Stefan Zweig – Die Welt von Gestern

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„Als meinen einzig sicheren Besitz empfinde ich das Gefühl der inneren Freiheit“

In den Zwanziger und Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts war Stefan Zweig einer der berühmtesten Autoren der Welt. Nachdem die Nazis ihn aus seiner Heimat Österreich vertrieben hatten, beginnt er im Exil seine Erinnerungen in dem Band „Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers“. Er macht das weniger, weil er glaubt selbst so wichtig zu sein, sondern weil er die aufregenden und teilweise überraschend liberalen Zeiten, die er durchlebt hat, nicht in Vergessenheit geraten lassen will.

Zweig beschreibt das Vorkriegs-Österreich als eine Welt, in der eigentlich nie etwas passierte, eine Welt der nahezu vollkommenen Sicherheit. Die jüdische Bourgoise, der er angehörte, war geradezu besessen von Kultur und schon als Jugendliche ist es üblich für Zweig und seine Freunde, sich die neuesten Gedichtbände aus Deutschland oder Frankreich zu besorgen. Man versteht nochmal deutlich besser Freuds Thesen, wenn man sich Zweigs Kapitel zur sexuellen Unterdrückung und Verlogenheit insbesondere in der österreichischen Oberschicht in der Zeit um die Jahrhundertwende durchliest. Da steckt tatsächlich der Mief von mehreren tausend Jahren tief in den bürgerlichen Frackschössen.

„Selbst in ihren schwärzesten Nächten vermochten die Eltern und Großeltern sich nicht auszuträumen, wie gefährlich der Mensch werden kann, aber ebensowenig auch, wieviel Kraft er hat, Gefahren zu überstehen und Prüfungen zu überwinden.“

„Wir haben das Wort „Sicherheit“ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen.“

Der erste Weltkrieg hat diese Welt nachhaltig durcheinander gewirbelt und die vollumfängliche Sicherheit ein für alle Mal beendet. Das Land ist zerbrochen und in unterschiedlichste Fragmente aufgesplittert, was nur wenige Jahre später in die zerstörererische Zeit des Nazi-Terrors führt. Gleichzeitig waren gerade die Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Hochzeit für deutsche und österreichische Schriftsteller. Zweig ist schon früh ein Reisender, der etwas von der Welt sieht, der mehrere Sprachen spricht und ganz selbstverständlich in unterschiedlichen Sprachen korrespondiert, auch gerade durch seine jüdischen Wurzeln bedingt. Wien ist lange die kulturell wichtigste Stadt der Welt und er trifft auf Joyce, Rilke, GB Shaw, HG Wells, Yeats und andere und zeigt uns eine Fülle an europäischer Kultur, die so jäh durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beendet wurde.

Zweig ist von dem universellen Jubel, der den Ausbruch des ersten Weltkriegs begleitete, schockiert und obwohl es ihn viel Sympathien kostet, bleibt er vehement ein erklärter Kriegsgegener. Zweig war ein Liberaler, ein Kulturliebhaber, der sich dem Kriegswahnsinn entzieht, in die Schweiz geht und dort beim Roten Kreuz arbeitet. 1919 kehrt er nach Wien zurück und wird nach einer Weile auch von seinen vorher wesentlich kriegsfreudigeren Freunden wieder integriert, die ihm seinen Pazifismus sehr übel genommen hatten. Leider dauert die Harmonie nicht lange an. Nach einer Reise Zweigs in den Zwanziger Jahren in die UdSSR und seinem negativen Bericht über die Zustände dort, wenden sich seine avantgardistischen Freunde wieder von ihm ab.

Er zieht sich daraufhin nach Salzburg zurück und schon bei Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 warnt er vor ihm und prophezeit dessen Einmarsch in Österreich und die damit verbundene Gefahr für die Juden. Kaum jemand glaubt ihm und deprimiert emigriert er kurz darauf nach Großbritannien. Auch dort fühlt er sich nicht wirklich wohl, macht der Regierung Vorwürfe für ihre laxe Haltung Hitler gegenüber und mahnt die mangelnde Unterstützung für die Juden an. Aus Angst, die Nazis könnten auch England überrennen, flieht er weiter nach New York, wo er mit der Schreiben an „Die Welt von Gestern“ beginnt.

