#WomeninSciFi (44) Zerrissene Erde – N.K. Jemisin

Ein großartiger Nebeneffekt der #WomeninSciFi Reihe ist, dass ich darüber immer wieder spannende Blogs entdecke, die ebenfalls ein Herz für gute Science Fiction haben. Ein solcher ist der Blog „Phantastisch Lesen“, der sich, wieder Name schon sagt, insbesondere mit phantastischer Literatur beschäftigt, aber auch mit Science Fiction, Steampunk etc. Dort ist eine Menge zu entdecken, unter anderem auch noch einiges an Science Fiction von Autorinnen, die wir hier bei #WomeninSciFi noch nicht vorgestellt haben.

Eva stellt uns heute die Hugo-Gewinnerin 2016, 2017 und 2018 für ihre Reihe „Broken Earth“ vor:

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Klappentext:

Inmitten einer sterbenden Welt hat die verzweifelte Essun nur ein Ziel: ihre Tochter aus den Händen eines Mörders zu befreien, den sie nur zu gut kennt.
Seit sich im Herzen des Landes Sansia ein gewaltiger Riss voll brodelnder Lava aufgetan hat, dessen Asche den Himmel verdüstert, scheinen immer mehr Menschen dem Wahnsinn zu verfallen. So lässt der Herrscher seine eigenen Bürger ermorden. Doch nicht Soldaten haben Essuns kleinen Sohn erschlagen und ihre Tochter entführt – sondern ihr eigener Ehemann! Essun folgt den beiden durch ein Land, das zur Todesfalle geworden ist. Und der Krieg ums nackte Überleben steht erst noch bevor.

 Eine politische Aussage, wundervolle Schreibe und spannende Geschichte

 „Du bist sie. Sie ist du. Du bist Essun.“ [S. 25]

Du verlässt die Stadt Tirimo, die Dir und Deinen Kindern Heimat sein sollte. Als Frau mit übernatürlichen Kräften (Orogene) hast Du das große Beben um die Stadt herum gelenkt und Dich damit der Gefahr der Offenbarung ausgesetzt. Denn Orogenie ist verboten, jene, die sie praktizieren, werden verfolgt. Doch das ist nicht der Grund, warum Du Tirimo verlässt. Du suchst nach Deiner Tochter Nassun, die Dein Ehemann Jija entführt hat. Nachdem er Deinen Sohn Uche ermordete, weil du deine Kräfte an die Kinder vererbt hast. Auf dem Weg durch das zerstörte Land triffst Du Hoa und Tonkee. Mit ihnen holt Dich Deine Vergangenheit ein.

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„Normale Menschen können sich nicht um Kinder kümmern, die … so wie sie sind.“ [S. 43]

Der Wächter bringt Damaya nach Yumenes in das Fulcrum, einer Schule, die Orogene ausbildet. Die anfängliche Freundlichkeit der Wächter wandelt sich in Grausamkeit, wenn es darum geht, die Kontrolle über die Kräfte zu lehren. Orogene und Wächter stehen im Dienst des herrschenden Sansi-Verbunds. Den Orogenen werden gemäß ihrer Fähigkeiten Aufgaben zugeteilt, sie kontrollieren den Kontinent.

„Was für eine Scheiße, denkt Syenit hinter ihrem Schutzschild aus freundlichem Lächeln. [S.73]

Syenit ist eine vierfach beringte Orogene des Fulcrum. Mit dem zehnberingten Alabaster soll sie ein Kind zeugen und die Hafenstadt Allia von Korallen befreien. Die Erledigung dieses Auftrags zieht weitreichende Konsequenzen nach sich. Für Synenit, für Alabaster und für den gesamten Kontinent mit dem unpassenden Namen Stille.

