Books & Booze – Truman Capotes Frühstück bei Tiffany

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Bevor wir uns dem heutigen Books & Booze Schätzchen widmen, möchten die Münchner Küchenexperimente und ich zu unserer beider Enttäuschung mitteilen, dass es – auch auf Nachfrage – kein Frühstück bei Tiffanys gibt. Wie gut, dass das Ms Holly Golightly nicht mehr miterleben muss. Audrey Hepburn, die Holly Golightly im Film auf grandiose Weise verkörperte und ihr ein Gesicht gab, ist ja leider schon vor einigen Jahren verstorben. Der Film jedenfalls zählt unseres Erachtens zu den wirklich gut verfilmten Büchern.

Tiffany

Das Buch spielt im New York der 40er Jahre und wird erzählt aus Sicht eines namenlosen homosexuellen Schriftstellers. Seine Bekanntschaft mit Holly Golightly beginnt im Treppenhaus, als Holly einen Verehrer unsanft raus eskortiert, der ihr dann doch etwas zu nahe kam. Holly nennt den Schriftsteller fortan Fred, da er sie an ihren Bruder erinnert. Die 18-jährige verdreht so ziemlich jedem Mann in ihrer Umgebung den Kopf, in der Hoffnung, irgendwann einen Millionär zu heiraten. Bislang jedoch schleppt sie sich eher mittellos so durchs Leben.

„Was ein Mann wirklich von einer Frau hält, erkennt man an den Ohrringen, die er ihr schenkt.“

Wenn sie das „rote Elend“ überfällt, tröstet sie sich am liebsten mit einem Besuch der Tiffany Filiale auf der 5th Avenue. Dort ist die Welt für Holly noch in Ordnung. Nur leisten kann sie sich dort leider nichts. Sie verfügt über ein stetes, aber eher geringes Einkommen von 100 Dollar pro Woche, das sie dadurch erzielt, dass sie den Mafiaboss Salvatore „Sally“ Tomato im Gefängnis besucht und verschlüsselte Botschaften in Form eines Wetterberichtes an seinen Anwalt weiterzuleiten.

Während Holly auf Parties rumschwirrt und mit ihrer fröhlichen, lockeren Art und ihrem klassisch-eleganten Kleidungsstil alle um den Finger wickelt, taucht plötzlich ein Tierarzt aus Texas auf, der ebenfalls Golightly heißt und nicht wie zunächst angenommen Hollys Vater, sondern ihr Ehemann ist. Diesen hatte sie mit 14 bereits geheiratet, war im aber davon gelaufen. Ihr Mann versucht Holly seitdem zu finden.

„Schlechte Nachrichten sollte ein Mädchen nie ohne Lippenstift lesen.“

Die Ehe mit ihm soll aber nicht die einzige Ehe im Leben von Holly Golightly bleiben. Doch wie man es von Holly gewöhnt ist, führt sie auch später ein eher unstetes Leben…

Truman Capote ist sicherlich nicht der symphatischste Autor, so rein aus menschlicher Sicht. Aber das er schreiben konnte, hat er nicht nur in Frühstück bei Tiffanys bewiesen. Sein liebster Cocktail soll der Screwdriver gewesen sein, der im Grunde ein einfacher Wodka-Orangensaft ist. Da braucht es heute auch mal kein Rezept für, denken wir 😉 Lasst ihn euch aber schmecken und kommt gut ins Wochenende!

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Landgericht – Ursula Krechel

Landgericht

Als angehende Juristin musste die Bingereader-Gattin das Landgericht natürlich lesen und ich hatte es durchaus auch auf dem Radar. Aber eigentlich erst für etwas später, aber dann ja, dann saß ich am Strand von Mallorca und war durch mit meiner Urlaubslektüre (ich möchte an dieser Stelle bitte keine Kommentare zum Thema e-Reader hören – danke sehr) 😉 und da hab ich dann gar nicht abwarten können, dass sie endlich endlich endlich zum Ende kommt, um es ihr schnurstracks aus den Fingern zu reissen.

Und sie hat sich gelohnt, die Sache Kornitzer. Ein erschütterndes Buch, das einen traurig, wütend und hilflos am Ende zurück lässt und das ich trotzdem auf keinen Fall missen möchte.

