Im Cafe der verlorenen Jugend – Patrick Modiano

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Der zweite Versuch, mich dem Literaturnobelpreisträger 2014 zu nähern, denn mein erster Versuch mit „Der Stammbaum“ war nicht recht gelungen. Modiano hat einen sehr speziellen Stil, seine Bücher sind kleine Wunderwerke, die das Paris der 60er Jahre wieder auferstehen lassen und sie wirken wie schwarz-weiß-Aufnahmen, entzückend melancholische, bittersüße nostalgische Träumereien.

Es passiert gar nicht viel in diesem Buch über eine junge mysteriöse Frau. Sie sucht häufig ein Cafe auf, das Stammlokal einer Clique junger Leute, immer mit einem Buch in der Hand. Sie ist schön und mysteriös und scheint sich für obskure esoterische astronomische Theorien zu interessieren. Die Stimmen von vier unterschiedlichen Männern erzählen von der jungen Frau Louki, von ihrem Leben und ihrer Liebe. Aber nicht das, was sie erzählen, macht Louki aus, sondern was sie nicht über sie erzählen. Was man erahnt, die Schatten der Vergangenheit, die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, Gefühle und Liebe, die mal war und gerne noch wäre. Modiano erzählt mit unwiderstehlicher Eleganz,  ein Ton, der sich wie ein Ohrwurm festsetzt.

Der Leser liest zwischen den Zeilen, versucht selbst zusammen zu basteln, was eigentlich passiert ist. Der Autor leistet da nur wenig Hilfe. Verstreute Erinnerungen, ob wahr oder nicht, schweben durch die Straßen und schaffen dabei eine Atmosphäre, die einen unverzüglich die Nachtzug-Fahrpläne nach Paris checken lassen.

„Man will eben Bindungen schaffen, verstehen Sie…
Natürlich verstand ich das. In diesem Leben, das uns manchmal vorkommt wie eine große Brachfläche ohne Wegweiser, inmitten all dieser Fluchtlinien und verlorenen Horizonte, würde man gern Bezugspunkte finden, eine Art von Kataster anlegen, um nicht länger das Gefühl zu haben, dass man sich ziellos treiben lässt. Also knüpft man Beziehungen, versucht, ungewissen Zufallsbekanntschaften zu festigen.“

Modianos Bücher haben einen ganz bestimmten Rhythmus, ein langsames Schlingern wie ein Boot auf einem nebligen See. Einfach die Atmosphäre geniessen und damit leben können, dass man seine kleinen literarischen Detektivgeschichten nicht wirklich lösen kann. Als Modiano erfuhr, den Literaturnobelpreis gewonnen zu haben sagte er: „“I always have the impression that I write the same book, which means it’s already 45 years that I’ve been writing the same book,” – von daher können wir uns mit dem Lösen seiner Rätsel auch noch etwas Zeit lassen.

Einfach ins Cafe gehen mit einem seiner Bücher und eintauchen in den schwarz-weiß Nebel seiner Geschichten.

Ein Stammbaum – Patrick Modiano

Modiano

Patrick Modiano war schon länger auf meinem Radar. Schon vor Literaturnobelpreis und all dem Wirbel wegen der Thematik seiner Bücher. Bücher über schwierige Kindheiten und Jugend beschäftigen mich, lese ich häufig und dabei bin ich immer wieder einmal über Modiano gestolpert.

Als er dann den Nobelpreis für Literatur bekam, hat es nicht sofort kling gemacht, dass das der Autor dieser vielen dünnen Büchlein ist, von denen ich schon längst eines hätte lesen wollen. Und vor ein paar Wochen im Buchladen, da lag dann wieder so einladend ein hübscher Modiano (ich habe ein Faible für dünne gebundene Bücher mit schönem Cover) und ich habe zugeschlagen.

