Wien – By the Book

Ostern in Wien war das Geburtstagsgeschenk für die wunderbare Schwiegermama, mit der wir die literarische und vor allen Dingen auch kulinarische ex-K&K Hauptstadt unsicher machten.

Wien war und ist für mich neben Paris die Fin-de-Siècle Metropole und was Proust in Paris ist, ist Zweig in Wien für mich. Da sträuben sich den Experten sicherlich die Haare, aber für mich kam kein anderer Autor als Zweig in Frage, der mich nach Wien begleiten sollte.

Ein Besuch im 1. Bezirk und das dazugehörige Trambahnfahren mit der Linie 1 gehören natürlich zum Pflichtprogramm. Ständig hatte ich das Gefühl, Sisi und Franz Joseph kommen gleich um die Ecke.

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Das Wetter war etwas durchwachsen, aber man wäre nicht in Wien, würde man nicht auch einen großen Teil der Zeit Torte essend und Zeitung lesend im Cafe verbringen. Die Auswahl an deutschsprachigen und internationalen Zeitungen z.B. im Cafe Landtmann hat mich schwer beeindruckt und ich wäre wohl noch ewig sitzen geblieben, hätten mich die Ladies nicht irgendwann weggezerrt, um weitere Sehenswürdigkeiten zu bewundern.

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Die kulinarischen Highlights unseres Ausflugs könnt ihr im Übrigen hier nachlesen, ich mache Euch jetzt noch etwas Lust auf Stefan Zweig.

Er wurde 1881 in eine großbürgerliche jüdische Kaufmannsfamilie hinein geboren und begann schon während seiner Studienzeit Gedichte zu veröffentlichen. Seit frühester Jugend war er überzeugter Europäer und Pazifist und es gibt wirklich keine bessere Begleitlektüre für Wien als seine „Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers“. Über dieses Buch möchte ich separat noch ausführlicher berichten und freue mich, dafür eine spannende Kooperation einzugehen, doch dazu bald mehr.

Ausführlicher möchte ich euch von meinem zweiten Zweig berichten, dem wunderschönen „Buchmendel / Die unsicherbare Sammlung“, das schon in einigen Blogs besprochen wurde und das eigentlich in keinem ordentlichen Bücherhaushalt fehlen darf.

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„Die Unsichtbare Sammlung“ handelt von einem blinden Sammler seltener Drucke, der nicht realisiert, das seine kostbaren Dürers, Rembrandts etc. von seiner durch die Inflation verarmten Familie längst verkauft worden und durch leere Blätter ersetzt wurden.

Goethe sagte einmal, Sammler seien glückliche Menschen und diese Geschichte scheint ihm Recht zu geben.

„Die neuen Reichen haben plötzlich ihr Herz entdeckt für gotische Madonnen und Inkunabeln und alte Stiche und Bilder; man kann ihnen gar nicht genug herzaubern, ja wehren muß man sich sogar, daß einem nicht Haus und Stube kahl ausgeräumt wird. Am liebsten kauften sie einem noch den Manschettenknopf vom Ärmel weg und die Lampe vom Schreibtisch. Da wird es nun eine immer härtere Not, stets neue Waren herbeizuschaffen – verzeihen Sie, daß ich für diese Dinge, die unsereinem sonst etwas Ehrfürchtiges bedeuteten, plötzlich Ware sage –, aber diese üble Rasse hat einen ja selbst daran gewöhnt, einen wunderbaren Venezianer Wiegendruck nur als Überzug von soundsoviel Dollars zu betrachten und eine Handzeichnung des Guercino als Inkarnation von ein paar Hundertfrankenscheinen. Gegen die penetrante Eindringlichkeit dieser plötzlich Kaufwütigen hilft kein Widerstand.

Die zweite Novelle ist das berührende Schicksal des Buchmendel, eines alten Buchhändlers, der einem lebenden Universalkatalog der Weltliteratur glich, komplett in seinem Gebiet aufgehend.