Auch wenn ich sicherlich schon so einiges über das Schicksal der jüdischen Menschen während der NS-Zeit gelesen habe, dieses hier hat Ecken beleuchtet und Seiten in mir berührt, wie wenige andere Bücher diesr Thematik.

Wir treffen Richard Kornitzer der nach über zehnjährigem Exil endlich seiner damals in Deutschland verbliebenen Ehefrau gegenübersteht und hier zeigt sich Krechels grosses Können. Dieses bewusste nicht ausschlachten dieser wahnsinnig emotionalen Begegnung. Da treffen sich zwei endlich wieder, die sich so sehr verändert haben, die sich ganz vorsichtig einander annähern und versuchen, wieder Kontakt zu einander aufzunehmen.

Richard, der bis 1933 als Richter tätig war und dann in letzter Sekunde das Land verlassen konnte und seine Ehefrau Claire, eine ehemals überaus erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die in der Kinowerbung tätig war, treffen sich am Bodensee wieder. Ihre beiden Kinder, die über 10 Jahre in England untergebracht waren, erinnern sich kaum noch an ihre leiblichen Eltern und sprechen auch kein Deutsch mehr. Das sind heftige Passagen, wie die Eltern um die Nähe ihrer Kinder kämpfen und an der Unmöglichkeit nahezu scheitern.

Stellvertretend wird im Roman der tatsächliche Fall Philipp Auerbachs wiedergegeben, der sich für angemessene Entschädigungen für die Opfer einsetzte und so derart angegriffen und verfolgt wird dafür, das er schlussendlich Selbstmord begeht.

Die perfiden Demütigungen und Verfahrensverschleppungen bei den Entschädigungsverfahren sind unglaublich. Ehemalige Nazis sind ruckzuck wieder rehabilitiert und oft in herausragenden Positionen, die Opfer dagegen werden wieder und wieder um ihre Rechte gebracht, hingehalten und betrogen.

Es verwundert überhaupt nicht, wenn man das liest, dass nur etwa 5% der Exilanten überhaupt in die BRD zurückgekehrt sind. Die kalte Wut steigt in einem hoch, wenn man das liest und ich habe mich wirklich geschämt dafür, wie mit diesen Menschen umgegangen wurde. Mir war auch nicht klar, wieviele Menschen gar nicht erst ein Anrecht auf Entschädigung hatten. Zwangsarbeiter nicht, oder Frauen wie Claire, die ihre jüdischen Männer unterstützt haben, sich nicht haben scheiden lassen und wie ich jetzt nachgelesen habe, gehörten auch „entartete“ Künstler nicht zu der (kleinen) Gruppe. die überhaupt einen Antrag auf Entschädigung stellen konnte.

Richard geht 1933 ins Exil nach Kuba. Die karibische Insel stellt sich aber keineswegs paradiesisch dar. Die Exilanten dürfen nicht arbeiten, haben alles verloren, die Atmosphäre ist bedrückend. Richard hat Glück und bekommt eine Anstellung als Assistent bei einem Anwalt in Havanna. Nach der Bombardierung von Pearl Harbour gelten die Exilanten als feindliche Ausländer und es gibt keine Möglichkeit mehr für ihn, mit seinen Kindern in Kontakt zu bleiben.

Er lernt in Havanna eine Lehrerin kennen und lieben und die beiden bekommen sogar ein Kind miteinander. Die ungeplante Schwangerschaft ist aber im Grunde Auslöser für die Entfremdung der beiden. So sehr sich Richard das Kind auch wünscht, Charidad kann als uneheliche Mutter keine Lehrerin bleiben und sie gibt das Kind zur Adoption frei. Wieder ein Kind, dass Richard nicht behalten kann.

Claire findet Richard nach dem Krieg durch das Rote Kreuz. Sie treffen sich am Bodensee und kurz darauf nimmt er eine Position im Justizministerium in Mainz an. Sie finden auch ihre Kinder in England, aber es ist einfach schwierig nach den Jahren der Entfremdung wieder einen engen, liebevollen Kontakt zueinander aufzubauen. Claire und Richard leben in Mainz, einigermassen glücklich miteinander.