Die Schönheit der multiperspektivischen Erzählung

N.K Jemisin wagt in „Zerrissene Erde“ das multiperspektivische Erzählen und setzt es gekonnt um. Die Autorin zwingt dem Leser durch den Gebrauch des Erzählers in der zweiten Person die Identifikation mit der Protagonistin Essun auf. Was den Einstieg in die Geschichte nicht erleichtert, denn Essun ist zunächst keine Sympathin. Auf ihrer Flucht tötet sie Menschen, die sich ihr in den Weg stellen. Was Essun in ihrem Leben widerfahren ist, der Grund für ihre ungezügelte Wut, wird erst nach und nach klar. Zudem ist die Art der Magie, die die Protagonisten ausüben, fremdartig und unerklärlich. Es empfiehlt sich, zunächst die Anhänge I und II am Ende des Romans zu lesen, in denen die Fünftzeiten (also die langandauernden Winterperioden auf dem Kontinent Stille) und verschiedene Begriff erklärt werden

Damaya erzählt aus ihrem Leben am Fulcrum als personaler Erzähler. Ihre Geschichte hat jedoch nur wenig mit denen andere Magierschüler in der Fantasy-Literatur gemein. Es fehlt jegliche Kameradschaft unter den Schülern, ihr Leben dort ist ein einsames Martyrium.

Syenit und Alabasters Geschichte bildet die umfangreichste und zugleich ergreifendste Handlung des Romans. Syenit erzählt ebenfalls aus ihrer Perspektive in der dritten Person. Die beiden werden nie Geliebte, trotz oder auch wegen des erzwungenen Geschlechtsverkehrs, aber fürsorgliche Freunde. Aus der konfliktreichen Zweckgemeinschaft erwächst eine innige Verbindung, geprägt von Respekt, Toleranz und einer konsequent freiheitlichen Gesinnung. Der in Orogenie erfahrenere Alabaster nimmt zunächst die Funktion eines Mentors ein, jedoch erweist sich die neugierige Syenit aufgrund ihrer Lebensklugheit als ebenbürtig. Ihre intelligenten Gespräche erklären auch dem Leser die Welt von Stille. Das Kapitel, in dem sie einen Ort der Freiheit und eine Zeit des Glücks finden, vermittelt Wohlfühlatmosphäre in einer sonst durchgängig düsteren und gefährlichen Welt.

Eine andersartige Welt mit eigener Sprache

Für die Gesellschaft und Landschaft des Kontinents Stille führt N.K Jemisin viele fremdartige Begriffe und Wortschöpfungen ein. Dass diese sich dennoch leicht zuordnen lassen, liegt zum einen am gut sortierten Glossar, zum anderen an der kraftvollen und prägnanten Sprache der Autorin. N.K Jemisin beschreibt und benennt jede Situation unmissverständlich, mitunter verwendet sie eine harte Sprache und Schimpfwörter. Sie versteht sich jedoch auch auf eine poetisch- sensible oder erotische Sprache. Die Extremsituationen, in denen sich die drei Protagonistinnen befinden, erzeugen Wut und Schmerz, allerdings auch seltene und intensive Glücksmomente. N.K Jemisin findet die richtigen Worte und die treffende Tonlage, um jeden Moment dieser außergewöhnlichen Geschichte einzufangen.

Vergleiche zu großen AutorInnen sollte jeder Rezensent sparsam und sorgsam überlegt verwenden. Doch mit N.K. Jemisin und „Zerrissene Erde“ habe ich tatsächlich eine Autorin und einen Roman gefunden, der auf den Pfaden von Ursula K. Le Guins Werk wandelt. Sowohl der facettenreiche Sprachstil, als auch die überlegenen und dennoch scheiternden Helden, sowie die tiefsinnige Botschaft hinter der Geschichte erinnern mich sehr an die jüngst verstorbene, großartige Phantastik-Schriftstellerin. N.K Nemisins Apokalypse ist mehr, als düstere Endzeit-Fantasy. Es ist eine Parabel über die Arroganz des Menschen. Menschen die glauben, dass durch Fortschritt verursachte Probleme durch weiteren Fortschritt zu beheben sind.

 Das Ende ist fast schon gemein

 Deshalb werde ich nichts weiter darüber schreiben. Ich könnte Euch raten, mit dem Lesen der Trilogie zu warten, bis alle Bände ins Deutsche übersetzt vorliegen. Oder die englischsprachigen Originale: „The Fifth Season“, „The Obelisk Gate“, „The Stone Sky“ zu lesen. Doch dann gibt es vielleicht keinen weiteren Band, weil sich „Zerrissene Erde“ zu schlecht verkauft. So lest denn diesen verstörenden und wunderbaren Roman und leidet mit mir, bis der Nachfolgeband beim Knaur Verlag erscheint.

