Dichtung und Wahrheit

Ich lese viel zu selten Gedichtbände, aber jetzt hatte es mich mal wieder gepackt und ich habe vier sehr unterschiedliche Bände gelesen, die ich euch gerne vorstellen möchte. Ich fange mit dem Band an, der mich ganz besonders gepackt und überrascht hat.

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Die Polin Wislawa Szymborska wurde 1923 in einer kleinen Stadt im westlichen Polen geboren und lebte seit sie 8 Jahre alt war in Krakau. Während der deutschen Besatzungszeit ging sie heimlich zur Schule, nachdem die Nazis die höheren polnischen Schulen und Universitäten verboten hatten. Sie studierte polnische Literatur und Soziologie und arbeite von 1952 bis 1981 für eine Kulturzeitschrift Zycie Literackie (Literatur Leben). Sie veröffentlichte über 10 Bände mit Gedichten, arbeitete als Übersetzerin insbesondere französischer Lyrik aus dem 16. und 17. Jahrhundert und erhielt im Jahr 1996 den Nobelpreis für Literatur.

Szymborska gab wenig über ihr Privatleben preis. Ihr Gedichtband „Hundert Freuden“ war das erste Werk der Autorin, das ich erst kürzlich in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden habe. Aufmerksam wurde ich ehrlich gesagt gar nicht durch ihren Nobelpreis, sondern durch Maria Popova, die des Öfteren Gedichte der Polin auf ihrer Webseite veröffentlichte.

Szymborskas Gedichte lesen sich auch in der Übersetzung (Übersetzer Karl Dedecius) sehr gut und ich habe sehr schnell Feuer gefangen. Ihre Gedichte haben eine unglaubliche Kraft, sind rhythmisch und voller Witz. Sie sind oft knapp und sehr präzise und sie nimmt wiederholt die Mängel von formaler Religion auf der einen und dem Marxismus auf der anderen Seite unter die Lupe.

Gelegentlich erinnerte sie mich an Emily Dickinson, eine andere Dichterin, die ich immer wieder gerne lese. Szymborskas Gedichtband hat mir sehr gefallen und ich möchte gerne noch mehr von ihr lesen.

 

Weiter geht es mit Sylvia Plath, von der ich mir kürzlich die gesammelten Gedichte gekauft habe. Bislang hatte ich von ihr  „The Bell Jar„, die Kurzgeschichten „Zungen aus Stein“ und den Gedichtband „Übers Wasser“ gelesen.

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Bis zu ihrem Tod am 11. Februar 1963 hatte Sylvia Plath eine riesige Anzahl Gedichte geschrieben. Mit wenigen Ausnahmen brachte sie jedes ihrer Gedichte zu Ende, so dass es ihren Qualitätsstandards genügte und verwarf nahezu nichts. Wie ein Handwerker machte sie gerne aus einem Tisch notfalls einen Stuhl, wenn es nicht anders ging, oder eben ein Spielzeug.

Plaths Gedichte sind scharfzünnig, ironisch und sehr intensiv. Sie decken ein weites Spektrum dabei ab, ihre Sprache ist voller Schärfe und überaus präzise. Man spürt den scharfen Intellekt der Autorin, nicht alle Gedichte waren jedoch gleich interessant. Gelegentlich waren sie etwas steif und ich musste immer wieder längere Pausen einlegen vor dem Weiterlesen.

Schade, dass die Autorin so früh aus dem Leben schied, ich hätte es sehr spannend gefunden zu sehen, wie sich ihr Werk im Laufe ihres Lebens verändert hätte. Plaths Gedichtband ist ein Muss für jeden Fan, aber als Einstieg könnte es eventuell Gedicht-Neulinge etwas überfordern.

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Mir sagen immer wieder Leute, dass sie überhaupt nichts mit Gedichten anfangen können. Ich finde das schade, habe aber selbst lange einen Bogen um Lyrik jeglicher Art gemacht. Dabei gibt es so viele wunderbare Gedichte zu entdecken.

Die beiden Bände „Milk and Honey“ von Rupi Kaur und „Sad Birds still sing“ von faraway sind mögliche Einstiegshilfen. Die Gedichte sind kurz, leicht verständlich, eventuell vielleicht auch ein bisschen zu instagrammable. Ich habe sie gern gelesen, sie sind aber im Vergleich zu den anderen beiden Autorinnen in der Tat Fastfood. Aber – es lebe die Abwechslung und ab und darf es durchaus auch mal leichte Kost sein.

Rupi Kaur hat mit ihrem Gedichtband „Milk and Honey“ 2014 für Furore gesorgt und ihr Buch war monatelang auf der Beststellerliste der New York Times. Sie war 22 Jahre alt, als sie das Buch veröffentlichte. Der vorliegende Band ist eine Sammlung von Gedichten, in denen es ums Überleben geht, um Gewalterfahrungen, Missbrauch, Liebe, Verlust und Weiblichkeit. Die Gedichte sind in vier Kapitel aufgeteilt, jedes einem anderen Ziel gewidmet. Milk and Honey sucht nach Schönheit in den schwierigsten Momenten des Lebens.

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„Sad Birds Still Sing“ ist ein Gedichtband des anonymen Autors, der als „Faraway“ bekannt ist. „Faraway“ wurde innerhalb kürzester Zeit ein riesiger Social Media Star mit über 400.00 Followern, den man auf Instagram unter @farawaypoetry finden kann.

Der Stil ist minimalistisch, sehr eingängig und optimistisch. Dieser Band nimmt seine Leser auf eine Entdeckungsreise mit, die Themen wie Liebe, Verlust, Depression, Träume, Eltern sein und vieles mehr umfasst. Jede Emotion hat seinen Platz und ist notwendig:

„It is still beautiful when the sad bird sings“

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Wie sieht es bei euch aus? Seit ihr routinierte Lyrik-Fans oder meidet ihr sie eher? Wer sind eure liebsten Dichterinnen und Dichter?

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4 Kommentare zu “Dichtung und Wahrheit

  1. Ich bin großer Lyrikfan. Ohne Lyrik geht bei mir nichts. Lese neben Roman immer einen Gedichtband. Ich schreibe ja oft auch auf meinem Blog darüber. Mit Szymborska ging es mir ähnlich. Ihre Gedichte sind, oft in den letzten Zeilen, eine Wucht!
    Viele Grüße!

  2. Mit Rupi Kaur liebäugele ich auch, ansonsten habe ich mir Jen Campbells Gedichtband The Girl Aquarium bestellt. Ich habs eigentlich nicht so mit dem magischen Realismus, aber die Gedichte, die sie auf ihrem Booktube-Kanal vorgelesen hat, haben mir gut gefallen.

  3. Ich lese sehr selten Gedichte. Und dabei bin ich doch musikalisch eher den tiefsinnigeren Texten verbunden und Musik ist ja auch nur vertonte Dichtung. Hmmmm, lese ich also doch viele Gedichte. 😉

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