Gleich vorneweg: „Ein Stammbaum“ scheint mir nicht der ganz perfekte Einstieg in Modianos Welt zu sein. Modiano sagt selbst an einer Stelle in seiner kurzen Autobiografie, dass er nichts dafür kann, dass die Worte so schnell aufs Papier fallen. Er muss sich beeilen oder er verliert den Mut. Und das spürt man auf jeder Seite. Temporeich, atemlos reiht er Name an Name, Ort an Ort, Jahreszahl and Jahreszahl. Erzählt ganz nüchtern und ohne jede Sentimentalität von einer trostlosen, lieblosen, einsamen Kindheit. Eine Autobiografie die klingt wie ein Roman und die sicherlich insbesondere interessant ist für Leute, die seine Romane kennen.

„Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle. Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfaßt, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlußstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war. Es handelt sich um eine dünne Schicht von Fakten und Gesten. Ich habe nichts zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung. Im Gegenteil, je dunkler und geheimnisvoller die Dinge blieben, desto mehr haben sie mich immer interessiert. Ja, ich versuchte ein Geheimnis sogar in etwas zu finden, was gar keines hatte.“
Seine Eltern leben in einer Welt, die mit ihrem Sohn nichts zu tun hat. Sie interessieren sich nicht für ihn und auch nicht für seinen jüngeren Bruder. So als gäbe es die Kinder nicht wirklich. Sie sind nur Ballast, die Hälfte seiner Kindheit versucht der Vater seinen Sohn in Internaten etc. loszuwerden und die Mutter zeigt nur dann ansatzweise Interesse an ihm, wenn sie glaubt sie könne durch ihn an Geld gelangen.

„Ich sah meine Mutter selten. Ich erinnere mich an keine wirklich zärtliche oder beschützende Geste von ihr. Ich war in ihrer Gegenwart immer ein wenig auf der Hut. Ihre plötzlichen Zornesausbrüche verstörten mich, und da ich in den Religionsunterricht  ging, betete ich, dass Gott ihr vergebe.

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So sehr Modianos „Stammbaum“ einem Protokoll gleicht mit seiner irren Abfolge dahingehetzter Details – so finden sich doch immer wieder zwischendrin ganz wunderbare poetische kleine Perlen. Eine solche Autobiografie erfordert viel Mut beim Schreiben und man spürt seine Verletzlichkeit und seinen Schmerz insbesondere dann, wenn er schnell über die Fakten huscht (wie z.B. den Tod seines Bruders), ohne die Erlebnisse großartig zu kommentieren, um sich auf Distanz zu halten von einer Kindheit, die irgendwie nie wirklich seine eigene war.

Es ist mein erster Mondiano, ich glaube es wäre besser gewesen, als Einstieg einen anderen zu wählen, aber dennoch ist „Ein Stammbaum“ ein wunderbares Buch, das große Lust macht auf mehr Modiano. Diesen Satz kann ich sehr gut nachvollziehen. Takes a dog, to spot a dog 😉

„Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum.“

Das Buch ist im Hanser Verlag erschienen.

Die Mandarins von Paris – Simone de Beauvoir

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Es ist immer eine gewagte Sache ein Buch, das einen mit Anfang 20 total begeistert hat, Ewigkeiten später noch einmal zu lesen. Mir ist es immer schwer gefallen, mein absolutes Lieblingsbuch zu nennen, ich habe stattdessen immer eine Handvoll – gelegentlich auch wechselnder – Lieblingsbücher. Aber die „Mandarins“ waren immer dabei. Mit diesem Buch habe ich damals blau gemacht, ich bin nicht ins profane Büro, ich wollte intellektuelle Luft schnappen und habe den ganzen Tag im Cafe Max Liebermann in den Hamburger Kunsthallen zugebracht und mir vorgestellt, ich sei in Paris 😉

Das Buch also nochmal. Großes Wagnis. Die Camus-Biografie die ich kürzlich las, dann die Reportagen von Janet Flanner – ich bin in den letzten Wochen einfach unweigerlich darauf zurück getrieben. Ich habe es gewagt und zum Glück – ich habe keine Enttäuschung erlebt. Es hat mich wieder genauso gepackt wie damals – die einzige Konzession ans Alter – ich habe dieses Mal nicht blau gemacht, sondern es im Urlaub begonnen und abends zu Ende gelesen 😉

Simone de Beauvoir ist eine Frau, deren Werk ich sehr bewundere. 1908 als ältere von zwei Töchtern in ein gutbürgerliches Elternhaus hineingeboren, studierte sie in den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts Philosophie und legt als zweitbeste nach Sartre, den sie im Studium kennenlernt, ihre Prüfung ab. Sartre und Beauvoir arbeiten einige Jahre in unterschiedlichen Städten, bis sie es Mitte der 30er Jahre schaffen, beide eine Anstellung in Paris zu finden.