Zerrissene Erde –  N.K. Jemisin (Übersetzung Susanne Gerold)
Knaur Verlag
Taschenbuch
ET: 1. August 2018
ISBN: 978-3426521786
496 Seiten
Preis: 14,99€ [D]

Auf Englisch erschien der Roman unter dem Titel „The Fifth Season“ im Orbit Verlag.

 

 

 

 

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#WomeninSciFi (43) Wandernde Himmel – Hao Jingfang

Ich freue mich schon jetzt auf unseren nächsten Besuch im hohen Norden, so dass ich endlich einen Abstecher in die Buchhandlung „Almut Schmidt – Der Leuchturm im Büchermeer“ von „Leseschatz„-Blogger Hauke Harder machen kann.

Vielen lieben Dank an Hauke, dass er uns mit der Hugo-Award Gewinnerin Hao Jingfang  auf den nächsten Trip in die Zukunft mitnimmt.

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„Wandernde Himmel“ erzählt von zwei Welten und ist durch die Fremdartigkeit eine überspitzte Gegenwart. Ein ruhiger Science-Fiction-Roman, der sich des Genres und der Zukunft bedient, um die jetzige Zeit mit den technologischen Entwicklungen, den politischen Ränkespielen und dem Kapitalismus aus chinesischer Sicht zu kritisieren.

Der Roman zeigt eine Gesellschaft, die durch den abgenutzten Slogan „Die da Oben und die da Unten“ nicht nur als bildliches Konzept vorgestellt wird. 2096 haben die Menschen eine Kolonie auf dem Mars gegründet, um weiteren Lebensraum zu erschließen. Anfänglich gab es zwischen der Erde und dem Mars eine Handelsbeziehung. Doch dann tauchten auf der Strecke zwischen Mars und Erde Kriegsschiffe auf. Es begann der marsianische Unabhängigkeitskrieg. Die Marsianer wollten unabhängig sein und verdammten den Raubtierkapitalismus der Erde. Die Erden-Bewohner hielten dahingegen den Staat des roten Planeten für eine Diktatur.

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Hundert Jahre hat diese Fehde gedauert und es beginnt nun zaghaft eine Verständigung zwischen den Menschen auf den beiden Planeten. Die Handlung fängt mit dem Flug des althergebrachten Raumschiffs Maerde an. Ein Schiff, das mit seiner kleinen Besatzung die Route Mars und Erde aufrechterhält und dessen Name sich aus den Namen der beiden Planten zusammensetzt. Die Maerde ist auf dem Heimflug zum Mars und hat Besucher einer Marsmesse, Erdenmenschen, die den Mars erstmalig aufsuchen, und eine Schülergruppe als Passagiere. Diese Gruppe von Jugendlichen, die sich Merkur nennt, wurde zur Verständigung zwischen den Völkern auf die Erde als eine Art Schüleraustausch gesendet. Unter ihnen ist Luoying, die nun als fast Erwachsene auf ihren Heimatplaneten zurückkehrt. Sie ist eine begabte Tänzerin und die Zeit auf der Erde setzte ihr durch die dortige Schwerkraft sehr zu. Sie beginnt, ihre Rolle in diesem Austausch rückblickend in Frage zu stellen. Während des Heimflugs unterhalten sich die Teilnehmer über die damaligen Testaufgaben. Luoying erinnert sich an ihre sehr mauen Testergebnisse und wundert sich, dass sie dennoch für diesen Austausch ausgewählt wurde. Hat ihr Großvater, der oberste politische Machtinhaber des Planeten, etwas mit ihrer Auswahl zu tun? Nun nach fünf Jahren kehrt sie heim und fährt zu ihrem Bruder Rudy. Sie beginnt, die Rolle ihres Großvaters immer mehr in Frage zu stellen. Durch eine Verletzung ist ihre Karriere als Tänzerin beendet. Was soll sie nun machen? Welchen Beruf kann und will sie ausüben? Sie beginnt durch diesen neuen Lebensabschnitt, immer mehr die Systeme miteinander zu vergleichen. Auf der Erde erlebte sie den täglichen Kampf ums Überleben und hier auf dem Mars wird alles reglementiert. Kunst wird gefördert, steht dann zum Wohle aller zur Verfügung. Auch ist die Architektur auf dem Mars sehr gläsern. Aber ist alles wirklich so durchsichtig? Ihre Eltern sind vor langer Zeit verstorben, d.h. umgekommen. War die Mutter von Luoying auch dem System gegenüber kritisch eingestellt? Sie möchte endlich Klarheiten haben, über ihren Lebensweg, die Macht, die ihr Großvater ausübt und den Tod ihrer Eltern. Sie muss sich entscheiden, ob sie das Leben auf dem Mars weiterhin gut heißen kann. Sie als Weltenwanderin hat eine andere Art des Lebens kennenlernen können, das nicht ganz so starr ist. Hat aber die Sehnsucht nach Freiheit tödliche Konsequenzen?

