Annette Kolb war Münchnerin und gleichzeitig vermutlich eine der un-münchnerischsten Stimmen ihrer Generation. Geboren 1870 in München, aufgewachsen zwischen bayerischem Bürgertum und französischer Kultur, fühlte sie sich früh in mehreren Welten zuhause. Während andere sich über Herkunft oder Nation definierten, dachte Kolb längst europäisch. München blieb dabei ein wichtiger Bezugspunkt: Kindheitsort, literarische Bühne, Ausgangspunkt eines Lebens zwischen München, Paris, Berlin und später dem Exil. Als Schriftstellerin, Essayistin, glänzende Rednerin und überzeugte Europäerin gehörte sie über Jahrzehnte zu den bekanntesten literarischen Stimmen ihrer Zeit und ist heute doch erstaunlich leise geworden. Dabei war sie alles andere als leise: geistreich, unbequem, pointiert, mit einem Humor, der blitzschnell ins Scharfe kippen konnte, und mit einer politischen Klarheit, die in den 1920er- und 1930er-Jahren bemerkenswert früh war.
Annette Kolb wuchs in München in einem außergewöhnlich kosmopolitischen Elternhaus auf. Ihr Vater Max Kolb war königlich bayerischer Gartenbaudirektor, ihre Mutter Sophie Danvin stammte aus Paris und war Pianistin. Dieses Aufwachsen zwischen deutscher und französischer Kultur wurde prägend: Kolb verstand sich früh als Vermittlerin zwischen den Ländern, als europäische Stimme lange bevor „europäisch denken“ zu einem politischen Schlagwort wurde. Sie schrieb auf Deutsch, fühlte sich in Frankreich zuhause, bewegte sich selbstverständlich zwischen München, Paris und später auch Berlin und machte aus diesem „Dazwischen“ ihr literarisches Zentrum. Nicht entweder-oder, sondern beides zugleich.
Literarisch begann sie vergleichsweise spät, wurde dann aber schnell wahrgenommen. Bereits ihre frühen Essays und Romane wurden publiziert, gleichzeitig machte sie sich als Vortragsrednerin einen Namen. Besonders während des Ersten Weltkriegs wurde sie zu einer Ausnahmefigur. Während nationalistische Töne lauter wurden und Intellektuelle sich öffentlich auf Seiten des Krieges stellten, sprach Kolb offen gegen Militarismus und gegen die zunehmende Verrohung Europas. Das war mutig und kam sie teuer zu stehen. Ihre pazifistische Haltung machte sie in Deutschland zunehmend zur Zielscheibe. 1915 hielt sie ihren berühmten Vortrag gegen den Krieg, woraufhin ihre Texte stärker angegriffen wurden. Dass sie sich davon nicht einschüchtern ließ, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, dennoch musste sie danach zum ersten Mal ins Exil – sie ging nach Paris.

In Armin Strohmeyrs Biografie „Annette Kolb – Dichterin zwischen den Völkern“ wird genau diese Haltung eindrucksvoll sichtbar. Mir gefiel, wie klar Kolb als politische und zugleich sehr widersprüchliche Persönlichkeit gezeigt wird: brillant und warmherzig, aber durchaus eigensinnig, scharf beobachtend, gesellschaftlich präsent und gleichzeitig jemand, der Distanz brauchte. Strohmeyer zeichnet ihren Weg von München über Paris bis ins amerikanische Exil nach und macht sehr greifbar, wie konsequent Kolb für Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich eintrat und wie isoliert sie sich damit gerade in Krisenzeiten machte. Beeindruckend fand ich auch die späten Jahre: Kolb, längst eine berühmte Autorin, fährt im hohen Alter selbst Auto, reist allein, bleibt unabhängig und unbeirrbar. Diese Mischung aus geistiger Beweglichkeit und persönlicher Freiheit beeindruckt mich.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Kolbs Leben erneut politisch. Ihre Werke wurden verboten, sie selbst diffamiert. Als entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus und als Frau mit engen französischen Verbindungen musste sie Deutschland verlassen. Das Exil führte Annette Kolb zunächst nach Frankreich, später über Portugal in die USA. Dort lebte sie recht verarmt, denn ihre Werke wurden nicht übersetzt und sie lebte vom übrig gebliebenen Ersparten und Zuwendungen von Freund*innen. Wie bei so vielen Exilbiografien liest sich das heute erschütternd konkret: die plötzliche Abreise, die Unsicherheit des Unterwegsseins, der Verlust des vertrauten Umfelds und zugleich der Versuch, politisch und literarisch präsent zu bleiben. Nach dem Krieg kehrte Kolb nach Europa zurück und lebte wieder zwischen München und Paris. Sie wurde geehrt, ausgezeichnet und als bedeutende Schriftstellerin gewürdigt und doch blieb wie bei vielen Exilierten ein Bruch. Das Vertraute war nicht einfach wieder da, und Heimat wurde für sie endgültig zu etwas, das immer mit mehreren Orten verbunden blieb.