Sie veröffentlicht 1954 den Roman „Die Mandarins von Paris“ und es wird ihr bis dahin größter Erfolg, gekrönt durch den renommierten Prix Goncourt. Das Buch gilt als Schlüsselroman, der die Situation der intellektuellen Elite (der Mandarins) in Frankreich beleuchtet. Für Simone de Beauvoir ist alles Fiktion. Sie beleuchtet facettenreich die Situation der Intellektuellen, die nach dem gemeinsamen Kampf gegen die Nazis auf der Suche nach einer Lösung sind, um Kriege ein für alle mal zu beenden, die ihre persönliche Verantwortung hinterfragen und in ihren politischen Engagements zersplittern und in verschiedenste Lager zerfallen. Die Handlung beginnt Weihnachten 1944 und endet Anfang der 50er Jahre.

Sie versuchen ihrem Gewissen zu folgen, versuchen Wege zu finden, mit den USA umzugehen, mit denen sie gemeinsam gegen die Nazis kämpften, dessen ungehemmten Kapitalismus sie aber schwer verurteilen, aber auch die Sowjetunion und der Kommunismus, der kurzfristig als allein seligmachende Ideologie dasteht, verliert mehr und mehr an Bestand durch die Informationen über brutalste Arbeitslager und Verfolgung von Andersdenkenden die aus dem stalinistischen Rußland kommen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die Paare Henri Parron (Albert Camus) und Paule, sowie Robert Dubreuilh (das Pendant zu Jean Paul Satre) und Anne (Simone de Beauvoir). Dazwischen gibt es noch Nadine, die Tochter der Dubreuilh’s, die ein wenig wie die Summe all der jungen Frauen wirkt, die im realen Leben Beziehungen mit de Beauvoir und Sartre hatten.

Die Freundschaft zwischen Parron und Robert Dubreuilh zerbicht am Espoir, der Tageszeitung, die Parron leitet und die ihm wahnsinnig viel bedeutet und die Dubreilh versucht, für seine politischen Zwecke einzusetzen. Dubreilh versucht einen Weg zwischen Kommunismus und europäischem Sozialismus zu finden. Für ihn ist die Sache wichtiger als die Menschen, bei Parron ist das eher umgekehrt. Am Ende gibt es weder die Zeitung noch Dubreilh’s Bewegung.

Anne Dubreilh steht etwas außerhalb der politischen Diskussionen. Sie arbeitet als Psychoanalytikerin und sucht mehr nach dem Glück im privaten Bereich als in der politischen Szene. Sie wird zu einer Vorlesungsreihe in die USA eingeladen und trifft dort auf Lewis (Nelson Algren). Es entspinnt sich eine leidenschaftliche Liebesaffäre, deren Zerrissenheit und späterem Ende der Situation der aus der Resistance hervorgegangenen Intellektuellen ähnelt.

Man traut de Beauvoir solche Romantik gar nicht zu, aber eines der schönsten Zitate überhaupt aus dem Buch ist eine Stelle, in der sie über ihre Liebe zu Lewis sagt:

„She was ready to deny the existence of space and time rather than admit that love might not be eternal“

Die Liebesbeziehung von Henri und Paule steht eher für die Schattenseite der Liebe und die Rolle der Frau in traditionellen Beziehungen. Paule gibt sich völlig auf für Henri, hat keinen anderen Lebensinhalt mehr als ihre Liebe und zerbricht später nahezu völlig, als Henri die Beziehung beenden will.

Neben der politischen und privaten Sinnsuche geht es bei den „Mandarins von Paris“ auch um die Lebensweise der Links-Intellektuellen. Die meisten von Ihnen haben einen priviligierten Hintergrund und können sich im Gegensatz zu den Arbeitern, für deren Rechte sie sich einsetzen, Reisen, Restaurantbesuche, schöne Wohnungen leisten.

