#Women in Science (3) Mary Anning

Heute darf ich mit Marion vom Literatur-Blog „Schiefgelesen“ eine wunderbare Wiederholungstäterin begrüßen, die schon tatkräftig bei den #Women in SciFi mitgeholfen hat. Auf ihrem Blog finde ich immer wieder spannende Literatur auch insbesondere von Autorinnen und außerdem glaube ich, sie ist ein fast genauso heftig infiziertes Dino-Fangirl wie ich. Aber jetzt auf nach Lyme Regis, wo sie uns mit Mary Anning bekannt macht:

Mary_Anning_by_B._J._Donne

Foto: Wikipedia

Mary Anning – Jägerin der verborgenen Schätze

An der heute bekannten Jurassic Coast in Dorset lebte von 1799 ‑1847 Mary Anning, die erste professionelle Fossiliensammlerin Englands und vermutlich sogar der Welt. Sie wurde in Lyme Regis geboren und verbrachte dort ihr ganzes Leben. Dieser Abschnitt der englischen Küste ist aufgrund seiner geologischen Beschaffenheit ein idealer Ort um Fossilien zu finden, da sie in den dortigen Gesteinsformationen besonders gut konserviert wurden.

Zunächst sammelte Mary Anning die Fossilien aber nicht aus Freude an ihrer Seltenheit oder Schönheit. Ihr Vater war Tischler in dem kleinen Ort und sammelte, wenn die Auftragslage mal wieder schlecht war, Fossilien am Strand, um sie als Kuriositäten an Touristen zu verkaufen. Mary war von Kindesbeinen an dabei und bewies schnell ein außergewöhnliches Talent für die Suche und erkannte mit sicherem Blick, in welchen Steinen sich fossile Funde verbargen. Als Mary elf Jahre alt war, starb ihr Vater und der Fossilen-Verkauf wurde zur einzigen Einnahmequelle der Familie. Von da an war Mary Anning bei Wind und Wetter am Strand zu finden, wo sie mit Sammelkorb und Hammer auf der Suche war. Auch dass sie mehrfach fast von Steinschlägen erwischt wurde, hielt sie nicht davon ab, wieder und wieder auf die Suche zu gehen. Und der Erfolg gab ihr Recht. Sie sammelte außergewöhnlich schöne und gut erhaltene Fossilien, von deren Verkauf sich die Familie zumindest leidlich über Wasser halten konnte. Der große Durchbruch für sie kam aber, als sie am Strand das Fossil eines altertümlichen Krokodils entdeckte – zumindest wurde es zunächst dafür gehalten. Es bedurfte mehrerer Jahre erhitzter wissenschaftlicher Debatten, bis man einsah, dass das Krokodil eine völlig neue Spezies war. Mary Anning hatte den ersten Ichtyosaurus gefunden. Die Debatte bot einigen Zündstoff, denn zu Annings Lebzeiten ging man noch davon aus, dass die Erde und alles Leben auf ihr an sieben Tagen nach einem perfekten Plan geschaffen wurde. Eine ausgestorbene Spezies hatte in diesem Weltbild keinen Platz.

women-science-logo@2x

Umso größer war die Aufregung um Marys Funde, erst Recht, nachdem sie auch andere unbekannte Skelette in den Klippen fand. Über die Jahre entwickelte sie ein gut funktionierendes Unternehmen. Zusammen mit ihrer Mutter betrieb sie einen Laden im Ort und engagierte immer wieder Arbeiter, die ihr halfen, die riesigen Fossilien unbeschadet aus den Klippen zu brechen. Außerdem führte sie auswärtige Besucher an den Strand und zeigte ihnen gute Fundorte. Für eine unverheiratete Frau ihrer Herkunft war das eine stolze und ungewöhnliche Leistung, brachte ihr aber keine gesellschaftliche Anerkennung ein. Eher im Gegenteil. Das ungebührliche Verhalten der Annings fand im Ort wenig Beifall. Auch der Zugang zur wissenschaftlichen Untersuchung ihrer Funde blieb ihr aber verwehrt. Sie konnte zuverlässig Arten beschreiben, vergleichen und unterscheiden, zuverlässiger als manche Männer, die über die Skelette schrieben. Aber sie war eben nur eine Dienstleisterin. Mary Anning lieferte die gereinigten Skelette ab, bekam den verhandelten Preis und verschwand dann von der Bildfläche. In den Museen, in denen ihre Funde ausgestellt wurden, war ihr Name völlig unbekannt. Erst in den letzten Jahren ändert sich das an vielen Stellen. Zu ihren Lebzeiten war Anning aber oft verbittert, weil sie selbst erkennen musste, dass es für sie in der starren Gesellschaft in der sie lebte, keine Aufstiegsmöglichkeiten gab, obwohl sie Wissen und Talent genug besaß.

Immerhin wurde sie in der Geological Society aber so sehr geschätzt, dass man eine Sammlung für sie veranstaltete, als sie jung an Brustkrebs erkrankte und nicht mehr arbeiten konnte. Als sie verstarb, wurde sie gegen jedes Protokoll im Jahresrückblick der Gesellschaft erwähnt. Danach allerdings geriet sie für lange Zeit fast völlig in Vergessenheit. Heute sind unterschiedliche Fossilien nach ihr benannt und ihr Heimatort ehrt sie mit einer Straße und einem Museum. Auch wenn Mary Anning nie als anerkannte Wissenschaftlerin tätig werden durfte, hat sie für die Paläontologie viel geleistet. 2010 ehrte die Royal Society sie als eine der zehn einflussreichsten Frauen in der Wissenschaft Großbritanniens.

Anning

Wer mehr über diese Frau lesen möchte, findet diverse Biographien, die in den letzten Jahren erschienen sind, darunter Jurassic Mary: Mary Anning and the Primeval Monsters von Patricia Pierce, auf dem dieser Text und mein ganzes Wissen über Anning basiert. Soweit ich weiß, ist bisher leider keine Biographie ins Deutsche übersetzt worden. Aber nicht weniger interessant ist der Roman Remarkable Creatures (dt.: Zwei bemerkenswerte Frauen) von Tracy Chevalier. Sie schreibt über Anning und ihre Freundin und Mit-Sammlerin Elizabeth Philpot, die zur gleichen Zeit in Lyme Regis lebte, wenn auch unter völlig anderen Voraussetzungen. Besonders die gesellschaftliche Brisanz von Mary Annings Verhalten und ihrer Funde wird im Roman sehr deutlich und lebendig. Dabei bleibt Chevalier so eng an den historischen Fakten, dass das Fehlen einer deutschen Biographie kein sehr großer Verlust mehr ist.

Mary_Anning_Plesiosaurus.jpg

Foto: Wikipedia

Wer jetzt Lust auf mehr Dinosaurier und Paläontologie bekommen hat, bitte hier entlang zur entsprechenden Hirngymnastik.

Bis zum nächsten Mittwoch, da wird es bei #Women in Science um eine brilliante Mathematikerin gehen.

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Ein Kommentar zu “#Women in Science (3) Mary Anning

  1. Lieben Dank für diesen Beitrag, der so anschaulich und prägnant Mary Annings Leben und Arbeit zeigt und mich wieder einmal daran erinnert hat, „Remarkable Creatures“ zu lesen.

    In meinem Job muss ich auch regelmäßig gegen Windmühlen kämpfen und werde mit Vorurteilen konfrontiert, was extrem frustrierend und demotivierend ist. Im Vergleich zu Hindernissen, wie sie Anning begegneten, sind die heutigen Widerstände aber regelrecht harmlos.

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