Eine alternde Welt, die sich eine neue aufgebaut hat, welche nun von alternden Machtinhabern kontrolliert wird. Auf dem Mars wird soziale und wirtschaftliche Sicherheit versprochen. Auf der Erde herrscht der Kapitalismus. Doch beide Systeme haben ihre Kehrseiten. Das Leben sucht meist den unvorhersehbaren Weg und wünscht sich individuelle Freiheit. Dies ist nach den Werken von Cixin Liu der nächste chinesische Science-Fiction-Clou. Die Autorin, Hao Jingfang, gewann als erste Chinesin 2016 den Hugo Award.

#WomeninSciFi (42) The Dead & The Gone – Susan Beth Pfeffer

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Ich wollte ja eigentlich die Finger lassen von diesen Apokalypse Thrillern, nicht dass ich mich auch noch mal in einen durchgeknallten Survivalist verwandele. Romane, in denen eine Naturkatastrophe die Menschheit an den Rand des Aussterbens bringt und man sieht, wie schnell zusammenbrechende Infrastrukturen, Epidemien und Hungersnöte den dünnen Faden, an denen die menschliche Menschlichkeit hängt, reißen lassen. Ruckzuck verwandeln wir uns in instinktgesteuerte Tiere zurück und nicht jeder kann sich ein Gewissen erlauben.

Dann sah ich aber das Cover und coole Mond-Cover lösen immer heftigen Kauf-Impuls bei mir auf. Das hier ist Jugendliteratur, also eigentlich perfekt für den Strand oder so, aber dieses Jahr gab es keinen Strandurlaub, dann darf es auch mal ein verregnetes Wochenende sein.

Ein Meteorid kickt den Mond aus seiner Umlaufbahn und ein ganzes Stück näher an die Erde heran. Das löst weltweite Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüche aus, die das Sonnenlicht blockieren und den Sommer in einen arktischen Winter verwandeln.

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Das Leben auf der Erde wie wir es kennen hört von einem Tag auf den anderen auf und die Menschen müssen schnell lernen, sich auf ihre Überlebensinstinkte zu berufen und in einer archaischen Welt zurecht zu kommen.

Die Geschichte dreht sich um den 17jährigen Alex Morales in New York, der sich nach dem Tod der Mutter um seine Schwestern Briana und Julie kümmert und versucht, sie alle am Leben zu halten. Um an Essen zu kommen sind sie gezwungen, auch Tote auszurauben und müssen immer wieder schwere Entscheidungen treffen, mit wem sie ihre Vorräte teilen, wem sie helfen können und wem nicht und insbesondere Alex kommt dadurch in schwere Gewissenskonflikte.

Susan Beth Pfeffer schreibt seit über 35 Jahren Science Fiction Romane insbesondere für Jugendliche. Der Film „Meteor“ aus dem Jahr 1979 inspirierte sie zu der „Moon Crash“ Serie, einer Reihe von Romanen, die unabhängig voneinander gelesen werden können. Die Serie ist auch gleichzeitig ihre erfolgreichste und erreichte die New York Times Bestselling Liste. In der Reihe beleuchtet sie den apokalyptischen Meteoriten-Einschlag aus unterschiedlichen Blickwinkeln und an unterschiedlichen Orten der Welt.

Spannende, leichte Unterhaltung die allerdings durchaus zum Nachdenken anregt. Ich bin nicht sicher, wie ich in einer solchen Situation reagieren würde und man überlegt tatsächlich, ob man nicht einen kleinen Notfallvorrat in der Wohnung anlegen sollte, für etwaige Apokalypsen.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Die Verlorenen von New York“ im Carlsen Verlag.