De Beauvoir akzeptiert die Ehe oder eine lebenslange Partnerschaft auf geistiger Ebene. Körperliche Monogamie ist nicht ihr Ding. Sowohl im Roman als auch im realen Leben wird Promiskuität ganz selbstverständlich gelebt. Ich fand es interessant, dass sich der Feminismus bei ihr am frühesten auf sexuellem Gebiet bemerkbar macht.

Der Roman schildert den Konflikt zwischen Camus und Sartre sehr gut. Mir hat gefallen, dass sie nahezu objektiv schreibt und Camus meines Erachtens den Roman zu Unrecht als einen Angriff auf seine Person empfand.

Die „Mandarins von Paris“ ist nicht nur ein Roman für die Fans von de Beauvoir, Sarte und Camus oder Anhängern des französischen Existentialismus, in den man einen kleinen Einblick bekommt, sondern für alle, die Interesse an guter, tiefgründiger Lektüre haben.

Die über 800 Seiten lesen sich nicht einfach so weg, das wäre gelogen, aber es ist ein fesselndes Buch. Es spielt großteils in Paris mit Abstechern in die USA, Portugal, Mexiko, es ist das schillernde Zeugnis einer Zeit, in der die Menschen genau wie heute auf der Suche sind, wie man authentisch und richtig lebt. Auch wenn es auf der einen Seite schon gut 60 Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch teilweise erschreckend aktuell.

„Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur.“

„Um nichts in der Welt hätte ich diese Vergangenheit noch einmal erleben wollen, und doch hatte sie durch den Abstand der Zeit einen düsteren Zauber bekommen. Ich verstand wohl, dass Lambert sich in diesem Frieden langweilte, der uns das Leben wiederschenkte, nicht aber unsere Lebensinhalte.“

„Fest stand nur, dass er ein fast angstvolles Mitleid mit allen diesen Leben verspürte, die nicht einmal versuchten, sich auszudrücken.“

„Wenn die Situation an sich ungerecht ist, kannst du nicht korrekt in ihr leben. Deshalb wird man wohl dazu veranlaßt, sich politisch zu betätigen: um eine Änderung der Situation anzustreben.“

„Sie glaubte, die Arbeit sei für uns nur ein Mittel, um Erfolg oder Vermögen zu erreichen, und ich war irgendwie davon überzeugt, daß alle diese Snobs ihre gesellschaftliche Stellung gern hergegeben hätten, um dafür Begabung und intellektuelle Erfolge einzutauschen. Schon in meiner Kindheit schien mir eine Lehrerin eine wesentlich bedeutendere Persönlichkeit als eine Herzogin oder eine Millionärin zu sein, und diese Hierarchie hat sich kaum verändert.“

„Aber es ist keineswegs das gleiche, ob man im Interesse des andern oder in seinem eigenen anspruchsvoll ist.“

„Er unterschiebt den andern gern seine eigenen Anschauungen. Sie müssen doch zugeben, daß dies eine etwas imperialistische Form ist, den andern zu schätzen.“

„Die Menschen wandeln sich, aber was nützt es, wenn man das weiß. Man möchte sie sich doch in mancher Hinsicht unbeweglich vorstellen: hier war wieder ein Fixstern, der sich plötzlich an meinem Himmel bewegte.“

„Der ist glücklich, der der Wahrheit seines Lebens ins Gesicht schauen und sich daran freuen, der sie auf den Gesichtern von Freunden entziffern kann.“

„Wenn man sich heute in die Politik mischt, so ist das Schreckliche daran, daß man zu genau weiß, welchen Preis die Fehler kosten.“

„Im Allgemeinen reagiert er auf die großen Zusammenhänge, nicht aber auf besondere Einzelfälle“.

„Überleben bedeutet letztlich, daß man unaufhörlich mit dem Leben wieder beginnt. Ich hoffte, daß ich es noch konnte.“

„Um zu erfahren, wer du bist und was du tun willst, mußt du entscheiden, wo in der Welt dein Standort ist.“

„Dazu verhilft die Literatur: sie zeigt die Welt den andern so, wie man sie selbst sieht.“

„Die Kunst ist ein Versuch, das Böse zu integrieren“.