Die Veränderung Claires hat mich im Buch am meisten erschüttert. Wie sehr sich die erfolgreiche selbstbewusste Vorkriegs-Claire doch in fast schon ein Hausfrauen-Mäuschen verwandelt hat, war erschütternd. Richard kämpft und kämpft für seine Entschädigung, doch ohne Erfolg. Die Ungerechtigkeit setzt ihm körperlich zu, er leidet an Herzschwäche, geht des Öfteren zur Kur und lässt sich dann früh verrenten. Ich mag nicht zuviel verraten, aber es gibt erfreulicherweise doch noch einmal einen Lichtblick für Richard.

Besonders spannend fand ich die Beschreibungen des Berlin der 20er Jahre insbesondere Claires Arbeit am Film und ihre Liebe zur Architektur Erich Mendelsohns.
Die beiden sind da ganz andere Menschen, als das Paar das sich zehn Jahre später wieder trifft.

Krechel stellt das herzlose verdrängende Nachkriegsdeutschland bloß, das kein Mitleid für die Opfer übrig hat und am liebsten den Spuk so schnell wie möglich vergessen möchte und die zu Recht um Entschädigung und Wiedergutmachung kämpfenden Opfer ins Abseits drängt.

Der Roman hat mir sehr gut gefallen, wenngleich einige Kapitel durchaus ein paar Kürzungen vertragen hätten. Den Deutschen Buchpreis hat sie 2012 meines Erachtens aber durchaus zu Recht bekommen.

„Da kann ich auch nichts machen, sagte die Frau mit müder Stimme. Sie wissen doch, in unserer Stadt sind 80 Prozent des Wohnraums zerstört. Ich weiß, antwortete Kornitzer, nicht nur Wohnraum. Und dachte: Auch Empfindungen, 80 Prozent Mitleid konnte er sich als eine Summe nicht genau vorstellen.”

„Achtung! Gefahren des Tonfilms!
Viele Kinos müssen wegen der Einführung des Tonfilms und dem Mangel an vielseitigen Programmen schließen!
Tonfilm ist Kitsch!
Wer Kunst und Künstler liebt, lehnt den Tonfilm ab!Tonfilm ist Einseitigkeit! 100 % Tonfilm = 100 % Verflachung“

„Später las er in einer Zeitung, daß sich die berühmte pressure group der Literatur, die Gruppe 47, auch gegen die Mitgliedschaft von Emigranten wehrte mit dem durchsichtigen Argument, diese sprächen und schrieben ein altmodisches Deutsch, jedenfalls nicht das Deutsch, das durch die Erfahrungen des Krieges, der Kriegsteilnehmerschaft und der Kriegsgefangenschaft gehärtet, gestählt worden sei.“

„Warum es Einser-Philosophen gibt und Einser-Volkswirte, aber die Noten der Juristen tiefer liegen, weiß kein Mensch zu sagen. Vielleicht um die jungen Juristen nicht zu verwöhnen, währen der junge Philosoph weiß, daß auf ihn nicht die geringste Verwöhnung wartet, sondern die raue Gewißheit, daß niemand ihn braucht. Hervorragende Juristen werden gebraucht.“

537b3546c07a80946d000079_ad-classics-the-einstein-tower-erich-mendelsohn_2-530x563© Gili Merin

Lichtjahre – James Salter

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Lichtjahre ist unser September-Buch im Bookclub. Eigentlich lese ich nicht so gerne Übersetzungen, aber es hat sich bei diesem Buch einfach so ergeben.

Ich habe das Gefühl, ich habe das Buch deutlich mehr bewundert, als das ich es wirklich gemocht habe. Es ist nahezu perfekt. Die Sprache ist schön, soviel Leichtigkeit und Poesie. Es geht um Auflösung, um den Zerfall einer recht priviligiert lebenden Gruppe von Familie und Freunden in Westchester County und insbesondere um die Familie Hampton.

