#WomeninSciFi (4) The Power – Naomi Alderman

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Miss Booleana, die diese Woche Naomi Aldermans „The Power“ vorstellt, hat höchstwahrscheinlich selbst eine heimliche Powerbank irgendwo, an die sie sich regelmässig anschließt. Anders kann ich mir ihren irren Output auf ihrem Blog fast nicht erklären. Ich kenne wenige Menschen mit einem derart großen Wissen über Manga, Anime, Filmen, Serien und den Bereich IT, über die sie auf ihrem Blog spannend, differenziert und intensiv schreibt. Als sei das nicht genug, kann sie auch noch richtig gut zeichnen und illustrieren, woran sie uns auf ihrem zweiten Blog teilhaben läßt.

Warum habe ich sie eigentlich nicht gefragt, ob sie diesen Artikel illustrieren könnte? Ein echter Booleana auf meinem Blog hätte mir sehr gefallen. Aber was (noch) nicht ist …

Aber jetzt gebe ich ihr und Naomi Alderman das Wort:

Zuerst ist da das Hören-Sagen und die Handy-Videos, die auf einzelnen Netzen geteilt werden. Frauen, die elektrische Ladungen erzeugen können. Ein paar wenige. Doch was anfangs für Zufall, später für einen Virus und lange Zeit nur für einen Trick gehalten wird, greift bald um sich. Immer mehr Frauen haben sie – The Power. So ist auch der Titel von Naomi Aldermans 2016 erschienen Buch, das die Geschlechterrollen auf den Kopf stellt.

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In der Welt, die sie schildert, existiert ausschließlich am Schlüsselbein von Frauen ein Muskel, das sogenannte Skein, das elektrische Ladungen provoziert. Es greift um sich, immer mehr Frauen entdecken, dass sie die Fähigkeit haben und lernen sie zu kontrollieren. Es ist kontroverser denn je, da Männer scheinbar nicht über diesen Muskel verfügen. Auch bei den Frauen muss das Skein lange inaktiv gewesen sein. Es gibt Theorien, warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt die Kraft entdeckt wurde. Das globale Phänomen löst verschiedenste Emotionen aus. Während andere sich über die Entdeckung freuen, es schlicht cool finden und sich wie bei den X-Men fühlen, sind andere schockiert und empört. Befreiung und Emanzipation – Frauen können sich durch die (sofern sie wollen) sogar tödlichen elektrischen Ladungen gegen Gewalt zur Wehr setzen. Sie fühlen sich stark, während andere sich benachteiligt fühlen. Wer als Mann mit Skein zur Welt kommt oder als Frau ohne oder es nicht kontrollieren kann, wird ausgegrenzt.

Aldermans Roman streut all diese Erscheinungen und Informationen nebenbei. Es sind eine handvoll Personen aus deren Perspektive sie die Geschichte erzählt beginnend bei den ersten Sichtungen von Frauen, die ihre Fähigkeiten öffentlichen zeigen bis hin zu einem Tag X, an dem sich alles verändert. Der Roman ist der Countdown. Bis dahin wird alles durch die Augen der Tochter eines Gangsters erzählt, die nun die im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftigste Waffe ihrer Familie wird. Und aus der Sicht des angehenden Reporters Tunde, der nicht selten Angst vor Frauen haben muss, die von ihrer Vormacht profitieren und die es nun sind, die diese missbrauchen.

Eine junge Frau erkennt gar die Chance das erste Mal in ihrem Leben eine Anführerin zu sein und wird Gründerin einer religiöse Bewegung – rund um die Macht. Eine Politikerin muss verstecken, dass sie über die Macht verfügt, weil sie ansonsten als beeinflussbar gilt. Schließlich gibt es anhand der Veränderungen im zarten Gefüge der Welt nun einige politische Entscheidungen zu treffen. Dass Jungen und Mädchen in getrennten Bussen zur Schule fahren ist eine der ersten Forderungen, die klar macht, dass das bisher als starke Geschlecht angesehene, seine Rolle verloren hat. Der Umsturz der Gesellschaft wie wir sie kennen und in der man sich in vielen Teilen der Welt lange um Gleichberechtigung bemüht hat, zieht krasse Veränderungen nach sich. In einigen Teilen der Welt schlägt die Befreiung der Frauen aus den Zwängen der Gesellschaft um in ein Regime, das nun Männer zu den Opfern macht, so als ob man von der Gewalt der Vergangenheit nichts gelernt hätte.

