionelle Monarchie mit parlamentarischer Demokratie
  • Besonderheit: Autonomes Grönland als Teil des Königreichs

Die dänische Filmindustrie genießt international seit Jahrzehnten einen bemerkenswerten Ruf, der weit über die Größe des Landes hinausgeht. Besonders prägend war in den 1990er-Jahren die Dogma-95-Bewegung, initiiert von Lars von Trier und Thomas Vinterberg, die mit bewusst reduzierten ästhetischen Mitteln, Handkamera und natürlichem Licht eine neue Form von radikalem Realismus etablierte. Dieser Ansatz hat das europäische Kino nachhaltig beeinflusst und Dänemark als Ort filmischer Innovation sichtbar gemacht.

Zu den bekanntesten dänischen Filmen zählt „Das Fest“ (Festen, 1998) von Thomas Vinterberg, ein Familiendrama, das mit schonungsloser Offenheit patriarchale Gewalt und kollektives Wegsehen thematisiert. Ebenfalls international wahrgenommen werden die Filme von Lars von Trier, ein Regisseur der soziale Normen und Zugehörigkeit thematisiert und bewusste Grenzüberschreitungen in Kauf nimmt. Meine liebsten Filme von ihm sind Melancholia (2011), Dogville (2003) und Dancer in the Dark (2000). Ein Name, der im Zusammenhang mit dem modernen dänischen Kino nicht fehlen darf, ist Nicolas Winding Refn. Seine Filme stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zur oft realistischen, sozial verankerten Tradition des dänischen Kinos: Sie sind stilisiert, gewalttätig, hochgradig kontrolliert und zugleich zutiefst emotional aufgeladen. Besonders gefallen haben mir The Neon Demon und Drive.

Auch in der Musik ist Dänemark international überraschend präsent. Pop- und Indie-Künstler*innen wie MØ, WhoMadeWho oder Trentemøller haben mit sehr unterschiedlichen Stilen globale Erfolge gefeiert – von elektronischem Pop über soulige Songwriter-Traditionen bis hin zu atmosphärischer Electronica. Auffällig ist dabei oft eine gewisse Zurückhaltung: große Emotionen werden selten ausgestellt, sondern eher kontrolliert, fragmentiert oder in klare, reduzierte Formen übersetzt.

Auch literarisch ist Dänemark vorn mit dabei. Der wohl bekannteste Name ist Hans Christian Andersen, dessen Märchen weit mehr sind als harmlose Kindergeschichten. Texte wie „Die kleine Meerjungfrau“ oder „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ sind Märchen, die bis heute erstaunlich modern wirken und tief im kulturellen Selbstverständnis Dänemarks verankert sind.

In der Gegenwartsliteratur ist Peter Høeg international ziemlich bekannt, vor allem durch „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, einen Roman, der Krimi, Gesellschaftsanalyse und postkoloniale Fragen miteinander verbindet – nicht zuletzt im Blick auf Grönland. Ebenfalls prägend ist Tove Ditlevsen, deren autobiografisch geprägte Texte lange unterschätzt wurden und erst in den letzten Jahren international neu entdeckt werden. Ihre schonungslos offenen Schilderungen von weiblicher Sozialisation, Abhängigkeit, psychischer Fragilität und Klassenherkunft wirken heute bemerkenswert zeitgenössisch. Tove Ditlevson habe ich auch für diesen Beitrag ausgewählt, obwohl auch die folgende Autorin durchaus eine gute Wahl gewesen wäre

In jüngerer Zeit ist zudem Solvej Balle international in den Fokus gerückt, vor allem durch ihr mehrbändiges Romanprojekt „Über die Berechnung des Rauminhalts“. Hier macht Balle Fragen nach Zeit, Wahrnehmung und Existenz literarisch erfahrbar. Eine Roman-Serie die gefühlt gerade absolut jeder liest und ja, auch ich bin ihr komplett verfallen. Nicht zu vergessen Olga Ravn – Dänemark hat wirklich eine Menge großartiger Autor*innen zu bieten.

Jetzt aber zu Tove Ditlevsen deren Trilogie mich ebenfalls von der ersten Seite an fasziniert hat und die ich gar nicht weglegen konnte:

Kindheit – Jugend – Abhängigkeit von Tove Ditlevsen übersetzt von Ursel Allenstein erschienen in der Büchergilde Gutenberg

Tove Ditlevsens Romantrilogie Kindheit – Jugend – Abhängigkeit hat mich total gepackt. Ein Buch bei dem ich aus dem Markieren gar nicht mehr raus kam. ÜberWas mich zuerst gepackt hat, war ihre Sprache: schlicht und poetisch zugleich, hart aber auch fein, alles in einem Atemzug. Ditlevsen schreibt ohne Schonung, aber immer voller Schönheit. Ihre Sätze wirken oft beiläufig, fast nüchtern, und treffen dann umso tiefer. Sie überhöht nichts und genau dadurch wird alles existenziell.