Zweig erzählt voller Empathie, Tiefgründigkeit und Verständnis für diese exzentrischen Büchermenschen, die höchst lebendig aus dem Buch zu klettern scheinen, was natürlich durch die wunderbaren Illustrationen noch verstärkt wird. Ich liebe Zweigs angenehmen, leicht altmodischen Erzählstil, der den Plot ein klein wenig in den Hintergrund treten lässt, was aber dazu führt, dass man die Charaktere umfassender entdeckt.

„Wie ein Astronom einsam auf seiner Sternwarte durch den winzigen Rundspalt des Teleskops allnächtlich die Myriaden Sterne betrachtet, ihre geheimnisvollen Gänge, ihr wandelndes Durcheinander, ihr Verlöschen und Sichwiederentzünden, so blickte Jakob Mendel durch seine Brille von diesem viereckigen Tisch in das andere Universum der Bücher, das gleichfalls ewig kreisende über unserer Welt.“

Unbedingt erwähnen muss man aber die phantastischen Illustrationen in diesem Band, die den Geschichten von Joachim Brandenberg und Florian L Arnold auf den Leib geschneidert wurden. Die Bilder sind wunderschön mit einer berauschenden hypnotisierenden Kraft, die es schaffen, dem Ganzen eine mystisch, unaussprechlich sinnliche Atmosphäre zu geben.

Leute, kauft dieses Buch – es ist das perfekte Geschenk, egal zu welcher Jahreszeit. Ihr werdet Menschen damit glücklich machen, ich bin ganz sicher 🙂

Bilder: topalian-milani.de

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.

Beim nächsten Wien Besuch steht auf jeden Fall ein Theaterbesuch sowie ein Abstecher auf den Zentralfriedhof auf dem Programm. Wir hatten eine entzückende Wohnung in Währing angemietet gleich ums Eck vom Kutschkermarkt, dem Slow-Food-Mekka und nur zehn Minuten mit der Tram vom Zentrum entfernt. Eine Ecke von Wien, die sich auf jeden Fall auch zu entdecken lohnt.

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Servus Wien – es war wie immer wunderschön. Bis bald!

Ingeborg Bachmanns Wien – Joseph McVeigh

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Ein Buch, das sich speziell mit Ingeborg Bachmanns Zeit in Wien beschäftigt, setzt vermutlich eigentlich voraus, das man sich mit der Person I.B. auskennt und sich diesen Jahren ausgiebiger widmen möchte. Das war bei mir nicht der Fall. Ich kenne bislang nur die Gedichte von ihr und einige Fragmente ihres Lebens waren mir geläufig, eine Kennerin bin ich bei Weitem nicht und dennoch hat mir dieses Buch sehr gefallen. Es ist definitiv kein Werk für reine Hardcore-Fans, sondern eines, das durchaus neugierig macht diese große Persönlichkeit der Nachkriegsliteratur näher kennenzulernen.

Ingeborg Bachmann macht sich 1946 aus Kärnten auf den Weg nach Wien, um ihren Weg in die Literatur zu finden. Sie studiert Philosophie, Germanistik und Psychologie, veröffentlicht erste Gedichte und lernt kurze Zeit später den Kritiker Hans Weigel kennen, der sie in den Kreis österreichischer Nachwuchsschriftsteller aufnimmt. Männer, die Bachmann fördern und fordern, werden oft zu ihren Geliebten. Nach einer kurzen Beziehung mit Weigel trifft sie 1948 Paul Celan in Wien, mit dem sie eine lange, komplizierte Liebe verband, aber auch Ilse Aichinger, mit der sie sich anfreundet.

Neben dem Studium arbeitet sie unter anderem auch als Model, versucht aber vor allem mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Sie schreibt für Zeitungen, Filmkritiken, macht Übersetzungen, für das Radio und entwirft erste Roman-Manuskripte.

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Foto: visitklagenfurt

1952 wird sie durch Hans Werner Richter zum Mitglied der Gruppe 47, deren Preis sie ein Jahr später gewinnt. Die Hinwendung zur Gruppe ist ihr Schritt heraus aus dem konservativen Österreich und auch eine Befreiung von ihrem früheren Mentor Weigel. Noch im gleichen Jahr wandert sie auf Einladung ihres Freundes Hans Werner Hernze nach Italien aus. Diese frühen Wiener Jahre sind für ihre Entwicklung als Schriftstellerin entscheidend, es wird sie eine lebenslange Hass-Liebe mit Wien verbinden.

