Die Ermordung des Commendatore I – Haruki Murakami

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Ein neuer Murakami erscheint und weltweit verfallen die Jünger in erwartungsfreudige Aufregung, können kaum noch essen oder schlafen, bis der Roman direkt nach Erscheinen verschlungen und verdaut ist.

Bei keinem anderen Autor hat das Lesen seiner Romane etwas derart kulthaftes. Dabei sind die Zutaten in seinen Romanen ziemlich vorhersehbar, man könnte sie eigentlich auf einer Checklist abhaken:

Protagonist – männlicher Mittdreißiger – check
Eine Frau die verschwindet oder sich trennt – check
Einfache Mahlzeiten, Musikstücke in Dauerschleife – check
etc. etc.

Manche erklären es mit dem Sound, dem Murakami-Flow, in den man beim Lesen gerät und das kann ich für mich absolut bestätigen. Ich bin ernsthaft davon überzeugt, Murakami könnte als blutdrucksenkendes Beruhigungsmittel verschrieben werden. Seine Protagonisten, selbst wenn sie gelegentlich ziemlich abgefahrene Dinge erleben, können eine Freiheit leben, die den meisten Menschen komplett unerreichbar erscheint.

Nichts scheint uns heutzutage so sehr zu fehlen, wie Zeit. Wir haben alles im Überfluß, unser Hirn kämpft ständig mit Überforderung, muss ständig aus zuviel Angebot auswählen und möchte doch am liebsten einfach seine Ruhe. Murakami zeigt uns in jedem Roman aufs Neue, wie einfach es sein, kann der FOMO-Blase zu entkommen. Einfach ein einfaches Leben leben. Verzicht auf Luxus, auf unnütze Dinge und sobald die eigenen Wünsche geringer sind als das zur Verfügung stehende Einkommen, hat man es geschafft.

Wir holen uns Marie Kondos Entrümpelungsratgeber und minimalisieren unser Leben als gäbe es kein Morgen, doch irgendwas fehlt noch zur endgültigen Freiheit der Murakamischen Protagonisten und das ist nicht der Brunnen, in dem man einfach mal für ein paar Tage verschwindet oder die Parallelwelt mit zwei Monden. Die für mich und wahrscheinlich die meisten seiner Fans vollkommen unerreichbare Freiheit liegt darin, wie selbstbestimmt sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Ob Maler, Mathematiklehrer, Bibliothekar oder gar komplett arbeitslos, irgendwie schaffen seine Mittdreißiger es immer, Berufe zu haben die ihnen erlauben, 1-2 Tage oder Abende in der Woche zu arbeiten, nie gestresst zu sein, keine Überstunden zu machen und auch wenn sie alle wenig konsumieren, sie schaffen es auch noch sich damit ein Dach überm Kopf zu finanzieren, was nicht das Einfachste ist, wenn ich mich an die Mieten in Tokyo erinnere, wo selbst Schuhschachteln horrende teuer waren.

Wie schaffen die das? Ich will das auch! Selbst wenn ich alle Kosten, die ich beeinflussen kann, so gering wie möglich halte, eine Wohnung zu finanzieren mit 1-2 Tagen Arbeit die Woche schafft man glaube ich nur im Murakami-Universum. Das ist also wahrscheinlich das Phantastischste überhaupt in seinen Romanen und gar nicht die Schafsmänner, kleinen Leute oder Mehrfach-Monde.

„Sie haben ein gutes Verständnis von der Welt, scheinen aber dennoch ein Typ zu sein, der mehr Zeit braucht als gewöhnliche Menschen“

Dieses leise ruhige Leben ohne Stress, Deadlines und vollen Terminkalendern wird es für mich wohl auch weiterhin nur in den Romanen von Haruki Murakami geben. Immerhin da. Ich würde ja schon zumindest eine Weile mit dem Maler auf dem Berg tauschen, mich durch eine Opern-Plattensammlung hören und ohne Internetanschluß auf der Terrasse sitzen und Weißwein trinken. Hach.

Ich bin überzeugt davon, in Murakamis Welt gibt es das bedingungslose Grundeinkommen schon. Das beziehen seine Protagonisten, davon zahlen sie die Miete und den Rest da brauchen sie ja wenig, so wird es sein. Wird Zeit, dass das kommt, dann haben wir endlich die Chance, alle Hauptdarsteller in unserem eigenen Murakami-Roman zu werden.