„Men are no longer permitted to drive cars.

Men are no longer permitted to own businesses.

Foreign journalists and photographers must be employed by a women.

Men are no longer permitted to gather together, even in the home […].“

In den Teilen der Welt in der Gleichberechtigung schon vorher mühsam aufrecht erhalten und oftmals trotzdem noch verfehlt wurde, ist es jetzt die Frau, die dem Mann die Hand auf das Knie legt und im Vertrauen sagt, dass er jetzt besser den Mund zu halten hat. Alderman zeichnet aber nicht nur Feindbilder, sondern auch von Frauen, die diese drastische Entwicklung früh bemerken. So wie die Leserin, die die Lektüre anfangs noch genießt, sich aber bald fragen muss: Das würde ich doch besser machen oder? Trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Alderman ihre Geschichte um Ausnahme-Personen herum gebaut hat. Ein investigativer Journalist, eine Gangsterbraut, eine Politikerin, eine religiöse Führerin. Wo sind die Ottonormal-Frauen und -Männer? Auch in dieser Gesellschaft muss es sie geben. Somit fühlt sich Aldermans Geschichte sehr exklusiv, aber eben nicht sehr natürlich an.

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Der Roman ist neben den Science-Fiction-Aspekten aber v.A. auch ein Gesellschaftsroman. Man könnte fast meinen, dass Science hier v.A. Der Rahmen ist, der die Fiction kleidet, die uns zu einem Gesellschaftsroman führt. Die Erklärungen, woher das Skein plötzlich kommt, sind zum Großteil biologisch und genetisch bedingt. Zu was die Frauen in der Lage sind, erscheint plausibel und das Grundszenario ebnet den Weg für eine spannende gesellschaftliche Studie. Es ist Science-Fiction ohne Raumschiffe, ohne massenhaft Physik oder Chemie, aber es ist ein ausgeklügeltes Was-wäre-wenn unserer Gesellschaft, wenn sich umkehrt, was man als normal angenommen hatte. Geschichtliche Fragmente weisen durch das Buch verteilt darauf hin, dass The Power die Welt für immer verändert hat. Die Rahmenhandlung des Buches und die eigentlich durchschlagende Wirkung des Szenarios erschließen sich dem Leser und der Leserin aber erst ganz zum Schluss. Und das sitzt. Wieviel sind wir bereit dafür zu geben alte Gesellschaftsbilder aus den Köpfen der Menschen zu bekommen?

„I feel instinctively – and I hope you do, too – that a world run by men would be more kind, more gentle, more loving and naturally nurturing.“

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Die Gabe“ im Heyne Verlag.

Vielen lieben Dank, liebe Miss Booleana fürs Mit- und Lust machen auf „Women in SciFi“ nächste Woche stellt uns Birgit von Sätze & Schätze Jeanette Wintersons „Die steinernen Götter“

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Die nächste SciFi Protagonistin die ich euch vorstellen möchte, ist Sarah Connor aus der Terminator-Reihe. Ein Charakter der sich von der schüchternen Jungfrau in Nöten aus dem ersten Film zur aufopfernden Mutter, gesuchten Terroristin und stählernen Kämpferin weiterentwickelt hat.

Die bekannteste Darstellerin ist Linda Hamilton die Sarah Connor in den ersten beiden Filmen darstellte.

 

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3 Kommentare zu “#WomeninSciFi (4) The Power – Naomi Alderman

  1. Die Idee mit der illustrierten Rezension unterstütze ich voll. 😀

    „The Power“ habe ich noch vor mir (aktuell bin ich aufgrund mangelnder Lesezeit noch immer auf dem Weg zum kleinen, zornigen Planeten).

  2. Woah, was für eine Anleitung – vielen Dank für deine lieben Worte, die laden meinen Akku tatsächlich wieder mit Energie auf. 😀

    Und über die illustrierte Rezension müssen wir echt mal reden 🙂

  3. Pingback: Loblieder auf weiblichen Ungehorsam – In China fällt ein Sack Reis um.

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