Unterleuten – Juli Zeh

juli zeh

Juli Zeh ist eine der wenigen deutschen Autoren, von denen ich jedes Buch lese und am liebsten gleich, wenn es vom Stapel läuft. Ein Roman über ein Dorf in der Provinz ist nun normalerweise nicht das, bei dem ich atemlos und vor Freude jauchzend zugreife, denn als arroganter Städter klingt das für mich in etwa so attraktiv wie tot überm Zaun hängen (sorry, not sorry). Aber gut, wenn Frau Zeh das zum Thema macht, dann eben auch Dorf, Provinz, Ornithologen, junge Mütter und Windräder.

„Die jungen Leute von heute besaßen erstaunliche Talente. Zum Beispiel ungeheure Effizienz bei vollständiger Abwesenheit von Humor.“

Und wer hat nicht selbst genügend Erfahrungen mit dysfunktionalen Beziehungen, mit Idealisten, die dann doch irgendwie auf die Dark side gewandert sind, mit anstrengenden Hipstern, mit den dauerpolitisierenden vermeintlichen Sieger- oder Verlierertypen.

Wer sich also mindestens einmal zu entsprechenden Erfahrungen bekennen muss, der wird wahrscheinlich einen Großteil von sich selbst und seinem Bekanntenkreis in dem Protagonisten-Reigen des Romanes wiederfinden.

lonvig

Ok, es macht vielleicht nicht immer unbedingt Spaß, den Spiegel vorgehalten zu bekommen und man sich sieht in seiner verknitterten, augenberingten Glorie, aber da muss man durch. Frau Zeh ist da unerbittlich, in Technicolor und 3D beleuchtet sie die Düsternis in der vermeintlichen Idylle des Dorfes „Unterleuten“. Windräder spalten ein ganzes Dorf, die zugezogenen Natur-Naivlinge wünschen sich unveränderte Naturschönheit, sie sind schließlich nicht aus der Stadt weggezogen um jetzt wieder mit dem Fluch des Fortschritts konfrontiert zu werden, die knorrigen Dörfler hoffen auf Geld und Zukunft für ihr Dorf und man fragt sich ständig während des Lesens, wo würde man selbst wohl stehen.

„Was ihn so gebannt zu hören ließ, war die Art, wie Frederick und Lina miteinander sprachen.  Die beiden gehörten zu einer fremden Spezies. Nichts an ihnen war gedämpft. Nichts an ihnen war unsicher, zurückhaltend, zweiflerisch oder bescheiden. Diese jungen Menschen, in Meilers Augen halbe Kinder, agierten als Repräsentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr für Vorgesetzte. Sie kannten keine überheizten Büros, keine grauhaarigen Sekretärinnen und keine Telefone, die über Kabel mit der Wand verbunden waren. Sie kannten keine Abteilungen und deren Abteilungsleiter, keine kurzen und lange Dienstwege und auch nicht den Geruch von frisch gesaugten Teppichböden, der die Arme schwer, den Rücken krumm und die Schritte langsam machte. Sie waren selbständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstporträts. Wenn sich Meiler die neue Generation vorstellte, sah er eine Armee von jungen Leuten mit ausgestrecktem rechten Arm, nicht zum Führergruß, sondern um das eigene Gesicht mit dem Smartphone aufzunehmen.

Zeh versteht es, die Dynamiken dieses Mikrokosmos zu erfassen und jeder der Charaktere des Romans hat Substanz und ist glaubhaft, ganz egal welchen Hintergrund oder welches Alter eine Person hat. In keinem ihrer Romane hat Zeh mich so sehr an Franzen erinnert wie in diesem, in der Dichte, Länge und auch im Anspruch habe ich mich häufiger an „Freedom“ erinnert gefühlt. Zeh läßt uns durch ein Kaleidoskop schauen, jedes Mal wenn man glaubt erkannt zu haben, was Sache ist, gibt es eine neue überraschene Wendung.

Im Grund geht es auch in „Unterleuten“ um Freiheit, persönliche und gesellschaftliche, wie wir sie ausleben und die daraus entstehenden Konsequenzen.

Mir hat „Unterleuten“ trotz oder wegen der dörflichen Provinz sehr gut gefallen. Gut geschrieben, spannend, humorvoll auch wenn keine der Figuren einem wirklich ans Herz wächst und sie eigentlich alle mehr oder weniger bemitleidenswert sind. Ich freue mich schon jetzt auf ihr nächstes Buch.

Gewinner gibt es keine in diesem Roman, so ist es wohl das Leben in der Provinz und Juli Zeh muss das wissen, die ist schießlich vor ein paar Jahren ins Havelland gezogen. 

Hier noch eine weitere Rezension zu „Unterleuten“ von Brasch & Buch, der auch ein Interview mit Erfolgsguru Manfred Gortz geführt hat 😉

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

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3 Kommentare zu “Unterleuten – Juli Zeh

  1. „knorrig“ als Attribut für die Dörfler finde ich sehr schön getroffen und dass du aus Meilers Perspektive das Linda-Frederik-Beschreibung- zitierst gefällt mir auch. Hat mich doch diese Stellte fast dazu verführt, diesen Paarkonflikt in meinem Blog zu mediieren. Dann habe ich mich doch für die Mediation der beiden Knorrigsten entschieden: http://literarische-mediation.de/mediation-roman-unterleuten-juli-zeh-2015/ eine Art Bonustrack zum Roman mit weniger blutigem Ausgang

  2. Pingback: 2016 – Das Jahr in Büchern | Binge Reading & More

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