Im angloamerikanischen Raum ist Ingeborg Bachmann zwar weniger bekannt, doch wenn von ihr die Rede war, dann stets bewundernd und als eine der wichtigsten Vertreterinnen, die sich kritisch mit der Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt hatte, klar Position bezog und in der Kunst eine der wenigen Möglichkeiten sah, wie man die durch Kriege und Hass verursachten seelischen Leiden lindern kann.

„Selten verpasst Bachmann Frankls öffentliche Vorträge. Sein dritter Weg der Psychoanalyse, die Logotherapie und Existenzanalyse, die den Sinn des Lebens in nichtbiologischen Faktoren sucht, hatte zum Ziel „die Krankheit des Jahrhunderts, nämlich das Sinnlosigkeitsgefühl“ zu heilen. Frankls Theorie stellt die Verantwortung des Individuums in den Mittelpunkt existenzieller Sinngebung. Aus dem Entschluss des Menschen, für sein eigenes Handeln verantwortlich zu sein, ergebe sich dieser Sinn. Das Sein des Menschen sei – hier entlehnt Frankl einen Begriff aus der Existenzphilosophie Karl Jaspers – ein „entscheidendes Sein“.

Sie setzt sich intensiv mit der Schuldfrage auseinander, nicht zuletzt auch durch ihre persönliche Erfahrung einen Vater zu lieben, der als Nazi klar zu den Schuldigen gehörte.  Auch wenn ihre Resignation gelegentlich in ihren Texten spürbar ist, ist sie eine von der ich den Eindruck habe, sie würde nie aufgeben. Die anschreibt gegen die Sinnlosigkeit und aus tiefstem Herzen davon überzeugt ist, dass nur die Kunst ihre Generation retten und ihr die verloren gegangene Stimme zurückgeben kann.

McVeighs macht mit seiner Biografie große Lust, mehr von Ingeborg Bachmann zu lesen, sie weiter zu entdecken. Mir haben es insbesondere ihre Gedichte angetan, die unglaublich einfach und eloquent sind und voll dunkler Schönheit:

„Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht sein enthaupteter Engel ein Grab für den Haß
und reicht mir die Schüssel des Herzens.

Eine Handvoll Schmerz verliert sich über den Hügel.“

(aus „Früher Mittag“)

Ich danke dem Suhrkamp/Insel-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meistererzählungen – Stefan Zweig

