Der Hund in der Literatur: The curious incident of the dog in the night-time

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May I introduce Bonnie’s favourite book: Mr Mark Haddon’s: „The curious incident of the dog in the night-time“ und Zeit wirds, denn Bonnie wird langsam wirklich ungeduldig und schiebt mir immer wieder vorwurfsvoll meine „Hund in der Literatur“ Titel vor die Nase. Recht hat sie und heute komm‘ ich endlich mal wieder auf den Hund.

Christopher ist 15 und hat ziemliche Schwierigkeiten, die Emotionen anderer Menschen zu deuten, er hasst die Farben Gelb und Braun, ist ein absolutes Mathe-Genie, kann es Ü-BER-HAUPT nicht leiden angefasst zu werden und, wenn er sich richtig aufregt, kann es passieren, dass er sein Gedächtnis verliert. Es wird nicht explizit erwähnt, aber vieles deutet bei Christopher auf das Asperger Syndrom hin.

“And when you look at the sky you know you are looking at stars which are hundreds and thousands of light-years away from you. And some of the stars don’t even exist anymore because their light has taken so long to get to us that they are already dead, or they have exploded and collapsed into red dwarfs. And that makes you seem very small, and if you have difficult things in you life it is nice to think that they are what is called negligible, which means they are so small you don’t have to take them into account when you are calculating something.”

Als in der Nachbarschaft ein Hund stirbt, folgt Christopher seinem Idol Sherlock Holmes und übernimmt die Ermittlungen, um den Fall aufzuklären. Dazu klopft er bei allen Nachbarn an die Tür und fragt sie ziemlich direkt, ob sie den Hund ermordet hätten oder ob sie etwas gesehen oder gehört haben. Nur will ihm niemand so recht etwas erzählen und seine Schwierigkeiten mit der Interpretation menschlicher Gefühle machen die Investigation nicht gerade einfacher.

Die Mathematik hingegen bietet ihm Sicherheit, sie ist logisch und klar, es gibt immer eine klare Antwort und es ist nicht so chaotisch wie das richtige Leben. Die Kapitel des Buches sind mit Primzahlen numeriert und auch der Erzählstil des Buches reflektiert die Art, wie Christopher denkt und das Leben interpretiert.

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“Prime numbers are what is left when you have taken all the patterns away. I think prime numbers are like life. They are very logical but you could never work out the rules, even if you spent all your time thinking about them.”

Es ist ein sehr spannender Einblick in den Alltag eines außergewöhnlichen Jungen. Wie detailliert er die Welt sieht, seine überbordernde Logik, seine Abneigung gegen Methaphern etc.

Er kann Witze zwar analysieren, aber trotzdem nicht verstehen, was daran lustig ist oder aus Höflichkeit nicht ganz die Wahrheit sagen, sind alles Dinge die ihm die Welt unsagbar schwer machen. Auch mit ein Grund, warum ihm Tiere lieber als Menschen sind.

„I like dogs. You always know what a dog is thinking – it has four moods. Happy, sad, cross and concentrating. Also, dogs are faithful and they do not tell lies because they cannot talk“

Christopher muss im Laufe der Geschichte einige seiner größten Ängste überwinden und deckt einige unerwartete Geheimnisse auf.

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Das Buch ist stellenweise wirklich witzig, der Humor entsteht häufig durch Christophers naive Fehlinterpretation bestimmter Situationen, seiner direkten Art, die ihn stets komplett unverblümt die Wahrheit sagen lässt.

„The curious incident“ ist ein YA-Buch, aber durchaus auch für Erwachsene spannend. Ich habe es vor einiger Zeit in London im Gielgud Theatre gesehen und war von der Aufführung damals sehr beeindruckt. Hätte nicht gedacht, dass das Buch als Theaterstück so gut funktioniert.

Ich kann Bonnie also nur beipflichten, die euch das Buch gern in euer Körbchen schieben würde, auch wenn ihr üblicherweise lebendige Hunde sehr viel lieber sind als ermordete.

Peggy von „Entdecke England“ hat den „curious incident“ ebenfalls rezensiert, ihren Beitrag findet ihr hier.

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Das rote Haus – Mark Haddon

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Wer Mark Haddons „Das Rote Haus“ aus großer Begeisterung für „The curious incident of the dog at night-time/Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“ in die Hand nimmt, der sei ein wenig gewarnt. Dieses Buch ist deutlich anders.

Mir kam Mark Haddon hier vor wie einer, der üblicherweise mit Kapuzenpulli und Chucks durch die Gegend läuft und der sich nun unbedingt erwachsen geben will und sich mit einem nicht recht sitzenden Smoking verkleidet. Momentan ist es ja – insbesondere wie mir scheint – bei männlichen „mittelalten“ Autoren recht en vogue im „stream of consciousness“ zu schreiben, oft gefühlt, als würden sie damit ihre Seriosität erhöhen wollen. Auch Haddon übt sich im „Roten Haus“ darin und lässt den Leser oft ratlos zwischen Gedankenströmen, Listen, Buchauszügen und fragmentierten Sätzen herumwandern.