#WomeninSciFi (41) Das Buch von der Stadt der Frauen – Christine de Pizan

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Ich freue mich sehr, dass diese Reihe jetzt auch mit der Rezension einer waschechten wunderbaren Kunsthistorikerin aufwarten kann. Meine Freundin Moni entführt uns mit ihrer Besprechung aber nicht in die – dem Genre mehr entsprechenden Zeithorizont Zukunft sondern ins späte Mittelalter. Lehnen Sie sich zurück, machen Sie es sich bequem, wenn es jetzt in die vermutliche früheste Ära der Science Fiction Literatur geht:

Wie passt nun eine mittelalterliche Handschrift aus Frankreich in Sabines Reihe „Women in SciFi“?

Wenn die Utopie als Teilbereich von Science Fiction gilt, dann kann und muss man diese Schrift von Christine de Pizan dazu zählen. In einer Utopie verhält sich die Vorstellung dessen, was sein sollte, negativ zu dem, was ist.

 

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Christine de Pizan entwirft eine wünschenswerte zukünftige Gesellschaftsform, die von der Gleichberechtigung der Geschlechter geprägt ist. Sie schreibt: „Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer.“

Wir gehen zurück ins Jahr 1405. ‚Das Buch von der Stadt der Frauen‘ erscheint in Paris. Geschrieben hat es Christine de Pizan. Sie wurde 1365 in Venedig geboren und wuchs in Paris auf. Mehr zu ihrer außergewöhnlichen Biographie findet sich im FrauenMediaTurm.

Da wir uns in der Zeit vor dem Buchdruck befinden, handelt es sich um eine Handschrift. Text und Bild wurden von Hand angefertigt. Insgesamt haben sich 25 Exemplare dieses Buches – allesamt französischsprachig – erhalten.

Die Handschrift mit der Signatur BNF ms. Fr. 607, die in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird, entstand zu Christine des Pizans Lebzeiten und hat die Maße 345 mm x 255 mm. Das Material ist Pergament; der Einband ist aus gelbem, weichem Ziegenleder gefertigt. Dieses Exemplar ist die Grundlage für die Übersetzungen ins moderne Französisch, ins Englische, Niederländische, Italienische und Deutsche.

 

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v

 

Der Text ist regelmäßig in zwei Kolumnen geschrieben; jede zählt zwischen 40 und 42 Zeilen. Auf insgesamt 79 folia ist ausschließlich der Text der Cité des Dames geschrieben (das ist bei Handschriften nicht immer so, Platz war knapp, Pergament wertvoll). Es gibt drei Abbildungen: fol. 2, fol.31v und fol. 67v sind jeweils mit Miniaturen ausgestattet.

Die Dreizahl ist kennzeichnend für den Aufbau des Buches, das ein allegorisch-didaktischer Traktat ist. Die drei unterschiedlich langen Kapitel der Schrift entsprechen den drei Bauabschnitten, in denen die Stadt der Frauen gebaut wird. Zuerst werden die Fundamente ausgehoben, dann die Häuser und Paläste gebaut, vollendet durch die Dächer, Stadttore und die Schlüsselübergabe. Ausgehende von der These, dass Männer und Frauen in intellektueller und moralischer Hinsicht vollkommen gleichwertig sind und deshalb auch so behandelt werden müssen, konstruiert Christine de Pizan eine Stadt, in der die tugendhaften Frauen sich auf ewig aufhalten können und dort Schutz vor den misogynen Angriffen ihrer Zeitgenossen finden. Bärbel Zühlke, die über das Buch von der Stadt der Frauen geforscht hat, schreibt dazu: „Der Prozess des Erbauens einer Stadt wird mit der intellektuell-physischen Tätigkeit des Schreibens eines Buches identifiziert.“ (in: Bärbel Zühlke: Christine de Pizan in Text und Bild. Zur Selbstdarstellung einer frühhumanistischen Intellektuellen, Stuttgart/Weimar 1994 (Ergebnisse der Frauenforschung; 36) S. 100).

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v, Detail

 

Wird heute noch darüber gesprochen?