IMG_1104 Pünktlich zur Erröffnung der fabelhaften Zweig Ausstellung im Literaturhaus in München, wollte ich endlich die „Meistererzählungen“ von Stefan Zweig in Angriff nehmen, die schon seit ein paar Jahren in meinem Bücherregal stehen, ich aber aus irgendeinem Grund bislang noch nicht gelesen habe. Auch in der Schule bin ich ihm leider nicht begegnet und um es gleich vorweg zu nehmen, da ist mir in wirklich eine Menge durch die Lappen gegangen. Ich habe mich sofort in Stefan Zweigs Sprache verliebt. Die Geschichten haben mich wirklich vollkommen aus den Schuhen gehauen. Jetzt möchte ich alles von ihm lesen und erfreulicherweise habe ich zumindest seinen einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Ungeduld des Herzens“ noch hier stehen, bevor ich wieder die Buchhändler beglücke. FullSizeRender2 Die Schachnovelle hat mich am tiefsten beeindruckt. Zweig’s finales Werk –  beendet im Brasilianischen Exil, nur Tage vor seinem Selbstmord an seinen Verleger verschickt ist ein beklemmendes beeindruckendes Werk. Es ist die einzige Geschichte in der sich Zweig mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt. FullSizeRender4 Die Geschichte handelt von einem Reisenden auf einem Schiff das auf dem Weg ist von New York nach Buenos Aires. An Bord befindet sich auch der amtierende Schachweltmeister ein dumpfer, unfreundlicher arroganter Typ. Unser Reisender lässt sich zusammen mit einem anderen Passagier auf eine Schachpartie mit dem Weltmeister ein, die dieser sich recht teuer zahlen lässt. Natürlich werden sie umgehend und unprätentiös besiegt, entschliessen sich aber, sich auf eine weitere Partie einzulassen. Es sieht wieder nicht gut für sie aus als ein mysteriöser Passagier ihnen Ratschläge gibt die dazu führen, dass sie den Weltmeister tatsächlich besiegen können. IMG_1102 Wie der unbekannte geheimnisvolle Fremde zu seinem unglaublichen Schachwissen gekommen ist, ist das Herzstück der Schachnovelle. Ob das Schachspiel den Machtkampf zwischen Hitler und dem Rest der Welt darstellen soll, ich weiß es nicht genau. Zweig hat den ungewissen Ausgang des Schachspiels auf jeden Fall nicht ausgehalten. Er hat sich der Verzweiflung hingegeben, sich in seiner „Zelle“ Brasilien aufgegeben. Hätte er doch nur durchgehalten. Ein paar Jahre später war Hitler schachmatt. FullSizeRender5 FullSizeRender3 Besonders beeindruckt hat mich neben der Schachnovelle auch der „Amokläufer“. Wieder eine Geschichte die auf einem Ozeandampfer spielt, wieder ein Mensch der unbedingt eine Beichte ablegen möchte. Überhaupt spielen Geständnisse in Zweig’s als psychologische Studienangelegte Geschichten eine große Rolle. Auch in „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ und „Brief einer Unbekannten“ zum Beispiel – immer die große Lebensbeichte und diese immer wieder in einer Sprache die einen fast dazu bringt, nie wieder etwas schreiben zu wollen, denn nichts wird jemals so gelungen klingen wie ein Satz von Zweig. Mich beschäftigt insbesondere die Frage warum ein weltberühmter, reicher Mann wie Stefan Zweig in den USA kein Visum bekommen konnte. Er war einer der ersten die 1933 ins Exil gingen, zunächst nach London wo er sich eine Wohnung gekauft hatte. Als sechs Jahre später Krieg erklärt wird zwischen Deutschland und England, flüchtet er weiter nach New York. Er wäre gerne dort geblieben, konnte allerdings kein Visum bekommen. Seltsam wenn man bedenkt, dass er zu dieser Zeit der wohl berühmteste und am meisten übersetzte deutschsprachige Autor war. FullSizeRender6 Glücklicherweise konnte er ein Visum für Brasilien bekommen und er hat sich dort auch sehr wohl gefühlt. Ihm war wichtig, dass sein Selbstmord nichts damit zu tun hat, dass er sich in Brasilien nicht wohl gefühlt hat. Ich glaube er war einfach müde, depressiv, hat seine Sprache und seine Heimat vermisst und nur wenige Tage vor seinem Selbstmord war ein brasilianisches Schiff von den Deutschen torpediert worden, vielleicht hatte er das Gefühl einfach nie mehr in Sicherheit zu sein, Angst die Nazis könnten auch nach Brasilien kommen. Ich bin auf jeden Fall froh, Stefan Zweig für mich entdeckt zu haben und kann nur jedem die Ausstellung des Münchner Literaturhauses ans Herz legen und lest Stefan Zweig! IMG_1105

WIR BRAUCHEN EINEN ANDEREN MUT !

Eine blaßblaue Frauenschrift – Franz Werfel

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Unsere Dezember Bookclub-Lektüre war geradezu perfekt für meine Zugfahrt letzte Woche. Als englischsprachiger Bookclub lesen wir eher selten deutschsprachige Bücher, es war also eine schöne Abwechslung und wir hatten eine spannende Diskussion über das Buch.

„Eine blaßblaue Frauenschrift“ ist die Geschichte über die Konsequenzen einer Affäre, die lange her ist, aber nie wirklich vergessen wurde. Leonidas stellt etwas dar, ein schöner Mann, der elegant mit seiner reichen Gattin abends in der Oper sitzt und sich seines Aufstiegs erfreut. Er, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, hat eine glanzvolle Karriere im Staatsdienst hingelegt und dank einer ungemein guten Partie mit Amelie, seiner „größten Errungenschaft“, ist er auch gesellschaftlich an der Spitze angelangt.