Alle sind sehr gut erzogen und charmant und dabei so unglücklich trotz ihrer cleveren Unterhaltungen über Bücher, Kunst, sie kennen natürlich ihre guten Weine, das Reisen und die besten Schneider. Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und auch durchaus lebendig, aber irgendwie bin ich ihnen nicht wirklich näher gekommen. Mir war das alles teilweise zu manieriert. Mich hat das Schicksal der einzelnen Personen nicht wirklich mitgenommen.

Das ich dem Buch bei Goodreads dennoch 4 Sterne gegeben habe, liegt hauptsächlich an einigen von Salters Sätzen, die ich so genossen habe und dann nochmal gelesen habe und nochmal.

Es ist ein Buch, das man am besten in 2-3 größeren Lese-Marathons liest, das ist keins für jeden Abend 2-3 Seiten, das muß am Stück gelesen werden, sonst wird das nichts. Das habe ich ziemlich am Anfang des Buches gemerkt, als ich nicht wirklich wiedergeben konnte, worum es bisher ging und mir auch alle Personen noch gänzlich fremd waren und dann gab es einen Satz da dachte ich, Herr Salter nimm weniger, was immer du nimmst, einfach weniger: „Seine Frau war eine einsame Stute auf einer Weide. Sie wartete auf den Wahnsinn und graste ihr Leben dahin.“

Salter hat eine sehr lyrische bildhafte Sprache, die Spaß macht und da verzeiht man ihm dann auch mal das eine oder andere vollkommen schiefe Bild oder wenn es gelegentlich dann doch mal etwas klebrig wird. Die Ehe von Viri und Nedra hat zu Anfang Vorzeige-Charakter und ruft Bewunderung und Neid im Freundeskreis hervor. Sie haben zwei hübsche intelligente Töchter und sie leben sich im Laufe ihres Lebens einfach so auseinander. Ohne Streit, ohne Boshaftigkeiten, einfach so, wie im Herbst die Blätter vom Baum fallen und im Frühling neue wachsen. Leben auf Nulllinie. Wenige Ausschläge nach oben und unten, selbst wenn jemand stirbt oder schwer verletzt wird, so wirklich wird davon die Sonntagsruhe im Buch nicht gestört. Beide haben Affären, aber auch diese führen nicht wirklich zu erhöhter Emotionalität. Die Geschichte beginnt in den 50er Jahren und endet Mitte der 70er.

Die Natur, die ausgiebig beschrieben wird im Buch, ist ihr dramatischeres Spiegelbild. In der zweiten Hälfte des Buches nimmt die Geschichte etwas Fahrt an. Nidra entwickelt sich, wird selbständiger und interessanter. Sie kämpft um sich und für ihre Rechte, aber nie wütend, immer mit leiser Eleganz.

Ganz friedlich grasen sie ihre Hirnwiesen ab, werden älter, leben sich auseinander, lassen sich scheiden und am Ende sterben sie auch ganz leise und wohl erzogen stets auf die Etiquette achtend.

Bye bye Viri und Nedra. Es war ein schöner poetischer Nebelspaziergang mit Euch – nun ruht in Frieden und ich erfreue mich einfach hin und wieder an diesen schönen Sätzen.

„Denn was wir auch tun, selbst das was wir nicht tun, hindert uns daran, das Gegenteil zu tun. Taten zerstören ihre Alternativen, das ist das Paradox. So daß das Leben aus Entscheidungen besteht, jede einzelne endgültig und von geringer Bedeutung, so wie Steine, die man ins Meer fallen läßt.“

„Sie saßen am Kaminfeuer, während Viri vorlas. Eine Kinderweihnacht in Wales, ein Meer von Worten, das seinen Mund benetzte, ein endloses Meer. Sie waren hingerissen, die bloßen Laute machten sie benommen. Seine ruhige Erzählerstimme floß dahin. Der Kopf des Hundes lag dreieckig wie der einer Schlange auf seinem Knie. Der letzte Satz. In der Stille, die folgte, träumten sie, vom Holz fielen Flecken weißer Glut leise in die Asche, die Kälte lag vor den Fenstern, das Haus war angefüllt mit brillianten Überraschungen.“