Die Ermordung des Commendatore hat mich, wie eigenlich jeder seiner Romane, komplett in seinen Bann gezogen. Der Puls ging runter in dem Moment, als der frisch getrennte Porträt-Maler auf seinen Road Trip geht, der ihn nach ein paar Wochen in das Haus des Vaters eines Freundes bringt, wo er die nächsten Monate damit verbringt, ein auf dem Dachboden gefundenes Bild des Vaters und Hauseigentümers, dem berühmten Maler Tomohiko Amada zu betrachten.

Nach einer Weile passieren natürlich wieder unheimliche Dinge, er lernt seinen Nachbarn Menshiki kennen, der von ihm porträtiert werden möchte und im Garten entdecken sie eine sehr seltsame unterirdische Kammer mit einem Glockenstab darin. Murakamis neuer Roman ist wunderbar gruselig, macht immer wieder einen Seiltanz zwischen Halluzination und Realität. Kann man dem Protagonisten eigentlich vertrauen?

Wer jemals in Japan war, ahnt wie seltsam anders die Figuren in Murakamis Büchern sind, in ihrer krassen Individualität, ihrer Abkehr vom üblichen sich-zu-Tode-arbeiten, jeglichem Konsumrausch und der großen Rolle, die westliche Literatur, Musik und Kultur bei ihnen spielen.

Schockiert hat mich, dass Herr Murakami seinen Dewars Whisky in den Kühlschrank stellt, bitte probieren Sie das nicht zu Hause aus. Whisky ist kein Erfrischungsgetränk.

Legen Sie Mozarts „Don Giovanni“ auf, schenken sie sich ein Glas nicht-gekühlten, schottischen Whisky ein, wer sich rebellisch fühlt, kann auch einen japanischen Hibiki oder Yamazaki wählen (sehr lecker!) und wer während der Lektüre irgendwann hungrig wird, bereite sich eine einfache Mahlzeit zu…

Ich kann Teil 2 des Commendatore kaum erwarten und bastel solange an einer Playlist, die ich dann beim Lesen hören kann.

 

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexmplar und habe die #MurakamiLesen Aktion auf Twitter im Übrigen sehr gemocht – bitte gerne mehr davon 🙂

 

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17 Kommentare zu “Die Ermordung des Commendatore I – Haruki Murakami

  1. Was für ein toller Text!! Ich habe ja noch nie einen Murakami gelesen – ja, ja, ich weiß, Asche auf mein Haupt – aber schon nach Letteraturas Besprechung dazu, war mir klar, ich muss. Jetzt alledings muss ich wohl gleich heute Mittag in die Buchhandlung – glücklicherweise in Laufnähe vorhanden – und mir das Ding ziehen. Dabei habe ich noch so vieles anderes auf der Liste … dennoch. Ich tus und das ist zum großen Teil Dein Verdienst. LG, Bri

  2. Pingback: Das Murakami-Projekt – Sören Heim – Lyrik und Prosa

  3. Hallo 🙂 Ich habe 1Q84 von Murakami zu Hause habe es aber noch nicht gelesen – man begegnet dem Autoren ja immer wieder und nach deinem Beitrag hier habe ich grosse Lust auf seine Bücher bekommen!
    Wünsche dir einen tollen Tag

  4. Ich versuche mich ja gerade an einem Werkquerschnitt (
    habe heute den Überblick online gestellt
    ). Für mich zerfallen die Murakamis relativ stark in coole, auch selbstironische, ordentliche geplottete Mysterien ohne Auflösung (Top-Titel: After Dark) und auch strukturell eher zerfahrene Innerlichkeit mit verdruckst-verschämter Fixierung auf Körperflüssigkeiten (Worst Case: 1Q84). Murakami ist für mich bis jetzt der Autor mit der größten qualitativen Distanz zwischen seinem besten und seinem schönsten Werk. Beim Commendantore habe ich ein wenig Sorge, dass es wieder in Richtung Selbstbespiegelung geht. Wobei die Pilgerjahre lesenswert UND innerlich waren…

    • Klingt spannend, werde deinen Werkquerschnitt gleich mal anschauen. Ich mochte 1Q84 sehr und kann mich gar nicht so sehr an problematische Körperflüssigkeiten erinnern. After Dark ist der einzige Roman von ihm, den ich noch nicht gelesen habe… aber bald. Liebe Grüße 🙂

      • Bin wie gesagt noch längst nicht durch alle durch. Von 1Q84 wird man mich nicht mehr überzeugen. All diese Wiederholungen & dann Sätze wie „„Er hatte feuchte Träume einige Male als Teen erlebt. Er hatte dann realistische sexuelle Träume gehabt, ejakulierte, und wachte auf. Die Ereignisse geschahen alle im Traum, doch der Samenerguss war real. Was er nun fühlte war alldem sehr ähnlich“, als müsste man dem Leser erst erklären was ein feuchter Traum ist. Bisher fand ich

        After Dark: Einer der besseren bis besten Romane die ich je gelesen habe.
        Wind: Recht cool für ein Debüt
        Dance Dance Dance: Wie After Dark, nur unkonzentrierter, weitschweifiger. Aber größtenteils gelungen.
        Kafka am Strand: Etwas zerfahren, aber spaßige Lektüre.
        Geliebte/Grenze: naja…

        Gespannt bin ich vor allem nun auf Hardboiled Wonderland.