Die Erzählung bringt die antisemitische Atmosphäre in Wien kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges herüber. Leonidas, der Protagnoist erhält eines Morgens mit der Post einen Brief seiner ehemaligen jüdischen Geliebten Dr. Vera Wormser. Nur ein knappes Jahr nach seiner Heirat trifft er sie zufällig in einer Pension und beginnt eine heftige Affäre mit ihr. Er überschüttet sie mit Geschenken, macht ihr Versprechungen und als sein Aufenthalt zu Ende geht, steigt er einfach in den Zug und meldet sich nie wieder bei ihr.

Das komfortable Leben an der Seite seiner Frau ist ihm wichtiger als seine Liebe zu Vera, die ihm aber sein ganzes Leben nicht aus dem Kopf gehen wird. Seine Frau erfährt von dieser Affäre nichts, auch nicht von irgendeiner anderen seiner Affären.

… er belobte sich selbst mit einiger Melancholie, weil er, ein anerkannt schöner und verführerischer Mann, außer der leidenschaftlichen Episode mit Vera nur noch neun bis elf gegenstandslose Seitensprünge in seiner Ehe sich vorzuwerfen hatte.

Ein paar Jahre später, während eines Urlaubs mit seiner Frau erhält Leonidas einen Brief von Vera. Aus Angst vor schlechten Nachrichten und auch aus Furcht, sein armseliges Verhalten vor Augen geführt zu bekommen, zerreisst er den Brief ungelesen.

Nach all den Jahren der Funkstille nun über 15 Jahre später wieder ein Brief von Vera. Aschfahl flüchtet er auf die Toilette, um den Brief dort heimlich zu lesen. Vera Wormser auf dem Weg ins Exil und bittet Leonidas um Hilfe für einen begabten jüdischen Jungen, der im NS-Deutschland nicht die Schule beenden darf.

Leonidas Leben gerät an dem Tag aus dem Gleichgewicht. Der Verlust seines Reichtums, seines inszenierten noblen Lebens, ist undenkbar für ihn. Er glaubt, dass es sich bei dem jungen Mann um seinen Sohn handelt und einige Stunden lang ist er bereit auf all seinen Luxus zu verzichten, seiner Frau zu beichten und sich zu seinem Sohn und Vera zu bekennen.

Er trifft sich mit Vera, die ihn warten lässt, nicht im geringsten mehr an ihm oder gemeinsamen Erinnerungen interessiert ist. Er sichert ihr Hilfe zu, aber seine edlen Pläne seiner Frau aufrichtig gegenüber zu sein, sind da bereits begraben.

Abends sitzt er in der Oper  „Während er unter der drückenden Kuppel dieser stets erregten Musik schläft, weiß Leonidas mit unaussprechlicher Klarheit, dass heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er weiß, dass er daran gescheitert ist. Er weiß, dass ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird.“

Nur seine Frau sieht, das er im Laufe des Tages um Jahre gealtert ist, der einzige Hinweis, dass dieser Tag nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist.

Dieser Roman ist ein Meisterwerk, großartig die subtile Sprache berührend und eindringlich.

Traumnovelle – Arthur Schnitzler

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„Die Entblößung der Gefühle ist viel anstößiger, als die des Körpers.“ Das Buch als Magazin ist klasse – was für eine großartige Idee Klassiker mit gutem, coolen Design unters Volk zu bringen und frische Leser an Stoffe zu führen, um die sie sonst vielleicht instinktiv einen Bogen gemacht hätten. In blau gedruckt sind am Textrand zusätzliche interessante Informationen zu Autor und Geschichte zu finden.

Schnitzler’s Traumnovelle hat ja dank der phantastischen Kubrick-Verfilmung „Eyes wide shut“ vor einigen Jahren ziemliche Aufmerksamkeit bekommen, aber obwohl ich die Traumnovelle seit ich den Film damals im Kino sah, lesen wollte, bin ich nie dazu gekommen. Das hat sich jetzt dank Buch als Magazin geändert.