Im zweiten Teil des Buches wird das erfreulicherweise etwas weniger und man kann den Geschichten der verschiedenen Familienmitgliedern wesentlich besser folgen.

Denn abgesehen von den abstrusen Fragmenten und Gedankenfetzen ist es ein wirklich gutes Buch mit komplexen und vielschichtigen Charakteren, die einem teilweise auch sehr ans Herz wachsen.  Die Story selbst ist schnell erzählt. Die Woche Ferien in Wales im roten Haus vereint das sich voneinander entfernte Geschwisterpaar Angela und Richard, die in den den letzten 15 Jahren kaum mehr als einen Nachmittag miteinander verbracht haben. Der Tod der Mutter ist der Anlass für diesen Ausflug beider Familien in ein altes, rotes Backsteinhaus.

Jedes Familienmitglied kommt mit einer Menge emotionalem Gepäck: Geheimnisse, Verletzungen, Missverständnise, Ängste. Wie Tolstoi eben „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“. Dabei geht es gar nicht so sehr um großes Unglück, mehr so das normale, alltägliche mehr oder wenig große Unglücklichsein.

Richard bringt seine neue Ehefrau und deren 15-jährige Tochter Melissa mit. Melissa gibt das frühreife Miststück, permanent am Flirten und mit recht scharfer Zunge ausgestattet.

Angelas Ehemann ist ein ziemlicher Schlaffi, als vielversprechender, aber niemals erfolgreicher Musiker empfindet er dem erfolgreichen Richard gegenüber Minderwertigkeitskomplexe, lebt nur noch neben Angela her und tröstet sich mit einer anhänglichen Geliebten über seinen grauen Alltag hinweg. Ihre Kinder, die Teenager Daisy und Alex, haben ihre eigenen Schwierigkeiten, sich in der Welt zurecht zu finden. Daisy ist in die Religiosität geflüchtet, um sich von ihrer etwaigen Homosexualität ablenken zu können, Alex wirft sich auf den Sport und versucht durch klare Regeln und Disziplin sein Leben in Ordnung zu halten. Benyi, der kleine 8-jährige Sohn von Angela und Dominic, ist wohl der Unbelastetste von allen.

Im Buch lauern stets und ständig Konflikte und Missverständnisse. Komische und ernste, kleine und große. Das größte trägt Angela mit sich herum und im Laufe dieser Woche bricht dieses endlich auf. Ich liebe Haddons Charaktere, die Empathie, die seine Figuren ausstrahlen (insbesondere meiner Meinung nach die der Jugendlichen).

Dadurch das es keinen zentralen Erzähler im Buch gibt, schwenken die Ansichten rapide hin und her zwischen den 4 Erwachsenen, den 3 Teenagern und dem kleinen Jungen. Ja, das ist ab und an etwas anstrengend, aber diese Mühe lohnt sich. Die sollte man sich unbedingt geben, dafür denke ich, kann man sich ab und zu erlauben, über die anstrengenden ollen Listen, Buchauszügen, Aufzählungen von Inhalten in irgendwelchen Geschäften etc. drüber weg zu lesen.

Es ist nicht allzu schwierig, den verschiedenen Stimmen zu folgen, wenn man ein wenig aufpasst, das Buch ist allerdings eine ziemliche emotionale Achterbahn.

Also meine Damen und Herren, nehmen sie Platz in Haddons Achterbahn, aber schnallen sie sich an für eine anstrengende, aber durchaus lohnende Fahrt.

„Du hasst Richard, weil er dreihundert Meilen entfernt in Edinburgh in seinem großzügigen, georgianischen Apartment am Moray Place umherschlendert, während du auf diesem abgenutzten olivgrünen Stuhl sitzt und Mum dabei zuhörst, wie sie durch den Käfig ihres gebrochenen Geistes tobt.“

„Man konnte darum bitten, in den Arm genommen zu werden, wenn man traurig war oder sich weggetan hatte, doch wenn es einfach so spontan passierte, fühlte man sich innen drin so warm.“

„Kämpfen oder die Flucht ergreifen, dieser treue Wachhund, der seit Millionen von Jahren nicht von unserer Seite weicht und uns vor jedem Anzeichen von Gefahr warnt. Doch wie konnte man vor einem Hirngespinst flüchten? Wie konnte man den Bildern in seinem Kopf entkommen? Wie hatte es Hecht noch in seinem Artikel für Nature ausgedrückt, wir hatten die Welt da draußen gezähmt, aber nicht die Waffen, die wir besaßen, um in ihr zu überleben.“

„Doch als er dies tat, sagte Richard, bloß, Wunderbar, ohne Anzeichen von Überraschung oder Erleichterung, sodass Dominic sich kurzzeitig fragte, ob es möglich war, die Zukunft schon dadurch zu beeinflussen, dass man sie mit großem Selbstbewußtsein vorhersagte.“