„Es ist wahr, daß wir alle ein wenig puritanisch sind, dachte er, ich auch. Weil wir es verabscheuen, wenn man uns unsere Privilegien vor Augen führt.“

„Ihm bedeutet eine Idee keine Anhäufung von Worten, sondern etwas Lebensvolles; Ideen, die er in sich aufnimmt, werden in ihm lebendig, sie bringen alles in Unordnung, und er muß schwer arbeiten, um in seinem Kopf wieder Ordnung zu schaffen.“

Hier noch ein wirklich interessantes Porträt über Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1973. Fand ich sehr spannend 🙂

Darlinghissima – Janet Flanner

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Die Frauen der Left Bank in Paris haben mich immer schon sehr fasziniert und Janet Flanner ganz besonders. Ich habe kürzlich ihre Kurzportraits „Legendäre Frauen und ein Mann – Transatlantische Portraits“ gelesen und ich war einfach neugierig auf die Frau hinter dem Pseudonym „Genet“, die über 50 Jahre lang regelmäßig alle zwei Wochen für den New Yorker ihren „Letter from Paris“ über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte ihres Lebens in Paris schrieb.

Flanner kam in den 20er Jahren mit ihrer Partnerin Solita Solano (was für ein Name! 😉 ) in Paris an und wurde innerhalb kürzester Zeit Mitglied des intellektuellen Künstlerkreises um Getrude Stein, Alice B. Toklas, Djuna Barnes, Natalie Clifford Barney, Romaine Brooks, die später als die „Frauen der Left Bank“ bekannt werden sollten. Was würde ich dafür geben wie im Film „Midnight in Paris“ einmal nur in dem Kreis verbringen zu dürfen. Nur zuhören und beobachten und ein Gläschen Whisky dabei trinken.

Sie war ihr lebenlang als Journalistin tätig und politisch stets interessiert. Den 2. Weltkrieg verbrachte sie in New York wo sie 1940 die gebürtige Italienerin Natalia Danesi Murray traf und mit ihr und ihrem Sohn zusammenlebte. Schon während der Olympischen Sommerspiele 1938 veröffentlichte sie ein kritisches Portrait über Hitler und war nach dem Sieg der Allierten als eine der ersten Journalistinnen zurück in Paris, wo sie als Kriegsberichtserstatterin für den New Yorker unter anderem über die Nürnberger Prozesse berichtet.

Ihr Treffen mit der damals 38jährigen Natalia war der Beginn einer sehr leidenschaftlichen und über 38 Jahre lang andauernden Beziehung. Die beiden lebten nur die ersten vier Jahre ihrer Beziehung und die letzten drei tatsächlich zusammen, aber die Briefe in „Darlinghissima“ legen Zeugnis ab, das es ihnen trotzdem gelungen ist, eine intensive Beziehung zu führen. Flanner und Solano führten zwar bis dahin keine monogame Beziehung, doch zerbrach diese daraufhin aber endgültig.

Das Buch ist sowohl als Liebesgeschichte zu lesen, als auch als spannender Zeitbericht. Vom Ende des 2. Weltkrieges, die Nachkriegszeit, die McCarthy Ära in den USA, über der Vietnam-Krieg bis zum Watergate Skandal reichen die Berichte hinaus. Janet Flanner und Natalia Danesi verkehren mit den interessantesten Schriftstellern, Künstlern, Filmstars ihrer Zeit. Dieser über 500 Seiten dicke Schinken wird nie langweilig. Er macht Lust auf mehr, man liest nach, verläuft sich gelegentlich im Internet und kehrt doch immer wieder zu Janet und Natalia zurück.

Flanner ist eine äußerst kritische intellektuelle Kommentatorin ihrer Zeit und sie kann richtig gut schreiben. Sie kann austeilen, kümmert sich aber liebevollst um ihre Freunde.