Leider viel zu wenig. In den jüngsten Spiegel-Artikel über Frauen, die „man heute kennen muss“, hat Christine de Pizan es leider nicht geschafft.

Auch die deutschsprachige Ausgabe des ‚Buches von der Stadt der Frauen‘ ist momentan nur antiquarisch zu haben.

Das Thema an sich ist erfreulicherweise für die koreanische Künstlerin Lee Bul aktuell: „Mich interessiert, wie sich Menschen in der Vergangenheit ihre utopische Zukunft vorstellten.“

Eine umfassende Werkschau, kuratiert von Stephanie Rosenthal, über utopische Sehnsüchte.

Lee Bul: Crash – 29. September 2018 bis 13. Januar 2019 – Gropius Bau in Berlin.

#WomeninSciFi (40) Find Me – Laura van den Berg

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„Find Me“ ist eine eine ziemlich surreale außergewöhnliche Dystopie. Ein aggressiver Virus bricht in den USA aus, der bei den Infizierten in kürzester Zeit zu komplettem Gedächtnisverlust, silbernem Ausschlag auf der Haut, rapidem Verlust jeglicher motorischer und kognitiver Funktionen und nach etwa 10 Tagen schließlich zum Tod führt.

Joy scheint als eine der Wenigen immun gegen den Virus zu sein und sie nimmt in einem Krankenhaus in Kansas an einer medizinischen Studie teil, die das Ziel hat ein Gegengift zu entwickeln. Sie wartet an diesem Ort gemeinsam mit anderen Patienten isoliert von der Außenwelt auf das Ende der Epidemie.

Joy wurde als Baby von ihrer Mutter im Stich gelassen und sie wächst in einer ganzen Reihe unterschiedlicher Kinderheime und Pflegefamilien auf. In einem dieser Familien trifft sie auf Marcus, einen Jungen den sie liebt, der immer eine Maske trägt um sein vernarbtes Gesicht zu verstecken. Der Roman ist keine typische Dystopie mehr eine Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Identität die für Joy vor und während der Epdemie gleichbedeutend wichtig sind.

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“Is there any greater mystery than the separateness of each person?”

Auch nachdem sie das Krankenhaus irgendwann verlässt um sich auf die Suche nach ihrer biologischen Mutter zu machen, hat sie stets das Gefühl das ein Teil von ihr immer eingesperrt sein wird.

„Find Me“ ist ein Roman den man in kleinen Portionen genießen sollte. Eine Geschichte voller Geheimnisse und Dunkelheit. Das Buch fühlte sich für mich fast wie zwei unterschiedliche Romane an. Eine dunkle Dystopie die in dem bizarren abgeschiedenen Krankenhaus spielt und die Geschichte eines Road Trips durch ein seltsames zerbrochenes Land.

“Hope is a seductive thing,“ he says. „Hope can make people lose all sense.”

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WomeninSciFi (39) Speak – Louisa Hall

 

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Verrückt eigentlich, dass die „Gefahr“, die von den „Maschinen“ ausgeht, viel weniger darin liegt, dass diese sich irgendwann wie in Terminator z.B. gegen uns erheben, sondern vielmehr, dass wir einfach partout die Finger nicht mehr von ihnen lassen können. Sie sind nicht so sehr eine Gefahr unserer motorischen Fähigkeiten, da Roboter uns alles mögliche abnehmen, sondern sie haben sich tief in unser Nervensystem eingegraben. Wir wollen nicht mehr ohne. Wir haben uns so daran gewöhnt permanent „online“ zu sein, stets und ständig unsere Meinungen und Ansichten zu äußern, Bilder zu posten, Informationen abzurufen, uns zu messen und zu optimieren.

“And what if they took over? What if they relieved us of power? We tend to assume that sentient machines would be inevitably demonic. But what if they were responsible leaders? Could they do much worse than we’ve done? They would immediately institute a system of laws. The constitution would be algorithmic. They would govern the world according to functions and the axioms their programmers gave them.”

