Lichtjahre – James Salter

lichtjahre

Lichtjahre ist unser September-Buch im Bookclub. Eigentlich lese ich nicht so gerne Übersetzungen, aber es hat sich bei diesem Buch einfach so ergeben.

Ich habe das Gefühl, ich habe das Buch deutlich mehr bewundert, als das ich es wirklich gemocht habe. Es ist nahezu perfekt. Die Sprache ist schön, soviel Leichtigkeit und Poesie. Es geht um Auflösung, um den Zerfall einer recht priviligiert lebenden Gruppe von Familie und Freunden in Westchester County und insbesondere um die Familie Hampton.

Alle sind sehr gut erzogen und charmant und dabei so unglücklich trotz ihrer cleveren Unterhaltungen über Bücher, Kunst, sie kennen natürlich ihre guten Weine, das Reisen und die besten Schneider. Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und auch durchaus lebendig, aber irgendwie bin ich ihnen nicht wirklich näher gekommen. Mir war das alles teilweise zu manieriert. Mich hat das Schicksal der einzelnen Personen nicht wirklich mitgenommen.

Das ich dem Buch bei Goodreads dennoch 4 Sterne gegeben habe, liegt hauptsächlich an einigen von Salters Sätzen, die ich so genossen habe und dann nochmal gelesen habe und nochmal.

Es ist ein Buch, das man am besten in 2-3 größeren Lese-Marathons liest, das ist keins für jeden Abend 2-3 Seiten, das muß am Stück gelesen werden, sonst wird das nichts. Das habe ich ziemlich am Anfang des Buches gemerkt, als ich nicht wirklich wiedergeben konnte, worum es bisher ging und mir auch alle Personen noch gänzlich fremd waren und dann gab es einen Satz da dachte ich, Herr Salter nimm weniger, was immer du nimmst, einfach weniger: „Seine Frau war eine einsame Stute auf einer Weide. Sie wartete auf den Wahnsinn und graste ihr Leben dahin.“

Salter hat eine sehr lyrische bildhafte Sprache, die Spaß macht und da verzeiht man ihm dann auch mal das eine oder andere vollkommen schiefe Bild oder wenn es gelegentlich dann doch mal etwas klebrig wird. Die Ehe von Viri und Nedra hat zu Anfang Vorzeige-Charakter und ruft Bewunderung und Neid im Freundeskreis hervor. Sie haben zwei hübsche intelligente Töchter und sie leben sich im Laufe ihres Lebens einfach so auseinander. Ohne Streit, ohne Boshaftigkeiten, einfach so, wie im Herbst die Blätter vom Baum fallen und im Frühling neue wachsen. Leben auf Nulllinie. Wenige Ausschläge nach oben und unten, selbst wenn jemand stirbt oder schwer verletzt wird, so wirklich wird davon die Sonntagsruhe im Buch nicht gestört. Beide haben Affären, aber auch diese führen nicht wirklich zu erhöhter Emotionalität. Die Geschichte beginnt in den 50er Jahren und endet Mitte der 70er.

Die Natur, die ausgiebig beschrieben wird im Buch, ist ihr dramatischeres Spiegelbild. In der zweiten Hälfte des Buches nimmt die Geschichte etwas Fahrt an. Nidra entwickelt sich, wird selbständiger und interessanter. Sie kämpft um sich und für ihre Rechte, aber nie wütend, immer mit leiser Eleganz.

Ganz friedlich grasen sie ihre Hirnwiesen ab, werden älter, leben sich auseinander, lassen sich scheiden und am Ende sterben sie auch ganz leise und wohl erzogen stets auf die Etiquette achtend.

Bye bye Viri und Nedra. Es war ein schöner poetischer Nebelspaziergang mit Euch – nun ruht in Frieden und ich erfreue mich einfach hin und wieder an diesen schönen Sätzen.

„Denn was wir auch tun, selbst das was wir nicht tun, hindert uns daran, das Gegenteil zu tun. Taten zerstören ihre Alternativen, das ist das Paradox. So daß das Leben aus Entscheidungen besteht, jede einzelne endgültig und von geringer Bedeutung, so wie Steine, die man ins Meer fallen läßt.“

„Sie saßen am Kaminfeuer, während Viri vorlas. Eine Kinderweihnacht in Wales, ein Meer von Worten, das seinen Mund benetzte, ein endloses Meer. Sie waren hingerissen, die bloßen Laute machten sie benommen. Seine ruhige Erzählerstimme floß dahin. Der Kopf des Hundes lag dreieckig wie der einer Schlange auf seinem Knie. Der letzte Satz. In der Stille, die folgte, träumten sie, vom Holz fielen Flecken weißer Glut leise in die Asche, die Kälte lag vor den Fenstern, das Haus war angefüllt mit brillianten Überraschungen.“

„Sie hatte ihr Interesse an der Ehe verloren. Mehr war darüber nicht zu sagen. Sie war ein Gefängnis. Nein, ich sag Dir was es ist, sagte sie. Mir ist sie gleichgültig. Glückliche Paare langweilen mich. Ich glaube nicht an sie. Sie sind verlogen. Sie machen sich was vor.“

„Obwohl der Himmel klar, obwohl es sogar warm war, tobte der Wind den ganzen Tag, riß an den Läden, wühlte in den Bäumen. Der wilde Wein richtete sich vor Entsetzen kerzengerade auf, schrie und wurde fortgerissen. Im Gewächshaus zersprangen die Scheiben mit musikalischem Klang. Es war ein Wind ohne Schärfe, ein riesiger, fressender Wind, der nicht aufhören wollte.“

„Die Kraft, sein Leben zu verändern, kann sich aus einer Passage ergeben, einer Bemerkung. Die Zeilen, die uns treffen, sind schlank wie die Egel, die im Flußwasser leben und sich am Körper von Schwimmenden festsaugen. Sie war erregt, voller Kraft. Die Sätze waren, wie es schien, genau zur richtigen Zeit gekommen wie so viele andere Dinge. Wie können wir uns unser zukünftiges Leben vorstellen ohne die Inspiration durch das Leben anderer Menschen?“

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2 Kommentare zu “Lichtjahre – James Salter

  1. Lichtjahre habe ich vor bestimmt zehn Jahren zum ersten gelesen und es ist immer noch, nach mittlerweile wiederholter Lektüre, eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Von James Salter kann ich dir auch sehr seinen neusten Roman „Alles, was ist“ empfehlen.

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