Ein wundervolles Buch, das es verdient nicht vergessen zu werden finde ich und eines das Lust macht, wieder einmal einen schönen Brief zu erhalten oder einen zu verschicken. Ich düse jetzt auf jeden Fall seit ein paar Tagen hoffnungsfroher an den Briefkasten und habe auch schon den guten Stift und das hübsche Briefpapier rausgesucht – gute Vorsätze muß man gleich umsetzen.

„I am always paralyzed at first in this city. Like an old gray bird from the country that can find no perch. But beneath my feathers my heart beats for you, dear one.“

„I am astounded how much more close to the points of decision the young ones are today, he is for example, when at his age, until thirty or more, I drifted, events pushed me, people pushed me, a French Civilization pushed me. I was like an eccentric young middle westerner in a foreign dream in which I lost my youth without noticing and all that energy for the work which it could have brought.“

„Dammit, give me a smoked-in bar and a good old martini anytime“, exlaimed Janet …
That had been the first and last attempt I ever made to get Janet interested in exercise of any kind…

„Most of the people on cure here are Germans: Marienbad is in the Russian Zone, but apparently even before the war the Nazis were here. The Germans have changed sartorially at least … dress well, act well, and, of course, eat like elephants.“

„I don’t know if you ever see the London Time Sunday Magazine; this last Sunday it contained a profile written by Miss Brody on Colette that treats her nearly exclusively as a lesbian (so named) and incestuously in love with her mother (so phrased). Quite brilliantly written but excessively sexual I find. After all, she had another organ too, did Colette – her writer’s brain, and it was not between her legs but in her skull…“

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Darlinghissima – Briefe an eine Freundin“ im Kunstmann Verlag erschienen.

Albert Camus: Das Ideal der Einfachheit – Iris Radisch

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Das ausgerechnet ich mich für einen Autor begeistere, der in seinem Tagebuch vermerkt „Außer in der Liebe ist die Frau langweilig“ überrascht ganz schön, nicht zuletzt mich. Auch seine Tochter wollte erst nicht so recht glauben, dass ihr verehrter Herr Papa so etwas geschrieben haben soll und musste erst durch einen Hinweis von Radisch mit Nachblättern im Tagebuch davon überzeugt werden.

Trotz aller dunklen Seiten, Herr Camus hat was. Ich mag seine Bücher „Der Fremde“, „Die Pest“ und „Der erste Mensch“ – mehr habe ich bislang noch nicht von ihm gelesen. Und man glaubt es sofort, dass seine Lieblingsworte „Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer und das Meer waren. Diese Worte bilden die einzelnen Kapitel in Radisch’s rasend guter Biografie.

Iris Radisch hat sich dem übergroßen Autor sehr emphatisch genähert, hat ihn nicht auf ein Podest gestellt und man merkt, dass sie sein rücksichtsloses casanovahaftes Verhalten nicht billigt. Er, der sich als stets Fremder, als lebenslanger Exilant sieht, der niemanden braucht, kann nicht alleine sein und sammelt Frauen wie zufällig am Wegesrand auf. Unfähig sich zu trennen, lässt er dann drei, vier oder auch fünf Beziehungen gleichzeitig nebeneinander laufen.

Camus sieht sich meist nicht unbedingt realistisch. Camus als Genußmensch der die Einfachheit propagiert, ist nur eines der vielen Paradoxien in denen er steckt. Er beschreibt oft wie er sein möchte, nicht wie er ist. Wichtig ist ihm seine Mittelmeer-Philosophie, seine mediterrane Ideologie wie Iris Radisch sie nennt, die ihn sein Leben lang beschäftigt. Seine Idee dem alten Europa ein starkes latines Bündnis entgegenzusetzen.

Überhaupt geht er natürlich heute als eigentlicher Sieger aus den heftigen Fehden mit Sartre und anderen hervor. Er war der hellsichtigste unter den Pariser Intellektuellen in seiner Verurteilung jeglichen Totalitarismus.

„Nach 1989 begann man in Paris zwar langsam, Camus‘ Antitotalitarismus zu würdigen, man ergriff jedoch weiterhin für Sartre Partei, wenn es darum ging, Camus‘ Natur- und Geschichtsauffassung zu demontieren und den Zusammenhang beider zu bestreiten“.