„…die Wissenschaft…, dieser Engel des Fortschritts.“

Ich kann noch immer nicht glauben, dass es einem so weltberühmten Autor wie Zweig nicht gelingen wollte, ein Visum für die USA zu bekommen. Er sieht sich gezwungen nach Brasilien zu gehen, eines der wenigen Länder, das ihm ein Einreisevisum ausgestellt hatte. Zunehmend deprimierter und verzweifelter nimmt er sich im Jahr 1942, auf der Höhe der Macht der Nazis, in Rio mit seiner Ehefrau das Leben.

„Am Tage, da ich meinen Pass verlor, entdeckte ich mit achtundfünfzig Jahren, dass man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde.“

Ich halte Zweig für einen der schärfsten und klarsten Denker des 20. Jahrhunderts. Dieses Buch ist für mich eines der Wichtigsten, das gerade in Zeiten von Brexit und dem Erstarken von nationalistischen Partein in vielen europäischen Ländern aktueller ist denn je. Ich glaube, dass Zweig mehr unter der Boshaftigkeit Einzelner als an der Dummheit Vieler gelitten hat. Wenn ich ein Buch nennen müsste, von dem ich mir wünschte, dass es jeder lesen soll, es wäre wohl dieses.

„Jeder Schatten ist im letzen doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaftig gelebt.“

„Wir haben die Spannung von Pol zu Pol und den Schauer des ewig Neuen bis in jede Faser unseres Lebens gefühlt… Jeder einzelne darum von uns weiß heute tausendmal mehr von den Wirklichkeiten als die Weisesten unserer Ahnen. Aber nichts war uns geschenkt; wir haben voll und gültig den Preis dafür gezahlt.“

Wie wichtig ein geeintes Europa ist und wie sehr wir uns davor hüten sollten, es als Selbstverständlichkeit anzusehen, zeigen diese „Erinnerungen eines Europäers“. Ich konnte gar nicht glauben, dass Zweig vor dem 1. Weltkrieg problemlos ohne Pass sogar in die USA reisen konnte. Heute leider wieder viel unvorstellbarer als noch vor einiger Zeit.

Im Literaturhaus in München war vor einer Weile eine großartige Zweig-Ausstellung, über die ihr hier noch ein wenig mehr erfahren könnt.

Daher bin ich heute mal ganz missionarisch: Bitte lest dieses Buch, es ist nicht nur wirklich spannend und ersetzt jede Lehrstunde in europäischer Geschichte, es ist auch noch ganz wunderbar geschrieben.

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Wien – By the Book

Ostern in Wien war das Geburtstagsgeschenk für die wunderbare Schwiegermama, mit der wir die literarische und vor allen Dingen auch kulinarische ex-K&K Hauptstadt unsicher machten.

Wien war und ist für mich neben Paris die Fin-de-Siècle Metropole und was Proust in Paris ist, ist Zweig in Wien für mich. Da sträuben sich den Experten sicherlich die Haare, aber für mich kam kein anderer Autor als Zweig in Frage, der mich nach Wien begleiten sollte.

Ein Besuch im 1. Bezirk und das dazugehörige Trambahnfahren mit der Linie 1 gehören natürlich zum Pflichtprogramm. Ständig hatte ich das Gefühl, Sisi und Franz Joseph kommen gleich um die Ecke.

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Das Wetter war etwas durchwachsen, aber man wäre nicht in Wien, würde man nicht auch einen großen Teil der Zeit Torte essend und Zeitung lesend im Cafe verbringen. Die Auswahl an deutschsprachigen und internationalen Zeitungen z.B. im Cafe Landtmann hat mich schwer beeindruckt und ich wäre wohl noch ewig sitzen geblieben, hätten mich die Ladies nicht irgendwann weggezerrt, um weitere Sehenswürdigkeiten zu bewundern.

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Die kulinarischen Highlights unseres Ausflugs könnt ihr im Übrigen hier nachlesen, ich mache Euch jetzt noch etwas Lust auf Stefan Zweig.

Er wurde 1881 in eine großbürgerliche jüdische Kaufmannsfamilie hinein geboren und begann schon während seiner Studienzeit Gedichte zu veröffentlichen. Seit frühester Jugend war er überzeugter Europäer und Pazifist und es gibt wirklich keine bessere Begleitlektüre für Wien als seine „Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers“. Über dieses Buch möchte ich separat noch ausführlicher berichten und freue mich, dafür eine spannende Kooperation einzugehen, doch dazu bald mehr.

