Read around the World: Tansania

Der Zufallsgenerator schickt uns diesmal nach Tansania. Ein Land in Ostafrika, das viele zuerst mit Bildern von Serengeti, Kilimandscharo oder Sansibar verbinden. Kaum ein anderes afrikanisches Land steht international so sehr für Natur und landschaftliche Weite. Gleichzeitig wird Tansania außerhalb Afrikas politisch und gesellschaftlich oft deutlich weniger wahrgenommen als andere Staaten der Region. Dabei ist es eines der bevölkerungsreichsten Länder Afrikas und ein Land, in dem sich Fragen von Geschichte, Identität, wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlichem Wandel besonders spannend beobachten lassen.

Tansania entstand in seiner heutigen Form erst 1964 durch den Zusammenschluss von Tanganjika auf dem Festland und Sansibar, der Inselgruppe im Indischen Ozean. Die koloniale Geschichte prägt das Land bis heute. Zunächst war das Gebiet Teil von Deutsch-Ostafrika, später stand es unter britischer Verwaltung. Nach der Unabhängigkeit entwickelte sich unter Julius Nyerere eine politische Idee, die Tansania lange geprägt hat: Ujamaa, ein afrikanisch-sozialistisches Gesellschaftsmodell, das Gemeinschaft, Bildung und wirtschaftliche Selbstständigkeit in den Mittelpunkt stellte. Vieles daran wurde später kritisch bewertet, zugleich ist Nyerere bis heute eine zentrale Figur der tansanischen Geschichte. Anders als in vielen Nachbarstaaten verlief die politische Entwicklung vergleichsweise stabil. Größere Bürgerkriege oder gewaltsame Machtwechsel blieben aus, etwas, das in einer Region mit oft konfliktreicher Geschichte keine Selbstverständlichkeit ist.

Politisch ist Tansania heute eine Präsidialrepublik. Seit 2021 steht Präsidentin Samia Suluhu Hassan an der Spitze des Landes, als erste Frau in diesem Amt. Nach den zunehmend autoritären Jahren unter ihrem Vorgänger John Magufuli wurden viele ihrer ersten politischen Schritte international aufmerksam beobachtet. Hassan gilt als pragmatischer und diplomatischer, hat politische Öffnungen eingeleitet und das Verhältnis zu internationalen Partnern verbessert. Gleichzeitig bleibt Tansania ein Land, in dem Pressefreiheit, Opposition und zivilgesellschaftliche Arbeit immer wieder unter Druck geraten. Demokratische Institutionen bestehen, doch wie belastbar sie langfristig sind, wird weiterhin intensiv diskutiert.

Auch wirtschaftlich ist Tansania ein Land mit starken Gegensätzen. In den letzten Jahren ist die Wirtschaft deutlich gewachsen, getragen von Landwirtschaft, Bergbau, Tourismus und Infrastrukturprojekten. Gold spielt eine wichtige Rolle, ebenso Kaffee, Tee und zunehmend Erdgas. Gleichzeitig bleibt Armut für viele Menschen Alltag, besonders außerhalb der Städte. Während in Dar es Salaam neue Hochhäuser entstehen und sich die Stadt zu einem wirtschaftlichen Zentrum Ostafrikas entwickelt, leben viele Menschen auf dem Land von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und sind stark von Klima und Wetter abhängig. Die Folgen des Klimawandels sind längst spürbar, durch Dürren, veränderte Regenzeiten oder Überschwemmungen an der Küste.

Gesellschaftlich ist Tansania bemerkenswert vielfältig. Mehr als hundert ethnische Gruppen leben im Land und es werden 125 Sprachen gesprochen. Kiswahili verbindet diese Vielfalt als gemeinsame Sprache und ist für viele ein zentraler Teil nationaler Identität. Daneben wird Englisch vor allem im Bildungswesen und in offiziellen Zusammenhängen genutzt. Religiös ist das Land ebenfalls plural: Christliche und muslimische Gemeinschaften prägen das öffentliche Leben, dazu kommen traditionelle spirituelle Praktiken. Gerade Sansibar hat mit seiner Geschichte als Handelszentrum im Indischen Ozean eine ganz eigene kulturelle Prägung: arabische, afrikanische, persische und europäische Einflüsse treffen dort bis heute sichtbar aufeinander.