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Louise Hall hat in ihrem intelligenten fesselnden Roman tief in unser Innerstes gesehen und sich mit unseren Süchten und Sehnsüchten auseinandergesetzt. Wir befinden uns im Jahr 2040, die Menschheit ist in Rehab und versucht, einem ernsten Fall von weltweiter Roboter-Abhängigkeit Herr zu werden. Der Roman beginnt damit, dass die Babybots, die puppengleichen Roboter,  die für diese Sucht-Seuche verantwortlich waren, den Kindern abgenommen wurden. Die Babybots werden in riesigen Warenlagern abgeladen, die Algorithmen zucken noch ein wenig, bis die Batterien alle sind und sie in Vergessenheit geraten.

Fünf unterschiedliche Stimmen werden von Hall elegant miteinander verwoben und beschäftigen sich mit der philosophischen Frage was ist Erinnerung? Was macht eine Person tatsächlich aus?  Wo verlaufen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ?

“Our primary function is speech: questions, and responses selected from memory according to a formula. We speak, but there is little evidence of real comprehension.”

Die Charaktere sind über Raum und Zeit miteinander verbunden, da gibt es Ausschnitte aus dem Tagebuch eines englischen Mädchens aus dem 16. Jahrhundert, die auf dem Weg nach Amerika ist. Briefe von Alan Turing an die Mutter seiner ersten großen Liebe, die Briefe eines Artificial-Intelligence-Programmierers namens Carl Dettman und seiner Frau, Auszüge einer Biografie eines Mannes namens Stephen Chinn der im Gefängnis sitzt und Auszüge der Unterhaltungen eines jungen Mädchens mit ihrem Babybot.

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Eine dystopische Atmosphäre durchzieht den Roman, die Menschheit kämpft mit sich immer weiter ausbreitenden Wüsten, steigendem Meeresspiegel und nicht näher erklärten Reisebeschränkungen. Der Roman beschäftigt sich intensiv mit Artificial Intelligence, einem Thema, um das man aktuell kaum herumkommt. Alan Turing vertrat die Ansicht, dass man einen Computer intelligent nennen könne, wenn ein Fragesteller nicht unterscheiden könne, ob die Antworten von einem Menschen oder einer Maschine gegeben werden. Die Protagonisten der Geschichte versuchen AI zu nutzen, um Erinnerungen zu bewahren an geliebte Menschen (oder Tiere), die sie verloren haben. Lange wurde in der Philosophie über den Unterschied von Mensch und Tier diskutiert, eine ähnliche Diskussion die wir führen werden, wenn es um den Unterschied zwischen Mensch und Maschine geht. Wenn Erinnerungen Teil des Bewusstseins ausmachen, sind Menschen mit Gedächtnisverlust dann einer Maschine gleicher als ein Computer mit nahezu unbegrenztem Erinnerungsvermögen.

“Speak” ist eine bewegende Geschichte mit spannenden Protagonisten und Fragestellungen, die mich noch lange beschäftigt haben und beschäftigen werden. Besonders zu empfehlen für Fans von David Mitchells „Cloud Atlas“ oder Margaret Atwoods „Madaddams“ Trilogie.

So verwachsen ich selbst auch hin- und wieder mit meinen technologischen Gadgets bin, kommt so ein süßes Hündchen um die Ecke und will spielen, dann haben die Maschinen zum Glück auch weiterhin keine Chance.

„Are you there?“

„Can you here me?“

Hier noch ein interessantes Interview mit der Autorin auf NPR.

WomeninSciFi (38) Rooster’s Garden – Oliva A. Cole

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Ich freue mich sehr über eine weitere Wiederholungstäterin 🙂 Marion von Schiefgelesen läßt uns an den weiteren Abenteuern von Tasha Locket teilnehmen, die sie uns schon im ersten Teil „Panther in the Hive“ ans Herz gelegt hat. Ich verrate nur soviel, es geht mindestens so spannend weiter, wie im ersten Teil:

In The Rooster’s Garden setzt Tasha Locket, die wir aus Panther in the Hive schon kennen, ihre Flucht aus der zerstörten Stadt Chicago fort. Noch immer erzittern die USA unter einer Zombie-Apokalypse, ausgelöst durch einen Chip, der seine Träger in hirnlose Mutanten verwandelt. Zwar ist es Tasha und ihren FreundInnen gelungen aus Chicago zu fliehen, doch das angeblich sichere Kalifornien ist noch in weiter Ferne. Und ob es wirklich sicher ist, kann auch niemand sagen.