Ausführlicher möchte ich euch von meinem zweiten Zweig berichten, dem wunderschönen „Buchmendel / Die unsicherbare Sammlung“, das schon in einigen Blogs besprochen wurde und das eigentlich in keinem ordentlichen Bücherhaushalt fehlen darf.

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„Die Unsichtbare Sammlung“ handelt von einem blinden Sammler seltener Drucke, der nicht realisiert, das seine kostbaren Dürers, Rembrandts etc. von seiner durch die Inflation verarmten Familie längst verkauft worden und durch leere Blätter ersetzt wurden.

Goethe sagte einmal, Sammler seien glückliche Menschen und diese Geschichte scheint ihm Recht zu geben.

„Die neuen Reichen haben plötzlich ihr Herz entdeckt für gotische Madonnen und Inkunabeln und alte Stiche und Bilder; man kann ihnen gar nicht genug herzaubern, ja wehren muß man sich sogar, daß einem nicht Haus und Stube kahl ausgeräumt wird. Am liebsten kauften sie einem noch den Manschettenknopf vom Ärmel weg und die Lampe vom Schreibtisch. Da wird es nun eine immer härtere Not, stets neue Waren herbeizuschaffen – verzeihen Sie, daß ich für diese Dinge, die unsereinem sonst etwas Ehrfürchtiges bedeuteten, plötzlich Ware sage –, aber diese üble Rasse hat einen ja selbst daran gewöhnt, einen wunderbaren Venezianer Wiegendruck nur als Überzug von soundsoviel Dollars zu betrachten und eine Handzeichnung des Guercino als Inkarnation von ein paar Hundertfrankenscheinen. Gegen die penetrante Eindringlichkeit dieser plötzlich Kaufwütigen hilft kein Widerstand.

Die zweite Novelle ist das berührende Schicksal des Buchmendel, eines alten Buchhändlers, der einem lebenden Universalkatalog der Weltliteratur glich, komplett in seinem Gebiet aufgehend.

Zweig erzählt voller Empathie, Tiefgründigkeit und Verständnis für diese exzentrischen Büchermenschen, die höchst lebendig aus dem Buch zu klettern scheinen, was natürlich durch die wunderbaren Illustrationen noch verstärkt wird. Ich liebe Zweigs angenehmen, leicht altmodischen Erzählstil, der den Plot ein klein wenig in den Hintergrund treten lässt, was aber dazu führt, dass man die Charaktere umfassender entdeckt.

„Wie ein Astronom einsam auf seiner Sternwarte durch den winzigen Rundspalt des Teleskops allnächtlich die Myriaden Sterne betrachtet, ihre geheimnisvollen Gänge, ihr wandelndes Durcheinander, ihr Verlöschen und Sichwiederentzünden, so blickte Jakob Mendel durch seine Brille von diesem viereckigen Tisch in das andere Universum der Bücher, das gleichfalls ewig kreisende über unserer Welt.“

Unbedingt erwähnen muss man aber die phantastischen Illustrationen in diesem Band, die den Geschichten von Joachim Brandenberg und Florian L Arnold auf den Leib geschneidert wurden. Die Bilder sind wunderschön mit einer berauschenden hypnotisierenden Kraft, die es schaffen, dem Ganzen eine mystisch, unaussprechlich sinnliche Atmosphäre zu geben.

Leute, kauft dieses Buch – es ist das perfekte Geschenk, egal zu welcher Jahreszeit. Ihr werdet Menschen damit glücklich machen, ich bin ganz sicher 🙂

Bilder: topalian-milani.de

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.

Beim nächsten Wien Besuch steht auf jeden Fall ein Theaterbesuch sowie ein Abstecher auf den Zentralfriedhof auf dem Programm. Wir hatten eine entzückende Wohnung in Währing angemietet gleich ums Eck vom Kutschkermarkt, dem Slow-Food-Mekka und nur zehn Minuten mit der Tram vom Zentrum entfernt. Eine Ecke von Wien, die sich auf jeden Fall auch zu entdecken lohnt.

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Servus Wien – es war wie immer wunderschön. Bis bald!