„Sie hatte ihr Interesse an der Ehe verloren. Mehr war darüber nicht zu sagen. Sie war ein Gefängnis. Nein, ich sag Dir was es ist, sagte sie. Mir ist sie gleichgültig. Glückliche Paare langweilen mich. Ich glaube nicht an sie. Sie sind verlogen. Sie machen sich was vor.“

„Obwohl der Himmel klar, obwohl es sogar warm war, tobte der Wind den ganzen Tag, riß an den Läden, wühlte in den Bäumen. Der wilde Wein richtete sich vor Entsetzen kerzengerade auf, schrie und wurde fortgerissen. Im Gewächshaus zersprangen die Scheiben mit musikalischem Klang. Es war ein Wind ohne Schärfe, ein riesiger, fressender Wind, der nicht aufhören wollte.“

„Die Kraft, sein Leben zu verändern, kann sich aus einer Passage ergeben, einer Bemerkung. Die Zeilen, die uns treffen, sind schlank wie die Egel, die im Flußwasser leben und sich am Körper von Schwimmenden festsaugen. Sie war erregt, voller Kraft. Die Sätze waren, wie es schien, genau zur richtigen Zeit gekommen wie so viele andere Dinge. Wie können wir uns unser zukünftiges Leben vorstellen ohne die Inspiration durch das Leben anderer Menschen?“

 

Darlinghissima – Janet Flanner

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Die Frauen der Left Bank in Paris haben mich immer schon sehr fasziniert und Janet Flanner ganz besonders. Ich habe kürzlich ihre Kurzportraits „Legendäre Frauen und ein Mann – Transatlantische Portraits“ gelesen und ich war einfach neugierig auf die Frau hinter dem Pseudonym „Genet“, die über 50 Jahre lang regelmäßig alle zwei Wochen für den New Yorker ihren „Letter from Paris“ über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte ihres Lebens in Paris schrieb.

Flanner kam in den 20er Jahren mit ihrer Partnerin Solita Solano (was für ein Name! 😉 ) in Paris an und wurde innerhalb kürzester Zeit Mitglied des intellektuellen Künstlerkreises um Getrude Stein, Alice B. Toklas, Djuna Barnes, Natalie Clifford Barney, Romaine Brooks, die später als die „Frauen der Left Bank“ bekannt werden sollten. Was würde ich dafür geben wie im Film „Midnight in Paris“ einmal nur in dem Kreis verbringen zu dürfen. Nur zuhören und beobachten und ein Gläschen Whisky dabei trinken.

Sie war ihr lebenlang als Journalistin tätig und politisch stets interessiert. Den 2. Weltkrieg verbrachte sie in New York wo sie 1940 die gebürtige Italienerin Natalia Danesi Murray traf und mit ihr und ihrem Sohn zusammenlebte. Schon während der Olympischen Sommerspiele 1938 veröffentlichte sie ein kritisches Portrait über Hitler und war nach dem Sieg der Allierten als eine der ersten Journalistinnen zurück in Paris, wo sie als Kriegsberichtserstatterin für den New Yorker unter anderem über die Nürnberger Prozesse berichtet.

Ihr Treffen mit der damals 38jährigen Natalia war der Beginn einer sehr leidenschaftlichen und über 38 Jahre lang andauernden Beziehung. Die beiden lebten nur die ersten vier Jahre ihrer Beziehung und die letzten drei tatsächlich zusammen, aber die Briefe in „Darlinghissima“ legen Zeugnis ab, das es ihnen trotzdem gelungen ist, eine intensive Beziehung zu führen. Flanner und Solano führten zwar bis dahin keine monogame Beziehung, doch zerbrach diese daraufhin aber endgültig.

Das Buch ist sowohl als Liebesgeschichte zu lesen, als auch als spannender Zeitbericht. Vom Ende des 2. Weltkrieges, die Nachkriegszeit, die McCarthy Ära in den USA, über der Vietnam-Krieg bis zum Watergate Skandal reichen die Berichte hinaus. Janet Flanner und Natalia Danesi verkehren mit den interessantesten Schriftstellern, Künstlern, Filmstars ihrer Zeit. Dieser über 500 Seiten dicke Schinken wird nie langweilig. Er macht Lust auf mehr, man liest nach, verläuft sich gelegentlich im Internet und kehrt doch immer wieder zu Janet und Natalia zurück.