Ein Blick auf queere Rechte zeigt allerdings auch in Tansania deutliche Spannungen. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind strafbar, gesellschaftliche Akzeptanz ist gering und öffentliche Sichtbarkeit für viele Menschen riskant. Immer wieder berichten internationale Organisationen von Einschüchterung, Verhaftungen oder Diskriminierung. Gleichzeitig gibt es – wie in so vielen Ländern – auch hier Lebensrealitäten, die deutlich vielfältiger sind als die offiziellen Gesetze vermuten lassen. Viele Menschen organisieren Unterstützung im Privaten oder innerhalb kleiner Netzwerke, oft unter schwierigen Bedingungen. Auch Frauenrechte bleiben ein zentrales Thema: Bildung und wirtschaftliche Teilhabe haben sich in vielen Bereichen verbessert, zugleich bestehen große Unterschiede zwischen Stadt und Land, und traditionelle Rollenbilder prägen den Alltag weiterhin stark.

Die vergleichenden Daten:

  • Bevölkerung: ca. 72 Mio. Menschen
  • Fläche: rund 945.000 km²
  • Bevölkerungsdichte: regional sehr unterschiedlich, starke Konzentration in Städten und an der Küste
  • Sprachen: Kiswahili und Englisch
  • Politisches System: Präsidialrepublik

Ein Blick auf die Karte relativiert auch hier wieder europäische Maßstäbe: Tansania ist fast drei Mal so groß wie Deutschland. Zwischen den Küsten des Indischen Ozeans, Savannen, Hochland und den großen Seen Ostafrikas liegen enorme landschaftliche Unterschiede. Dazu kommt mit dem Kilimandscharo der höchste Berg Afrikas, ein weltbekanntes Wahrzeichen, das gleichzeitig zunehmend zum Symbol für Klimawandel geworden ist.

Ich selbst war noch nie in Tansania. Und vielleicht ist das wieder genau das Spannende an dieser Reise: dass man immer die gleichen Bilder im Kopf hat: Safari, Sansibar, Großwild, Kilimandscharo und wie schnell einem klar wird, wie viel komplexer ein Land hinter diesen Bildern ist. Tansania wirkt von außen oft ruhig und fast selbstverständlich stabil. Je länger man sich damit beschäftigt, desto sichtbarer werden die Spannungen: zwischen wirtschaftlichem Wachstum und sozialer Ungleichheit, zwischen politischer Stabilität und demokratischen Fragen, zwischen touristischer Außenwahrnehmung und dem Alltag von Millionen Menschen. Ein Land mit einer Wahnsinns Landschaft, mit viel Geschichte und mit vielschichtigen Gegenwart.

Literatur

Ein Blick auf die literarische Szene Tansanias zeigt noch einmal eine andere, oft weniger sichtbare Dimension des Landes. Literatur entsteht hier stark im Spannungsfeld zwischen mündlicher Tradition, der Swahili-Sprache als kulturellem Fundament und den Erfahrungen von Kolonialismus, Migration und gesellschaftlichem Wandel. Besonders prägend ist dabei die ostafrikanische Swahili-Literatur, die lange Zeit vor allem in Form von Poesie, Erzählungen und mündlich überlieferten Geschichten weitergegeben wurde. Schriftsteller wie Shaaban Robert gelten bis heute als wichtige Stimmen einer frühen modernen tansanischen Literatur, die nationale Identität und Sprache entscheidend mitgeprägt haben.

International sichtbar geworden ist die Literatur aus Tansania jedoch vor allem durch wenige, aber sehr einflussreiche Autor*innen. Einer der bedeutendsten ist Abdulrazak Gurnah, der 1948 auf Sansibar geboren wurde und später nach Großbritannien emigrierte. Sein Werk kreist immer wieder um Themen wie Exil, koloniale Gewalt, Migration und die Brüchigkeit von Identität, oft aus der Perspektive von Menschen, deren Geschichten im offiziellen historischen Narrativ kaum vorkommen.

Abdulrazak Gurnahs Roman „Nachleben“ erzählt die Geschichte mehrerer Menschen in Ostafrika über mehrere Jahrzehnte hinweg, beginnend in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft und weitergeführt durch den Ersten Weltkrieg bis in die spätere britische Kolonialzeit. Dabei verbindet Gurnah die einzelnen Lebenswege zu einem Geflecht aus Zufällen, Abhängigkeiten und historischen Brüchen.

