Schutzzone – Nora Bossong

Mira arbeitet im diplomatischen Korps der Vereinten Nationen. Aus der Ich-Perspektive werfen wir einen Blick in ihren Kopf, während sie durch ihre Erinnerungen an vergangenen Missionen reist. Von Genf nach Burundi, nach Den Haag, nach New York und in den Kongo. Es gibt keine klaren Handlungsstränge, sie beschreibt vielmehr die Komplexität und die Frustrationen, die die Arbeit im Schatten politischer Gräueltaten mit sich bringt.

Fragmentarisch arbeitet die Diplomatin Mira Weidner ihr Leben auf, von ihrer Kindheit bei einer befreundeten Diplomatenfamilie, ihrer Schwärmerei für den älteren Milan, in dem sie einerseits einen Bruder sieht, in den sie aber auch stets ein wenig verliebt war und ihre sich abkühlende Beziehung zu ihrem Freund.

Sie beschreibt das Leben der Expats in ihrer Blase an den Schwimmbecken ihrer Häuser in kriegsgebeutelten, afrikanischen Ländern und über die Distanz, die man entwickeln muss, wenn man mit dubiosen politischen Akteuren verhandeln muss, die vielleicht oder vielleicht auch nicht in Völkermorde verwickelt waren. Von ehemaligen Kindersoldaten bis hin zu Menschenrechtsexperten – fast alle, denen wir begegnen, haben eine zynische oder desillusionierte Haltung entwickelt. Es ist die Schutzzone, die sie brauchen, um zu überleben oder sich überhaupt engagieren zu können.

Und die Kosmopoliten? Das waren die wenigen, die sehr wenigen unter uns, die wussten, das eine Heimat nicht festgehalten werden konnte, so wie man eine kurze Verliebtheit nicht festhalten kann oder einen Gegenstand, der Bedeutung hat, denn entweder verschwindet der Gegenstand oder die Bedeutung, oder man selbst erinnert sich nicht mehr daran, und es gibt nur eine beschlagene Scheibe, durch die hindurch wir auf etwas Zurückliegendes blicken, und manche haben Glück und sehen etwas Wunderschönes, aber sie sehen es nur, sie erleben es nicht mehr.

Die langen Satzstrukturen, die von einigen kritisiert wurden, haben mich nicht wirklich gestört. Gerade die Sprache Bossongs hat mich gefesselt. Mir hat eine etwas stringentere Handlung gefehlt. Stellenweise las sich der Roman so aufregend wie ein UN Bericht der Hauptorgane an die Generalversammlung.

… mit einem Hang zum Pathos bewiesen, der sich schließlich in Oscar-Verleihungen, Inaugurationen und der unbedingten Herbeiorderung des Bösen immer wieder zeige, als wüssten die Amerikaner ohne ihre Feinde nicht, wer sie selbst waren, als wären auch sie keine auserwählte, überlegene Nation, sondern eben eine wie jede andere, wir alle, Mademoiselle Weidner, sagte er vertraulich und berührte beinah mein Handgelenk, ließ seine Hand dicht über meiner schweben, wir wissen ja nicht, wer wir sind, und unsere Freunde erklären uns das ungenauer als jene, die wir als unsere Freunde bezeichnen, darum hauen wir uns die Köpfe ein, weil den Gegner zu erkennen soviel leichter ist als uns selbst.

Gelegentlich wollte ich aufgeben, aber ich habe mich durchgebissen und wurde mit ein paar sehr klugen Gedanken und wunderschöner Sprache belohnt.

Nora Bossong hat einen melancholischen, fordernden, sprachlich wundervollen Roman geschrieben über die Illusion institutioneller humanitärer Hilfe und die Notwendigkeit, sich eine Schutzzone zu schaffen, um darüber nicht zu verzweifeln. Zurecht die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2019.

Ich danke meiner Freundin Barbara ganz herzlich für diesen Roman *nach Berlin winkt*.

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