Flanner ist eine äußerst kritische intellektuelle Kommentatorin ihrer Zeit und sie kann richtig gut schreiben. Sie kann austeilen, kümmert sich aber liebevollst um ihre Freunde.

Ein wundervolles Buch, das es verdient nicht vergessen zu werden finde ich und eines das Lust macht, wieder einmal einen schönen Brief zu erhalten oder einen zu verschicken. Ich düse jetzt auf jeden Fall seit ein paar Tagen hoffnungsfroher an den Briefkasten und habe auch schon den guten Stift und das hübsche Briefpapier rausgesucht – gute Vorsätze muß man gleich umsetzen.

„I am always paralyzed at first in this city. Like an old gray bird from the country that can find no perch. But beneath my feathers my heart beats for you, dear one.“

„I am astounded how much more close to the points of decision the young ones are today, he is for example, when at his age, until thirty or more, I drifted, events pushed me, people pushed me, a French Civilization pushed me. I was like an eccentric young middle westerner in a foreign dream in which I lost my youth without noticing and all that energy for the work which it could have brought.“

„Dammit, give me a smoked-in bar and a good old martini anytime“, exlaimed Janet …
That had been the first and last attempt I ever made to get Janet interested in exercise of any kind…

„Most of the people on cure here are Germans: Marienbad is in the Russian Zone, but apparently even before the war the Nazis were here. The Germans have changed sartorially at least … dress well, act well, and, of course, eat like elephants.“

„I don’t know if you ever see the London Time Sunday Magazine; this last Sunday it contained a profile written by Miss Brody on Colette that treats her nearly exclusively as a lesbian (so named) and incestuously in love with her mother (so phrased). Quite brilliantly written but excessively sexual I find. After all, she had another organ too, did Colette – her writer’s brain, and it was not between her legs but in her skull…“

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Darlinghissima – Briefe an eine Freundin“ im Kunstmann Verlag erschienen.

Albert Camus: Das Ideal der Einfachheit – Iris Radisch

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Das ausgerechnet ich mich für einen Autor begeistere, der in seinem Tagebuch vermerkt „Außer in der Liebe ist die Frau langweilig“ überrascht ganz schön, nicht zuletzt mich. Auch seine Tochter wollte erst nicht so recht glauben, dass ihr verehrter Herr Papa so etwas geschrieben haben soll und musste erst durch einen Hinweis von Radisch mit Nachblättern im Tagebuch davon überzeugt werden.

Trotz aller dunklen Seiten, Herr Camus hat was. Ich mag seine Bücher „Der Fremde“, „Die Pest“ und „Der erste Mensch“ – mehr habe ich bislang noch nicht von ihm gelesen. Und man glaubt es sofort, dass seine Lieblingsworte „Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer und das Meer waren. Diese Worte bilden die einzelnen Kapitel in Radisch’s rasend guter Biografie.

Iris Radisch hat sich dem übergroßen Autor sehr emphatisch genähert, hat ihn nicht auf ein Podest gestellt und man merkt, dass sie sein rücksichtsloses casanovahaftes Verhalten nicht billigt. Er, der sich als stets Fremder, als lebenslanger Exilant sieht, der niemanden braucht, kann nicht alleine sein und sammelt Frauen wie zufällig am Wegesrand auf. Unfähig sich zu trennen, lässt er dann drei, vier oder auch fünf Beziehungen gleichzeitig nebeneinander laufen.

Camus sieht sich meist nicht unbedingt realistisch. Camus als Genußmensch der die Einfachheit propagiert, ist nur eines der vielen Paradoxien in denen er steckt. Er beschreibt oft wie er sein möchte, nicht wie er ist. Wichtig ist ihm seine Mittelmeer-Philosophie, seine mediterrane Ideologie wie Iris Radisch sie nennt, die ihn sein Leben lang beschäftigt. Seine Idee dem alten Europa ein starkes latines Bündnis entgegenzusetzen.

Überhaupt geht er natürlich heute als eigentlicher Sieger aus den heftigen Fehden mit Sartre und anderen hervor. Er war der hellsichtigste unter den Pariser Intellektuellen in seiner Verurteilung jeglichen Totalitarismus.