Fridolin, ein junger Arzt, und seine Frau Albertine führen eine glückliche Ehe. Sie sind schon länger verheiratet, haben eine kleine Tochter und urplötzlich entdecken sie, das beide Partner zumindest in Träumen und Gedanken durchaus an anderen Interesse haben. Sie erzählen sich recht offen davon, offener, als es ihnen im ersten Moment gut zu tun scheint. Fridolin verlässt verstört das Haus und gerät in der Nacht in Strudel der Gefühle und Abenteuer. Einerseits will er Albertine betrügen, um sie für ihre Phantasien zu bestrafen, andererseits geht er den sich bietenden Gelegenheiten dann doch aus dem Weg.

„Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Augen wurden feucht, große Tränen liefen ihr über die Wangen herab und wieder verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Unwillkürlich legte er seine Hand auf ihren Scheitel und strich ihr über die Stirn. Er fühlte, wie ihr Körper zu zittern begann, sie schluchzte in sich hinein, kaum hörbar zuerst, allmählich lauter, endlich ganz ungehemmt. Mit einem Mal war sie vom Sessel herabgeglitten, lag Fridolin zu Füßen, umschlang seine Knie mit den Armen und presste ihr Antlitz daran. Dann sah sie zu ihm auf mit weit offenen, schmerzlich-wilden Augen und flüsterte heiß: „ich will nicht fort von hier. Auch wenn Sie niemals wiederkommen, wenn ich Sie niemals mehr sehen soll; ich will in Ihrer Nähe leben.“

Weder die sich ihm zu Füßen werfende Patienten-Tochter noch die Prostituierte, der er auf der Straße dann in die Arme läuft und die ihn mit in ihr Zimmer nimmt, können ihn zum Seitensprung bewegen.

Als er anschließend einen alten Bekannten trifft, der ihn verbotenerweise auf eine geheimnisvolle Orgie mitnimmt, gerät das Leben des braven Doktor endgültig in gefährliche Bahnen. Er ist fasziniert von einer schönen maskierten Unbekannten, die ihn mehrfach warnt, den Ball zu verlassen, doch er bleibt, wird erwischt und bevor man ihm etwas antun kann, opfert sie sich für ihn.

Am nächsten Tag versucht er Nachforschungen anzustellen, um herauszufinden, was mit der schönen Unbekannten passiert ist, aber er erhält nur eine weitere Warnung:

„Geben Sie Ihre Nachforschungen auf, die völlig nutzlos sind, und betrachten Sie diese Worte als zweite Warnung. Wir hoffen in Ihrem Interesse, dass keine weitere nötig sein wird.“

Die Geschichte ist geprägt von einer wunderbar melancholischen dunklen surrealen Atmosphäre. Man spürt Schnitzlers Interesse für Psychologie und Freuds „Traumdeutung“ hat die Geschichte stark geprägt.

Auch die anderen Geschichten „aus der Gegenwart die dazu passen“ haben mir ganz gut gefallen. Besonders klasse: Das Cover leuchtet im Dunkeln, wenn man es vorher kurz unter eine Lampe gehalten hat:

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Novelle fertig, jetzt mag ich den Film mal wieder sehen!

Ein Kapitel aus meinem Leben – Barbara Honigmann

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Es ist schwer sich vorzustellen wie es ist, wenn man mit zwölf oder dreizehn Jahren mitbekommt, dass die eigene Mutter mit DEM Doppelagenten und Meisterspion Kim Philby in den 30er Jahren verheiratet war. Wie hätte ich mich wohl in dieser Situation verhalten? Barbara Honigmann hat nicht wirklich viel von der Vergangenheit ihrer Mutter erfahren. Die war – ob von Natur aus oder antrainiert – eine sehr geheimnisvolle Frau. Eine, die wohl wenn möglich nicht log, aber doch nie ganz die Wahrheit sagte, die wenn sie log, versuchte, dicht an der Wahrheit zu bleiben und die mit allem stets im Vagen blieb und die sich für ihre eigene Vergangenheit nicht wirklich interessierte, zumindest nur äußerst ungern darüber sprach und sich rigoros jeglichen Interviews verweigerte.