Besonders berührt hat mich die Nähe zu meiner eigenen Familiengeschichte. Tove Ditlevsen ist Jahrgang 1917, und damit gleicher Jahrgang wie meine Oma, bei der ich aufgewachsen bin und deren „Geschichten von früher“ fester Bestandteil meiner Kindheit waren. Das Milieu, das Tove beschreibt, glich sich fast 1:1. Dieses frühe „In-den-Haushalt-gehen“, mit 14 plötzlich Verantwortung tragen, Gerichte kochen müssen, die man selbst nie gegessen hat. Die Angst, etwas kaputt zu machen, den Staubsauger falsch zu bedienen, nicht zu genügen in einer Welt der „feinen Leute“. Diese Szenen sind so präzise beobachtet, dass sie weit über Dänemark hinausweisen. Sie erzählen von Klassenschranken, Scham, Anpassung und der ständigen Angst, fehl am Platz zu sein, aber auch dem Gefühl keinen eigenen Platz, kein Zimmer für sich zuhaben.

In Kindheit spürt man, dass Kindheit kein geschützter Raum ist, sondern etwas Enges, Nicht-Enden-wollendes, dem man nicht entkommt. Ditlevsen beschreibt ihre frühe Einsamkeit, ihre Sehnsucht nach Sprache und Schreiben, mit einer Ernsthaftigkeit, in der ich mich wiedergefunden habe. Sie war kein verträumtes Kind, sondern ein waches, melancholisches, beobachtendes. Literatur wird hier nicht romantisiert sie ist ganz klar eine Überlebensstrategie.

Im zweiten Teil „Jugend“ gibt es ein ständiges Kippen: zwischen Hoffnung und Selbstaufgabe, zwischen künstlerischem Drang und der Realität als Frau aus der Arbeiterklasse. Besonders stark fand ich, wie nüchtern sie Entscheidungen schildert, die in anderen Büchern dramatisiert würden wie zB den Schwangerschaftsabbruch zugunsten des Schreibens. Kein Pathos, kein Rechtfertigen. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass manche Spuren bleiben, auch wenn man hinter der Entscheidung steht.

Und dann Abhängigkeit. Puh – dieser Teil hat mich am meisten erschüttert. Nicht wegen der Drogen an sich, sondern wegen der Mechanik dahinter: wie Kontrolle, Liebe, medizinische Autorität und emotionale Bedürftigkeit ineinandergreifen. Die Begegnung mit Carl, diesem Arzt, der ihr Pethidin spritzt, liest sich wie ein langsames Wegkippen aus der Welt. Ditlevsen beschreibt den Rausch voll grausamer Schönheit und das macht das Danach so unerträglich. Dieses graue, schleimige Danach. Das Verschwinden der Sprache. Dass das Schreiben, ihr Lebensanker, immer weiter erodiert.

Was mich besonders beeindruckt hat: Ditlevsen versucht nie, sich reinzuwaschen. Sie verschweigt nichts, beschönigt nichts, aber sie erklärt auch nicht. Ihre Ehrlichkeit ist radikal und dabei vollkommen unsentimental. Sie urteilt nicht – weder über andere noch über sich selbst. Und genau das macht diese Trilogie so besonders und so schwer aushaltbar.

Am Ende bleibt man als Leser*in zurück mit dem Wissen um ihr späteres Ende. Das legt sich wie ein Schatten über die letzten Seiten, selbst dort, wo noch Hoffnung aufscheint. Und trotzdem: Diese Trilogie ist kein Elendsbericht. Sie ist Literatur von großer Klarheit und Würde. Ein Blick in die dunkelsten Räume menschlicher Erfahrung, der sprachlich so präzise ist, dass er fast tröstlich wirkt auch wenn er nichts beschönigt.

5 Sterne reichen hier gar nicht. Bin Feuer und Flamme und möchte jetzt alles von ihr lesen. Wow.

Wer jetzt Lust auf mehr dänische Literatur bekommen hat, der wird hier fündig:

Über die Berechnung des Rauminhalts I + II – Solvej Balle
Die Angestellten – Olga Ravn
Der endlose Sommer – Madame Nielsen
Crimson – Niviaq Korneliussen
Nordische Nächte – Isak Dinesen
Der Susan Effekt – Peter Høeg

Die vorigen Stationen der literarischen Weltreise findet ihr oben unter einem eigenen Tab und jetzt bin ich selbst gespannt, wohin mich der Zufallsgenerator nächsten Monat schickt – kommt ihr wieder mit?

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