„Nach 1989 begann man in Paris zwar langsam, Camus‘ Antitotalitarismus zu würdigen, man ergriff jedoch weiterhin für Sartre Partei, wenn es darum ging, Camus‘ Natur- und Geschichtsauffassung zu demontieren und den Zusammenhang beider zu bestreiten“.

Er war wahrscheinlich einer der ersten Wachstumskritiker und ein ausgesprochener Europäer, der jeglichen Nationalismus ablehnte. Eher Vermittler, einer der ewig zwischen den Stühlen saß. Den Linken zu stalin- und kommunismusfeindlich, den Algeriern zu französisch, den Franzosen zu algerisch, den Proletariern zu intellektuell und die Intellektuellen wie Sartre „wird das freihändige Philosophieren dieses algerischen Gassenjungen“ – wie er seinen jungen Rivalen nennt – zur Weißglut bringen.

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„Der Weltliebhaber verabscheut das Fortschrittsethos – verzichte auf das einfache Glück, das du jetzt genießen kannst, arbeite emsig und vertraue darauf, dass du morgen durch ein größeres entlohnt wirst. Das Meer, der Himmel, die Sonne, die Frauen, die Blumen – das reicht ihm, solange das Wetter gut ist (nur bei schlechtem Wetter wäre er bereit, langfristige Lebensinvestitionen zu tätigen und zum Beispiel zu heiraten).“

Camus möchte „sich verlieren, um sich wiederzufinden“. Und er verliert sich mächtig auf seinem Lebensweg. Er kommt 1913 in einer sehr armen französischen Arbeiterfamilie in Algier zur Welt und wird seinen Vater nie kennenlernen, da dieser schon kurz nach Beginn des ersten Weltkriegs fällt. Seine Mutter ist Analphabetin, stoisch und spricht kaum. Kaum vorstellbar, dass aus dieser fast archaisch anmutenden Armut einer der größten Autoren/Philosophen des 20. Jahrhunderts hervorgeht. Zum großen Teil hat er das seinem Lehrer zu verdanken, der seine Begabung erkennt und fördert und dem Camus in seiner Nobelpreisrede 1957 ein Denkmal setzt.

Weder seine ärmliche Herkunft, sein melancholisches schwermütiges Wesen noch seine Lungenkrankheit können ihn stoppen. Er hat ausgesprochen großen Erfolg bei den Frauen, die immer wieder alles für ihn tun, ihm den Rücken freihalten, teilweise aushalten, ihn lieben und umsorgen, aber keiner von ihnen gelingt es jemals ihn ganz für sich zu gewinnen.

Sein erster Roman „Der Fremde“ ist eine Art Huldigung an Algier, seine Jugend und seine Mutter. Themen die ihn ein Leben lang begleiten werden. Mit dem Roman „Die Pest“ kommt auch der wirtschaftliche Erfolg in Paris. Zu Paris wird ihn stets eine Hass-Liebe binden, er pflegt dort Freundschaften nahezu so ausgiebig wie seine Feindschaften.

Sein letzter Roman „Der erste Mensch“ ist für Iris Radisch sein eigentliches Meisterwerk. Posthum veröffentlicht ist es ein Fragment, in dem Camus seinem Ideal der Einfachheit am nahesten kommt. „Er stirbt buchstäblich in dem Augenblick, in dem alles beginnen könnte“.

Iris Radisch’s Biografie ist umwerfend gut, sie macht Lust sich noch weiter mit Camus und seinen Büchern zu beschäftigen. Ich habe seitenweise interessante Stellen markiert. Hier nur noch eine kleine Auswahl:

„Es gibt kein Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden kann.“

„Europa ist ein Scherbenhaufen. Überall in der Stadt sitzen junge Männer zusammen und brüten bis spät in der Nacht rauchend über den Drehbüchern der Zukunft.“

