Ein Kapitel aus meinem Leben – Barbara Honigmann

honigmann

Es ist schwer sich vorzustellen wie es ist, wenn man mit zwölf oder dreizehn Jahren mitbekommt, dass die eigene Mutter mit DEM Doppelagenten und Meisterspion Kim Philby in den 30er Jahren verheiratet war. Wie hätte ich mich wohl in dieser Situation verhalten? Barbara Honigmann hat nicht wirklich viel von der Vergangenheit ihrer Mutter erfahren. Die war – ob von Natur aus oder antrainiert – eine sehr geheimnisvolle Frau. Eine, die wohl wenn möglich nicht log, aber doch nie ganz die Wahrheit sagte, die wenn sie log, versuchte, dicht an der Wahrheit zu bleiben und die mit allem stets im Vagen blieb und die sich für ihre eigene Vergangenheit nicht wirklich interessierte, zumindest nur äußerst ungern darüber sprach und sich rigoros jeglichen Interviews verweigerte.

So ist Barbara Honigmann großgeworden, so hat sie ihre Mutter gekannt und geliebt und so habe ich es mir dann auch erklärt, dass sie nie wirklich nachgeforscht hat, keine Reisen an die Lebensstationen ihrer Mutter unternommen hat, nicht mit Zeitgenossen gesprochen hat, das macht dieses Buch so außergewöhnlich und auch interessant.

Sie hat über das Kapitel im Leben ihrer Mutter so geschrieben, wie sie es von ihrer Mutter erzählt bekommen hat. Sie hat durchaus interpretiert und für sich nach Erklärungen gesucht, aber nicht als investigative Journalistin. Viele Fragen bleiben offen, aber letztendlich ist es ja dieses offene und ungeklärte, das so bezeichnend für die Mutter war. Alles war unklar. Lisa, Lizzy oder doch Litzy Kunstmann oder Honigmann? War der Geburtstag am 1. oder 2. Mai ? Wann genau wurde sie von welchem Mann geschieden?

Für ihre Zeit war Honigmann’s Mutter eine sehr libertär lebende und denkende Frau. Eine Jüdin, die früh in die Kommunistische Partei eingetreten war, viele Ehemänner und Liebhaber hatte, auf den unterschiedlichen Stationen in ihrem Leben in Wien, London, Paris, Berlin wohl auch stets Verbindung zu Geheimdiensten unterhalten und die nur wenige Jahre vor ihrem Tod fast full circle wieder in Wien landet, erst dann aus der Kommunistischen Partei aus und in die Jüdische Gemeinde wieder eintritt.

Barbara Honigmann hat eine wundervolle, zärtlich liebevolle und auch poetische Geschichte über ihre Mutter geschrieben. Nach „Bilder von A.“ das zweite Buch das ich von ihr lese, aber ich denke nicht das letzte.

„Die Lebensbruchstücke meiner Mutter hatten alle scharfe Kanten.“

„Mein Vater hat mir sogar einmal gesagt, die Bindung an meine Mutter sei von Anfang an aus mehr freundschaftlichen Gefühlen erwachsen und nicht aus einer Leidenschaft der Liebe, deshalb war ihnen die Scheidung wohl besser gelungen als ihre Ehe, nach deren Zerbrechen die Freundschaft erst ihre eigentliche Form finden konnte.“

„Sie wünschte nämlich den „einfachen Menschen“ alles Gute, wenn sie ihr bloß nicht auf den Leib rückten.“

„Nur nicht aufhäufen, nur nicht sammeln und bewahren! Als müsse sie ein Schiff bei stürmischer See von Ballast befreien, warf meine Mutter ihr Leben lang alles weg, was nicht zu unmittelbarem Gebrauch bestimmt und von praktischem Nutzen war, alles, was ihrer Meinung nach das Schiff nur unnötig beschwerte.“

„Von der deutschen Familie, bei der meine Eltern in den allerersten Wochen in Pankow wohnten, sprach meine Mutter hingegen voller Verachtung. „Die haben sich immer nur selbst bemitleidet, von früh bis spät herumgeklagt und gejammert, wieviel Bettwäsche die Russen ihnen gestohlen hätten. Die Engländer habe ich während all der Kriegsjahre und Bombennächte in London nie jammern gehört.“

Und das war nur der Anfang ewiger Vergleiche zwischen den Deutschen und den Engländern, bei denen die Engländer eigentlich immer gut und die Deutschen immer schlecht wegkamen. Außer der Tatsache, daß sie die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt hatten, um sich dann auch noch selbst zu bemitleiden, konnte ihnen meine Mutter noch etwas anderes auf keinen Fall verzeihen: „Wenn du sie einmal zu dir nach Hause einlädst, merken sie einfach nicht, wann es wieder Zeit ist zu gehen. Engländer bleiben anderthalb Stunden, und dann ziehen sie sich zurück. Wie zivilisierte Menschen eben. Wer will sich schon stundenlang aussprechen!“

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