Im Zentrum stehen für mich dabei besonders Khalifa und Afiya. Khalifa begegnet dem Leser zunächst als vergleichsweise unscheinbare Figur: ein Mann, der sich durch Verwaltungstätigkeiten, kleine berufliche Gelegenheiten und ein Geflecht aus Beziehungen und Loyalitäten im kolonial geprägten Alltag bewegt. Seine Biografie ist geprägt von Pragmatismus und Anpassung, aber auch von einer gewissen stillen Beharrlichkeit. Gerade seine Rolle als Vermittler zwischen verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Ebenen macht ihn zu einer Figur, die vieles zusammenhält, ohne je wirklich im Mittelpunkt zu stehen. Er ist jemand, der sich arrangiert, mit den Umständen, mit den Machtverhältnissen, aber auch mit den Brüchen, die das Leben ihm zumutet.

Noch stärker war für mich die Figur der Afiya. Ihre Geschichte gehört zu den eindrücklichsten im Roman, gerade weil sie mit einer extremen Erfahrung von Ausgeliefertsein beginnt. Als Kind wird sie innerhalb kolonialer und familiärer Gewaltverhältnisse wie ein Dienstmädchen behandelt, fast versklavt, ohne Schutzraum oder Bildung. Erst durch die Intervention ihres Bruders Ilyas und später durch Khalifa kommt sie in ein anderes Umfeld. Diese frühen Erfahrungen bleiben jedoch spürbar in ihrem weiteren Leben. Afiya ist eine Figur, die sich ihr eigenes Leben erst mühsam zurückerobern muss, über Bildung, über Arbeit und über Beziehungen, die ihr erstmals so etwas wie Sicherheit geben. Besonders bewegend ist dabei, wie vorsichtig und gleichzeitig entschlossen sie neue Formen von Zugehörigkeit ausprobiert, ohne je ganz aus der Vergangenheit herauszutreten.

Der Roman entfaltet seine Geschichte in einer sehr ruhigen, chronologischen Erzählbewegung. Gurnah wechselt zwischen Perspektiven, bleibt aber immer nah an den Figuren und folgt ihnen über lange Zeiträume hinweg. Gleichzeitig hat mich beim Lesen genau diese erzählerische Haltung manchmal auf Distanz gehalten. Die Sprache wirkt klar, kontrolliert und fast dokumentarisch, als würde man weniger einen Roman als eine präzise rekonstruierte Chronik lesen. Diese Distanz hat mir den Zugang zu den Figuren nicht immer leicht gemacht; insbesondere emotionale Verdichtungen bleiben oft zurückgenommen.

Durch den Roman erscheint das Land nicht als statischer Ort, sondern als historisch überlagerter Raum, in dem koloniale Gewalt, soziale Mobilität und persönliche Lebensentwürfe ineinandergreifen. Gurnahs Roman zeigt diese Zusammenhänge ohne Pathos, aber auch ohne Distanzlosigkeit, eher wie ein genaues, manchmal beinahe zurückhaltendes Protokoll von Leben unter Bedingungen, die kaum jemals wirklich selbstbestimmt sind.

Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises 2021 wurde Gurnah international stärker wahrgenommen. Gleichzeitig hat seine Auszeichnung auch den Blick auf die Literatur Ostafrikas insgesamt verändert.

Musik

Die derzeit populärsten Klänge im ostafrikanischen Land sind die in Daressalam entstandenen lokalen Spielarten des Reggae und des HipHop. Der Rap Tansanias nennt sich Bongo Flava, der vor allem über Cassetten-Tapes seine Verbreitung findet. Bongo Flava bedeutet sinngemäß der Sound oder das Hirn Daressalams, seine bekanntesten Vertreter sind die Rapper Ali Kiba und Diamond Platnumz. Den R’n’B der Szene dominieren hingegen zwei Sängerinnen, Lady Jaydee und Vanessa Mdee.