Er war wahrscheinlich einer der ersten Wachstumskritiker und ein ausgesprochener Europäer, der jeglichen Nationalismus ablehnte. Eher Vermittler, einer der ewig zwischen den Stühlen saß. Den Linken zu stalin- und kommunismusfeindlich, den Algeriern zu französisch, den Franzosen zu algerisch, den Proletariern zu intellektuell und die Intellektuellen wie Sartre „wird das freihändige Philosophieren dieses algerischen Gassenjungen“ – wie er seinen jungen Rivalen nennt – zur Weißglut bringen.

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„Der Weltliebhaber verabscheut das Fortschrittsethos – verzichte auf das einfache Glück, das du jetzt genießen kannst, arbeite emsig und vertraue darauf, dass du morgen durch ein größeres entlohnt wirst. Das Meer, der Himmel, die Sonne, die Frauen, die Blumen – das reicht ihm, solange das Wetter gut ist (nur bei schlechtem Wetter wäre er bereit, langfristige Lebensinvestitionen zu tätigen und zum Beispiel zu heiraten).“

Camus möchte „sich verlieren, um sich wiederzufinden“. Und er verliert sich mächtig auf seinem Lebensweg. Er kommt 1913 in einer sehr armen französischen Arbeiterfamilie in Algier zur Welt und wird seinen Vater nie kennenlernen, da dieser schon kurz nach Beginn des ersten Weltkriegs fällt. Seine Mutter ist Analphabetin, stoisch und spricht kaum. Kaum vorstellbar, dass aus dieser fast archaisch anmutenden Armut einer der größten Autoren/Philosophen des 20. Jahrhunderts hervorgeht. Zum großen Teil hat er das seinem Lehrer zu verdanken, der seine Begabung erkennt und fördert und dem Camus in seiner Nobelpreisrede 1957 ein Denkmal setzt.

Weder seine ärmliche Herkunft, sein melancholisches schwermütiges Wesen noch seine Lungenkrankheit können ihn stoppen. Er hat ausgesprochen großen Erfolg bei den Frauen, die immer wieder alles für ihn tun, ihm den Rücken freihalten, teilweise aushalten, ihn lieben und umsorgen, aber keiner von ihnen gelingt es jemals ihn ganz für sich zu gewinnen.

Sein erster Roman „Der Fremde“ ist eine Art Huldigung an Algier, seine Jugend und seine Mutter. Themen die ihn ein Leben lang begleiten werden. Mit dem Roman „Die Pest“ kommt auch der wirtschaftliche Erfolg in Paris. Zu Paris wird ihn stets eine Hass-Liebe binden, er pflegt dort Freundschaften nahezu so ausgiebig wie seine Feindschaften.

Sein letzter Roman „Der erste Mensch“ ist für Iris Radisch sein eigentliches Meisterwerk. Posthum veröffentlicht ist es ein Fragment, in dem Camus seinem Ideal der Einfachheit am nahesten kommt. „Er stirbt buchstäblich in dem Augenblick, in dem alles beginnen könnte“.

Iris Radisch’s Biografie ist umwerfend gut, sie macht Lust sich noch weiter mit Camus und seinen Büchern zu beschäftigen. Ich habe seitenweise interessante Stellen markiert. Hier nur noch eine kleine Auswahl:

„Es gibt kein Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden kann.“

„Europa ist ein Scherbenhaufen. Überall in der Stadt sitzen junge Männer zusammen und brüten bis spät in der Nacht rauchend über den Drehbüchern der Zukunft.“

„Die Freundschaft zwischen Sartre und Camus, von der gern gesprochen wird, hat es niemals gegeben. Doch haben die beiden Stars von Saint-German-des-Prés auf den ersten Blick vieles gemeinsam. Beide – vaterlos aufgewachsen – bleiben ihr Leben lang bekennende Muttersöhne. Beide sind linksintellektuelle Generalisten, gründen Zeitungen, sind Philosophen, Theaterautoren, Journalisten, Romanautoren und öffentliche Intellektuelle. Beide haben ihre prägenden Einflüsse von der deutschen Philosophie empfangen, bei Husserl und Heidegger der eine, bei Nietzsche der andere. Beide bevorzugen literarisch einen gemäßigten Modernismus. Beide sind moderne Tragöden, die ihr Leben lang an dem metaphysischen Schock entlangschreiben, der das 20. Jahrhundert traf, als es merkte, dass der Mensch zwar von Zeit zu Zeit im Café de Flore, doch niemals in den endlosen Räumen des Kosmos von jemandem erwartet wird.“