„Die Freundschaft zwischen Sartre und Camus, von der gern gesprochen wird, hat es niemals gegeben. Doch haben die beiden Stars von Saint-German-des-Prés auf den ersten Blick vieles gemeinsam. Beide – vaterlos aufgewachsen – bleiben ihr Leben lang bekennende Muttersöhne. Beide sind linksintellektuelle Generalisten, gründen Zeitungen, sind Philosophen, Theaterautoren, Journalisten, Romanautoren und öffentliche Intellektuelle. Beide haben ihre prägenden Einflüsse von der deutschen Philosophie empfangen, bei Husserl und Heidegger der eine, bei Nietzsche der andere. Beide bevorzugen literarisch einen gemäßigten Modernismus. Beide sind moderne Tragöden, die ihr Leben lang an dem metaphysischen Schock entlangschreiben, der das 20. Jahrhundert traf, als es merkte, dass der Mensch zwar von Zeit zu Zeit im Café de Flore, doch niemals in den endlosen Räumen des Kosmos von jemandem erwartet wird.“

„Philosophen werden selten bloß mit dem Verstand gelesen, oft mit dem Herzen und seiner Leidenschaft.“

„Im Rückblick hat Camus in allem Recht behalten: Es gibt keine Entschuldigung für die stalinistischen Schauprozesse; keine Zukunft ist es wert, dass in der Gegenwart für sie gemordet wird; Moral lässt sich nicht auf morgen vertagen; alle großen europäischen Revolutionen endeten als Erziehungsdiktaturen und hinter Mauern und Stacheldraht. Seine Kritik am Totalitarismus hat sich als eine der hellsichtigsten Gegenwartsanalysen des 20. Jahrhunderts erwiesen.“

Die Verwandlung – Franz Kafka

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Das nenn ich mutig! Als hätte die Welt nicht schon genug Zeitschriften und Magzine, da trauen sich zwei, tatsächlich ein Heft rauszubringen das nix Halbes ist und nix Ganzes: Das Buch als Magazin. Es ist eine ganz wunderbare Mischung aus beidem und ich finde es absolut großartig.

Allein von der Haptik schon und die Idee, vorne Buch hinten Magazin – ich bin baff! „Die Verwandlung“ ist natürlich auch eine Hammernummer als erste Ausgabe. Vorne Literatur, hinten Journalismus. Und dann schlägt man es auf und findet sein absolutes Lieblingszitat ever auch noch fett vorne auf der ersten Seite. Da sag ich nix mehr. Da bin ich nur hin und weg.

Diesem Magazin-Buch Buch-Magazin wünsche ich jeden nur erdenklichen Erfolg und die zwei weiteren bereits erschienenen Ausgaben „Traumnovelle“ und Woyzeck müssen sofort her.

Danke an Joanna Swistowski und Peter Wagner für diese mutige Idee und an die EBM-Pommesgabel-Erfinderin für dieses tolle Geschenk 🙂

Wer Lust auf richtig coole Klassiker hat – kaufe diese Hefte!

Amphi Festival Köln 2014

EBM

Schön war es – wie jedes Jahr ! Tolle Musik, klasse Gesellschaft (ich wink auch mal zu artofconfusion :)), super Wetter – es hat alles gestimmt und wir werden auch sicher nächstes Jahr wieder dabei sein.

Nur schaut es beim Amphi Festival echt aus wie in Deutschlands Vorstandsetagen. Auf welche Bühne man auch schaut, man sieht eigentlich fast ausschließlich weiße, meist etwas ältere, singende Männer. Wenn es sehr radikal zugeht auch mal weiße, etwas jüngere singende Männer, aber Frauen gibts eigentlich nur beifallspendend im Publikum.

Falls sich tatsächlich mal eine auf die Bühne verirrt, dann aus der eher melodramatischeren Ecke, aber wenn ich sowas hören mag, geh ich in die Oper 😉 Ich hätte gerne mal ein paar Elektro-Damen. Also liebe Austra, Zola Jesus, Light Asylum, Chelsea Wolfe, Esben and the Witch etc. – auf zum Amphi um BingeReader glücklich zu machen. Aber jetzt genug gemosert – hier meine schönsten Erinnerungen. Der für mich beste Act war eindeutig Herr Klangstabil – der hat mich wahnsinnig beeindruckt. Da müssen jetzt endgültig sämtliche CDs ins Haus, geht nicht anders.

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