Der nächste Halt meiner literarischen Weltreise führt mich in ein Land, das geografisch oft als Rand Europas bezeichnet wird und kulturell doch seit Jahrhunderten Teil seiner Geschichten ist: Georgien. Ein Ort zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, zwischen Ost und West, zwischen alten Königreichen, Imperien und modernen Umbrüchen. Georgien ist ein Land, das mich schon lange fasziniert, auch ohne dass ich bisher selbst dort gewesen bin. Ein entfernter Bekannter lebt seit seiner Hochzeit in Georgien und betreibt dort ein Weingut, und auch durch seine Erzählungen ist mir das Land über die Jahre immer wieder mal begegnet. Wir gehen außerdem gern georgisch essen (besonders mögen wir Chinkali (gefüllte Teigtaschen), Chatschapuri (gefülltes Käsebrot) oder Lobio ein Bohnengericht), und oft entstehen dabei immer wieder Überlegungen, doch mal eine Reise dorthin zu machen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Lesereise, die einige Blogger*innen vor ein paar Jahren nach Georgien unternommen haben – ich habe ihre Berichte damals mit großer Neugier verfolgt und gemerkt, wie sehr mich dieses vergleichsweise kleine Land beschäftigt.
Georgien wirkt auf den ersten Blick weit entfernt und schwer einzuordnen. Es ist kein klassisches europäisches Reiseziel, kein Land, das sich leicht in bekannte Kategorien fügt. Und doch zeigt sich bei näherem Hinsehen eine enorme kulturelle Dichte. Die eigene Sprache mit ihrem einzigartigen Alphabet, eine jahrtausendealte Weintradition, orthodoxes Christentum, das tief in Alltag und Politik verwoben ist, dazu Einflüsse aus Persien, Russland und dem Osmanischen Reich das alles existiert gleichzeitig. Dieses Nebeneinander macht Georgien so faszinierend: Tradition und Gegenwart stehen nicht in sauberer Trennung, sondern reiben sich ständig aneinander.





Historisch ist Georgien geprägt von Fremdherrschaft und dem immer wiederkehrenden Versuch, Eigenständigkeit zu bewahren. Königreiche, kurze Phasen der Unabhängigkeit, dann die Eingliederung ins Russische Reich, später die Sowjetunion das 20. Jahrhundert hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Unabhängigkeit nach 1991 brachte Hoffnung, aber auch Instabilität, Bürgerkriege und bis heute ungelöste territoriale Konflikte in Abchasien und Südossetien. Geschichte ist in Georgien nichts Abgeschlossenes, sondern etwas, das bis in die Gegenwart hineinwirkt in politischen Debatten ebenso wie in familiären Erinnerungen und kollektiven Traumata.
Politisch befindet sich das Land seit Jahren in einem Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Ausrichtungen. Einerseits gibt es eine starke proeuropäische Zivilgesellschaft, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Nähe zur EU einfordert. Andererseits stehen konservative Kräfte, oligarchische Strukturen und starker russischer Einfluss diesen Bestrebungen entgegen. Dieses Ringen prägt das öffentliche Leben, sorgt für Proteste, politische Krisen und eine permanente Unruhe, die für Außenstehende schwer einzuordnen ist, für viele Georgier*innen jedoch zum Alltag gehört.




Besonders deutlich zeigen sich diese gesellschaftlichen Spannungen in der Situation der queeren Community. Zwar ist Homosexualität in Georgien seit vielen Jahren nicht mehr strafbar, und Antidiskriminierungsgesetze existieren formal. In der Realität jedoch ist das Leben für LGBTQIA+-Personen oft von Unsicherheit geprägt. Öffentliche Sichtbarkeit kann gefährlich sein, Pride-Veranstaltungen wurden wiederholt von gewalttätigen Gegendemonstrationen überschattet oder ganz verhindert. Die georgisch-orthodoxe Kirche nimmt großen Einfluss auf gesellschaftliche Normen und vertritt ein strikt konservatives Weltbild, das queeres Leben häufig als Bedrohung darstellt. Gleichzeitig wächst vor allem in urbanen Räumen wie Tbilissi eine junge, mutige Szene heran, die sich vernetzt, Räume schafft und langsam gesellschaftliche Veränderungen anstößt. Auch hier zeigt sich Georgien als Land der Gegensätze: repressiv und aufbrechend zugleich.
Gerade diese Gleichzeitigkeit macht Georgien so interessant für eine literarische Weltreise. Es ist kein Land der einfachen Erzählungen, sondern eines der Brüche, Übergänge und Ambivalenzen. Vielfalt entsteht hier nicht durch Größe oder Föderalismus wie zum Beispiel in Belgien, sondern durch historische Schichtung, durch das Überlagern von Identitäten, Sprachen, Loyalitäten und Lebensentwürfen. Georgien fordert dazu heraus, genauer hinzusehen, Widersprüche auszuhalten und die leisen Zwischentöne ernst zu nehmen.
Hier wie immer die vergleichenden Daten:
- Bevölkerung: ca. 3,7 Mio. Menschen
- Fläche: rund 69.700 km² und damit etwas kleiner als Bayern und etwa ein Fünftel der Fläche Deutschlands)
- Bevölkerungsdichte: relativ gering, starke Konzentration auf Tbilissi und andere Städte
- Sprachen: Georgisch (amtlich), daneben zahlreiche Minderheitensprachen
- Politisches System: parlamentarische Republik, geprägt von politischen Spannungen und Reformprozessen
Georgien hat eine sehr eigenständige, international geschätzte Filmtradition, auch wenn sie oft eher im Arthouse- und Festivalbereich bekannt ist als im Mainstream. Vor einer Weile habe ich den Film „And Then We Danced“ gesehen aus dem Jahr 2019 von Levan Akin. Ein wirklich großartiger Film, den ich euch sehr ans Herz legen kann mit Levan Gelbakhiani und Bachi Valishvili. Bei seinem Erscheinen sorgte er in Georgien für erheblichen Aufruhr: Kinoaufführungen mussten von der Polizei geschützt werden, es kam zu Protesten konservativer und religiöser Gruppen, und der Film löste landesweite Debatten über Homosexualität, Tradition und gesellschaftlichen Wandel aus. Gerade diese Reaktionen machen deutlich, wie stark Kunst in Georgien bis heute politische und gesellschaftliche Fragen berühren kann.