So ist Barbara Honigmann großgeworden, so hat sie ihre Mutter gekannt und geliebt und so habe ich es mir dann auch erklärt, dass sie nie wirklich nachgeforscht hat, keine Reisen an die Lebensstationen ihrer Mutter unternommen hat, nicht mit Zeitgenossen gesprochen hat, das macht dieses Buch so außergewöhnlich und auch interessant.

Sie hat über das Kapitel im Leben ihrer Mutter so geschrieben, wie sie es von ihrer Mutter erzählt bekommen hat. Sie hat durchaus interpretiert und für sich nach Erklärungen gesucht, aber nicht als investigative Journalistin. Viele Fragen bleiben offen, aber letztendlich ist es ja dieses offene und ungeklärte, das so bezeichnend für die Mutter war. Alles war unklar. Lisa, Lizzy oder doch Litzy Kunstmann oder Honigmann? War der Geburtstag am 1. oder 2. Mai ? Wann genau wurde sie von welchem Mann geschieden?

Für ihre Zeit war Honigmann’s Mutter eine sehr libertär lebende und denkende Frau. Eine Jüdin, die früh in die Kommunistische Partei eingetreten war, viele Ehemänner und Liebhaber hatte, auf den unterschiedlichen Stationen in ihrem Leben in Wien, London, Paris, Berlin wohl auch stets Verbindung zu Geheimdiensten unterhalten und die nur wenige Jahre vor ihrem Tod fast full circle wieder in Wien landet, erst dann aus der Kommunistischen Partei aus und in die Jüdische Gemeinde wieder eintritt.

Barbara Honigmann hat eine wundervolle, zärtlich liebevolle und auch poetische Geschichte über ihre Mutter geschrieben. Nach „Bilder von A.“ das zweite Buch das ich von ihr lese, aber ich denke nicht das letzte.

„Die Lebensbruchstücke meiner Mutter hatten alle scharfe Kanten.“

„Mein Vater hat mir sogar einmal gesagt, die Bindung an meine Mutter sei von Anfang an aus mehr freundschaftlichen Gefühlen erwachsen und nicht aus einer Leidenschaft der Liebe, deshalb war ihnen die Scheidung wohl besser gelungen als ihre Ehe, nach deren Zerbrechen die Freundschaft erst ihre eigentliche Form finden konnte.“

„Sie wünschte nämlich den „einfachen Menschen“ alles Gute, wenn sie ihr bloß nicht auf den Leib rückten.“

„Nur nicht aufhäufen, nur nicht sammeln und bewahren! Als müsse sie ein Schiff bei stürmischer See von Ballast befreien, warf meine Mutter ihr Leben lang alles weg, was nicht zu unmittelbarem Gebrauch bestimmt und von praktischem Nutzen war, alles, was ihrer Meinung nach das Schiff nur unnötig beschwerte.“

„Von der deutschen Familie, bei der meine Eltern in den allerersten Wochen in Pankow wohnten, sprach meine Mutter hingegen voller Verachtung. „Die haben sich immer nur selbst bemitleidet, von früh bis spät herumgeklagt und gejammert, wieviel Bettwäsche die Russen ihnen gestohlen hätten. Die Engländer habe ich während all der Kriegsjahre und Bombennächte in London nie jammern gehört.“

Und das war nur der Anfang ewiger Vergleiche zwischen den Deutschen und den Engländern, bei denen die Engländer eigentlich immer gut und die Deutschen immer schlecht wegkamen. Außer der Tatsache, daß sie die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt hatten, um sich dann auch noch selbst zu bemitleiden, konnte ihnen meine Mutter noch etwas anderes auf keinen Fall verzeihen: „Wenn du sie einmal zu dir nach Hause einlädst, merken sie einfach nicht, wann es wieder Zeit ist zu gehen. Engländer bleiben anderthalb Stunden, und dann ziehen sie sich zurück. Wie zivilisierte Menschen eben. Wer will sich schon stundenlang aussprechen!“