Zu allem Überfluss hat es nun auch die Chip-Gesellschaft Cybranu auf Tasha abgesehen und sieht in ihr eine Terroristin. Dank eines ausgesetzten Kopfgelds jagen nun nicht nur Mutanten nach ihr, sondern auch die wenigen Überlebenden der Katastrophe. Hilfe scheint die kleine Gruppe in einer Aussteiger-Community zu finden, die ebenfalls gegen Cybranu kämpft. Aber stimmt das? In Zeiten der Katastrophe kann man noch weniger Menschen trauen als zuvor.

The Rooster’s Garden überzeugt ebenso wie der erste Teil der Trilogie. Cole zieht ihre Idee der Apokalypse konsequent durch. Anders als in vielen anderen Geschichten dieses Genres sind nicht die Underdogs die ersten Opfer, sondern es sind die Reichen und Mächtigen, die dem Chip zum Opfer fallen. Besonders LeserInnen, die Wert auf diversity legen, werden Gefallen am Personal des Romans finden. Es gibt kaum Weiße, die die Apokalypse überstanden haben und wer von ihnen noch lebt, ist unsympathisch (und lebt auch nicht mehr lange). Die Unterdrückten, die jetzt erst recht um ihr Überleben kämpfen müssen, sind die ewigen Anstrengungen schon gewohnt. Die Navajos, die Tasha auf ihrer Reise trifft, erklären schulterzuckend es sei ja nun nicht das erste mal das man versuche, sie auszurotten. Ebenso ergeht es vielen Schwarzen. Dass die Polizei unbarmherzig Jagd auf sie macht, kann sie kaum erschüttern, nur der Mutanten-Chip ist jetzt neu.

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Die Geschichte spielt etwa 70 Jahre in der Zukunft doch vieles von dem, was Cole sich ausdenkt, scheint erschreckend nahe an der Realität zu sein. Das Leben in den USA wird gesteuert von zwei, drei großen Organisationen, die alles über die Bevölkerung wissen. Personalisierte Werbung ist nicht nur überall verfügbar, sondern beobachtet die Umworbenen auch, zeichnet Reaktionen und Bewegungsmuster auf. Der mächtige Chip, den sich viele Menschen implantieren lassen, hat großen gesundheitlichen Nutzen, macht aber auch von einem Unternehmen abhängig und birgt unkalkulierbare Gefahren. Kritisch hinterfragt wird das nur von wenigen, zu verlockend ist das Versprechen ewiger Schönheit und Gesundheit. Sogar der Anbau von Gemüse steht unter Strafe. Die Menschen sollen in jedem Punkt abhängig sein von den Konzernen, jede Anstrengung, sich davon zu befreien, wird kritisch beäugt und sanktioniert. Die „Glasses“, Tablet-ähnliche Geräte, die beinahe alle immer bei sich führen, dienen den Konzernen dabei als willkommene Überwachungshilfen. Ein großer Teil der Bevölkerung stört sich daran nicht. Solange des dem eigenen Komfort dient, werden persönliche Daten bereitwillig geteilt.

Der Roman ist eine spannende Zombie-Geschichte, die in den Grenzen des Genres bleibt, aber einige sehr coole Besonderheiten hat, vor allem was das bereits erwähnte Personal angeht. Der Roman ist voller Gesellschaftskritik, die aber nicht mit erhobenem Zeigefinger daher kommt und Waffen, Blut und Knochenbrüche gibt es auch noch genug. Wie viele Romane mit actiongeladenen Plots hat auch dieser hier ein paar Wendungen und Elemente, bei denen der glückliche Zufall dann doch ein bisschen konstruiert scheint, aber vielleicht sollte man bei einem Zombie-Apokalypse-Roman auch nicht „realitätsgetreu und glaubwürdig“ als Bewertungskriterium zugrunde legen. In jedem Fall ist der Roman extrem spannend, stilsicher geschrieben und hat eine Protagonistin, mit der man gerne noch mindestens ein weiteres Abenteuer erleben würde.

Olivia A. Cole: The Rooster’s Garden. Teil II der Tasha-Trilogy. Fletchero Publishing 2016. ca. € 18,-. ISBN 978-0991615544.