Musikalisch bin ich dagegen ein komplett unbeschriebenes Blatt. Ich kenne ehrlich gesagt nicht eine einzige georgische Band / Künstler*in. Auch hier kann ich nur auf den Soundtrack zum Film „And then we danced“ verweisen, den ich wirklich interessant finde:
Georgien hat eine sehr lebendige Literaturszene, die gleichzeitig tief in der eigenen Geschichte verwurzelt ist, aber auch im Hier und Jetzt steht. Als unangefochtene Größe gilt Shota Rustaveli, dessen Nationalepos „Der Recke im Pantherfell“ bis heute einen zentralen Platz in georgischer Kultur und Literatur einnimmt. Unter den zeitgenössischen Autor*innen hat sich besonders Nino Haratischwili international einen Namen gemacht, deren bekanntestes Buch sicherlich „Ach Leben. Für Brilka“ ist, das ich ja auch für meinen Georgien Beitrag gewählt habe. Daneben kenne ich zumindest dem Namen nach noch Tamta Melashvili, die feministische und gesellschaftskritische Themen aufgreift.
Vor einer Weile habe ich das Buch „Einsame Schwestern“ von Ekaterine Togonidze gelesen, eine Autorin die ich auch auf der Leipziger Buchmesse getroffen habe. Ganz große Empfehlung. Ein dunkles Kleinod – perfekt für die dunkle Jahreszeit finde ich.
Jetzt aber zur Rezension eines Buches das schon seit Jahren ein absoluter Liebling in der Blogger*innen-Landschaft ist und gleich vorne weg auch mich ziemlich begeistert hat.
Acht Leben. Für Brilka von Nino Haratischwili erschienen im Ullstein Verlag
Dieser Roman ist ein echter Koloss und ich hatte anfangs Respekt vor seinem Umfang, aber sobald ich im Leben dieser Familie angekommen war verlor sich das schnell. Haratischwili erzählt eine Geschichte über ein ganzes Jahrhundert georgischer und sowjetischer Vergangenheit und zeigt dabei wie Politik und Ideologie ganz unmittelbar in das Leben einzelner Menschen eingreifen.
Besonders beeindruckt hat mich wie sie das Große und das Kleine verbindet. Revolutionen, Diktatur und Unabhängigkeitskämpfe laufen hier nicht abstrakt im Hintergrund ab sondern zeigen ihre Spuren in Alltag, Beziehungen und Selbstbildern. Die Familie mit ihrer geheimnisumwobenen Schokoladenrezeptur wird im Laufe der Jahrzehnte in alle Schichten der Gesellschaft gespült und die Figuren tragen ihre Hoffnungen und Verletzungen sichtbar mit sich herum. Ich mochte sehr wie sich einzelne Charaktere über viele Jahre entwickeln und wie vertraut sie einem beim Lesen werden.
Im Kreml wusste man, dass man mit Gesetzen und Zwängen allein die neuen Bürger nicht schlagartig zu musterhaften Sowjetbürgern machen konnte, und doch musste man die Jahre der „Umerziehung“ in den neuen Gebieten im Schnelldurchlauf durchführen. Ethnische Konflikte sollten auch in diesen Gebieten zugespitzt werden – schließlich hatte sich dieses Rezept in so vielen anderen Regionen bewährt.
Ich mochte auch wie der Roman über die alten Ost West Narrative nachdenkt. Gerade die Figuren die Georgien verlassen und im Westen Fuß fassen müssen erleben eine Art doppelte Entfremdung. Sie sehnen sich nach Heimat und merken gleichzeitig wie sehr sie von außen auf bestimmte Rollen festgelegt werden. Ich mochte diese Perspektive weil sie differenziert und menschlich erzählt ist und weil sie einen Blick auf den postsowjetischen Raum ermöglicht der jenseits der üblichen Klischees bleibt.
Dass Haratischwili viele weibliche Stimmen in den Mittelpunkt stellt gefällt mir besonders. Sie zeigt wie wenig dokumentiert die Erfahrungen dieser Frauen in der offiziellen Geschichtsschreibung sind und wie viel Kraft nötig ist um trotz Gewalt, Verlust und politischer Willkür weiterzugehen. Niza die Erzählerin schreibt ihre Familiengeschichte für ihre Nichte auf und schafft damit einen ganz besonderes Erinnerungsraum. Ein Buch in das man eine ganze Weile versinken kann, aber Vorsicht der Schokoladen-Konsum beim Lesen geht unweigerlich ganz schön in die Höhe.
Wer noch mal zu den vorherigen Stationen (Sri Lanka, Italien, Trinidad & Tobago, Nigeria, Südkorea, China, Israel, Belarus, Japan, DR & Republik Kongo, USA, Polen, Chile, Afghanistan, Vietnam, Ukraine, Mauretanien, Mexiko, Niederlande, Malaysia, Belgien) zurückreisen möchte wird in meiner Kategorie „Read around the World“ fündig.
Bin immer noch ein bißchen in Georgien und würde das Land wirklich sehr gerne mal besuchen. War einer von Euch schon mal da? Und habt ihr Musik- und Literatur-Tipps? Bin ganz Ohr 🙂