  5. Eigentlich, so dachte ich beim Durchblättern der Frühjahresbücherkollektion, wird es eine ruhige Zeit werden, das eine oder andere neue Buch wird sich blicken lassen, aber es gibt auch viel Zeit, die noch nicht gelesenen Werke in den Blick zu nehmen, so doll lasen sich die Programme ja nicht. Und nun überstürzen sich schon wieder die Ereignisse: da liegen einem einmal die Blogger im Ohr, die unbedingt „Patria“ enmpfehlen, und nun gesellen sich mehr und mehr die Murakami-Leser hinzu. Ich sehe schon: Es wird kein ruhiges, entspanntes Frühjahr, es gibt keine Gelegenheit, die „alten“ Bücher endlich zu lesen, nein, es wird sogar schon wieder hektisch, weil sich die zarten Frühjahrspflänzchen drängeln (außer Murakamis Roman kommen viele auch äußerlich ganz frühlingshaft in zarten Farben und hellem, frisch sprießenden Grün daher). Und das alles, obwohl es kein bedingungsloses Grundeinkommen für die Leser gibt, auch keinen Job, der nur ein oder allerhöchstens zwei Tage in der Woche beansprucht. Wie soll man da nicht, ganz unmurakamihaftig, nicht in Lesestress geraten?
    Viele Grüße – und bei der nächsten überschwänglichen Besprechung halte ich mir einfach die Augen zu :-), Claudia

    • Liebe Claudia, ich freue immer, wenn ich Dir ganz unvernünftig noch das eine oder andere Buch in den wohlsortierten SUB schmuggeln kann und mit Murakami kümmere ich mich ja sozusagen auch noch um dein körperliches Wohlbefinden, mit Blick auf Blutdruck und so. Also ich habe gar kein schlechtes Gewissen und hoffe, Du hast beim Lesen dann mindestens soviel Spaß wie ich. Ganz herzliche Grüße, Sabine 🙂

  6. Pingback: Highlights der Woche – Verhoovens Tagläufe

  7. Ich muss Brigitte (Bri) vollkommen recht geben, ein herrlicher Text. Ich musste manches Mal schmunzeln, und wie du den Kult um Murakami beschreibst: wundervoll. Ich ziehe den Hut und denke, ich werde wohl auch mal wieder vorübergehend in den Fanclub eintreten, wenn ich das neue Buch in Kürze lese. Etwas entspannende, Blutdruck senkende Lektüre kann schließlich nie schaden. Viele Grüße

  8. Pingback: Zahnlose Wölfe gegen Homophobie & Blogschau für DieKolumnisten – Sören Heim – Lyrik und Prosa

  9. Was mir so schwer fällt – etwas zum neuen Murakami zu sagen – hast du hier einfach elegant und lässig aufgeschrieben. Ich hab das sehr gern gelesen und stimme in Allem bedingungslos zu. Es ist richtig, dass man in einen geruhsamen Modus verfällt beim Lesen und irgendwie sofort so leben möchte, wie Murakamis Helden. Und, ja es stimmt. Scotch Whysky trinkt man am besten bei Zimmertempereatur 😉

  10. Ich wollte schon gerade Einspruch erheben als ich den Beginn deines Artikels gelesen habe, dass ich die Lebensart der murakamischen Protagonisten für unmöglich halte 🙂 Aber das hast du mir dann abgenommen … die Ruhe und die Lebenseinstellung seiner Charaktere bewundere ich auch sehr.
    Mir hat das Buch ein bisschen zuviele Fragen offen gelassen bzw. ist selbst für Murakamis angenehme Geschwindigkeit nicht so recht zu Potte gekommen. Aber wer kann es ihm übel nehmen? (Außer Neueinsteiger?)

    Und das mit der Musik und dem Wein ist ein guter Punkt – meine Review ist noch nicht online, aber du wirst die eine oder andere Ähnlichkeit zu deiner feststellen. 😉 Ich bewundere sehr wie bspw. Janaceks Sinfonietta einfach mal 150% an Bekanntheit zunahm nachdem er in 1Q84 so oft davon schrieb XD

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