„Philosophen werden selten bloß mit dem Verstand gelesen, oft mit dem Herzen und seiner Leidenschaft.“

„Im Rückblick hat Camus in allem Recht behalten: Es gibt keine Entschuldigung für die stalinistischen Schauprozesse; keine Zukunft ist es wert, dass in der Gegenwart für sie gemordet wird; Moral lässt sich nicht auf morgen vertagen; alle großen europäischen Revolutionen endeten als Erziehungsdiktaturen und hinter Mauern und Stacheldraht. Seine Kritik am Totalitarismus hat sich als eine der hellsichtigsten Gegenwartsanalysen des 20. Jahrhunderts erwiesen.“

Mitten ins Herz – Francoise Sagan

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Da hat einiges nicht gestimmt mit dem Buch. Zum einen sieht es aus wie eine absolute Kitsch-Schmonzette, der Titel ist auch nicht gerade einer, der mich vom Hocker haut und dann auch noch Bastei Lübbe. Hmmm. Hätte ich nicht vor vielen Jahren sehr begeistert Sagan’s „Bonjour Tristesse“ gelesen, dieses Büchlein hätte keine Chance gehabt. Es war glaube ich auch eine Papiermüll-Rettungsaktion und mit knapp 200 Seiten, habe ich mich einfach mal heran gewagt.

Es war auch besser als ich dachte, wenn auch lange nicht so gut wie ich „Bonjour Tristesse“ in Erinnerung habe. Mathieu, der Protagonist erhält von seinem Arzt die Prognose, unheilbar an Lungenkrebs erkrankt zu sein und nur noch 6 Monate zu leben. Daraufhin begleiten wir Mathieu durch diesen Tag, an dem er sich mit dieser Tatsache abzufinden versucht, viel Introspektive betreibt und sich von den wichtigen Frauen in seinem Leben verabschiedet.

Boah ging er mir dabei teilweise auf den Keks. Mathieu gibt sich einerseits sehr Camus‘ „Der Fremde“-mässig, so cool mit Kippe im Mundwinkel als kühler Denker durch die Gegend schreitend, sich mit hübschen Frauen schmückend und dann ist da so ganz und gar nichts cooles an ihm, wenn er mit den Frauen über seinen drohenden Tod spricht. Er ist ein Egoist durch und durch, aber er sagt ab und an ein paar sehr lesenswerte Sätze, daher konnte ich das ganz gut verzeihen. Ich habe es bei Goodreads auch immerhin mit 4 Sternen bewertet, denn obwohl der Egoist Mathieu mich streckenweise nervte und das Ende echt grottig ist, haben mich die paar guten Sätze ganz positiv gestimmt.

Dieses kurze Büchlein kann man gut mal zwischendurch schieben, aber wenn man es nicht gelesen hat, dann geht die Welt auch nicht unter.

Hier ein paar der Sätze die ich mochte:

„Zu jener Zeit, nebenbei bemerkt, war es nicht mehr üblich, Lokalrunden auszugeben. Ohne wirklich wichtigen Grund lud man seine Umgebung nicht mehr einfach so auf ein Glas ein. Es war eben nicht die Zeit für Geschenke. Geschenke wurden von der Steuer weder gebilligt noch entschuldigt, geschweige denn überhaupt zugelassen.“

„Er fühlte sich nämlich so lebendig wie noch nie, was sicher am Weißwein lag, am Alkohol, dem man in diesem Jahrhundert so ungerechtfertigterweise so viel Übles nachsagte, ihm, der doch der Freund des Menschen, das Wundermittel für dessen Seele und der Verbündete seines Körpers war.“

„Es war nicht der rechte Zeitpunkt, sich zu langweilen, das wußte er!“

„Schluß mit der Grübelei! Es lebe das Leben!“