Besonders nahe gekommen ist mir Annette Kolb über ihre Briefe in „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“. Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Von den drei gelesenen Büchern war das für mich das schönste. In Briefen wirkt Literatur oft unmittelbarer als in jeder Biografie und bei Kolb ganz besonders. Da ist ihr Witz, ihre manchmal fast beiläufige Ironie, ihre Aufmerksamkeit für Sprache und Zwischentöne. Sie schreibt klug, oft sehr präzise, manchmal überraschend komisch, immer halb deutsch, halb französisch und man spürt sofort, wie wach sie ihr Gegenüber wahrnimmt. Gleichzeitig zeigen die Briefe ihr beeindruckendes literarisches Netzwerk: Begegnungen mit großen Namen ihrer Zeit, Diskussionen über Literatur und Politik, aber auch sehr persönliche Momente. Gerade diese Mischung mochte ich sehr. Die Briefe holen sie aus dem Denkmalhaften zurück ins Lebendige. Plötzlich sitzt da keine „berühmte Autorin“, sondern eine äußerst gegenwärtige Frau mit Temperament, Humor, Hut, Zigarettenspitze und Haltung. Eine Frau mit der man sofort weiterreden und ein Glas Wein trinken möchte.
Und dann natürlich „Die Schaukel“, wohl ihr bekanntester Roman. Ich habe es vor ein paar Jahren schon einmal gelesen für diesen Beitrag hier noch einmal vorgeholt. Das Buch ist stark autobiografisch geprägt und erzählt von einer Kindheit und Jugend zwischen München und Paris, zwischen Kulturen, Sprachen und Milieus. Die titelgebende Schaukel ist dabei mehr als ein Kindheitsbild: Sie steht für dieses Dazwischen, für Bewegung, Wechsel, für Nähe und Distanz zugleich. Kolb schreibt dabei nicht streng chronologisch oder klassisch-romanhaft; eher vignettenhafte kleine Beobachtungen, Momentaufnahmen etc. Vor allem die Szenen aus München um die Jahrhundertwende haben mir gefallen, die gesellschaftlichen Details, die Räume, die Atmosphäre, die feinen Unterschiede zwischen Milieus. Auch hier spürt man wie präzise, manchmal spöttisch, oft liebevoll sie ist. Man merkt auf jeder Seite, wie genau sie Menschen beobachten konnte. Und wie elegant sie das formuliert.
Was mich an Annette Kolb besonders beeindruckt: wie modern vieles an ihr wirkt. Diese Selbstverständlichkeit, sich nicht national festlegen zu lassen. Die Klarheit gegenüber autoritärem Denken. Das Beharren darauf, dass Kultur nicht an Grenzen endet. Dass Sprache verbinden kann statt trennen. Und gleichzeitig ihre Lust an Beobachtung, ihre Ironie, ihre Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen. Gerade heute wirkt das erstaunlich aktuell. Europa scheint oft selbstverständlich, wenn wir in den Urlaub fahren etc bis man erlebt, wie schnell Grenzen im Kopf wieder hochgezogen werden. Kolb wusste sehr genau, wohin Nationalismus führen kann. Sie hat das früh gesehen und öffentlich benannt. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret gegen Krieg, gegen Hass, gegen die Vorstellung kultureller Überlegenheit.
Vielleicht berührt mich deshalb ihre Stimme gerade jetzt so sehr. Weil sie nie pathetisch wird und trotzdem Haltung zeigt. Weil sie scharf formulieren kann, ohne laut werden zu müssen. Und weil sie zeigt, dass Literatur politisch sein kann, ohne ihren literarischen Ton zu verlieren.

Ihr Nachlass wird in der Monacensia in München verwahrt, wo er der Forschung und Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. In der Dauerausstellung im Erdgeschoss sind zudem ausgewählte Exponate aus ihrem Leben und Werk zu besichtigen, die einen berührenden Einblick in ihre literarische Welt bieten. Ein Besuch lohnt sich nicht nur für ihre Fans, sondern für alle, die sich für Münchner Literatur- und Kulturgeschichte interessieren.
Annette Kolb war zu Lebzeiten eine prominente Stimme, heute begegnet man ihr deutlich seltener als Zeitgenoss*innen wie Thomas Mann oder Rainer Maria Rilke. Umso wichtiger, sie jetzt wieder zu entdecken.
Eine Stimme, die bleibt, gerade weil sie sich nie eindeutig festlegen ließ und sich doch in den entscheidenden Momenten sehr klar positionierte. Vielleicht ist genau das ihre Aktualität: europäisch denken, widersprechen, genau hinsehen und sich die Freiheit des eigenen Tons bewahren.
Und auf jeden Fall: mehr Annette Kolb lesen.

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