Die traditionelle Taarab-Musik vereint die arabischen, afrikanischen und indischen Einflüsse der Swahili-Kultur und ist neben Tansania in Kenia und Sansibar weit verbreitet. Sie wird von Orchestern gespielt, die von Solo-Gesängen und oft auch von Chören begleitet werden. Einflüsse des Taarab finden sich aktuell auch im Singeli-Sound, eine Tanzmusik aus dem Underground Daressalams, die mit hohen BPMs und abenteuerlicher Electronica experimentiert. Einer der profiliertesten Figuren der Szene ist der Produzent Mohamed Hamza Ally (aka Sisso) mit seinem Sisso Records Studio, hier eine Kollaboration mit dem Keyboarder Maiko:
https://nyegenyegetapes.bandcamp.com/album/singeli-ya-maajabu

Jahrhundertealte Tanzmusik und Gesänge, Musik zu rituellen Anlässen wie zum Entertainment dokumentieren die Field Recordings ‚Music Of Tanzania‘, die der Musiker und Ethnograph Laurent Jeanneau um die Jahrtausendwende bei den Ureinwohnern der Hadza, Datoga und Makonde zusammentrug und 2025 über das weltweit Klang-forschende Label Sublime Frequencies des experimentellen Rockmusikers Alan Bishop veröffentlichte:
https://sublime-frequencies.bandcamp.com/album/music-of-tanzania

Der kalifornische Musikproduzent Ian Brennan veröffentlichte 2017 das Debüt-Album ‚White African Power‘ des Tanzania Albinism Collective, das sich mit den Mitteln des lokalen Blues, Folk-Gospels und Rap für die Belange der Albinos einsetzt und auf ihre prekäre Situation hinweist. In keinem Land der Erde leben mehr Albinos als in Tansania, und nirgendwo sind sie aufgrund ihrer hellen Hautpigmentierung mehr bedroht durch irrationalen Aberglauben und mörderische Hexenjagden. Der Auftritt des Collectives 2017 beim berühmten englischen WOMAD-Festival gilt bis heute als einer der emotionalsten, der auf dem von Peter Gabriel gegründeten Weltmusik-Happening bis dato über die Bühne ging.
https://gerhardemmerkunst.wordpress.com/2017/09/12/reingehoert-354-tanzania-albinism-collective/

Vielen lieben Dank an Gerhard Emmer für den interessanten musikalischen Einblick.

Film


Vielen lieben Dank an Sabrina Schaub für den spannenden filmischen Einblick: Tansania war lange Zeit eher als Filmmarkt oder als Drehort interessant. Der US-Film Hatari! mit John Wayne und Hardy Krüger wurde beispielsweise 1962 in Tansania gedreht. Heute produziert das Land selbst Filme und hat nach Nigeria und Ghana die drittgrößte Filmindustrie in Afrika.


In Anlehnung an Hollywood, Bollywood und Nollywood, wie es in Nigeria heißt, spricht man hier von „Bongowood“ oder „Swahiliwood“. Entwickelt hat sich dieser sichtbare und kommerziell wichtige Teil der Filmlandschaft Anfang der 2000er-Jahre. Zuvor war die Filmszene zunächst von der britischen Kolonialzeit geprägt, in der vor allem staatlich finanzierte Lehrfilme entstanden. Nach der Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich entwickelte sich eine eigene Filmkultur, bei deren Aufbau unter anderem jugoslawische Filmemacher halfen.


Inzwischen entstehen in Tansania etwa 500 Filme im Jahr – fast so viele wie in Hollywood. Die Filmschaffenden produzieren vor allem Low-Budget-Filme, doch es gibt auch hochwertige Kinoproduktionen und Dokumentarfilme. Ein großer Teil der Filme wird mittlerweile über YouTube veröffentlicht. Sie zeichnen sich durch authentisches Storytelling aus und behandeln Familienkonflikte, Liebe, Verrat und soziale Probleme.


Wer Lust auf einen Horrorfilm aus Tansania hat, findet auf der kostenlosen Streaming-Plattform Fawesome den Film Obambo (2022). Darin gehen zwei Journalist:innen den unheimlichen Vorkommnissen in einem Wohnhaus auf den Grund, in dem ein Geist sein Unwesen treiben soll. Zwar sieht man dem Film sein geringes Budget an, und er hat einige Längen. Dafür sind Licht, Effekte und Jumpscares gut gemacht. Nebenbei kommt man mit einer afrikanischen Geisterlegende in Berührung, die in den Sagen vieler Regionen in Zentralafrika auftaucht, und bekommt einen kleinen Einblick in das moderne Tansania.

Als nächstes geht es ins sonnige Griechenland. Kommt ihr mit? Lust auf die bisherigen Stationen – dann bitte hier entlang:

https://bingereader.org/category/read-around-the-world

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